Hundeberufe: Herdenschutzhunde Schafe im Hundepelz?

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Noch immer werden Herdenhunde mit Hütehunden in einen Topf geworfen. Es verhält sich hier jedoch wie bei dem sprichwörtlichen Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Ein Herdenhund hat mit einem Hütehund in etwa so viele Ähnlichkeiten wie ein Bernhardiner mit einem Chihuahua. In ihren ursprünglichen Heimatländern werden Hunde dieser Rassen noch immer ausschließlich als Arbeitshunde gehalten. Immer draußen, bei den Schafen und Ziegen mitten in den Herden, als Lebensversicherung für das Vieh.

Herdenschutzhunde – selbstbestimmt und eigenständig
Herdenschutzhunde arbeiten durchwegs autark, in der Regel völlig selbstbestimmt. Kangal und Co. treffen eigene Entscheidungen, sie dürfen NICHT auf Anweisung des Hirten oder Schäfers warten. Der Schutztrieb ist IMMER da, Herdenschutzhunde sind, auch wenn es oft nicht so aussieht, ständig in „hab Acht“-Stellung. Mit Beginn der Abenddämmerung beginnen die Hunde häufiger Patrouille zu laufen, heißt, die Grenzen der Weide werden entlang des Zaunes kontrolliert. Es ist fantastisch zu beobachten, wie sich die Hunde dabei durch Blickkontakte „absprechen“.

Ja und dann ist da noch das Bellen. Während eines Urlaubs durften wir Mathilda kennen lernen. Ein Maremmen Abruzzen HSH, damals gerade mal 13 Monate alt. Mathilda war dafür zuständig, die Pferde des Reiterhofes zu schützen. Tagsüber war Mathilda ein recht umgänglicher Hund, vertrug sich bestens mit den Urlaubshunden auf dem Hof, war Menschen gegenüber zwar etwas zugeknöpft, jedoch nicht besonders misstrauisch. Dies änderte sich abrupt mit Einbruch der Dunkelheit. Mathilda begann anhaltend und ausdauernd zu bellen und auf dem Hof Patrouille zu laufen. Das sonst eher zurückhaltende weiße Fellknäuel erwies sich als recht „unfreundlich“, begegnete man ihr im Dunklen.

Herdenschutzhunde haben besondere Bedürfnisse
Ein Merkspruch, ich weiß nicht mehr, wo ich den hörte, wird mir immer im Gedächtnis bleiben: „Ein Herdenschutzhund kann einsam machen.“

Auch wenn Kangal und Co. im Allgemeinen nicht aggressiv sind und/oder angreifen, reichen die beeindruckende Körpergröße und das tiefe Bellen aus, mögliche „Feinde“ in die Flucht zu schlagen. Und unter Feinden versteht der Gigant auch gerne mal die zu Besuch kommenden Freunde der Kinder. Freunde und Besucher könnten sich schon einmal dazu entscheiden, den Kontakt zu reduzieren.

Den Hunden sollte ein Grundstück zur Verfügung stehen, auf dem sie mehrmals am Tag und vor allem abends Patrouille gehen können. Zu lange unterdrückte Rasse-charakteristische Bedürfnisse können zu psychischen Schäden und sehr unerwünschtem Verhalten führen.

Natürlich gibt es auch einzelne HSH-Individualisten, die sich als sogenannter „Familienhund“ wohlfühlen. Die Regel ist dies jedoch bei weitem nicht. In der Gesamtheit halten Herdenschutzhunde von Hundesport recht wenig, Erziehungsversuche der klassischen Art laufen ins Leere und in Begleithundeprüfungen oder Agility-Parcours sehen sie keinen Sinn.

Eine einzige Ausnahme habe ich bisher kennengelernt. Sira, Kuvasz, von der Halterin aus schlechter Haltung übernommen. Sira wurde fast 1 ganzes Jahr im Badezimmer gehalten und wurde dann abgegeben, weil die Halter immer mehr Angst vor ihr bekamen. Im neuen Zuhause hatte Sira ein großes Grundstück zur Verfügung, konnte so ihren Rasse-spezifischen Bedürfnissen nachgehen und wurde dadurch immer ausgeglichener. Sie ließ sich sogar für Begleithundetraining und Dog Dancing begeistern. Sira zeigte zwar Schutztrieb ihrer Halterin gegenüber, respektierte jedoch recht entspannt Besucher im Haus.

Sozialisierung = Ausbildung
Eine Ausbildung im herkömmlichen Sinn gibt es bei Herdenschutzhunden nicht. Häufig werden die Welpen innerhalb der Herde geboren und so von Geburt an in die Herden integriert, die sie später schützen sollen. Hauptaugenmerk liegt also darauf, schon den Welpen auf z.B. Schafe und Ziegen zu prägen, dem Hund sozusagen zu suggerieren: „Du bist ein Schaf.“
Die Hunde bleiben den ganzen Tag und vor allem nachts beim Vieh. In den klassischen Einsatzgebieten, z.B. in Rumänien, Polen und der Türkei, ist eine Sozialisierung auf andere Tiere oder fremde Menschen nicht erwünscht und wird auch nicht gefördert. Hunde-Ausbildung, wie sie in unseren Breiten üblich ist, kennt der Schäfer in Rumänien nicht. Der anatolische Hirte hat kein Interesse daran, dass seine Hunde fremde Menschen oder potenzielle Raubtiere freundlich begrüßen. Der Schutzhund soll ausschließlich den Hirten und die Viehherde akzeptieren.

Wie „gefährlich“ sind Herdenschutzhunde wirklich?
Die „Schutzmaßnahmen“ der Herdenschutzhunde liegen hauptsächlich darin, Lärm zu machen. Bei Einbruch der Dunkelheit beginnen sie beharrlich zu bellen, um so potenzielle Feinde der Herde fern zu halten. Alleine dieses signifikante Bell-Bedürfnis, macht die Haltung im dicht besiedelten Raum fast unmöglich. Ärger mit den Nachbarn ist vorprogrammiert. Vier Kangals sah ich hier in unserer Wohnsiedlung kommen und sehr schnell wieder gehen.

Auf Kämpfe wird sich ein Herden­­schutzhund nur im absoluten Notfall einlassen. Angriffe auf z.B. Wölfe aus Eigeninitiative kommen so gut wie nie vor, da die Hunde ein Verletzungsrisiko vermeiden wollen. Im Normalfall reicht das „Ich-bin-hier-und-passe-auf-Bellen“ auch völlig aus. Eine wirkliche Gefahr geht von Herdenschutzhunden also nicht aus.

Herdenschutzhund-Einsatz in Österreich und Deutschland
Während in den östlichen Bundesländern Deutschlands Herdenschutzhunde seit über 10 Jahren und in der Schweiz bereits seit 1999 erfolgreich eingesetzt werden, diskutiert man in den anderen Bundesländern Deutschlands und Österreichs sehr kontrovers. Da Herdenschutzhunde durch Bellen frühzeitig genug warnen, kann man einem Konflikt mit diesen Wächtern ganz einfach aus dem Weg gehen. Beachten Sie deshalb ein paar einfache Regeln:
• Gehen Sie nicht zu nah an die Herden heran.
• Versuchen Sie NIEMALS mit den Hunden Kontakt aufzunehmen.
• Radfahrer bitte absteigen und das Rad langsam an der Herde vorbei schieben.
• Nehmen Sie Ihren Hund an die Leine und halten Sie ihn ruhig.
• Gehen Sie NIEMALS durch eine von Herdenschutzhunden geschützte Herde.
• Provozieren Sie die Hunde nicht durch schnelle Bewegungen, Stöcke oder Schreien.

Auch wenn diese Riesen mit Menschen und Tieren, auf die sie sozialisiert wurden, sehr sanft umgehen, ist es für Fremde nicht ratsam, sich zu nah an den Arbeitsbereich des Hundes heran zu wagen. Diese Hunde haben einen „klaren Auftrag“ und diesen werden sie auch ausführen, wenn sie eine Bedrohung ihrer Herde vermuten.

Interview mit dem Herdenschutzhund-Experten Bernd Schinzel

Bernd Schinzel hat als Leiter des Tierheims Köln-Dellbrück große Erfahrung in Bezug auf Herdenschutzhunde und häufig mit ihnen zu tun. WUFF hat ihm ein paar Fragen gestellt:

WUFF: Was halten Sie von der Haltung von Herdenschutzhunden in einer Wohnung?

Bernd Schinzel: Ich bin der festen Überzeugung, dass Herdenschutzhunde, dauerhaft in einer Wohnung gehalten, unterfordert sind. Diese Hunde benötigen unbedingt Außenreize, um dem Diktat ihrer Rasse folgen zu können, das ist nun einmal das Beobachten und Bewachen.

WUFF: Welche Probleme können bei nicht Rasse-gerechter Haltung entstehen?

Bernd Schinzel: Nicht selten gibt es bei nicht sorgfältig sozialisierten HSH und unsicherem Verhalten der Halter Probleme, wenn Besuch kommt. Spätestens, wenn dieser einmal die Toilette aufsuchen möchte oder sich anderweitig in der Wohnung bewegen will und umher geht. Es kann passieren, dass Hunde dieser Rassen das „Verhalten“ des fremden Menschen nicht immer dulden (Territorialverhalten). Auch werden in einigen Fällen, die uns bekannt sind, Menschen kontrolliert, bedroht o.ä., da der Halter nicht vorausschauend agierte und eventuelle Ressourcen nicht weggeräumt hat, wenn Besuch erwartet wird.

WUFF: Was brauchen Herdenschutzhunde, um Rasse-gerecht gehalten werden zu können?

Bernd Schinzel: Herdenschutzhunde sollten unbedingt engen Kontakt zu ihren Menschen haben. Tägliche, gemeinsame Spaziergänge, nicht unbedingt täglich viele Kilometer, aber ausreichend, um sich zu informieren, was so in ihrer Umgebung „passiert“, und um immer wieder Input zu erhalten. Je nach Wesen und Sozialkompetenz sind Kontakte zu Artgenossen immer eine Bereicherung. Meiner Meinung nach sollte jeder Herdenschutzhund die Möglichkeit haben, nach draußen zu können, um auf seinem eingefriedeten Grundstück „arbeiten“ zu können. Das sieht für viele so aus, als wäre der Hund am Dösen, aber er hält Wache und kann blitzschnell vermeintliche Störenfriede, bzw. Einbrecher vergraulen. Ich hatte Herdenschutzhunde, die es liebten, eng bei meiner Familie, mir und meinen anderen Hunden (und Katzen) zu sein, sich vor dem Fernseher oder Sofa zu lümmeln, aber immer wieder raus wollten, um zu patrouillieren.

Pdf zu diesem Artikel: berufshunde_herdenschutzhunde

 

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