Hundezucht-Skandal: Alle haben weggeschaut

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Die Recherchen für diese Reportage dauerten mehr als 8 Monate. Dies nicht, weil der Fall so komplex wäre, er ist sogar sehr klar und eindeutig. Doch schon die ersten Fragen an einige Hundezüchter und Funktionäre eines Rassehundevereins waren wie der Stich in ein Wespennest. Die Gelegenheit, zu Vorwürfen von Hundefreunden, Experten und Welpenkäufern Stellung zu nehmen und Fragen zu beantworten, wurde nur selten und unvollständig genützt, manchmal wurde auch gleich mit dem Anwalt gedroht.

Dieser Versuch der  Aufarbeitung eines mutmaßlichen Falles von Animal Hoarding bei einer österreichischen Züchterin von ­Kleinhunden nach ihrem unerwarteten Tod im November 2009 liest sich stellenweise wie ein Kriminalroman und ist doch keine Fiktion. Der Fall Marksteiner zeige, wie alle Kontrollinstanzen in Österreich versagt hätten, ist der harte Befund einer renommierten ­Schweizer Zuchtexpertin, und auch aus Deutschland und den USA kommt ­harsche Kritik an solchen Zuständen der österreichischen ­Hundezucht.

Ende 2009 erschüttert ein Vorfall die gesamte deutsch­sprachige  Kleinhundeszene.
Die in ganz Europa gut bekannte Züchterin der Rassen Papillon und Phalène, Helga Marksteiner, stirbt unerwartet im Alter von nur 55 Jahren. Als man am nächsten Tag ihr Haus im Bezirk Gänserndorf (Niederösterreich) öffnet, findet man 83 Hunde in erbärmlichem Zustand, wie Zeugen berichten. Mehrere Hündinnen sind sogar trächtig. Tierschützerin Brigitte Höss-Filipp, die schon viele Hundeschicksale aus widrigsten Umständen kennen gelernt hat, sagt entsetzt: „So verwahrloste, seelisch und körperlich kranke Tiere habe ich noch nie übernommen“. Im Haus der Züchterin findet man auch einen kleinen Käfig, in dem zwei Rüden zusammengepfercht sind. Zentimeterhoher Dreck und Gestank überall, Hunde laufen panisch umher, einige von ihnen lassen sich erst Tage später einfangen.

Die Hunde werden von vielen Helfern, wobei sich u.a. der Österr. Club für britische Hütehunde (ÖCBH) hervorgetan hat, zunächst erstversorgt und gesäubert. Ein Teil der Tiere wird noch am ersten Tag auf verschiedene Pflegestellen und zu Züchtern gebracht. Die restlichen ca. 20-30 Hunde und das Haus werden grob gereinigt, sodass der erst am nächsten Tag eintreffende Amtstierarzt keinen akuten Handlungsbedarf mehr erkennt. In einer mehrtägigen Aktion werden dann die restlichen Hunde auf verschiedene Plätze verteilt, teils über den Tierschutz auf Pflegeplätze, ­einige landen aber auch bei Personen, die daraufhin plötzlich zu Papillonzüchtern werden … Aber das ist eine ­andere Geschichte, der in einer späteren WUFF-Ausgabe nachgegangen wird.

Wie „tickt“ das System?
Experten sprechen von typischen Zeichen der psychischen Erkrankung „Animal Hoarding“, des krankhaften Sammelns von Tieren (siehe online-Info auf http://www.wuff.eu/marksteiner). Doch geht es hier weder um diese Krankheit noch darum, Personen an den Pranger zu stellen. Aus diesem Grund werden die meisten der Namen nicht vollständig genannt werden. Vielmehr soll diese Reportage einen Fall aufarbeiten, der so in der Hundezucht nie wieder passieren darf. Dafür ist es aber erforderlich darzustellen, wie das System „tickt“, d.h. welche Personen wann und an welcher Stelle welche Verantwortlichkeiten hatten und haben. Dass die Recherche für diese Aufarbeitung des Falls Marksteiner allerdings einem Stich ins Wespennest gleichkam, war nicht vorauszusehen. So wurden aus geplanten mehreren Wochen Recherchearbeit schließlich über 8 Monate.

Alle Kontrollinstanzen versagt?
Der Fall Marksteiner zeige, wie alle Kontrollinstanzen in Österreich versagt hätten, ist der harte Befund einer bekannten Expertin und Buchautorin für Papillons, der Schweizer Züchterin Erika Bolt. Aber um welche Kontroll­instanzen geht es überhaupt? Haben die zuständigen Amtstier­ärzte versagt? Haben der zuständige Zuchtverein, der Österreichische Zwerghundeklub (ÖZK) oder dessen Zuchtwartin, von der man hört, dass sie selbst eine „Hundever­mehrerin“ sein soll, versagt? Oder hat der Österreichische Kynologen­verband (ÖKV) versagt? Hat er seine Kontroll­funktion der seriösen Hundezüchter nicht wahrgenommen? Oder hat er in Wahrheit überhaupt keine Kontrollfunktion? Und hat man ein Jahr später aus diesem Fall gelernt und etwas verändert?

Die Person Marksteiner und ihre Zucht

Sie dürfte ein einsamer Mensch gewesen sein und kaum jemand an sich herangelassen haben, wie auch eine ihrer wenigen Freundinnen, Erika H., erzählt: „Auch wenn man befreundet ist, weiß man nur so viel, wie der andere von sich preisgibt“. Dass Helga Marksteiner nicht viel von sich preisgab und daher auch Besucher und Welpenkäufer nicht gerne in ihr 150 m2 großes Haus, in dem sie züchtete, einließ, war bekannt. Mit der Zucht von Kleinhunden hatte sie 1997 begonnen. 2001 soll sie 14 Papillons und Phalènes gehabt haben, wovon 8 für die Zucht eingesetzt wurden. Im Laufe der Zeit vergrößerte sich kontinuierlich ihr Hundebestand, sodass Helga, eine ihrer beiden Töchter, der Mutter deswegen Vorhaltungen machte und im Juni 2001 aus dem Haus auszog. Die Hunde-Sammelsucht ihrer ­Mutter sei offensichtlich gewesen, „man konnte es auch auf der Homepage meiner Mutter verfolgen, auf der sie stolz jede ihrer neuen Errungenschaften präsentierte“, erinnert sich die Tochter. Als die Züchterin auf ihrer Homepage ihren 38. Hund „willkommen hieß“, warf ihr die Tochter vor, an der „Messie-Krankheit“ zu leiden. Daraufhin kam es zum Bruch zwischen Mutter und Tochter. Dass die Mutter an einer Krebserkrankung litt, hatte sie allerdings nicht nur ihren Töchtern verschwiegen. Ihre Hunde waren ihr Lebensinhalt. 

Schon 2002:

„Ungepflegt“ und „unverantwortbarer Großbestand“ an Tieren
ÖKV-Zucht „Von der Schmetterlings­wiese“ war der Name der Zuchtstätte Marksteiners. Doch von einer Schmetterlingswiese war schon 2002, also mindestens 7 Jahre vor ihrem Tod, keine Rede mehr. Eine Züchterkollegin aus der Schweiz, Erika Bolt, die Marksteiner damals besuchte, um einen Welpen zu kaufen, berichtet, dass Marksteiner damals schon vielleicht „ein Problem mit der Pflege der Anlage“ gehabt haben könnte. Denn der Garten der Zuchtstätte sei ungepflegt gewesen, das Gras zu hoch und verdorrt. Die kleinen Hunde hätten sich „Trampelpfade“ durch das Gras treten müssen, während die Welpen im ersten Stock des Hauses erst gar nicht in den Garten durften. Zudem habe Marksteiners Zuchtstätte einen „unverantwortbaren Großbestand“ umfasst, befand die Schweizer ­Papillonzüchterin.

Auch mit dem Papillon-Welpen, den Erika Bolt extra von Marksteiner wegen ihres guten Züchterrufes erworben hatte, war sie wenig zufrieden. Er habe sich nicht wie erwünscht entwickelt, sei vielmehr „angstbereit und wenig belastbar“ gewesen, sodass sie von ihrem Vorhaben, den ­Marksteiner-Hund in ihrer Zucht in der Schweiz zu verwenden, Abstand nahm und den Rüden kastrieren ließ. Interessanterweise berichten auch österreichische Welpenkäufer seit Jahren immer wieder von „verschreckten“ Hunden mit starken Wesensmängeln aus Marksteiner-Zucht. Ihre Beschwerden beim ÖZK und dem ÖKV über die Züchterin ­bleiben aber ohne Folgen.

Marksteiner hingegen wollte – oder konnte – all dies nicht erkennen, sie liebte ihre Hunde, die Zucht war ihr Ein und Alles. Sie behielt zunehmend Welpen, kaufte weitere Hunde zu, die Zahl ihrer Tiere stieg beständig. Dies unter den Augen des Zuchtvereins, der zuständigen  Zuchtwartin und vermutlich auch einer befreundeten Tierärztin. Eines Tages wurde dann die kritische Grenze erreicht, bei der die Zahl der zu versorgenden Hunde die Kräfte Marksteiners überstieg. Dass sie zuletzt dann auch noch erkrankte, ließ 2009 die Situation in der Zuchtstätte wohl eskalieren.

Krankenhausaufenthalte verweigerte sie mit fast panischer Angst, ihr Argument: „Ich muss nach Hause zu meinen Hunden“. Die erforderlichen Therapien konnten daher stets nur ambulant erfolgen. Zu Hause aber war ihr schon längst alles über den Kopf gewachsen, das Haus völlig verschmutzt, die Hunde verwahrlost – und niemand schien ihr zu helfen. Auch nicht die Wenigen, mit denen sie noch Kontakt zuließ, Züchterkollegen aus dem ÖZK und eine befreundete Tierärztin, die ihre Welpen impfte.

In dem Schmutz dürfte sich Marksteiner eine Infektion zugezogen haben, die sich zu einer Sepsis (Blutver­giftung) ausweitete, ein stationärer Aufenthalt im Krankenhaus wurde unvermeidlich. Die Bakterienschwemme im Blut der Züchterin dürfte akut ihre Organe zerstört haben, am nächsten Tag starb Helga Marksteiner im Krankenhaus. Erstmals nach langer Zeit traten wieder Menschen über die Schwelle ihres Hauses, darunter auch gerade diejenige Person, die sich vorher „einen Teufel“ darum geschert hatte, im Rahmen von Zuchtstättenkontrollen Marksteiner zu besuchen – die für die Züchterin zuständig ­gewesene Zuchtwartin des ÖZK, ­Gabriele T. 

Nichts zu beanstanden?

Unverständlich für viele Insider der Szene, dass auch nach dem Bekanntwerden der Zustände in der Zuchtstätte „von der Schmetterlingswiese“ ÖZK-Funktionäre dementieren, dass es Probleme gegeben hätte. So erklärt Zuchtwartin Gabriele T. in ihrer Stellungnahme gegenüber WUFF, dass, „solange Frau Marksteiner sich um ihre Hunde kümmern konnte, die Zuchtstätte in Ordnung war.“ Und zur Situation in der Zuchtstätte nach Marksteiners Tod, als die 83 Hunde gefunden wurden, sagt sie: „Wir – ÖZK, ÖKV, Amtstierarzt von Mistelbach und von Gänserndorf – waren sofort, nachdem wir diese traurige Nachricht erhalten hatten, vor Ort, und es gab NICHTS zu beanstanden!“

Karin B., die derzeitige Präsidentin des ÖZK, stößt ins selbe Horn. Sie habe Anfang 2006 einen Wurf Marksteiners in Vertretung des Zuchtwarts abgenommen (d.h. überprüft), und „damals war die Zuchtstätte als normal zu bezeichnen.“ Die beiden Damen des ÖZK verweisen zudem immer wieder auf die Amtstierärzte von Gänserndorf und Mistelbach, die angeblich ­Kontrollen der Zuchtstätte durchgeführt und alles in Ordnung befunden haben sollen. Dazu befragt, gaben die Veterinäre allerdings ­keine Auskunft und verwiesen auf ihre Amtsverschwiegenheit.

Dass es aber in Wahrheit doch nicht so gewesen sein dürfte, wie Zuchtwartin und Präsidentin behaupten, und dass im ÖZK die Probleme in der Marksteiner-Zucht schon lange bekannt waren und diskutiert wurden und von „normal“ und „in Ordnung“ keine Rede war, lässt sich aus zahlreichen Hinweisen schließen.

„Einen Teufel werd’ ich tun und einen Schritt in dieses Haus ­setzen!“
So berichtet die ehemalige ÖZK-Präsidentin, Lieselotte L., über eine Wurfabnahme bei Marksteiner im Jahre 2006. Damals habe die Züchterin geschätzte 35 Hunde gehabt, die aber alle gepflegt und versorgt waren. Dennoch erschien ­Lieselotte L. das Rudel zu groß und sie habe lt. eigener Aussage der Züchterin aufgetragen, die Zahl der Hunde zu reduzieren. L. konnte diese Forderung dann allerdings nicht durchsetzen, da sie am 26. 6. 2006 zurücktrat. Mehr Licht in die Angelegenheit wollte Lieselotte L. aber WUFF gegenüber nicht bringen und bat um Verständnis, nicht über Interna sprechen zu wollen. Dass 2006 die Zahl der Hunde aber schon zu groß war und der ÖZK dies wusste, ist damit dokumentiert.

Dokumentiert sind auch ­weitere Informationen, nach denen Robert B., ebenfalls ein ehemaliger ÖZK-Präsident, über Marksteiners Zuchtstätte gesagt haben soll: „Da braucht man ja Gummistiefel, man steht knöchelhoch in der Sch…“, und „das ist ja keine Zucht, sondern eine Vermehrungs­station.“ Doch handeln wollte man nicht, wie ein Bericht über eine ÖZK-Vorstandssitzung im Herbst 2006 zeigt, in der die Problematik um Marksteiner diskutiert wurde. Demzufolge sei von einigen Funktionären versucht worden, Sanktionen gegen die Züchterin durchzusetzen. Doch Präsident Robert B. habe dies abgelehnt mit der Begründung, „dass es blöd wäre, Marksteiner mit Sanktionen zu belegen, weil sie mit ihren vielen Würfen das meiste Geld für den Klub bringt.“ B. meinte damit die sog. Eintragungsgebühr, die ein Zuchtverein für jeden Welpen seiner Züchter erhält. Umso mehr Welpen, desto höher auch die Einnahmen des Vereins.

Aber nicht nur der damalige ÖZK-Präsident, auch die Zuchtwartin des ÖZK soll die Zuchtstätte gemieden haben, wie u.a. aus dem WUFF vorliegenden Schreiben eines ehemaligen ÖZK-Mitglieds an den ÖKV hervorgeht. Danach soll die Zuchtwartin schon vor drei Jahren auf die Frage, warum sie die „schrecklichen Zustände“ in der Marksteiner-Zuchtstätte nicht überprüfe, sinngemäß gesagt haben: „Einen Teufel werd’ ich tun und einen Schritt in dieses Haus setzen, da hole ich mir ja alle möglichen Krankheiten in meine eigene Zucht.“  Mitte 2007 wird die Zuchtstätte von Marksteiner von ÖZK-Vorstandsmitgliedern als „Horror-Zwinger“ und Marksteiner als „Vermehrerin“ bezeichnet. Und im Jahre 2009 sollen vor Ort überhaupt keine Wurfabnahmen und Zuchtstättenkontrollen mehr durchgeführt worden sein. Wurfabnahmen hätten in Tierarztpraxen stattgefunden und einmal in der Wohnung einer Freundin Marksteiners, Erika H.

Viele wussten Bescheid

Nach außen hin mimte man im ÖZK stets „heile Welt“, obwohl von „heil“ bei Marksteiner schon lange ­keine Rede mehr sein konnte. Denn es beschwerten sich auch immer mehr Welpenkäufer beim ÖZK über Marksteiner-Hunde. Die Welpenübergaben fanden nicht in der Zuchtstätte Marksteiners statt, wie bei seriösen Züchtern üblich, sondern in Wohnungen in Wien oder – wie am 12. 12. 2006 – gar am Westbahnhof. Die Welpen seien in „erbärmlichem Zustand“ gewesen, man habe die Tiere nur noch aus Mitleid gekauft, erklären Welpenkäufer ziemlich übereinstimmend. Beschwerden und Kritik wurden jedoch vom ÖZK standhaft abgewehrt. Dies, obwohl auch private Tierärzte vom Zustand der Hunde entsetzt gewesen sein sollen. Letzteres  ist umso bedeutsamer, als die für Marksteiner zuständigen Amtstierärzte vor Ort angeblich immer alles in Ordnung befanden, ebenso wie die Tierärztin Barbara T.. „Klarer Fall von Freunderlwirtschaft“, hört man von Mitgliedern des ÖZK, „die Tierärztin Barbara T. ist ja mit der Marksteiner befreundet gewesen, zudem hat sie von ihr zwei Hunde“. Die Tierärztin dürfte auch die Impfungen bei den Marksteiner-Welpen durchgeführt und damit an der großen Hundezahl gut verdient haben, heißt es.

Jedenfalls zeigen alle WUFF vorliegenden Dokumente, dass  ÖZK-Vereinsfunktionäre über die katastrophalen Zustände der Marksteinerzucht schon jahrelang Bescheid wussten. Warum nicht gehandelt wurde, ist nach der schon zitierten Aussage des früheren ÖZK-Präsidenten Robert B. auch verständlich: Je mehr Welpen der Züchter hat, umso mehr Geld hat auch der Verein.

Zentrale Verantwortung der Zuchtwartin?
Häufige im Rahmen der WUFF-Recherche gehörte Aussagen decken sich mit dem Befund der renommierten Schweizer Papillon-Expertin und Züchterin Erika Bolt, die sagt: „Besonders zu kritisieren ist der Zuchtwart des Rasseklubs, denn er ist die verantwortliche Person für die Zuchtstätte.“ Da seien die „falschen Leute“ am Werk, sagt Bolt und bemüht in einem Bild den Vergleich mit den drei Affen: „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“. Zuchtwarte mit diesem Motto seien „verheerend für den Rasseklub und die Hunde“. Vom menschlichen Aspekt einmal ganz abgesehen, die Verantwortung für die Überprüfung der Hunde und der Örtlichkeiten eines Züchters hat der Zuchtwart. Dass dieser Aufgabe nicht nachgekommen wurde und damit Menschen- und Tierleid unnötig verstärkt und verlängert worden sein könnten, ist ein zentraler Kritikpunkt von Hundefreunden und Züchtern.

Und fast genauso groß sei der Skandal, dass Präsidentin und Zuchtwartin des Österreichischen Zwerghundeklubs noch immer auf ihren Posten sitzen, heißt es in Züchterkreisen in Österreich, Deutschland und der Schweiz. „Der Balkan beginnt beim ÖZK“, höhnen deutsche Züchter. Man begreift nicht, warum niemand im ÖZK die Verantwortung übernommen und dass es keine personellen Konsequenzen gegeben habe. Und dass vor allem die Zuchtwartin, die in österreichischen Züchterkreisen ohnehin eine nicht unumstrittene Person sei, weiterhin fest auf ihrem Posten sitze. Dass die Situation erst in den letzten Tagen und Wochen vor Marksteiners Tod entstanden sein soll, wie sich die ÖZK-Funktionäre rechtfertigen, steht im Widerspruch zur Chronologie der Ereignisse (siehe Kasten auf Seite 19). Und auch der Zustand der Hunde sei nach tierärztlichen Befunden nicht durch einen nur wenige Wochen andauernden Pflegemangel entstanden.

Die Kritik auch aus Züchterkreisen, ein Jahr nach dem Vorfall: Man habe nichts dazu gelernt, man decke sich gegenseitig, es gehe nur um Einfluss, Geld und Posten. Die  Zuchtwartin sei selbst eine Hundevermehrerin und habe dann auch noch die „Chuzpe“, aus dem Nachlass Marksteiners zwei Papillons zu entnehmen, um mit ihnen wahrscheinlich zu züchten. Besucht man die Homepage von Gabriele T., präsentiert sie tatsächlich analog zu den Homepages für ihre anderen Rassen, nämlich Chinese Crested und American Akita, auch ihre neuen Papillons „von der Schmetterlingswiese“.

„Alte Sünden werfen lange ­Schatten“
Wie denken nun ÖZK-Präsidentin und Zuchtwartin aus heutiger Sicht über das, was vor einem Jahr geschah? Mit Kritik konfrontiert, weisen beide Damen neuerlich jede Verantwortung von sich. Der ÖZK-Chefin kann man nach Meinung von Züchterkollegen zugute halten, dass sie einerseits erst einen Monat vor dem Tod Marksteiners Präsidentin wurde, und andererseits soll sie schon Jahre zuvor über die Zustände in der Marksteiner-Zucht schockiert gewesen sein und habe etwas ändern wollen. Dass die ÖZK-Präsidentin aber jetzt – von WUFF dazu befragt – davon nichts mehr wissen will, ist verwunderlich. Auf weitere Nachfragen meint sie dann doch, dass vielleicht die ­Ursachen in der Vergangenheit zu suchen seien, denn, „wie es bei meinen Vorgängern bestellt war, möchte ich nicht beantworten“, vielleicht liege das Problem Marksteiner dort verborgen, denn „alte Sünden werfen lange Schatten“, wie sie sagt. Aus dieser poetischen Diktion in gewöhnliche Prosa übersetzt, könnte es in etwa heißen, ­„meine Vorgänger sind schuld“.

Macht und Einfluss der Zuchtwartin
Und es gibt viele Vorgänger der ­jetzigen ÖZK-Chefin. Denn auffallend in diesem Zuchtverein ist ein – nach Angaben eines Funktionärs des ­Kynologenverbandes – „unüblich rascher Wechsel der Präsidenten und Vorstandsmitglieder“. Kaum übernimmt einer das Amt, tritt er auch schon wieder zurück – oder „wird zurückgetreten“. Nur eine Person sei immer präsent, heißt es, und dies auffallend stark: Die derzeitige Zuchtwartin und Züchterin Gabriele T.

Vorwürfe an den Dachverband ÖKV
Doch sieht sich nicht nur der ÖZK mit heftigen Vorwürfen über den Fall Marksteiner konfrontiert. Auch der als Dachverband des ÖZK zuständige Österreichische Kynologenverband (ÖKV) wird sowohl von Züchtern wie auch von Welpenkäufern hart kritisiert. Viele Züchter verlangen vom ÖKV, seine seriösen Züchter zu schützen, man würde sich mittlerweile schämen müssen, eine Zucht unter dem ÖKV-Logo zu betreiben. Es ­würde dem ÖKV mehr um die ­Quantität als um die Qualität von Welpen gehen, weil natürlich gerade „Großzüchter“ gutes Geld in die ÖKV-Kasse brächten. Dass als Preis dafür aber unseriöse Massenzüchter und Vermehrer unter dem Logo des ÖKV seriöse Züchter „mit in den Dreck ziehen“, interessiere den ÖKV nicht, heißt es.
Und Welpenkäufer wie Carola N., die 2006 von Marksteiner einen ­kranken Welpen am Wiener Westbahnhof gekauft hat, spricht gegenüber dem ÖKV von „Betrug am Kunden“. Man habe Marksteiner nur deswegen ausgesucht, weil man darauf vertraut habe, dass das ÖKV-Logo eine seriöse Zucht garantiere. In Wahrheit würde aber dieses ÖKV-Logo das Papier nicht wert sein, auf das es gedruckt ist. Dass dieses Vertrauen in den ÖKV nicht nur bei Welpenkäuferin Carola N. zerstört sein dürfte, liegt auf der Hand. 

ÖKV: Zahnlos und Hände gebunden?

An der für die österreichische Hundezucht wohl wichtigsten Position sitzt Mag. Heliane Maissen-Jarisch. Die gerichtlich beeidigte Sachverständige für Hundezucht führt das Zuchtreferat des ÖKV und ist damit sozusagen die oberste Zuchtchefin Österreichs. Ihre Stellungnahme zum Fall Marksteiner siehe untenstehenden Kasten. Im Gespräch mit WUFF-Herausgeber Dr. Mosser erklärt Mag. Maissen-Jarisch, dass sie selbst vom Fall Marksteiner erst erfahren habe, nachdem die Züchterin gestorben war. Der ÖKV würde außerdem nicht selbst Zuchtkontrollen durchführen, mit Ausnahme von Zuchtstätten, die ein spezielles Gütesiegel tragen. Auch habe der ÖKV ­keinerlei Einfluss auf die Bestellung oder Abberufung von Zuchtwarten, auch wenn diese problematisch agieren würden. Als eines der Hauptprobleme bezeichnet die ÖKV-Funktionärin die Untätigkeit einiger Amtstierärzte. Wenn ein Amtstierarzt Marksteiners Zucht für in Ordnung befindet, dann seien dem ÖKV die Hände gebunden, etwas zu unternehmen, so Maissen-Jarisch, denn der ÖKV habe keine Amtsgewalt.

Haben die Amtstierärzte versagt?

Der Verweis auf die Zuständigkeit von Amtstierärzten findet sich ­auffallend häufig in vielen Stellungnahmen. Immer wieder heißt es, die zuständigen Amtstierärzte von Mistelbach und Gänserndorf seien letztlich an allem schuld, wenn sie so offensichtliche Missstände in der Hundezucht als „in Ordnung“ bewerten. Warum diesen Amtstierärzten nicht aufgefallen sein soll, dass ein einzelner Mensch mit der Betreuung und der Pflege so vieler Hunde überfordert sein müsse, ist vielen unverständlich, genauso, warum schon 2006 knöchelhoher Schmutz im Haus Marksteiners von Amtstierärzten unbeachtet geblieben ist. Hat man vielleicht aus Rücksicht auf die Tierärztin und Freundin Marksteiners, Mag. Barbara T., lieber weggeschaut als zu handeln, fragen Insider. Und wie auch diese Tierarzt-Freundin Marksteiners die verzweifelte Situation der Züchterin und ihrer Hunde „übersehen“ konnte, bleibt unklar. In Züchterkreisen heißt es, dass sie am Impfen wohl gut verdient habe und hohe Welpenzahlen daher recht profitabel für sie gewesen sein ­dürften. Doch zu Marksteiners Zuchtstätte von WUFF zweimal befragt, gab sie zweimal keine Antwort. Und auch von der damals zuständigen Amtstierärztin Dr. Silvana H. kam über die derzeitige Amtstierärztin des Bezirks Gänserndorf, Dr. Barbara Gleiß, die Reaktion, dass „aus ­Gründen der Amtsverschwiegenheit keine Auskünfte erteilt werden“ können. Dass solches Schweigen die Vorwürfe gegen die im Fall Marksteiner zuständig gewesenen Tierärzte aber nur umso mehr erhärten könnte, liegt auf der Hand.

Daher fordern nun Hundefreunde immer stärker eine nachträgliche behördliche Untersuchung und Aufklärung des Falls Marksteiner, einige überlegen sich sogar die Einreichung einer „Amtshaftungsbeschwerde“. Doch ist davon auszugehen, dass die Behörde nach Erscheinen ­dieser Reportage wohl selbst Interesse haben wird, die Angelegenheit und die Zusammenhänge aufzuklären. WUFF wird weiter darüber berichten.

Amtstierärzte an der Nase ­herumgeführt?

Dass es aber prinzipiell mit den Aufgaben und Kompetenzen von Tierärzten bei Wurfabnahmen und Amtstierärzten bei Kontrollen nicht so weiter gehen sollte wie bisher, zeigt ein relativ aktueller Fall aus 2010, der WUFF berichtet wurde. Demnach sei die Zuchtstätte der Zuchtwartin des ÖZK, Gabriele T., aufgrund einer anonymen Anzeige selbst Gegenstand einer amtstierärztlichen Kontrolle gewesen. Wie Gabriele T. selbst mehreren Personen berichtet haben soll, habe ihr der Amtstierarzt den Termin seiner Kontrolle telefonisch angekündigt. Dann habe der Veterinär lediglich die Hunde in ihrem Wohnhaus begutachtet. Dass sich die Mehrzahl der Hunde in einem Wirtschaftsgebäude auf dem Grundstück hinter ihrem Haus befindet, habe der Amtstierarzt gar nicht bemerkt, soll die Züchterin erheitert erzählt haben. Vielleicht lustig für die „kontrollierte“ Züchterin, aber ein weiteres Beispiel für die Bedeutungs- und Zahnlosigkeit amtstierärztlicher Kontrollen bei Züchtern. Und dass der nächste Fall Marksteiner schon bald passieren könnte, wird ebenfalls in Züchterkreisen offen diskutiert. Genannt wird der Fall einer Windhundezüchterin mit zahlreichen Barsois.

Das ganze System ist eine ­Katastrophe
Es dürfe nicht sein, sagen Kenner der Hundeszene, dass die Zukunft der österreichischen Rassehundezucht in der Hand von Personen liegt, die selber eher Vermehrer als seriöse Züchter seien, oder in den Händen von Amtstierärzten, die entweder aus Desinteresse, mangelnder Kompetenz oder Freunderlwirtschaft solche Zustände decken. Wenn eine Massenzüchterin die andere „kontrolliert“, wenn Amtstierärzte solche für viele offensichtlich katastrophalen und tierschutzrelevanten Bedingungen als normal bezeichnen, und wenn dadurch dem Züchterdachverband ÖKV nach eigenen Aussagen die ­Hände gebunden sind, dann ist das ganze ­System eine Katastrophe und gehört grundlegend reformiert, ist eine der Schlussfolgerungen aus den vorliegenden Informationen über den Fall Marksteiner.

Letztes Vermächtnis für die Tiere

So wie das im Herbst fallende Laub Nahrung ist für das Entstehen ­neuen Lebens, so könnte auch der Tod von Helga Marksteiner doch noch von Bedeutung für die Hundezucht sein. Tierschützerin Brigitte Höss-Filipp über die verstorbene Züchterin: „Vielleicht ist gerade das ihr letztes Vermächtnis, dass jetzt etwas in Gang gesetzt wird, um endlich etwas für die Tiere zu unternehmen.“ Ein Jahr nach dem Tod Marksteiners scheint aber bei ÖZK, ÖKV und Amtstierärzten noch nicht viel unternommen worden zu sein.

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