Indiens Hunde – Was können wir von ihnen lernen?

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Wenn Hundepsychologe Thomas Riepe auf Reisen geht, muss es mit Hunden zu tun haben. Und tatsächlich, der Autor vieler WUFF-Artikel hat bei seinem Aufenthalt in Indien im ­Oktober des Vorjahres Hunde studiert und im ­Besonderen auch das Verhältnis der Inder zu Hunden. Seine scharfen Beobachtungen haben zu interessanten Erkenntnissen geführt, die vielleicht auch für Ihr Verhältnis zu Ihrem Hund nützlich sein können.

Indien ist ein Land, das sich nur schwer beschreiben lässt. Zu mannigfaltig sind die Menschen und die Umstände, unter denen sie leben. Sobald man nach der Ankunft das Flughafengebäude hinter sich gelassen hat, betritt man im wahrsten Sinne des Wortes eine fremde Welt. Nicht nur der Straßenverkehr, für den es keine Regeln zu geben scheint – die gesamte Kultur, der Umgang der Menschen unter­einander, der Umgang mit Tieren, das tägliche Ver­halten, alles ist anders. Doch es waren weder die Menschen noch das so vielfältige und interessante Land an sich der Grund, warum ich im Oktober 2011 Indien besuchte. Wie sollte es anders sein, mein Augenmerk liegt bei Reisen in andere ­Kulturen immer auf den Hunden dieser Länder. So wollte ich in Indien im Besonderen etwas über die Beziehung zwischen Menschen und Hunden erfahren, um mich einer ­speziellen Frage anzunähern: Welche Form des Zusammenlebens ­zwischen Mensch und Hund bereitet die geringsten ­Probleme? Natürlich ist dabei zu berücksichtigen, dass ­Problemempfinden subjektiv ist.

Obwohl Indien, wie erwähnt, anders ist als Europa, eignet
es sich nach meiner Meinung perfekt, um etwas über ­Hunde und deren Bedeutung für Menschen im Allgemeinen zu erfahren. Um das zu verstehen, schauen wir uns zunächst einmal an, welche Arten von Hunden es dort gibt. Und damit meine ich nicht Rassen, sondern die Art und Weise, wie die Hunde dort leben.

Haushunde in Indien

Da sind zunächst die Haushunde, so wie man sie auch bei uns findet. Sie leben sehr eng bei ihren Familien und ­werden, weil es in der Hektik der indischen Umwelt und des Straßen­verkehrs nicht anders möglich ist, an der Leine geführt. In den meisten Fällen sind es Rassehunde, häufig britische Rassen, wohl in der gemeinsamen Geschichte Indiens und Großbritanniens begründet. Aber auch alle anderen Rassehunde kann man in Indien finden. So werden die Grund­stücke von reichen Indern oft von Dobermännern und Rottweilern bewacht, während die jungen Mädchen der Großstädte auch schon einmal einen Zwergspitz in ihrer Handtasche herumtragen.

Obwohl der Spitz in der Tasche und der Dobermann auf dem Villengrundstück auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben, zähle ich sie hier doch einmal zu der Gruppe der Haushunde. Dies deswegen, weil diese Hunde auch in Indien mit einem Leben konfrontiert sind, das sehr eingeschränkt und von Regeln gekennzeichnet ist. Sehr häufig werden diese Haushunde auch in irgendeiner Form trainiert, sie werden erzogen.

Straßenhunde

Eine weitere Art Hunde, denen man in Indien praktisch an jeder Ecke begegnet, sind Straßenhunde. Und gerade diese Hunde machen Indien für mich besonders interessant. Diese indischen Straßenhunde sind nicht einfach nur ­verwilderte Haushunde wie z.B. in den süd- oder osteuropäischen ­Ländern. Nein, obwohl sich heute auch moderne Rassen mit den Straßenhunden vermischen, sind indische Straßenhunde zum großen Teil noch ursprüngliche Hunde. Sie sind Nachfahren von Hunden, die seit vielen Tausenden von Jahren nahe beim Menschen leben, auch mitten unter den Menschen, jedoch weder einer bestimmten Person zugeordnet sind noch jemals gezielt selektiert bzw. gezüchtet werden. Natürliche Selektion und Anpassung sind es, die ihnen das Überleben erlauben.

Bauernhunde

Die dritte von mir ausgemachte Hundeart Indiens könnte man unter den Begriffen „Bauernhunde" oder „Laden- oder Hofhunde" zusammenfassen. Gemeint sind damit Hunde, die direkt einer Familie, einem Bauernhof oder etwa einem Laden oder Geschäft zuzuordnen sind. Sie haben dort ihr Zuhause, werden dort gefüttert und leben mehr oder ­weniger eng mit ihren Menschen zusammen. Diese Hunde sind oft durch ein Halsband gekennzeichnet, werden aber nie an einer Leine geführt und genießen keinerlei gezielte Ausbildung oder Erziehung.

Zusammenfassend lassen sich in Indien – grob orientierend – also drei Arten von Hunden bzw. Hundeleben aus­machen: Erzogene Haushunde, freie Straßenhunde und nicht er­zogene Hofhunde.

Unterschiedliches Leben

Lassen Sie uns kurz auf das Leben dieser drei beschriebenen Arten eingehen. Die Haushunde leben eigentlich nicht wesentlich anders als die Haus- und Familienhunde bei uns. Sie dürfen nicht frei über ihr Leben entscheiden, sie dürfen nur das machen, was ihnen explizit erlaubt wird – und das ist nicht immer das, was der Tierart Hund entspricht. Die Hunde werden also so ausgebildet, dass sie „funktionieren" und sich möglichst angepasst und fehlerfrei in der menschlichen Gesellschaft bewegen. Natürlich an einer Leine, weil man ihnen nicht beibringen kann, sich im Vekehrschaos zu bewegen.

Sich fehlerfrei in der menschlichen Gesellschaft und in der menschlichen Umgebung bewegen können sich ­hingegen alle Straßenhunde. Könnten sie dies nicht, würden sie nicht lange überleben. Straßenhunde sind ­freundlich bis ­distanziert zu Menschen, sie meiden die direkte ­Konfrontation, den Konflikt mit dem Menschen fast vollständig, bewegen sich aber sehr geschickt zwischen ihnen. Und sie bewegen sich sogar recht geschickt im Straßenverkehr. Natürlich werden Hunde überfahren, aber wenn man die Anzahl von Fahrzeugen und Hunden in Indiens Städten und Orten bedenkt, ist die Zahl der Unfälle im Verhältnis sicher geringer als man erwarten würde.

Ich wollte einmal eine Straße in Delhi überqueren, was mir nicht gelang, weil ich einfach nicht den Mut hatte, mich in diesem Chaos an Fahrzeugen und Menschen hindurchzuschlängeln. Während ich also auf eine Lücke im Chaos wartete, überquerten einheimische Menschen und Straßen­hunde die Straße so, als wäre dort kein Verkehr. Echte ­Straßenhunde bewegen sich also souverän in der mensch­lichen Umgebung, dies ohne jegliche Erziehung.

Bauernhunde

(zur Vereinfachung fasse ich die Hof-, Laden- und Bauernhunde einmal unter diesem Begriff zusammen) werden zwar auch nicht gezielt erzogen oder ausgebildet, lernen aber aufgrund der Hunden angeborenen sozialen Fähigkeiten und ihrer Anpassungsfähigkeit, welche Regeln man im Zusammenleben mit Menschen beachten sollte, um ein entspanntes Leben zu führen. Sie beobachten viel und lernen dadurch, was gefährlich ist und was nicht. Sie erkennen, wie und wo sie ihren Vorteil finden und wie man ohne große Probleme durchs Leben kommt. Eine echte Erziehung genießen sie nicht.

Dicke Haushunde, gesunde Bauernhunde

Wenn man von diesen drei Hundegruppen der indischen Gesellschaft spricht, sollte man die gesundheitlichen ­Aspekte der einzelnen Tiere nicht außer Acht lassen. Was dabei auffällt ist, dass Haushunde durchaus medizinische Betreuung genießen und auch auf kommerzielles Hunde­futter zurückgegriffen wird, die Hunde jedoch sehr oft r­elativ dick sind. Eine Folge des tristen Lebens an kurzer ­Leine mit nur kurzen Gassigängen. Und wohl auch deshalb, weil Haushunde meist bei Menschen leben, die mehr Geld verdienen als der durchschnittliche Inder und die es besonders gut mit den Tieren meinen. Gutes Futter und gutes Training. Und dicke Hunde als Ergebnis, mit allen bekannten gesundheitlichen Folgen.

Echte Straßenhunde hingegen brauchen sich um ihre Figur keine Sorgen zu machen – im Gegenteil natürlich. Ihr Futter besteht im Prinzip aus den Resten und dem Müll der menschlichen Gesellschaft. Wenn man sich in Indien die Müllberge anschaut, ist Nahrung für die Hunde offensichtlich ausreichend vorhanden. Allerdings lässt natürlich die Qualität zu wünschen übrig, Krankheitserreger werden sozusagen gleichzeitig mit aufgesammelt. Außerdem ist der Konkurrenzdruck unter den Hunden recht groß, sodass viele Tiere ständig einem hohen Stresslevel ausgesetzt sind. ­Räude und Hauterkrankungen sowie Erkrankungen des Bewegungsapparats sind bei Straßenhunden weit verbreitet.

Interessant zu beobachten ist die Tatsache, dass Bauernhunde, die häufig direkten Kontakt zu Straßenhunden haben, selten an z.B. Räude oder Hauterkrankungen leiden. Wohl einfach deswegen, weil diese Hunde durch Reste des Essens ihrer Besitzer meist besser genährt sind und auch weniger Stress haben. Räudemilben haben bei einem gesunden, ­normal genährten Organismus nämlich schlechtere Karten. Insgesamt schnitten die Bauernhunde bei der Betrachtung des gesundheitlichen Gesamteindrucks am besten ab.

Bei der Gesundheit liegen indische Bauernhunde also vor Haushunden und Straßenhunden. Es gibt allerdings einen Punkt, bei dem Bauernhunde deutlich hinter den anderen Gruppen liegen. Dann nämlich, wenn es um Probleme geht, die Hunde in Indien den Menschen bereiten.

Kaum Probleme mit den Straßenhunden

Da es eines der Hauptanliegen meiner Reise war, heraus­zufinden, zu welchen Problemen es zwischen Menschen und Hunden in einem so überbevölkerten Land kommen kann, habe ich viele Inder darüber befragt. Haushunde­besitzer, Menschen auf der Straße ohne direkten Hunde­bezug, Bauern und Ladenbesitzer mit Hunden usw. Oft konnte ich ein gewisses Unverständnis bis hin zu starken Zweifeln an meinem Verstand erkennen. Für so viel Interesse an Hunden bringen viele Inder nur wenig Verständnis auf. Trotzdem waren die meisten Befragten gern bereit, mir Auskunft zu geben.

So zeigte sich deutlich, dass Probleme zwischen Menschen und Hunden speziell einer Hundegruppe zugeordnet werden konnten: Den Haushunden. Berichte über Beißunfälle oder Beschwerden über das Hundeverhalten kamen hauptsächlich von den Menschen, die einen Haushund besitzen. So wurde häufig über Probleme der Leinenführigkeit, über Leinenaggressionen gegenüber anderen Hunden, aber auch „dreistes Verhalten" (wie Anspringen, Fordern etc.) im Haus und im täglichen Leben berichtet. Interessant ist dabei der Umstand, dass diese Hunde in über der Hälfte der berichteten Fälle – nach Aussage ihrer Besitzer – von Trainern erzogen wurden.

Probleme zwischen Straßenhunden und Menschen waren hingegen nach den Aussagen der meisten Inder eher gering. Menschen und Straßenhunde halten im ­Allge­meinen einen gewissen respektvollen Abstand zueinander, man lebt ­sozusagen nebeneinander her. Probleme gibt es, wie mir gesagt wurde, in erster Linie dann, wenn diese ­Hunde etwas stibitzen, sich blitzschnell Nahrung z.B. aus Geschäfts­auslagen stehlen. Zu Beißunfällen kommt es in der Regel nur, wenn Tollwut im Spiel ist. Verhaltensbedingte Konflikte ­zwischen Straßenhunden und Menschen waren selten zu sehen – zumindest äußerte dies niemand mir gegenüber.

Noch weniger Probleme hatten die Menschen mit ihren „Bauernhunden". Ernsthafte Probleme oder Auseinandersetzungen kommen zwischen diesen Hunden und Menschen anscheinend nicht bzw. nicht oft vor.

Als vorläufiges Fazit meiner Reise zu den indischen Hunden kann ich also festhalten, dass relativ frei lebende, kaum erzogene Hunde den Menschen praktisch keine Probleme bereiten, während mit zunehmender Erziehung und Aus­bildung auch die Probleme in vielfältiger Weise zunehmen.

Erziehung

Mit diesen Zeilen möchte ich natürlich nicht behaupten, dass Hunde nicht erzogen werden sollen und sich bei ­fehlender Ausbildung alle Probleme in Luft auflösen. Das wäre sträflich falsch. Wie schon eingangs erwähnt, ist Indien eben anders, nicht wirklich mit Europa bzw. Mitteleuropa zu vergleichen. In unserer absolut geordneten Welt geht es nicht mehr ohne Regeln im Umgang mit dem Hund. Eine gewisse Grunderziehung für Hunde in unseren Gesellschaften ist daher meiner Meinung nach unerlässlich. Allerdings sollte man es damit auch nicht übertreiben. Hunde haben so viele Fähigkeiten, sei es im sozialen Kontext oder sei es die Anpassungsfähigkeit an sich. Und diese Fähigkeiten sind der Hauptgrund, warum Menschen und Hunde überhaupt zusammen existieren können. Erziehung hat offensichtlich einen wesentlich geringeren Anteil an unserem Verhältnis zum Hund als wir gerne in unserer menschlichen Selbstüberschätzung zugeben.

Also, natürlich müssen Hunde bei uns erzogen werden, wir sollten es aber nicht übertreiben und auch mal Vertrauen in die geschilderten Fähigkeiten der Hunde haben. Vielleicht einfach mal wieder dazu übergehen, Hund einfach Hund sein zu lassen…

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Thomas Riepe ist Hunde­psychologe, Referent und Autor von Fach­büchern zum Thema Hunde­artige. Den Schwerpunkt seiner Arbeit als Hunde­psychologe hat er auf die Verbesserung der Kommunikation zwischen Mensch und Hund gelegt, sowie auf Resozialisierung von ­Hunden, die durch menschliches Fehlverhalten ausgelöste, über­steigerte Aggressionen zeigen.

Kontakt: Tel. +49 172 9491766
   www.riepehunde.de

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