Hund aus dem Tierschutz nehmen? Warum eigentlich?

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Warum eigentlich keinen Hund aus dem Tierschutz nehmen?
Die Frage muss man eher umgekehrt stellen: Warum einen Hund aus dem Tierschutz nehmen? Ein Erlebnisbericht der besonderen Art, der alles bisher Erlebte in Sachen Tierschutz-Adoption toppt. Doch lesen und staunen Sie selbst …

Immer wieder wurde ich in den vergangenen Jahren gefragt, warum ich meine Hunde beim Züchter kaufe und nicht aus dem Tierschutz nehme. ­
Ich wusste nie eine rechte Antwort darauf. Warum eigentlich kein Hund aus dem Tierschutz? Natürlich gibt es objektive Gründe, die dafür und auch dagegen sprechen. Jetzt, nachdem mein langjähriger vierbeiniger Begleiter Bruno gestorben ist, bin ich wieder in der Situation, mich mit dieser Frage zu beschäftigen. Man muss nicht nach einem Hund suchen, um täglich in den sozialen Netzwerken über zahlreiche „suchende Hunde“ zu stolpern. Ich war also alles andere als auf der Suche, weil ich nach dem Tod meines Hundes eine Auszeit wollte, bis wieder ein neuer einziehen darf.

Oft kommt es anders als man denkt
Da sitze ich wieder einmal vor dem Computer und mir blickt ein Hund entgegen, der – zumindest optisch – sofort mein Herz erobert. Er wird über den Verein „Listenhunde Nothilfe e.V.“ vermittelt. Beim Facebook-Posting steht ein Link für Interessenten. Ich klicke darauf und finde mich in einem Online-Fragebogen mit rund 60 (sechzig!) Pflichtfeldern wieder. Darunter auch sehr persönliche Fragen, wie ich finde. Z.B. „Beruf des Partners“, „Wie lange besteht Ihre Partnerschaft oder Ehe?“ oder „Wer war bei den verstorbenen Hunden der behandelnde Tierarzt?“ Muss ich meine Lebensgeschichte einem anonymen Online-Fragebogen anvertrauen, um eines Hundes würdig zu sein? Nein, denke ich und schreibe einfach ein Mail an den genannten Verein, in dem ich mich vorstelle, meine Wohn- und Lebenssituation schildere und Fotos von meinem verstorbenen Bruno mitschicke, um zu demonstrieren, wie gut es Bubba – so der Name des Zuhause-suchenden Hundes – bei mir gehen würde.

Bürokratie vor Lebensplatz?
Ich merke schnell, dass es nicht gut ankommt, dass ich diesen Online-Fragebogen nicht ausfüllen will. „Bürokratie first“ würde man zu Trump-Zeiten heute sagen. Ich bekomme keine Reaktion auf meine Mailanfrage. Vielleicht auch deshalb, weil ich in dem Mail den geforderten Kastrations-Zwang kritisiere und ablehne. Denn bei der Beschreibung von Bubba steht auch „Kastrationsauflage“ dabei. ­
Nun, ich bin ein klarer Gegner davon, dass jeder Tierschutzhund, der nicht bis Drei auf dem Baum ist, kastriert wird. Prophylaktisch aus „Tierschutzgründen“. Dabei ist diese „vorsätzliche Körper­­verletzung“ auch rechtlich nicht unumstritten. Die geforderte Verpflichtung des Vereins, meinen künftigen Hund so unsinnig verstümmeln zu lassen, akzeptiere ich also nicht. Anmerkung: Mein verstorbener Hund musste aus medizinischen Gründen im Alter von sieben Jahren kastriert werden. Das ist natürlich ein anderes Thema als die Kastrationswut vieler Tierschützer.

Nach dieser Erfahrung am eigenen Leib fallen mir die Gründe jetzt wieder ein, warum ich meine Hunde beim Züchter kaufe und nicht aus dem Tierschutz nehme. Weil ich mir nicht von Vereinen vorschreiben lasse, ob ich meinen (künftigen) Hund kastrieren lasse. Weil ich nicht in einem Online-Formular meine Lebensgeschichte offenbare. Und letztendlich habe ich auch ein Problem damit, dass Tierschutzhunde in der Regel im Eigentum der Vereine bleiben und ich nur das Halterecht habe. Ich verstehe natürlich die Problematik dahinter, war ich doch selber viele Jahre im Vorstand eines Tierheimes. Bei schlechten Haltungsbedingungen will der Verein Zugriff auf den Hund haben, und das ist grundsätzlich auch gut so.

Mit Aussagen wie „DU willst ja was vom Tierheim“ bin ich auf Facebook konfrontiert. Ich sehe es so: Das Tierheim will etwas von mir, ansonsten wären die Tierheime ja leer und man müsste sich voranmelden, um einen Hund zu bekommen. Ja, das wäre schön, entspricht aber nicht der Realität. Von der 1. Vorsitzenden des Vereins wird mir via Facebook sogar ein „Deine E-Mail ist gelöscht und hol dir einen vom Züchter. Da bist du besser aufgehoben. … wir vermitteln nicht ins Ausland, denn wir nehmen unseren „Job“ sehr ernst.“ mitgeteilt. Auf meinen Vorschlag, dass ich 700 km fahren würde, ich Bubba kennen lernen möchte und der Verein mich dabei kennen lernen kann, bekomme ich als Antwort von der Vereinsvorsitzenden: „Gerald Pötz, wir möchten dich gar nicht kennen lernen.“ Daraus schließe ich, dass man sehr schnell als Adoptions-Interessent ausscheidet, wenn man sich nicht als Bittsteller, sich mit seiner Lebensgeschichte prostituierend einen kastrierten Hund nehmend, anbiedert.

Ok, ich muss damit leben, dass Bubba, ­​​in dessen Foto ich mich verliebt hatte, mich nie kennen lernen wird, er nicht 24 Stunden am Tag an meiner Seite sein wird. Auch auf meiner Couch und in meinem Bett wird er nicht liegen und mich auf meinen vielen Reisen begleiten kann er auch nicht. Denn genau das biete ich meinem Hund. In so einem Tierheim bzw. einer Pflegestelle ist es ja auch ganz nett, oder? Stimmt, vergessen – ICH will doch was vom Tierschutzverein. ­Schließlich haben die genügend gute Plätze für ihre Hunde. Deshalb verharren sie ja auch nicht Jahre lang hinter Gittern oder auf Pflegestellen (Ironie off).

Sind Tierschützer Tierschützer …?
Ich habe ein freies Sofa, bin Hundefreund und ein mündiger Bürger. Ich bin kein Bittsteller, der bei einem Tierschutz­­verein um die Adoption eines Hundes ­ansuchen wird. Auch ich habe ­Anforderungen an den Tierschutzverein, nicht nur umgekehrt. Mit dieser ­Sichtweise stehe ich bestimmt nicht ­alleine da. ­Solange das die Verant­­wortlichen nicht einsehen, werden ­weiterhin Hunderte, nein, Tausende Hunde ihr halbes Leben hinter Gittern ­fristen.

Ist es mangelnde Professionalität oder einfach selbstherrliche Überheblichkeit? Da brüsten sich Tierschützer dann noch damit, dass sie ja schließlich auch einen Hauptberuf haben und man das alles ­unentgeltlich in der Freizeit mache. Eben. Scheinbar nicht gut genug, denn sonst würde Bubba jetzt in der Sekunde neben meinem Schreibtisch in seinem Kuschelkörbchen liegen, das er nun nie kennen lernen wird …

Ich möchte aber nicht in Abrede stellen, dass es auch seriös agierende Tierschutz­vereine gibt. Allen voran sind das aber meist eher jene, die ein eigenes Tierheim betreiben. Ehrenamtlich betriebene ­Vermittlungs-Plattformen, die mit ­Pflege­­plätzen arbeiten, bringen oft ­haar­­­­sträubende Geschichten ans Tageslicht. Meine Frage „Warum ­­(k)einen Hund aus dem Tierschutz nehmen?“ ist jedenfalls beantwortet. Leid tun mir nur die Hunde, die sich in der Obhut solcher „Tierschützer“ befinden.

Pdf zu diesem Artikel: hund_aus_dem_tierschutz

 

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