Ist das Überleben in manchem Tierheim reine „Glückssache?“

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Warum musste Rosa sterben?
Mehrfach stellte nicht nur WUFF die Frage: „Warum musste Rosa sterben?“ (Artikel nachzulesen auf http://www.wuff-online.com). Nun, da die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Lübeck das Ermittlungsverfahren gegen die Beschuldigten in den Fällen Rosa und Pascha wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz „zwingend einstellen musste“ und die Gründe dafür in einem persönlichen Schreiben an WUFF-Redakteurin Iris Strassmann ausführlich darlegte, kann diese Frage beantwortet werden. (Auszüge siehe Kasten)
Rosa musste sterben, weil sie das Pech hatte, als Fundtier im Lübecker Tierheim zu landen, das die Hündin töten ließ, ohne sich an die eigene Tierheimordnung zu halten, die vor einer eventuellen Euthanasie eines Hundes Therapieversuche vorschreibt, zumal das Gutachten der Verhaltensexpertin Dr. Schöning nicht die Tötung Rosas empfahl, sondern lediglich eine Vermittlung der Hündin zum damaligen Zeitpunkt ausschloss. Da diese Tierheimordnung jedoch eine interne Vereinbarung innerhalb des Deutschen Tierschutzbundes (DTB) und seiner ihm angeschlossenen Vereine darstellt, entziehen sich Verstöße gegen sie einer strafrechtlichen Verfolgung.

Was ist zu tun?
Der DTB ist aufgefordert, die Tötung der beiden Hunde Pascha und Rosa gründlich zu untersuchen und Maßnahmen zu ergreifen, damit sich solche und ähnliche skandalöse Vorgänge weder in Lübeck noch in anderen Tierheimen wiederholen können. Auf eine diesbezügliche Anfrage des WUFF-Herausgebers Dr. Mosser teilte der DTB-Präsident Wolfgang Apel mit, dass in seinen Augen das TH Lübeck korrekt gehandelt habe. Der selben Meinung ist auch der Geschäftsführer Gerd Fischer.
Die umfangreichen Recherchen von WUFF im Fall Rosa haben jedoch ergeben, dass die Tötung der Hündin nach unseren Erkenntnissen und denen anderer Gutachter ohne vernünftigen Grund erfolgte, auch wenn die o.a. Expertin die Tötung Rosas durch ihre nachträgliche Aussage, die über ihr damaliges Gutachten hinausgeht, gerechtfertigt erscheinen lässt und damit eine Anklageerhebung verhinderte.

Bittere Erkenntnis
Und so bleibt nach der Einstellung des Ermittlungsverfahrens die bittere Erkenntnis, dass zwangsläufig jeder Tierheim-Hund getötet werden kann, wenn denn das Tierheim das so will. Denn kein Gutachter der Welt wird eine zukünftige Ungefährlichkeit eines Hundes garantieren können, da dieser praktisch den geforderten „vernünftigen Grund“ für seine eigene Euthanasie schon in sich trägt: Nämlich Zähne, die irgendwann einmal zubeißen könnten.

Internes Komplott?
Die uns teilweise an ein Komplott erinnernden skandalösen Vorgänge im Fall Rosa sind leider wegen ihres „internen“ Charakters für die Strafverfolgungsbehörden ohne Belang:
1. Die skandalöse „Kurz-Begutachtung“ von außerhalb des Zwingers mit abschließender Euthanasie-Empfehlung durch den damals „hauseigenen“ Hundetrainer Michael. G.
2. Die im Auftrag gesuchten und gefundenen, dann aber nicht akzeptierten und der Amtstierärztin verschwiegenen Therapie- bzw. Übernahmeplätze.
3. Der urplötzlich aus dem Nichts aufgetauchte „Besitzer“ Rosas mit seinen unglaubwürdigen Aussagen.
Und so zeigt dieser Fall, dass Rosa und auch Pascha von Anfang an keinerlei Chance auf ein Überleben hatten.

Zahnloser „Papiertiger“ Tierschutzgesetz?
Der Fall Rosa dokumentiert, dass das Deutsche Tierschutzgesetz nicht greift bei Fundtieren, die der Willkür eines unethisch handelnden Tierschutzvereines hilflos ausgeliefert sind und dort straflos „intern“ getötet werden können, wenn denn „die Bücher stimmen“ und – wie im Fall Rosa – der DTB, dem das Tierheim Lübeck angeschlossen ist, solche Machenschaften duldet oder gar deckt und die eigene Tierheimordnung zur Makulatur verkommen lässt. Das Deutsche Tierschutzgesetz an sich bedarf einer Verbesserung, um nicht beliebigen Interpretationen der Generalklausel vom verbotenen Töten eines Wirbeltieres „ohne vernünftigen Grund“ Tür und Tor zu öffnen.

Kein Grund zur Siegesfreude!
Die Verantwortlichen für den Tod Rosas haben allesamt jedoch keinen Grund zur Siegesfreude. Die Beschuldigten – insbesondere Vorstand und Tierheimleiterin des Lübecker Tierschutzvereines – sind noch einmal strafrechtlich davon gekommen – wie so oft, werden aber hoffentlich „vereinsintern zur Rechenschaft gezogen."
Wohlgemerkt: Die überwiegende Mehrheit der Tierheime und Tierschutzvereine verhält sich überaus ethisch und bemüht sich oft weit über jegliches normale Maß hinaus mit großem persönlichen Engagement um herrenlose Fundtiere und deren Leben. Auf sie soll Lübecks Schatten keineswegs fallen …

>>> WUFF – HINTERGRUND-INFORMATION

Der Staatsanwalt:
Im Zweifel für den Angeklagten

Auszüge aus dem Brief der Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Lübeck (AZ: 710 Js 51999/02) an WUFF-Redakteurin Iris Strassmann, am 16.Juni 2003, zum Ermittlungsverfahren (Strafanzeige vom 11.11.2002, Vorfälle „Pascha“ und „Rosa“).

Sehr geehrte Frau Straßmann, ich habe das auf die Strafanzeige … hin eingeleitete Ermittlungsverfahren eingestellt, da der Nachweis einer Tötung der Tiere ohne vernünftigen Grund im Sinne des Tierschutzgesetzes nicht zu führen ist. … Die Wendung „ohne vernünftigen Grund“ bezeichnet eine Art Generalklausel, die vom Tatrichter (im Ermittlungsverfahren vom Staatsanwalt) aufgrund einer Güter- und Interessenabwägung im Einzelfall auszufüllen ist. …
Die Zeuginnen, die unmittelbaren Kontakt mit dem Tier hatten, haben zwar keine besonderen Auffälligkeiten insbesondere bei „Rosa“ festgestellt, daß es zu – wie auch immer gearteten – Vorfällen mit den Pflegern kam, würde durch das Gericht nicht ausgeschlossen werden können. …
Auch wenn möglicherweise nicht alle Informationen der die Euthanasie anordnenden Amtstierärztin entgegengebracht wurden, würde das erkennende Gericht nicht umhin können, „im Zweifel für die Angeklagten“ anzunehmen, eine Euthanasie der Tiere sei früher oder später erforderlich.
Eine Entscheidung auf nicht völlig ausermittelter Grundlage wird im Bereich des Tierschutzes für ausreichend angesehen.
Daher wird – auch wenn gute Gründe dafür sprechen, daß eine Verhaltenstherapie zumindest hätte versucht werden können oder sollen – nicht auszuschließen sein, daß der Tatrichter die Güter- und Pflichtenabwägung für ausreichend erachtet. Hiernach war das Ermittlungsverfahren zwingend einzustellen.
(Anm.: Hervorhebungen durch Unterstreichung durch die Red.)

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