Hunde untereinander – Robustes Verhalten als Grundlage für die Hundeerziehung?

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Es sind die pauschalen Verallgemeinerungen, die das Leben der Menschen mit ihren Hunden oft erschweren. Typisch ist zum Beispiel die Rechtfertigung von gewalttätigen Akten gegenüber Hunden damit, dass diese ja auch untereinander nicht zimperlich seien und miteinander robust umgehen würden. Dass robustes Umgehen von Hunden untereinander in normal lebenden Hundegruppen eher die Ausnahme als die Regel ist, erklärt der Hundepsychologe ­Thomas Riepe.

Kürzlich hatte ich ein Beratungsgespräch bei einer Dame, deren Hund nach ihren Worten nicht sauber würde – egal was sie mache. Der Hund war ein Yorkshire Terrier, den die Dame von einem Züchter hatte, der das einjährige Tier als Zuchtrüden „nutzen" wollte, ihn aber wegen seines ner­vösen Charakters aussortiert hatte.

Der Hund war jetzt einige Wochen in seinem neuen Heim und hinterließ dann und wann eine Pfütze – spe­ziell, wenn es in dem etwas un­ruhigen Haushalt laut und hektisch wurde. So erkundigte sich die Dame zunächst beim Züchter, was sie gegen die Unsauberkeit unternehmen könne. Der empfahl ihr, den Hund jedes Mal, wenn er in die Wohnung uriniert, mit einer Fliegenklatsche auf das ­Hinterteil zu schlagen. Die ­Hundebesitzerin, die im ersten Moment nicht glauben wollte, was der Mann ihr riet, fragte nach, ob er seinen Rat ernst meine. „Natürlich", antwortete der Züchter, „das machen Hundemütter auch so. Denn Hunde gehen nicht zimperlich miteinander um!"

Erziehen sich Hunde mit ­Fliegenklatschen?
Zum Glück hat die Hundehalterin den Rat des Züchters nicht umgesetzt. Denn das Problem der Unsauberkeit des Hundes war seine Ängstlichkeit. Diese war wohl schon bei dem Züchter schlecht behandelt worden, sodass sie sich nun bei Hektik in seinem neuen Heim zu Panik steigerte. Weil aber das Hormon ­Aldosteron, welches an dem Gefühl Angst be­teiligt ist, auch den Wasserhaushalt im Körper regelt, kann es ­vorkommen, dass man sich in Panik einnässt. Der Spruch „vor Angst in die Hose machen" kommt nicht von ungefähr. Dem Hund und seinen Menschen konnte ich relativ leicht helfen, indem ich die Menschen schulte, ­Situationen, die den Hund ängstigen, bzw. Handlungen der Menschen, die er konkret fürchtet, zu unterlassen. Mit Vertrauens­aufbau und Förderung des hündischen Selbstbewusstseins ist das Problem heute vergessen.

Was mich aber an der Geschichte aufregt, ist der Rat dieses Züchters. „Hunde sind untereinander auch nicht zimperlich". Was für eine unsinnige Aussage, vor allem im Zusammenhang mit einem Hund, der in die ­Wohnung uriniert. Also, ganz ehrlich, ich habe noch nie einen Hund gesehen, der einen anderen Hund, der in eine ­Wohnung uriniert, mit einer Fliegenklatsche schlägt und überhaupt, für dieses „Vergehen" in irgendeiner ­Weise maßregelt.

Falsche Verallgemeinerung
Doch hört man sie immer wieder und wieder, diese Geschichte von dem, was Hunde angeblich alles unter­einander machen und was nicht. Was mich daran – außer der Tatsache, dass die sozialen Lebewesen Hunde meist viel freundlicher miteinander umgehen, als Ihnen angedichtet wird – am meisten stört, ist das pauschale über einen Kamm Scheren einzelner Hundeindividuen. Das ist im über­tragenen Sinn vergleichbar damit, wenn wir einen brutalen Menschen, der sich daheim nur durchsetzen kann, indem er seine Familienmitglieder schlägt, als Beispiel für alle Menschen ansehen. Und dann ist der Schluss: Menschen schlagen sich untereinander, das ist normal. Oder man denke an den einen oder anderen Politiker, der es mit der Wahrheit nicht ganz so ernst nimmt. Heißt das, dass alle Menschen sich immer gegenseitig belügen?

Verhalten untereinander ­individuell
Ist es nicht vielmehr so, dass jeder Mensch ein Individuum ist, der durch angeborene Verhaltensweisen, aber auch über Einflüsse seiner Umwelt geformt wird? Und dessen ­Verhalten, dessen Umgang mit anderen Menschen von seiner individuellen Umwelt beeinflusst wird? Und kann es nicht sein, dass diese individuellen Faktoren für den Umgang mit Artgenossen nicht nur für Menschen gelten, sondern auch für Hunde? Da möchte ich die Frageform zurückziehen. Denn ich bin überzeugt, dass es bei Hunden genau so ist. Wie robust diese mit­einander umgehen, hat zwar etwas mit angeborenen Verhaltensweisen zu tun. Aber schon da spielt es eine Rolle, welcher Typ ein Hund von Geburt an ist. Und schon da gibt es ­Unterschiede. Und es hat darüber hinaus auch damit zu tun, wie aus­geglichen sein Umfeld ist, wie sensibel seine Hundekontakte sind etc.

Keine Pauschalsprüche in der ­Hundeerziehung
Wenn ich für mich persönlich ein Leitbild des Verhaltens von Hunden untereinander definieren müsste, würde ich aufgrund langjähriger Erfahrung mit Haus- und Wild­hunden eher einen recht fairen Umgang miteinander sehen. Sicher wird es hier und da mal laut – aber es wird sich definitiv nicht den ganzen Tag gegenseitig gemaßregelt. Im Gegenteil, Meinungsverschiedenheiten kommen bei Hunden unter normalen Umständen, und bei ­hundegerechter ­Haltung, seltener vor als immer wieder propagiert wird. Und unter normalen Umständen verstehe ich Hundegruppen, die NICHT auf engem Raum gehalten werden. Unter normalen Umständen müssen die einzelnen Individuen z. B. immer eine Rückzugsmöglichkeit haben und sich gegenseitig auch aus dem Weg gehen können. Und unter normalen Umständen verstehe ich auch keine aufgeheizten „Spielgruppen", die vor allem bei ­ständig wechselnden Teilnehmern keine soziale Konstanz zeigen.

Unter stabilen Hundekontakten, die sich in einer hundegerechten Umwelt bewegen, gehen Hunde wesentlich zimperlicher und vor allem freundlicher miteinander um als mancher Mensch wohl gerne wahr haben möchte. Das Argument des robusten Umgangs der Hunde untereinander entspringt daher wohl eher einer Rechtfertigung, wenn Menschen robust mit Hunden umgehen. Ich denke, wir Menschen sollten endlich wieder lernen, Hunde als Individuen zu sehen, die wir nicht mit pauschalen Sprüchen belegen sollten, um ­unseren Wunsch nach einer pauschalen Hunde­erziehung zu rechtfertigen.

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Thomas Riepe ist Hunde­psychologe, Referent und Autor von Fach­büchern zum Thema Hunde­artige. Den Schwerpunkt seiner Arbeit als Hunde­psychologe hat er auf die Verbesserung der Kommunikation zwischen Mensch und Hund gelegt, sowie auf Resozialisierung von ­Hunden, die durch menschliches Fehlverhalten ausgelöste, über­steigerte Aggressionen zeigen.

Kontakt: Tel. +49 172 9491766
   www.riepehunde.de

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