Hunde erziehen: Ein Ende des Scheiterns?

0
2407

Warum scheitern immer wieder Versuche, Hunde zu erziehen? Hundetrainer und Buchautor Sascha Bartz hat drei wesentliche Ursachen analysiert, die er in diesem Artikel, der wahrscheinlich durchaus zu einer Diskussion herausfordert, vorstellt und begründet.

Seit vielen Jahren toure ich durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, um sogenannte verhaltensauffällige Hunde zu erziehen. Bemerkenswert dabei ist, dass beinahe alle HundehalterInnen, die mich kontaktieren und um Hilfe bitten, zuvor bereits mindestens einen erfolglosen Versuch hinter sich haben. Die meisten berichten sogar von mehreren.
Bei all diesen Fällen handelt es sich nicht um solche, die der Ausbildung des Hundes dienen, wie das Befolgen und Beherrschen von Sitz, Platz &. Co. sondern ausschließlich um gescheiterte Versuche der Erziehung. Will meinen, das »Befreien« des Hundes von seinem unerwünschten Sozialverhalten mit der Zielstellung seiner intra-, inter- und umweltspezifischen Sozialisierung. Es beginnt bei den sogenannten Leinenrambos und reicht über alle Arten von aggressivem Verhalten bis hin zu jenen Hunden, die sich bereits im Fokus der Amtstierärzte befinden, weil ihnen Übergriffe auf ihresgleichen oder sogar auf Menschen angelastet werden.


Da sich diese Vorfälle häuften, sah ich mich motiviert, einmal die Ursachen zu analysieren und nicht nur die Ergebnisse in einem Buch zu beschreiben, sondern auch eine Erziehungsmethode, mithilfe derer im Grunde genommen jeder Hund – sofern dem kein pathologisch begründeter Sachverhalt entgegensteht – nachhaltig sozialisiert werden kann.

Drei Gründe des Scheiterns
Zusammengefasst kann ich es auf drei wesentliche Gründe reduzieren, warum Erziehungsversuche scheitern:

Zum Einen ist es der Anthropomorphismus (das Vermenschlichen des Hundes, seiner Psyche und seiner Bedürfnisse), dem offensichtlich nicht nur Laien erliegen. Zum Anderen ist es die Wahl ungeeigneter Methoden aufgrund des nicht konsequenten Differenzierens zwischen Ausbildung und Erziehung. Und als dritte Ursache habe ich in einigen Fällen eine mangelnde Compliance (Therapietreue) der Hundehalter identifizieren können.

Bezüglich der mangelnden Compliance war es ein Neuro- und Kognitionswissenschaftler, der mir seinerzeit eine schlüssige Erklärung gab, warum möglicherweise so manch eine Hundeerziehung an den nicht veränderbaren Gewohnheiten der Hundehalter scheitert. Die mangelnde Compliance kann insofern in ihrer Rolle unterschätzt werden, da beinahe alle sogenannten Verhaltensauffälligkeiten des Hundes tatsächlich im falschen Verhalten des Menschen dem Hund gegenüber begründet sind und nicht etwa im Wesen des Hundes. Und wenn es dem Hundetrainer dann nicht gelingen sollte, den Menschen zu einem veränderten Verhalten zu motivieren, sind seine Erziehungsversuche zum Scheitern verurteilt.

Die Macht der Gewohnheit lässt scheitern
Der Unternehmensberater Dr. Reinhard Springer sagte einmal: »Die Macht der Gewohnheit ist der härteste Klebstoff der Welt.« Schuld daran sind die sogenannten Basalganglien, eine kleine Gruppe von Neuronenhaufen, die unterhalb der Großhirnrinde liegen. Die Neurowissenschaften gehen heute davon aus, dass sie eine Art Handlungsgedächtnis sind, das alle Bewegungsmuster speichert, die sich einmal als erfolgreich bewährt haben. Der Nutzen resultiert aus dem Einsparen kostbarer kognitiver Kapazitäten, indem das Gehirn von Banalitäten entlastet wird. Mit anderen Worten: Wenn die Basalganglien erst einmal etwas als Routine und damit als Gewohnheit gespeichert haben, kann das Gehirn seine Aufmerksamkeit stattdessen wichtigeren Dingen widmen. Und ein anderer Effekt ist das mit den Gewohnheiten einhergehende angenehme Gefühl der Sicherheit, welches sie vermitteln. Wir fühlen uns quasi wohl, wenn alles seinen gewohnten Gang geht. Damit entsteht aber auch das »Problem«, nämlich das der viel zitierten Macht der Gewohnheit. Diese wird jedem bewusst, wenn er einmal schlechte Routinen, falsche oder nicht guttuende Rituale ablegen und durch neue ersetzen wollte.

Gewohnheiten lotsen uns zwar durchs Labyrinth des Lebens und schützen uns vor Überforderung durch Details. Aber diese Form der Energieeinsparung ist auch der Grund, warum wir uns so schwer tun mit dem Verändern. »Gewohnheiten sind kleine Süchte«, sagt Professor Wolfram Schultz, Neurowissenschaftler an der University of Cambridge. Das Gehirn trickse sich quasi selbst aus, indem es erfolgreiches Handeln zur Routine werden lasse und dann jedes Mal, wenn die Routine angewendet werde, wiederum zusätzlich belohne, indem es Botenstoffe ausschütte, die das angenehme Gefühl generieren – wie bei einem Junkie. Ohne dass wir es merken, grenzen uns Gewohnheiten ein. Sie führen sogar dazu, dass wir neue Informationen gar nicht mehr wahrnehmen, selbst dann nicht, wenn die neue Information vernünftig klingt und die Lösung eines Problems verspricht.

Folglich passiert es, dass Hundehalter zwar die »Therapie« des Hundetrainers vorgeben verstanden zu haben und sich sogar eine gewisse Zeit an die Vereinbarungen halten, irgendwann, und ohne es zu wollen, aber wieder in ihre alten und gewohnten Verhaltensmuster zurückfallen und damit die »Therapie« zunichtemachen. Da in den meisten Fällen die Erziehung des Hundes einhergeht mit einer notwendigen Verhaltensänderung des Menschen dem Hund gegenüber, scheitern dann diese Versuche, weil der Hund seinerseits ebenso in sein altes Verhaltensmuster verfällt.

Anthropomorphismus als Konfliktursache
Vom Anthropomorphisieren spricht man in der Human-Psychologie, wenn menschliche Eigenschaften auf andere Wesen, Tiere, Götter oder sogar leblose Gegenstände übertragen werden. Er ist charakteristisch für das vorwiegend naiv-anschauliche Erleben sowie das noch wenig ausgebildete Abstraktionsvermögen von Kindern. Deshalb findet man ihn insbesondere in der Kinderliteratur und den Märchen. Nach einer Position der Erkenntnistheorie, dem Radikalen Konstruktivismus, hat der Mensch sogar gar keine andere Möglichkeit, die Welt zu erkennen, als sie zu anthropomorphisieren. Denn er ist nur in der Lage, etwas in Bezug auf sich selbst zu erkennen.

Im hiesigen Kontext bedeutet das, dass nicht nur menschliche Eigenschaften, sondern ebenso eigene Bedürfnisse auf den Hund projiziert werden, die er aber gar nicht hat. Beispielsweise jenes nach sozialen Kontakten, so wie der Mensch sie liebt. Aber den evolutionsbiologischen Vorteil, den der Mensch daraus zog, immer wieder zu anderen Kontakt aufzunehmen, gibt es für den Hund nicht. Seine Erfolgsstory resultiert vielmehr aus der Nutzung einer ökologischen Nische, sich dem Menschen anzuschließen, und das möglichst nur einem einzigen. Denn dieser ist in der Lage, seine Grundbedürfnisse zu befriedigen. Er lebt am liebsten in einer monogamen Beziehung, woraus sich auch seine Entfremdung von einem Rudeltier ergibt. Er ist kein klassisches Rudeltier mehr. Hunde benötigen deshalb zu ihrer Sozialisierung auch keine anderen Hunde, wenn man akzeptiert, dass Sozialisieren nichts mit einem aneinander Gewöhnen zu tun hat.

Andere Hunde sind nur Rivalen
Andere Hunde sind für Hunde grundsätzlich Konkurrenten, Rivalen oder gar Bedrohungen. Deshalb gibt es auch nur zwei Gründe, warum ein Hund selbstständig zu einem anderen Hund Kontakt aufnimmt. Entweder zum Zweck der Weitergabe seiner Gene oder der Klärung, worin die ­Absichten des anderen bestehen.

Insofern sind beispielsweise sogenannte Rudeltherapien, bei denen aggressive Hunde zum Zwecke ihrer Sozialisierung in eine Meute fremder Hunde geschickt werden, um sie vermeintlich anschließend »therapiert« wieder zu verlassen, nicht nur nicht hilfreich, sondern sogar absurd. Denn die Aggression wird sogar manifestiert, da sie sich begründet in seinem Beschützerinstinkt für seine Bezugsperson, von der er jetzt vermeintlich sogar demonstrativ den Auftrag erhält, sich selbst und sie zu verteidigen. Zumindest stellt sich die ­Situation für den Hund so dar. Jeglicher scheinbare Erfolg solcher Maßnahmen, der sich durchaus einstellen kann, begründet sich aber lediglich in der situativen Dominanz innerhalb dieser konkreten Meute und des sich daraus ergebenden Meideverhaltens unseres Protagonisten und bezieht sich ausschließlich auf diese. Außerhalb existiert diese Beziehung aber nicht mehr.

Aber es gibt noch eine Reihe weiterer Fehleinschätzungen, die aus dem Anthropomorphisieren resultieren, und die zur Wahl falscher Mittel, wie beispielsweise die Schleppleine, führen. Sie alle haben ihre Ursache im Fehlinterpretieren hundlicher Bedürfnisse, gemessen an eigenen menschlichen Maßstäben.

Häufigste Ursache des Scheiterns
Aber die häufigste Ursache für das Scheitern, Hunde von ihren unerwünschten Verhaltensweisen zu befreien, erklärt sich aus der Wahl ungeeigneter Methoden. Denn die falsche Wahl resultiert aus der oftmals nicht klaren Differenzierung zwischen beiden. Dadurch kommt es zur Wahl von Methoden, die sich in der Ausbildung zwar bestens bewährt haben, aber in der Erziehung bzw. Sozialisierung zum Scheitern verurteilt sind.

Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka hat die Erziehung einmal als Prozess der Veränderung im Dispositionsgefüge von Educanden (des zu Erziehenden) formuliert. Auf den Hund bezogen hieße dies, Einfluss zu nehmen auf seine Veranlagungen, Instinkte und Bedürfnisse, und damit auf seine intrinsische Motivation. So dass er sich im Ergebnis dessen aus ureigenem Interesse so verhält, wie er sich verhalten soll.

Da fast alle sogenannten Verhaltensauffälligkeiten in der Bedürfnisbefriedigung nach Sicherheit und in dem damit bei vielen Hunderassen korrelierenden Beschützerinstinkt begründet sind, muss demzufolge seine Erziehung, wenn sie im Erfolgsfall auf seiner intrinsischen Motivation basieren soll, darauf abzielen, ihm den Grund für dieses Verhalten zu nehmen. Und das hieße, ihn von der Verantwortung zu entbinden und ihm zu demonstrieren, dass statt seiner die Bezugsperson diese übernimmt.

Die Konsequenz lautet aber, dass alle Methoden der extrinsischen Motivation, zu denen die sogenannten operanten Konditionierungen zählen und in der Ausbildung oder Dressur sogar bestens bewährt, für die Erziehung jedoch untauglich sind.

Fachleute wie Erziehungswissenschaftler sagen dazu: Konditionierung führe nicht zur Einsicht. Dass diese irgendwann auch zu einer gewünschten scheinbaren sozialen Verhaltensänderung führen kann, ist völlig unstrittig, weil der extrinsische Reiz in seiner Wirkung zumindest temporär durchaus stärker sein kann als der intrinsische. Beispielsweise ist das Bedürfnis nach Futtermaximierung in der Hierarchie höher als das nach Sicherheit.

Deshalb hat es manchmal den Anschein, dass durch den extrinsischen Reiz der Belohnung mittels Futter eine soziale Verhaltensänderung bewirkt werden könne. Aber das entscheidende Element, die intrinsische Motivation, die ihre Nachhaltigkeit gewährleistet, fehlt hier in der Regel. Denn durch eine Belohnung beseitigt man keinen Verhaltensgrund. Woraus sich dann die Gefahr des Rückfalls in alte Verhaltensmuster ergibt, sobald die Wirkung des extrinsischen Motivators nachlässt.

Pdf zu diesem Artikel: hundeerziehen_bartz

 

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT