„Hundevorbeigeh“-Training an lockerer Leine

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Die Kolumne zum ­Thema „Alltagsprobleme mit dem Hund". WUFF-Autorin ­Yvonne Adler, Tierpsychologin, akademisch geprüfte Kynologin und Hundetrainerin, beantwortet Ihre Fragen. Schicken Sie uns Ihr Alltagsproblem mit Ihrem Hund, kurz formuliert und mit 1 bis 2 Bildern. In dieser Ausgabe möchte eine WUFF-­Leserin wissen, wie sie ihrem jagdlich orientierten Hund das Ziehen an einer 10-Meter-Leine abgewöhnen kann.

Liebe Frau Adler!
Mein Boxer ist 9 Monate alt und nicht kastriert. Er ist ganz verträglich mit anderen Hunden und auch sonst schon recht folgsam. Wir leben auf Kreta und gehen einmal die Woche zum Hunde­training. Meine Frage:
Wie bringe ich ihm bei, bei anderen ­Hunden nicht gleich an der Leine zu ­ziehen, sondern erst zu warten, bis er meine „Erlaubnis" bekommt, hinzu­laufen?
Meine Hundetrainerin ist recht uner­fahren und konnte mir bis jetzt noch keinen guten Rat vermitteln. Außerdem möchte ich, dass er an anderen ­Hunden vorbeigehen kann, ohne unbedingt ­hinzuziehen. Danke sehr herzlich für eine kurze Antwort.
Stephanie Georgakaki

Liebe Frau Georgakaki!
Junge Hunde sind oft ungestüm und haben viel überschäumende Energie. Daher ist es gerade in der Jugend für einen Hund schwierig, an lockerer Leine zu laufen. Viele Dinge, die ­eigentlich Teil des Alltags sind, werden als aufregend empfunden. Die Ablenkung ist viel höher als bei einem ­ausgebildeten erwachsenen Hund, da für einen Junghund viele Gerüche, neue Um­gebungen, Gegenstände, Menschen etc. komplett neu sind und er unbedingt alles entdecken möchte.
Hunde, die Artgenossen als sehr positiv kennengelernt haben – was ja das Ziel der Welpenspielstunde sein sollte – möchten natürlich jeden anderen Hund begrüßen und Kontakt herstellen. Die hundliche Erwartungshaltung ist also folgende: „Fein, ein Freund, mit dem ich spielen kann!". Damit ist verständlich, warum Ihr Boxer an der Leine zu ziehen beginnt, sobald er einen Hund erblickt. Er möchte natürlich auf schnellstem Wege zu seinem vierbeinigen Freund.
Im nachfolgend erklärten Trainingsansatz gehen wir davon aus, dass Ihr junger Boxer bereits gut an lockerer Leine gehen kann. Wenn dies nicht der Fall ist, muss der erste Schritt im Training sein, zuerst ein Kommando für Leinenführigkeit aufzubauen und zu trainieren. Dann würde erst im nächsten Schritt meine Ausführung zum Einsatz kommen.

Das Training
Somit kommen wir zum Training: Bevor Sie beginnen, müssen Sie sich überlegen, was Ihr Hund denn tun soll, wenn er einen Hund erblickt. Soll er entspannt vorbeigehen oder vielleicht abwarten? Wenn Sie sich das erwünschte Ver­halten in allen Details bildlich vorstellen können, kann das Training starten. Zu Beginn der Arbeit muss mit sehr viel positiver Bestärkung (Leckerchen, Lob, Ball, Zuwendung etc.) gearbeitet werden, da die Erwartungshaltung Ihres Hundes geändert werden sollte – d.h. SIE müssen in Zukunft viel spannender und für den Hund hochwertiger sein als seine Freude darüber, einen Art­genossen zu treffen. Es muss sich also für Ihren Hund extrem lohnen, mit Ihnen weiter­zugehen, statt zum Hundefreund zu laufen.
Wenn Sie nun beim Spaziergang andere Hunde treffen, dann müssen Sie anfangs darauf achten, einen wirklich großen Bogen um die Artgenossen zu gehen. Die Distanz muss groß genug sein, dass Ihr Boxer (noch) nicht zu den anderen Hunden hin möchte. So können Sie ihn für das richtige Verhalten und Ihr neues Kommando – wie bspw. „Schön ­weitergehen" – mit Leckerchen etc. bestärken.
Aber Achtung: Wenn Ihr Hund schon hin will und trotz des Kommandos an der Leine zerrt, also zu dem vom Hund gewünschten Erfolg kommt, nämlich dem Artgenossen näher zu kommen, dann ist das für das Training ein Rückschritt!
In der gut funktionierenden, großen ­Distanz trainieren Sie, bis das Vorbeigehen perfekt klappt. Danach können Sie die Distanz immer weiter verringern, bis Sie dann nach einigen Wochen mit Ihrem Boxer an anderen Hunden entspannt vorbeigehen können. Bedenken Sie jedoch immer: Ihre Bestärkung/Belohnung muss im Trainingszeitraum mit der Begegnung mit einem anderen Hund konkurrieren können, damit sich die ­Erwartungshaltung Ihres Hundes ändert. Eher fades Trockenfutter wird eventuell nicht den gewünschten Erfolg bringen, da es die „Wertigkeit" des Freundes nicht toppen kann. Arbeiten Sie also mit wirklich hochwertigen Bestätigungen, und erst wenn der Hund das gewünschte Verhalten in verschiedenen Situationen beherrscht, wird das Leckerchen „step-by-step" wieder abgebaut.

Nicht an der Leine mit anderen ­Hunden spielen
Wenn später das Verhalten gut trainiert ist, liegt es in Ihrem Ermessen, wann und ob Sie Ihren Hund mit Artgenossen kontakten lassen. Wichtig ist in jedem Fall ein Kommando, nachdem Ihr Hund weiß, dass er nun mit dem Freund ­spielen darf. An der Leine sollten, ­meiner Meinung nach, Hunde generell nicht spielen – Verletzungsgefahr!

Zusätzlich gilt es zu beachten, dass ­jeder Hund ausreichend Auslauf ­be­nötigt. Wenn Ihr Boxer noch jung ist und viel Energie hat, kann es zum Beispiel zu Beginn notwendig sein, dass Sie Ihrem Hund zuerst ausreichend Auslauf in Form eines gemeinsamen Spieles geben, bevor Sie mit dem Leinen- und Hundevorbeigehtraining beginnen. ­Nehmen Sie sich auch wirklich Zeit, um das Kommando gut ­einzutrainieren. Für ein entspanntes Vorbeigehen braucht man auch einen entspannten Hunde­halter. Nur so ist es möglich, ein positives Gefühl mit dem gelernten Kommando zu verbinden.

Ich wünsche Ihnen und Ihrem Hund Geduld und Einfühlungsvermögen beim Training!
Ihre Yvonne Adler

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Yvonne Adler
Yvonne Adler lebt und arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Hunden. Sie schloss das Studium zur Tierpsychologin mit Auszeichnung ab und ist zudem eine von Europas ersten akademisch geprüften KynologInnen. Neben ihrer Tätigkeit als Sachverständige für Hunde, absolviert sie laufend weitere in- und ausländische Aus- und Fortbildungen im Bereich der Kynlogie, um stets auf dem aktuellsten Stand der internationalen Hundewissenschaft zu sein. Kontakt: Yvonne Adler – Adler Dogs® www.adler-dogs.at

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