Jagdexperte aus Teneriffa

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Kommandos? Nie davon gehört. Leinenführigkeit? Was ist das? Von Teneriffa aufs heimische Sofa erobert sich Bardino-Mischling Amor das Herz (und die Wohnung) seiner Familie. Doch der Hund machte es seinem Frauchen wirklich nicht leicht. Wie er ihren Alltag umkrempelt, zeigt dieser Bericht.

Groß und kräftig sollte er sein. Ein richtiger Hund eben. Das war die einzige Bedingung, die mein Mann stellte. Als wir Amor kennen lernten, hatte er die Hitze seines Heimatlandes hinter sich gelassen. Einige Monate zuvor fanden Tierschützer ihn auf einer der staubigen Straßen Teneriffas und brachten ihn nach Deutschland. Vermutlich ­hätten uns Sätze, wie „Er hat Jagdtrieb" und „Er ist sehr selbständig" ­abhalten ­sollen, ihn aufzunehmen. Zudem sah er mit seinem beige-schwarz gestromten Fell und der schwarzen Maske aus wie eine unterernährte Hyäne. Doch seine bernsteinfarbenen Augen ließen keine Zweifel zu. Wir nahmen ihn mit.

Sprudelnder Charme
Als erstes überrumpelte er unsere Hündin Lea mit seinem sprudelnden Charme. Sie ergab sich und teilte noch am selben Abend ihre Decke mit ihm.

Am nächsten Tag beanspruchte er eine kleine Chaiselongue in unserem Wohnzimmer als künftigen Schlafplatz. Zwei Wochen lang versuchte ich erfolglos, einen Bann auf das Sofa zu legen. Jedes Mal, wenn ich das Zimmer betrat, lag er ausgestreckt darauf, den Kopf auf die runde Lehne gebettet. Jeder andere Hund wäre mit betretenem Blick sofort heruntergesprungen. Amor räkelte sich nur entspannt und schloss zufrieden die Augen. Ich schützte den Bezugstoff mit einer Decke.

Einer Bergziege gleich
Kommandos waren Fremdwörter für ihn. Im wahrsten Sinne, dachte ich – und lernte Spanisch. Doch selbst der vertraute Klang von Anda! oder No! entlockte ihm nicht einmal ein läppisches Zucken seiner Ohren. Wie eine Ziege kletterte er auf Tische und sprang auf die Küchenzeile. Er zerrte Brot und Kekspackungen herunter, zerkaute Ledertaschen und räufelte meine Kaschmirjacke auf. Erwischte ich ihn, quittierte er mein Schimpfen mit einem treuherzigen Blick.
„War was?", schien er zu fragen. Ich wurde ein Ordnungsfanatiker.

Stark wie ein Brauereipferd
Leinenführigkeit? Davon hatte er noch nie gehört. Amor folgte nur seiner Nase. Unkontrollierbar zog er mal hier-, mal dorthin, und bald konnte ich nicht mehr zählen, wie oft meine Nackenwirbel mit lautem Knirschen gegen diese grobe Behandlung protestierten. Die übrige Zeit stemmte er sich ins Geschirr wie ein Brauereipferd. Täglich aufs Neue versuchte ich, mit ihm Schritt zu halten. Begegneten wir anderen Hundehaltern, entdeckte ich in deren Gesichtern das gleiche ­mitleidige Lächeln, das ich früher für diejenigen übrig hatte, deren Vier­beiner sie durch die Gegend zerrten. Ich band mir die Leine um die Hüfte und hielt dagegen.

Jagdexperte
Freilauf wäre die Lösung des Problems gewesen. Aber völlig unmöglich. Denn auf die Jagd verstand Amor sich wie kein Zweiter. Ich spreche nicht vom Verhalten eines ausgebildeten Jagdhundes, der auf Kommando geschossene Enten apportiert oder die Spuren waidwunder Tiere verfolgt.

Amor jagte ausschließlich für sich selbst. Und er beherrschte es bis zur Perfektion. Mäuse fing er im Vorübergehen. Mit katapultartigen Sprüngen erwischte er Jungschwalben in der Luft; brach einem Baummarder mit einem Biss das Rückgrat. Ich ertrug es.

Bis zu dem Tag, an dem Amor ein Loch in den Zaun des Geflügelauslaufes riss. Er schlüpfte hindurch und verbiss sich in den Hals einer der arglos grasenden Gänse. Ich stürzte hinterher. Packte ihn im Nackenfell und brüllte ihn an. Er ließ nicht locker. Ich schlug ihn. Ich versuchte, seine Kiefer zu öffnen. Er ließ nicht locker. Erst als das verzweifelte Schreien der Gans verstummte und sie in seinem Maul erschlaffte, ließ er los. Ich schleifte ihn zurück in den Garten. Amor setzte sich neben mich. Seine Rute wischte den Boden und er leckte mir die Tränen aus dem Gesicht.

Ernstes Gespräch
Ich sah ihn an.
„So geht es nicht weiter, Amor."

„Was meinst du?"

„Es gibt Regeln."

„Sicher. Sorge für dich selbst."

„Ja, auf Teneriffa. Hier nicht. Oder hast du jemals erlebt, dass Lea sich so benimmt wie du."

„Lea wäre längst tot."

„Ja, auf Teneriffa. Hier nicht. Du brauchst dir dein Futter nicht selbst erjagen. Du bekommst es von mir."

„Hm."

„Lebst du gerne bei uns?"

„Ja."

„Vertraust du mir?"

„Mmh, Ja."

„Was soll dieses Zögern?"

„Wenn ich an die Sache mit den Wildschweinen denke, vor ein paar Tagen."

„Was war damit?"

„Du bist weggelaufen."

„Natürlich. Das Beste, was ich tun konnte. Was du mir übrigens nicht gerade leicht gemacht hast."

„Ich wollte dich und Lea beschützen."

„Ja, du bist mutig und stark. Aber nicht genug, um es mit einer Rotte Wildschweine aufzunehmen."

„Du hast es mich ja nicht beweisen lassen."

„Hör zu, Amor. Ich bin die Chefin und nur ich entscheide, was du beweisen darfst und was nicht."

„Hm."

„Chefs treffen eben auch unpopuläre Entscheidungen. In diesem Fall entscheide ich, dass du gar nichts mehr töten darfst, wenn du weiterhin mit uns leben möchtest."

„Nicht einmal eine Maus? Eine ganz kleine?"

„Nein! Dafür verspreche ich dir Sicherheit, einen warmen Schlafplatz, jede Menge Zuwendung und dass du nie wieder hungern musst."

„Aber wo bleibt der Spaß?"

„Du bist ein kluger Hund. Regel Nummer eins wäre also geklärt. Über Regel Nummer zwei bis sieben reden wir ein anderes Mal."

„Prima! Bekomme ich jetzt die Gans?"

Einen Platz im Herzen
Unsere Blicke lösten sich voneinander. Erneut leckte er mir über das Gesicht. Seine Augen leuchteten. Dann sprang er fröhlich wedelnd auf die Wiese.
Die Gans bekam er natürlich nicht. Amor lernte die Regeln im Laufe der Zeit. Wenn er sie auch nicht immer befolgte.
Ich verzieh ihm.

Anfang des Jahres verstarb Amor leider, mit acht Jahren viel zu früh, an einem Milztumor. In unseren Herzen hat er für immer einen Platz.

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