Im Fokus: Der English Bulldog

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Folgt man der landläufigen Historie des Bulldogs, fängt seine Genese mit den Molossern aus Epirus, dem Nordwesten Griechenlands, an. Diese vor allem bei Feldherren beliebten Hunde, die bei vielen Kriegszügen ihre Vorzüge unter Beweis stellten, fanden als Handelsgut rasch neue Abnehmer im gesamten Mittelmeerraum und darüber hinaus. Man sagt, dass die Handelsfürsten der Phönizier sie bereits im 6. Jahrhundert auch nach England importierten, wo sie sich mit einheimischen Schlägen vermischten. Manche Experten gehen davon aus, dass eine Paarung überwiegend mit den bereits von den Kelten auf die Insel gebrachten doggenähnlichen Hunden erfolgte. Abseits weiterer Hypothesen macht diese Erklärung am meisten Sinn, da davon ausgegangen werden kann, dass der wertvolle Hund kaum mit den Bastarden der Landbevölkerung intimen Austausch treiben durfte und sich mutmaßlich allenfalls mit den bereits etablierten Hofdoggen paarte. Das Ergebnis muss die Besitzer überzeugt haben, denn wenn auch die Konstitution des Hundes im Laufe der folgenden Jahrhunderte noch beträchtlich variieren sollte, stand der Einsatzbereich des späteren britischen Nationalhundes sehr früh fest: Der Bulldog war ein Packer und somit in erster Linie für die Jagd gebräuchlich.

Während er demgemäß zu jenen Zeiten noch über die Physis eines Laufhundes verfügen musste – historische Stiche und Zeichnungen zeigen einen Hund, der dem Boxer des heute in Deutschland gezüchteten filigranen Typs entsprach – , entwickelte sich mit zunehmender Urbanisierung im Mittelalter ein neues Einsatzfeld für den kompromisslosen Draufgänger: Spiele für das Volk.

„Optimiert" für den Bullenkampf
In der Tradition der römischen Spektakel vergnügte man sich in den Dörfern und Städten der Insel nun am „bullbaiting", bei dem der Hund einen Stier an der Nase zu packen hatte und seine „gameness", also die Summe seiner für einen unterhaltsamen Kampf benötigten Attribute, unter Beweis zu stellen hatte. Damit einhergehend veränderte sich das Aussehen des Hundes allmählich. Man optimierte den Bulldog für den Bullenkampf und züchtete eher kleine bis mittelgroße Hunde mit einer Progenie (Vorbiss) heraus, die ihm wegen der zurückgesetzten Nase gestattete, ungehindert weiterzuatmen – auch wenn er in den Nasenspiegel des Bullen verbissen war. Daneben bekam er eine fassförmige Brust und weit auseinander stehende Vorderbeine verpasst, die ihm ein für die Zwecke dienliches Standvermögen verliehen. Durch sein nach hinten abfallendes Gebäude verlagerte sich sein Körperschwerpunkt nach vorne.

Vom Aussterben bedroht
Über viele Jahrhunderte musste der Hund sich nun an Stieren aber auch anderen wehrhaften Tieren messen, bis dieser Blutsport immer unpopulärer wurde. Die neuzeitlichen Prinzipien der Aufklärung zeigten erste Wirkung, und zumindest in bürgerlichen Kreisen war das blutige Treiben nicht mehr en vogue. Lange bevor das House of Commons, das englische Parlament, die Tierkämpfe im Jahr 1835 unter Strafe stellte, verlagerte sich bereits das zweifelhafte Vergnügen des Tierkampfes in verborgene Örtlichkeiten und vor allem auf den Kampf Hund gegen Hund. Die hierzu prädestinierten neuen Rassen wurden aus der Melange von Bulldog mit Terriern geschaffen, und der English Bulldog drohte darüber auszusterben.

Davon ausgehend, dass der Bulldog unter Viehzüchtern und Schlachtern Anhänger hatte, die mit weniger aggressiven Exemplaren arbeiteten, lässt es sich erklären, dass dennoch eine überschaubare Anzahl Bulldogs für eine neue Zuchtbasis bereit stand, die mit dem allmählichen Aufkommen der Hundeklubs und Championats-Ausstellungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für ausstellungstaugliche Hunde sorgte.

Vom Gladiator zur Schönheitszucht …
Das Ansehen des English Bulldog stieg, und die Menschen waren fasziniert davon, dass der einstige Gladiator sich zu einem reizenden Burschen wandelte, dem es dennoch nicht an kämpferischen Tugenden mangelte, diese aber mit dem hypertrophen Aggressionsverhalten der für den Kampf gezüchteten Hunde nichts mehr zu tun hatten. Dennoch muss der Anfang der Schönheitszucht in weiten Teilen auch als das Ende der körperlichen Integrität des Bulldogs bezeichnet werden, denn von nun an ging es gesundheitlich bergab für den Engländer: zu schwer, zu breit, zu kurzschnäuzig, zu viele Falten, zu großer Kopf etc..

Der gesundheitliche Status quo des Bulldogs lässt sich exemplarisch im Ausstellungsring der Hundeverbände bestimmen. Zwar weist die Welpenstatistik des VDH für das Jahr 2005 lediglich 81 Geburten innerhalb des ACEB (dem deutschen Zuchtverein) aus – eigentlich eine Marginalie, doch in Anbetracht der ideologischen Marktstellung liegt gerade in der Verbandspolitik der Hund begraben.

An dieser Stelle im Einzelnen auf die Bulldog-typischen Krankheiten einzugehen, sprengt den Rahmen. Jedoch kann vorausgesagt werden, dass vor allem die English Bulldog-Zwinger zu den ersten gehören werden, die im Rahmen des Vollzuges der Qualzuchtgesetze mit Zuchtverboten belegt werden – vorausgesetzt die Exekutivorgane vollziehen auch. Vor diesem Schritt jedoch ist es nötig, eine Qualzucht auch bei den Behörden anzuzeigen, denn das im Jahr 1999 veröffentlichte Gutachten zur Qualzucht, das den English Bulldog an vielen Stellen erwähnt und vom damaligen Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Auftrag gegeben worden war, hat keine rechtsverbindliche Wirkung für die Züchter. Zu einer Musterklage prädestiniert wäre vor allem der Deutsche Tierschutzbund, der allerdings im siebten Jahr nach der Veröffentlichung des Gutachtens anscheinend noch auf die Einsicht der angesprochenen Züchter zählt. Die heutige Situation jedoch lässt hierauf kaum hoffen.

… und zum degenerierten Wesen
Zwar behaupten die Vereinszüchter unisono, dass der Zuchtfokus vor allem auf der Gesundheit des Hundes liege, die prämierten English Bulldogs jedoch weisen Anomalien auf, die den eigentlichen Kraftmeier zu einem degenerierten Wesen verkehren.

Wenn wir uns die Frage nach den Motiven für die Übertypisierung stellen (der offizielle Rassestandard zeichnet einen völlig anderen Bulldog), sind wir auf Interpretationen angewiesen, denn bei direkter Befragung der Verantwortlichen wird man niemals hören, dass bspw. die limitierten Respirationsfähigkeiten des Bulldogs etwas mit der angezüchteten, stark reduzierten Hals-/Rachen- und Schnauzenpartie zu tun haben. Eine weiterführende Stellungnahme hierzu ist mir von Seiten des ACEB nicht bekannt.

Während manche Kritiker eine Profitorientierung ins Feld führen und der Meinung sind, die Übertypisierung bedeute mehr Hund gleich mehr Geld, denke ich, dass die Motive andere sind. Es geht hier wohl zum Großteil erschreckenderweise tatsächlich überwiegend um Geschmacksfragen. Anders lässt sich in Zeiten des öffentlichen Diskurses und veterinärmedizinischer Gutachten, die eine Qualzucht belegen, das nonkonforme Verhalten der Züchter nicht erklären. Das Fatale an der derzeitigen Entwicklung ist, dass sich viele Bulldogzüchter gegen eine dringend durchzuführende Optimierung sperren und eine Art konspirativen Zirkel bilden, an dem sämtliche Kritik abprallt – und dies in stark zunehmendem Maße. Dass dies vom Dachverband unterstützt wird, ist nicht verwunderlich sondern folgerichtig, da es sich beim VDH um eine Institution handelt, die in allererster Linie die Interessen ihrer Klientel durchsetzt. Ein gedanklicher Ausflug zu Basset, Mops & Co. unterstreicht dies sehr deutlich.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die im Verband verbliebenen Züchter gesunder Linien – wie viele vor ihnen – verabschieden und sich einer Zucht ohne VDH-Siegel widmen, da die interne Opposition auf Dauer ermüdend ist und die Nichtberücksichtigung bei den Prämierungen zermürbt.

„Rückzüchtung" oder neue Rasse?
Daneben gibt es aber auch eine erkleckliche Anzahl Bulldog-Freunde, die sich gar der Zucht einer neuen Bulldog-Rasse verschrieben haben. Deren Anfänge reichen in die 1970er Jahre hinein, als ein gewisser David Leavitt aus Pennsylvania in den USA Rassen wie den Bullmastiff, American Bulldog und andere, wohl auch den Pitbull Terrier, in den English Bulldog einkreuzten. Das Ergebnis, der „Olde English Bulldog", kam dem Trachten des amerikanischen „breeders", einen arbeitsfähigen Gebrauchshund ähnlich dem English Bulldog vergangener Zeiten zu züchten, sehr nahe. Bereits 1975 wurde der Standard für den OEB definiert, das Zuchtbuch eröffnet und keine weiteren Einkreuzungen mehr gestattet. Den Aussagen der OEB-Züchter nach ist der Hund keine neue Rasse, sondern eine Rückzüchtung zum Ursprung der alten englischen Bulldogge. Auch wenn es keine Rückzüchtungen im engeren Sinne gibt, kommt der Olde English Bulldog dem einstigen Arbeits- und Gebrauchshund sehr nahe, ohne zu viele Charaktereigenschaften des English Bulldog eingebüßt zu haben.

Der Popularität der schön anzuschauenden Hunde schadet dies jedoch nicht, und 1995 gründete man den internationalen Verband „International Olde English Bulldogge Association", unter dem sich nach und nach nationale Vereine formieren. Der Olde English Bulldog wird heute in nicht wirklich überschaubaren Linien gezüchtet, was seiner Gesundheit allerdings nicht unbedingt schadet.

„Continental Bulldog": In der Schweiz offiziell anerkannt
Erwähnenswert scheint mir an dieser Stelle auch die im Jahr 2004 erfolgte Gründung des „Continental Bulldog Club Schweiz" zu sein, die u. a. auf die Initiative der renommierten Schweizer Züchterin Imelda Angehrn zurückzuführen ist. Als langjährige Züchterin des English Bulldog bat sie – nach eigener Aussage wegen verschärfter eidgenössischer Tiergesetze und Zuchtbestimmungen – um die Gestattung eines Zuchtprogramms innerhalb der Schweizerischen Kynologischen Gesellschaft.

Bestand das Trachten von Frau Angehrn zunächst darin, die Substanz ihrer English Bulldogs durch das Einkreuzen von Olde English Bulldog-Blut zu verbessern, stellte sich heraus, dass nach den drei von der SKG gestatteten Mischlingsgenerationen der Phänotyp des English Bulldog nicht mehr zu erhalten sei. Das Zuchtprogramm lief auf eine neue Rasse hinaus: Der „Continental English Bulldog" war kreiert. Bis Ende 2005 wurden 73 Würfe mit 409 Welpen ins Anhangregister des Schweizerischen Hundestammbuches eingetragen. Verläuft das Programm weiterhin den Erwartungen entsprechend, kann davon ausgegangen werden, dass einer zunächst provisorischen Anerkennung durch die FCI nichts im Wege stehen wird.

Daneben existieren viele Neu-Rassen, die das Wort „Bulldog" im Namen führen. Jedoch erscheint es fraglich, ob der originäre Sinn auch der genannten Züchtungen darin besteht, den English Bulldog vergangener Zeiten zu „reanimieren" oder vielmehr Kreativität und Züchtergeschick nur in eine ähnliche Richtung zu lenken.

Lobbying für gesunden Bulldog
Der „Verein der Freunde Englischer Bulldoggen e. V.", 1980 von Dr. Deermann, einstmals erster Vorsitzender des ACEB, zusammen mit weiteren, ebenfalls aus dem VDH-Klub ausgetretenen Züchtern und Funktionären gegründet, sieht seine Hauptaufgabe eher in der Lobbyarbeit zugunsten eines gesunden Typs des English Bulldog, für den noch genug Potential vorhanden sei. Die in meinen Augen äußerst sympathische Vereinszielsetzung und Vorgehensweise beinhaltet vor allem Aufklärungsarbeit und die Unterstützung züchterischer Bemühungen um die Gesundheit des Bulldogs. Der Verein unternimmt keine Kaufvermittlung und formuliert seine Kritik gegenüber den Verhältnissen angenehm differenziert.

Es ist davon auszugehen, dass der ansteigende Druck von außen in absehbarer Zeit in rechtlichen Schritten münden wird, doch prinzipiell könnte dem Unwesen der Züchter – und das gilt nicht nur für den English Bulldog – ein sehr schnelles Ende gesetzt werden.

Verantwortung der Hundehalter: Nachfrage bestimmt Markt
Wie so oft, wird von vielen Menschen kritisiert, dass der Staat zu wenig tue, um der Qualzucht vorzubeugen. Fakt jedoch ist, dass auch der Absatz der „Ware" Eng-lish Bulldog regulären Marktgesetzen unterliegt. Sofern es keine Nachfrage nach den missgebildeten Exemplaren der Rasse gibt, werden diese auch nicht gezüchtet. Das Hauptaugenmerk sollte demgemäß vor allem darauf liegen, die an diesen Hunden interessierten Menschen über die mit dem Erwerb verbundenen moralisch-ethischen, finanziellen und die Tierquälerei unterstützenden Aspekte aufzuklären, ganz abgesehen von den Konsequenzen einer Partnerschaft mit nichts anderem als einem zeitlebens behinderten Hund.

Auslaufmodell für ignorante Nostalgiker?
Ein English Bulldog aus gesunder Linie ist immer noch kein Athlet, der einem Sportler als Trainingspartner zur Verfügung stehen könnte. Eine Mindestvoraussetzung jedoch muss er erfüllen: Zumindest einen täglichen Spaziergang von einstündiger Dauer in moderatem Tempo sollte jeder gesunde Wolfsabkömmling absolvieren können. Kann er dies nicht, weil er „serienmäßig" zu schwer gebaut oder Gliedmaßen oder Atmungsorgane dies nicht zulassen, so gebe ich zu bedenken, dass allein dies den moralischen Tatbestand der Qualzucht erfüllt. Addiert sich die Unfähigkeit zur Bewegung noch mit den Veranlagungen zu zahlreichen Erbkrankheiten, so scheint mir das Gros der English Bulldogs in ihrer heutigen Gestalt als ein Auslaufmodell für ignorante Nostalgiker.

Rettung jedoch naht aus den Vereinigten Staaten, deren Welpenzahlen die unsrigen um ein Vielfaches übersteigen. Angesichts einer geradezu lächerlich kleinen Zuchtbasis in Mitteleuropa, wären die Erfolgsaussichten auch bei einer sofortigen Kehrtwende in Richtung Gesundzucht nicht zwangsläufig erfolgreich. Bezieht man zukünftig jedoch gesunde Linien aus den USA in entsprechende nationale Zuchtprogramme ein, so könnte es für die Erhaltung der qualitativ bestandsgefährdeten Rasse noch nicht zu spät sein.

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