Hunde und Pferde als Zeugen von Natur, Kultur und Adel

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Die Neue Pinakothek in München stellte kürzlich zum ersten Mal auf dem Kontinent das Werk des englischen Tiermalers George Stubbs (1724 – 1806) vor. Dr. Stutzer hat für WUFF diese Ausstellung besucht.

In der religiösen Kunst – und das war bis zum späten Mittelalter fast die gesamte Kunst – ­gehörten Tiere, besonders Esel, Schafe und Rinder, zum starren Inventar der Bildsprache der Heilsgeschichte, in der sie stets eine Statistenrolle hatten. Dann kam die Kunst der Renaissance und deren Maler. Sie erkannten die Natur als den Ort und die Tiere – auch die Blumen – als Zeugen der großen Magien des Lebens und machten sie als Hieroglyphe der Schöpfung lesbar. Dabei hat es die Malerei der Renaissance dem Menschen ­möglich gemacht, ein neues Bild seiner selbst zu finden. Die Kunst ist ­entstanden, weil der spätmittelalterliche Mensch mit seiner leidenschaftlichen Anklammerung an das Leben, seine Schönheiten und seine nie ausgesungene Klage über alles, was man lassen ­müsse – die Jagd, die Pferde, die Hunde, den Weinberg, das Schloss und die Äcker – dem Tode und dem Ver­gehen widerstehen und weil er sich ein Reich schaffen wollte, in dem er der Schöpfer ist und über Zeit und Raum gebietet. In diese leidenschaftliche Hoffnung wurde auch das Tier einbezogen.

Tiere als Individuen
Die Tierdarstellung seit der Renaissance stellt nicht mehr ein starres Objekt in einer sakralen ­Inszenierung dar, wie in der Romanik und der Hochgotik, das Tier ist nun vielmehr ­souveränes Individuum und ver­körpert einen eigenen Teil der Schöpfung. Es war folgerichtig, dass der Mensch, der sich mit der Renaissance und dem Barock selbst als Herrn der Geschichte verstanden hat, seine eigene Größe in der Kunst dargestellt sehen wollte. Bei dieser Selbstdarstellung brauchte er Gefährten und Gehilfen, die seinen Adel und seine Größe durch eigenen Adel und eigene Exklusivität bezeugten. Diese Gehilfen waren Pferde und Hunde. Ihre Rolle in der adeligen Selbstdarstellung hat ihren umfassendsten Ausdruck in der englischen Kunst und dort in der Pferde- und Hundemalerei gefunden, die zugleich auch meist Jagdmalerei war. Ihr kunstgeschichtlich bedeutendster Vertreter war George Stubbs.

George Stubbs
Er entstammte einer Handwerker­familie in Liverpool, wo er 1724 geboren wurde, die seit mehreren Generationen in der Gerberei und im Ledergewerbe tätig war. Nach nur kurzen und episodischen Ausbildungszeiten bei englischen Provinzmalern hat er autodidaktisch seine Darstellungs- und Maltechniken selbst entwickelt. Nicht nur in der Kunst, auch in der Wissenschafts- und Medizingeschichte, ganz besonders der veterinärmedizinischen, ist er als bedeutender Erforscher und Darsteller der Pferdeanatomie bereits in der Mitte seines Lebens im damaligen Mutterland der Tiermedizin, in England, hoch geschätzt worden. Der bis ins spätere 19. Jahrhundert anhaltende englische Vorsprung in der Veterinärmedizin und der Tierzucht, besonders der Pferdezucht, geht auch auf seine „Anatomy of the Horse" von 1766 zurück.

Seine Stiche setzten einen neuen Standard in der Visualisierung anato-mischer Befunde, und so hat er auch umfassend auf die medizinische Lehre eingewirkt. 18 Blätter zeigen das Pferd von allen Seiten als Skelett. ­Präzise wird die Muskulatur offengelegt, wobei er bis in die tiefsten Schichten vordringt und den Sitz und Verlauf der Bänder sowie der Gefäße und Nerven hervorhebt. Selten ist in der europäischen Kunst eine so enge Verbindung von exakter medizinischer Wahrnehmung und Ästhetik geschaffen worden wie von Stubbs.

Eine Historie auch der Gesellschaft
Die englische Aristokratie hatte im 17. Jahrhundert Berber- und Türkenpferde, ab dem frühen 18. Jahrhundert dann vor allem Araberpferde eingeführt und mit ihnen den damals einzigartigen Hochstand der englischen Warmblutpferdezucht aufgebaut. Ihr Chronist und Porträtist wurde George Stubbs, der den Künstlertyp des Pferde- bzw. überhaupt des Tiermalers geschaffen hat, auch auf der Basis einer glänzenden Auftragslage. Seine Pferdebilder – meist sind es zugleich auch Bilder von Hunden und von Jagdmeuten – sind von einer unvergleichlichen zeitlosen Schönheit und dabei von höchstem dokumentarischem Wert für die Geschichte der Tierzucht und der Tiermedizin. Und sie sind englische Gesellschaftsgeschichte. Stubbs unterhielt langjährigen Kontakt mit Ärzten und war auch selbst medizinischer Lehrer für Anatomie am York County Hospital. 1758 machte er sich durch den Kauf eines Hauses in einer guten Wohngegend in London an­sässig, in dem er 1806 starb.

An Pferdezucht und Pferderennsport interessierte Adelige – reich an Einfluss und Geld – wurden von da an auf den Künstler aufmerksam und beauftragten ihn mit Jagdszenen und Pferdeporträts, die seinen Ruf als führender Maler der „Sporting Art" begründeten,wie der ­zeitgenössische englische Begriff lautete . Die Oberschicht der sich entfaltenden Weltmacht Großbritannien hat sich auch damals schon am liebsten durch luxuriöse Pferde-und Hundezuchten, in Rennen und vor allem in großen ­Jagden selbst inszeniert. George Stubbs erhielt lange Serien von Aufträgen, die kostbaren Hauptakteure , die ­Pferde und Hunde, zu porträtieren. Den Hintergrund bildeten die Landsitze inmitten des bis heute spürbaren Zaubers englischer Landschaften, im Mittelpunkt standen und vor allem liefen und sprangen die Hauptper­sonen, die Hunde und Pferde.

Hunde als Persönlichkeiten
Besonders Hunde hatten den Status der Auftraggeber zu ­repräsentieren. Das galt vor allem für die ­großen Jagd-und Hatzhunde und die ­Meuten, die sie gebildet haben. Doch Stubbs hat auch derbe ­Mischlingshunde gemalt, die mit allen Zeichen ­freu­diger Jagderwartung vor den Jägern auf dem Wege zur Jagd sind, und mit Vorliebe auch mehrfarbige ­Spitze, die kläffend Jäger und Pferde ­umspringen, zum sichtlichen Miss­fallen einiger Pferde.

Stubbs hat seinen Auftraggebern zwar seinen Pinsel verkauft, aber nicht seine eigene Sicht vor allem auf die Hunde, die er gemalt hat. Sie sind bei ihm nicht dekorative eindimen­sionale Figuren, die nur eine Auf­gabe haben, nämlich Adel, Macht und ­Größe ihrer Herren zu demonstrieren, so wie es in der Hundemalerei des 18. Jahrhunderts vor allem bei der Darstellung von großen Damen der Gesellschaft, von Fürstinnen oder von Ehefrauen des damaligen Geldadels üblich war, wo der Hund nur ein Stück Selbstdarstellung zu Füßen der Dame ist. Das findet sich bei Stubbs nicht, seine Hunde sind eigene Persön­lich­keiten und sind vor allem und in erster Linie Hunde und dann erst Teil der Selbstinszenierung des britischen Adels. Wenn man das sehr ­gelungene Begleitbuch der Ausstellung aufschlägt und die Hundebilder, auch die sichtlich vergnügten und mit ihrer Lebensrolle zufriedenen einzelnen Hunde, betrachtet und dabei seinen eigenen Hund neben sich hat und mit ihm spricht, dann kann man gleich­zeitig auch mit den Hunden sprechen, die der Maler vor 250 Jahren dargestellt hat. Zugleich zeigen die Hundebilder, einen wie scharfen Blick Stubbs auf die Würde der Hunde gehabt hat, die sie unabhängig von ihrer Rolle in der menschlichen Gesellschaft immer besessen haben und immer besitzen werden.

Ein besonders markantes Beispiel dafür ist die Darstellung des Hundes Turk des Herzogs von Rutland von 1778. Das Bild zeigt einen „Wolfspitz" und hat nach seiner ersten öffent­lichen Präsentation ungewöhnliches Aufsehen erregt, einmal wegen der technischen Perfektion und der außerordentlichen Naturgenauigkeit, zum anderen wegen seiner inhalt­lichen Aussage über eine imposante Hundepersönlichkeit. Im Zweiten Weltkrieg wurden vor allem in Süddeutschland, in Österreich und in den dünn besiedelten Landschaften Nord- und Westdeutschlands mit Einzelhofsiedlungen von den Jagdbehörden anschaffungskostenfrei Wachhunde angeboten, die besonders wachsam und wenn nötig auch sehr angriffsfähig sein und dazu angeblich nicht jagen sollten, um die alles andere als gute Sicherheitslage in Landgebieten zu verbessern. Diese Hunde seien aus älteren Spitzrassen gezüchtet worden und hießen Wolfspitze, die es bis dahin nicht gegeben habe. In der Münchner Stubbs-Ausstellung konnte man sich davon überzeugen, dass es diese Wolfspitze bereits im mittleren 18. Jahrhundert in England gegeben hat, wo man sie in der Geschichte der Hundezucht mit den holländischen „Keeshonden" in Verbindung bringt. Davon hat man in der Mitte des 20. Jahrhunderts jedenfalls in Deutschland und seinen Jagdbehörden noch nichts gewusst. Eine Er­klärung dafür, und überhaupt für die Tatsache, dass Stubbs auf dem Kontinent immer wenig bekannt war und die Ausstellung in der Neuen Pinakothek als erste in Jahrhunderten stattfand, ist plausibel: Die meisten Gemälde, ganz besonders die Hunde­darstellungen, sind noch im Privatbesitz der Familien, deren Vorfahren dem Maler einst diese Aufträge erteilt haben. Sie waren – und werden es wohl auch in Zukunft wieder sein – bisher nur wenig zugänglich, was den Gemälden sehr gut tut. Auch dafür ist wieder das Bild des Wolfspitzes Turk ein überzeugendes Beispiel. Es ist in einem außerordentlich guten Er­haltungszustand.

Das Werk Stubbs‘: Pferde, Hunde und Menschen
Der Maler ist bei der Darstellung von Pferden und vor allem von Hunden als Eigenpersönlichkeiten nicht stehen geblieben. Mit besonderer ­Sympathie ist Stubbs auch den „ein­fachen ­Leuten" begegnet. Ansichten von Landsitzen sind mit der Darstellung von Alltagsarbeit wie Jagdvorbereitungen oder dem landwirtschaftlichen Betrieb auf den Besitztümern verbunden. Der Maler hat nicht nur den Adel, sondern auch die Bediensteten, Stallmeister und Pferdeknechte auf der Leinwand festgehalten.

Warum wurde nun das Werk von George Stubbs gerade in ­München erstmals außerhalb der Insel ­präsen­tiert? Das Sammeln englischer ­Malerei hatte bei den ­Wittelsbachern ­Tradition. Dazu gehörte auch Stubbs‘ „Hühnerhund", den Kurfürst Maxi­milian Joseph, der spätere König Max I. Joseph, um 1800 erworben hatte. Es soll das erste Gemälde des Künstlers gewesen sein, das seinen Platz außerhalb der britischen Inseln gefunden hat. Heute umfasst die Neue Pinakothek in München eine der vollständigsten Sammlungen englischer Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts in Europa. Die Stubbs-Ausstellung bot 35 Gemälde, eine Auswahl aus seinen Zeichnungen und seiner Druckgrafik. Dem Besucher wurde durch eine geschickte Hängung die Wahrnehmung so erleichtert, dass er während des Rundgangs den Katalog nicht benötigte, sondern sich ganz auf das optische Erlebnis konzentrieren konnte. Gleichwohl ist der Katalog ein eigenes Kunst-Werk mit den neuesten Forschungsergebnissen und hervor­ragenden Bildwiedergaben. Er ist unter dem Titel „George Stubbs 1724-1806, Die Schönheit der Tiere" im Prestel Verlag München-London-New York erschienen, hat 240 Seiten und kostet im Buchhandel 39,– Euro.

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