Jährliche Tierarzttagung der VÖK

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Dass die Erkrankungen und die Therapie der Katze nicht denen kleiner Hunde entsprechen, zog sich durch viele der von erstklassigen Vortragenden abgehaltenen Seminare. Die unterschiedliche Anatomie ebenso wie Physiologie (Wissenschaft von den Funktionen des Organismus) bedingen bei der Katze andere Methoden als beim Hund. Eine Katze ist also nicht einfach als kleiner Hund anzusehen. Beispielsweise weicht der Leberstoffwechsel der Katze deutlich von dem des Hundes ab, oder differiert die Keimbesiedelung des Katzendünndarms von der des Hundes.

Unterschiedliche Ernährungsanforderungen von Hund und Katze
Tierarzt Mag. Wolfgang Kreil erläuterte die Unterschiede in der Ernährung von Hund und Katze. So benötigen Katzen mehr Eiweiß und deutlich mehr Fett als Hunde. Auch der Vitamin A-Bedarf der Katze ist doppelt so hoch. Dies hat den Grund darin, dass der Hund sich das Vitamin A aus den Vorstufen, den Carotinoiden, selbst synthetisieren kann, was die Katze nicht kann. Daher ist Vitamin A im Futter für die Katze lebenswichtig. Und während Zuckerzusatz für den Hund das Futter schmackhafter macht, ist der Zuckergehalt der Nahrung für den Stubentiger bedeutungslos. Interessant auch die Information, dass tierisches Gewebe als Futter für die Katze lebensnotwendig ist, während dies beim Hund nicht der Fall ist. Abgesehen vom Umstand, dass eine vegetarische Ernährung von Hund und Katze ethisch nicht vertretbar ist, führt eine solche bei der Katze jedenfalls zum Tode. Auch in der Darbietung des Futters gibt es Unterschiede: Während der Hund beim Futter nicht auf Abwechslung besteht, eine regelmäßige gleichförmige Futterform daher möglich ist, bevorzugt die Katze sehr wohl Abwechslung und liebt neue Varietäten, legt sich aber auch gerne auf bestimmte Sorten fest. Auch die Textur des Katzenfutters ist von sehr großer Wichtigkeit, während es dem Hund weniger auf die Konsistenz seines Futters ankommt. Und bekanntermaßen schlingt der Hund sein Futter sehr rasch, im Gegensatz zur Katze, die eine häufigere Futteraufnahme vorzieht.

Tierpsychologie bei der Katze
Denise Seidl, Master of Veterinary Science und Tierpsychologin in Wien, referierte über die Verhaltensstörungen der Katze aus tierpsychologischer Sicht. Seidl: „Die Tierpsychologie befasst sich weniger mit dem ‘Durchschnitts- oder Normalverhalten’ einer Tierart, als vielmehr mit den individuellen Erscheinungen im Verhalten eines bestimmten Tieres." Als Hauptaufgaben der Tierpsychologie nennt Seidl die Beratung bei der Anschaffung eines Tieres, die Information über artgerechte Tierhaltung, die Optimierung der Mensch-Tier-Beziehung, sowie die Beratung bei Verhaltensproblemen.

Über die räumlichen Minimalanforderungen gibt es keine ausreichenden wissenschaftlichen Untersuchungen, doch nennt Seidl als unterste Raumgrenze für eine reine Wohnungskatze eine Zweizimmerwohnung. Einer ausreichend strukturierten Raumqualität kommt umso größere Beachtung zu, je kleiner das Raumangebot ist. Für viele Wohnungskatzen ist das größte Problem die Langeweile. Sie gilt es zu verhindern. Das Fehlen von Dingen, welche die Katze tun oder sehen kann, ist für sie eine Hauptursache von Stress.

Verhaltensstörung und unerwünschtes Verhalten
Wie Tierpsychologin Seidl weiter ausführte, bezeichnet man als Verhaltensstörung ein von der Norm abweichendes Verhalten, wobei die Begriffe „Norm" und „normal" aber äußerst ungenau und dehnbar sind. Daher ist es fast unmöglich festzustellen, welches Verhaltensmerkmal noch innerhalb der sog. Norm des Verhaltensrepertoires einer Tierart liegt. Unerwünschtes Verhalten hingegen ist ein für die Tierart normales Verhalten, das aber den Halter des Tieres stört.

Verhaltensstörungen entstehen, wenn sich Tiere nicht mehr an veränderte extreme Umweltbedingungen anpassen können. Diese „aktualgenetisch erworbenen Verhaltensstörungen" entstehen durch räumlich beengte oder reizarme Haltung, durch Stereotypien von Bewegungsmustern (siehe Kasten auf Seite 30), und durch traumatische Verhaltensstörungen nach Lernprozessen. Nach der klassischen Theorie der Konditionierung werden negativ belegte Reize mit bestimmten Situationen verbunden. Tiere bilden Assoziationen der Furcht in Zusammenhang mit Gegenständen oder Ereignissen, welche ihnen in der Vergangenheit Angst bereitet haben.

Auslösende Kausalfaktoren für Verhaltensstörungen der Katze sind laut Tierpsychologin Seidl großteils unzureichende Fürsorge- und Haltungsbedingungen, falsch aufgebaute Interaktionen zwischen Tier und Mensch, falsche Anforderungen des Menschen dem Tier gegenüber und mangelhafte Kenntnisse über das natürliche Verhalten der Tiere und artgerechte Haltung. In weiterer Folge erläuterte die Tierpsychologin konkret verschiedene Verhaltensstörungen und gab Tipps zu deren Therapie (Info: http://www.tierpsychologie.at).

Katzen schnurren auch zur Heilung
Schließlich war auch die Information, dass Katzen nicht nur bei Wohlbefinden schnurren, vielen Tagungsteilnehmern neu: Verschiedenste Beobachtungen und Forschungsergebnisse haben bewiesen, dass die Katze auch bei Missbefinden schnurrt und um Missbefinden zu vermeiden, wie etwa in Angstsituationen, zum Stressabbau und in verletztem Zustand, sowie in den Geburtswehen und in der Todesstunde. Weiters präsentierte Seidl neueste wissenschaftliche Ergebnisse, nach denen die beim Schnurren erzeugten Schallwellen Heilprozesse in Organen und Knochen auslösen. So hätten Aufzeichnungen des Schnurrens von Katzen und deren Analyse gezeigt, dass beim Schnurren Frequenzen auftreten, die direkt in den das Knochenwachstum stimulierenden Bereich fallen.

Update zum Mikrochip bei Hund und Katze
Ein Update zum Thema der eindeutigen Kennzeichnung von Tieren mittels Mikrochip brachten Dr. Edinger (Fa. Virbac) und Dr. Müller (Tierarzt in Krems). Das EU-Parlament wird demnächst über den Entwurf der EU-Kommission vom 21.6.2001 abstimmen, nach dem für alle Hunde und Katzen, die innerhalb der EU verbracht oder die importiert werden, eine Kennzeichnung mittels Mikrochip verpflichtend sein soll. Im Falle einer Zustimmung des EU-Parlamentes sei diese Verordnung für alle Mitgliedsländer bindend und würde die Grundlage einer generellen Chip-Kennzeichnungspflicht von Hunden darstellen.

Rund 700 in- und ausländische Tierärzte und Tierarzthelferinnen nutzten die angebotenen Vorträge und Seminare, sowie die ebenfalls in der Salzburger Paris-Lodron-Universität stattfindende Veterinärfachmesse, wo neueste Produkte rund um die Tiermedizin vorgestellt wurden. Die große Beteiligung der Kleintiermediziner zeigt jedenfalls, dass sich Hunde- wie Katzenhalter auf die fachliche Kompetenz ihres Tierarztes verlassen können.


>>> WUFF – INFORMATION


Stereotypien

Die Wiener Tierärztin und Tierpsychologin Denise Seidl hielt auf der VÖK-Tagung einen viel beachteten Vortrag zum Thema Tierpsychologie und Verhaltensstörungen.

Stereotypien sind zu den Verhaltensstörungen zu zählen und sind ständige, gleichförmige Wiederholungen von Verhaltensweisen oder Lautäußerungen, die keine offensichtliche Funktion haben. Stereotypien können in folgenden Funktionskreisen gezeigt werden: Fellpflege (Selbstbelecken, Haarekauen), Nahrungsaufnahme (Wolle-Saugen, übermäßiges Fressen und Trinken), Lautäußerungen, Lokomotorisches Verhalten (Hin- und Herlaufen, Schwanzzucken), Halluzinatorisch (Starren, Beutejagen oder -suchen), Selbstverstümmelung durch Beißen in den Schwanz oder die Füße.


 

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