Hunde verstehen Menschen – angeboren oder erlernt?

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Dass Hunde uns Menschen verstehen können, ist für Hundehalter nichts Neues. Emauela Dalla Costa, Wissenschaftlerin der Universität Mailand, wollte zusammen mit ihren Kollegen im Rahmen einer Studie herausfinden, ob diese Fähigkeit des Hundes schon genetisch vorhanden, also angeboren ist, oder ob sie erst im Laufe der Sozialisierung vom Hund erworben wird. Im Folgenden die Ergebnisse der Studie, und ein privates Interview.

Die erst 28-jährige Emanuela Dalla Costa von der veterinär­medizinischen Fakultät der Universität Mailand beschäftigt sich mit der Kognition und dem Verhalten von Hunden und Pferden sowie mit der Mensch-Tier-Beziehung. Drei wissenschaftliche Arbeiten hat sie auf diesem Gebiet bereits vorzuweisen, eine Zusammenfassung (Abstract) ihrer letzten Studie wurde dieses Jahr im Journal of Veterinary Behaviour veröffentlicht (E. Dalla Costa et al, J Vet Behav. 2011;6,1:82).

Dalla Costas aktuellste Studie befasst sich mit der Fähigkeit von Hunden, mit Menschen zu ­kommunizieren, ­Menschen zu verstehen. Diese spe­zielle Fähigkeit sei es, die den Hund erst zum besten Freund des Menschen macht, sagt die ­junge Wissen­schaftlerin zu WUFF und erklärt: „Wenn Sie einen Hundehalter ­fragen, ob sein Hund versteht, was er ihm sagt, dann wird fast jeder dies be­jahen". Konkrete Beispiele aus dem alltäglichen Zusammenleben von Mensch und Hund würden dies ja auch Tag für Tag belegen.

Doch sind bloße Erfahrungsberichte der Wissenschaft zu wenig, sie hält letztlich nur für wahr, was im Experiment messbar und wiederholbar ist. So ist auch die Frage der Kommunikation zwischen Hunden und Menschen schon seit gut einem Jahrzehnt Thema der Wissenschaftler. Das Hunde­magazin WUFF war seinerzeit eines der ersten „populären" Medien, die über diese Experimente berichteten. So erschienen allein im Jahr 2003 in jeder zweiten WUFF-Ausgabe Artikel des ungarischen Ethologen Adam Miklosi über seine Studienergebnisse mit Hunden und Wölfen.

Genetisch bedingt oder erlernt?

Dass Hunde in der Lage sind, menschliche Hinweise zu verstehen und ­darauf zu reagieren, ohne vorher dafür speziell trainiert worden zu sein, ist also nichts Neues. Was die Mailänder Wissenschaftlerin nun aber besonders interessierte war die ­Frage, ob unsere Hunde diese Fähigkeit erst im Laufe ihres Lebens entwickeln oder ob sie bereits angeboren, also ­genetisch determiniert ist.

Diese Frage wird in der Wissenschaft derzeit kontrovers diskutiert. Einige Forscher sind der Meinung, dass die Fähigkeit der Hunde, so gut mit dem Menschen kommunizieren zu ­können und ihn zu verstehen, genetisch bedingt sei. Und zwar sei diese Fähigkeit als Folge eines ko-evolutionären Prozesses entstanden, also in der Jahrtausende währenden gemeinsamen Evolution von Menschen und Hunden. Daher würden Hunde bereits sehr früh in ihrem Leben menschliche kommunikative Signale verstehen.

Andere Wissenschaftler wiederum argumentieren, dass die Hunde ­diese soziale Fähigkeit erst durch einen ­konditionierenden Prozess im Lauf ihrer Sozialisierung mit und Erziehung durch den Menschen erwerben. Und eine weitere Theorie schließlich verbindet beide Vorstellungen; der Hund sei zwar genetisch dazu geeignet, müsse die kommunikativen Zeichen aber erst erlernen.

Das Forschungsexperiment

Um also diese Frage zu beantworten, untersuchte Dalla Costa bei 41 Familien­hunden die Fähigkeit, menschliche Kommunikation zu verstehen. Um herauszufinden, ob diese Fähigkeit schon angeboren ist oder erst erworben bzw. erlernt werden muss, teilte sie die Hunde in drei Altersgruppen ein: in Welpen, Junghunde und Erwachsene.

Das Experiment lief folgender­maßen ab: Der Hund konnte zwischen zwei Futternäpfen auswählen, wovon einer leer und einer mit Futter gefüllt war. Das Futter war aber so im Napf ­platziert, dass der Hund es nicht sehen konnte. Für ihn sahen also beide Näpfe zunächst ident aus. Getestet wurde nun, ob und wie schnell der Hund auf verschiedene Gesten des Menschen reagiert: Zeigegeste, Kopfdrehen sowie direktes Hinschauen. In drei Sitzungen zu je 10 Versuchen wurde auch die Zeit zwischen der Geste und der Reaktion des ­Hundes, also dem Hinlaufen zum Napf, ge­­messen.

Das Ergebnis

Die Reaktionszeit auf die Zeigegeste betrug für alle Altersgruppen zusammen durchschnittlich 4 Sekunden, auf Kopfdrehen und auf Hinschauen reagierten die Hunde etwas später, nämlich erst nach 6 Sekunden. Diese Reaktionszeit wurde von den Wissenschaftlern als Maß für das Verstehen einer menschlichen Geste gewertet. Eine Aufschlüsselung der Reaktionszeiten nach den drei Altersgruppen ergab nun interessante Ergebnisse. Das Alter der Hunde hatte nämlich einen Einfluss auf ihre Reaktionszeit auf die Zeigegeste. Während alle erwachsenen Hunde sehr rasch reagierten, gab es unter den Junghunden einige, die weniger rasch reagierten und bei den Welpen war dies überhaupt die Mehrheit.

Weil die gemessene Latenzzeit und damit die Fähigkeit, auf die Gesten des Menschen zu reagieren, mit dem Alter des Hundes anstieg, schließt Dalla Costa, dass diese Fähigkeit das Ergebnis eines Lernprozesses ist, der sich im Zusammenleben des Hundes mit seinen Menschen entwickelt. ­Dennoch müsse aber auch eine bestimmte genetische Neigung dafür vorhanden sein, weil immerhin einige der nur vier Wochen alten Welpen ebenfalls auf Zeigegesten richtig reagierten. Aufbauend auf einer genetischen Anlage, die sich offenbar durch die gemeinsame Evolution von Mensch und Hund entwickelt hat, fördert die Sozialisierung des Hundes also seine Kommunikationsfähigkeit mit dem Menschen. Diese Lebensphase eines Hundes ist daher für die Mensch-Hund-Kommunikation von größter Bedeutung.

Die Wissenschaftlerin ganz ­persönlich

Emauela Dalla Costa im Gespräch mit WUFF-Herausgeber Dr. Hans Mosser.

Mosser:Nicht wenige Wissenschaftler, die sich mit hundlichen Forschungen befassen, haben selbst gar keinen Hund und kennen Hunde letztlich nur im Rahmen wissenschaftlicher bzw. experimenteller Bedingungen. Wie ist das mit Ihnen? Haben Sie einen ­eigenen Hund?

Dalla Costa:Ja, ich habe eine elf­jährige Collie-Mischlingshündin, die seit ihrem Welpenalter bei mir lebt. Sie heißt Penny.

Mosser:Sie arbeiten wissenschaftlich an der veterinärmedizinischen Universität Mailand. Wie sind sie zu diesem Beruf gekommen?

Dalla Costa:Eigentlich wusste ich schon als Kind, dass ich Tierärztin und Veterinärmedizin studieren werde. Ich liebe Tiere, ganz besonders Hunde, immer schon. Zu Beginn des Studiums wollte ich daher zunächst auch Tierärztin werden und mich auf Hunde und Katzen spezialisieren. Bald entwickelte ich aber während des Studiums ein starkes Interesse an Verhaltens­-me­dizin, insbesondere für aggressive Hunde. Und so kam es zu wissenschaftlichen Arbeiten.

Mosser:Vom Berufswunsch Tierarzt zur Wissenschaftlerin – was sind Ihre wissenschaftlichen Schwerpunkte?

Dalla Costa:Ich interessiere mich sehr für Tierkognition, also die Art und Weise, wie Tiere lernen, wie sie die Welt sehen, und für die Mensch-Tier-Beziehung. Wichtig ist mir aber auch der Tierschutz bei Pferden, v.a. bei Tieren mit Verhaltensproblemen (Aggressives Verhalten, Angst, Stereotypien usw.).

Mosser:Gibt es eine Studie, die Sie und Ihr Team derzeit planen oder schon durchführen?

Dalla Costa:Ja, wir studieren derzeit den Einfluss von Schmerzen auf das Verhalten von Pferden. Pferde sagen ja nicht, „Hallo, ich habe Schmerzen!" Wir wollen daher Möglichkeiten finden, Schmerzen bei Pferden zu erkennen, um sie rechtzeitig behandeln und damit vor Schmerzen schützen zu können.

Mosser:Und das Ideal Ihrer ­Kindheit, Tierärztin zu werden, ist ad acta gelegt?

Dalla Costa:Nein, ich arbeite tatsächlich auch als Tierärztin. Zusätzlich leite ich Welpenkurse und arbeite mit Besitzern von Hunden mit Problem­verhalten. Es geht mir darum, Hunde­halter zu lehren, das problemhafte Verhalten ihres Hundes zu verändern – was wir als Verhaltensmodifikation bezeichnen – sowie ihre Beziehung zum Tier zu verbessern.

Mosser:Danke für das Gespräch.

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