Jeder Hund – eine ganz eigene Persönlichkeit

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Ohne Zweifel: Jeder Hund hat seine eigene Persönlich­keit. Das wissen Hunde­halter nur zu genau. Haben Tiere wirklich eine eigene ­Per­sönlichkeit und was sagt die Forschung dazu?

Wir benutzen den Begriff ­„Persönlichkeit" fast täglich, auch in den verschiedensten Kontexten, aber eine genaue Definition gestaltet sich äußerst schwierig. Eine Persönlichkeit ist umgangssprachlich jemand, der sich aufgrund besonderer positiver ­Eigenschaften hervortut. Die psychologische ­Forschung hingegen sieht den Begriff differenzierter. Hier steht vor allem die Frage im Vordergrund, wie sich eine Persönlichkeit mit ihren Eigenschaften entwickelt, welche Anlagen und Umweltbedingungen beteiligt und vor allem, ob diese Eigenschaften und Verhaltenstendenzen veränderlich oder starr sind. Dr. Ádám Miklósi definiert sie folgendermaßen: „(…) Demnach definiert sich Persönlichkeit durch ein Spektrum von Verhaltensmerkmalen, die dem Einfluss von Selektionsprozessen unterliegen und Ergebnis einer Art von Anpassungsmechanismus sind."

Tierische Persönlichkeit?
Ist der Begriff nun eigentlich auch auf andere, sogenannte nichtmenschliche Tiere übertragbar oder besitzt nur der Mensch eine solche? Dr. Ádám Miklósi sieht in der menschlichen und ­tierischen Persönlichkeit eine funktionelle Ähnlichkeit. Immer mehr Forschungseinrichtungen widmen sich heute dem Thema „Tierische Per­sönlichkeit" bzw. „animal ­personality". Schweizer Forscher definieren dies so: „Animal personality: consistent ­differences between individuals in their ­behaviour across time and ­contexts" ­(Berg­müller, Taborsky 2010).

Demnach gibt es beständige Unterschiede im Verhalten verschiedener Individuen, die auch zu einem späteren Zeitpunkt und in anderen Situationen feststellbar sind. Dass dies tatsächlich so ist, konnte für die verschiedensten Tierarten bereits nachgewiesen werden, zum Beispiel für Vögel, Ratten und auch für Hunde. Unterschiede in der Persönlichkeit äußern sich zum Beispiel in der unterschiedlichen ­Herangehensweise an bestimmte Alltagssituationen sowie im Problemlösungsverhalten.

Persönlichkeitsmerkmale und Typen
Dass Hundeverhalten unterschied­lichen Kategorien zugeordnet ­werden kann, stellte schon Iwan Pawlow (1849-1936) fest, der hundliche „Nervensystem-Typen" erkannte: Den „schwachen", eher sensiblen, den „stark-unausgewogenen", eher aktiv-aggressiven, den „stark-ausgewogenen", eher ruhig-zurückhaltenden, sowie den „stark-ausgewogenen-mobilen", aktiv-reaktiven Typ. Diese Typen orientierten sich an den vier beim Menschen bekannten Temperamenten, dem Melancholiker, dem Choleriker, dem Phlegmatiker und dem Sanguiniker.

Bei sogenannten DMA-Tests („Dog-mentality-assessment-tests") konnten zwei verschiedene Reak­tionstypen unterschieden werden und zwar die A- und B-Typen. In der Forschungsliteratur wird von wagemutigen und scheuen („bold" – „shy") Tieren gesprochen. A-Typen, also wagemutige Tiere, reagieren insgesamt schneller, sind durchsetzungsstärker als B-Typen, die eher zurückhaltender und passiver agieren. Mit Stress können jedoch B-Typen meist besser umgehen, da sie nicht so schnell aufgeben wie A-Typen, deren Frustrationstoleranz nicht besonders hoch ist. Bei Kohlmeisen stellte man übrigens fest, dass nicht etwa die A-Typen oft auf den oberen Plätzen der Rangordnung zu finden waren, sondern die eher introvertierteren, abwartenden.

Neuere Forschungen wenden auch das sogenannte Fünf-Faktoren-Modell (FFM) aus der Humanpsychologie auf die verschiedensten Tierarten an. Die Persönlichkeitsstruktur machen demnach fünf verschiedene Achsen aus: Extrovertiertheit (z.B. Geselligkeit, Selbstsicherheit), Neurotizismus (z.B. Übermäßige Empfindlichkeit, Ängstlichkeit), Nettigkeit (z.B. Ko­operationsbereitschaft), Offenheit (z.B. Neugier) und schließlich Ge­wissenhaftigkeit (z.B. Ausdauer, Zuverlässigkeit).

Testung von Persönlichkeits­merkmalen bei Hunden
Die Erforschung der Hundepersönlichkeit konzentrierte sich bislang oft darauf, die zukünftige Eignung als Arbeits- oder Begleithund verlässlich vorherzusagen oder den Zuchtwert zu ermitteln. Viele dieser Tests sind rassespezifisch. Spezielle Welpentests sollen das zukünftige Verhalten der erwachsenen Tiere sicher prognostizieren. Jedoch kam die Vergleichs­studie von Jones und Gosling, die viele bisherige Veröffentlichungen zum Thema genauer analysierte, zu dem Schluss: Welpentests, so wie sie ­bislang durchgeführt wurden, konnten keine verlässlichen Aussagen über das spätere Gesamtverhalten der erwachsenen Tiere machen.

Diverse Tests brachten allerdings dennoch einige interessante Ergebnisse: Neugierige und mutigere Tiere sind geselliger und verspielter, wenn sie auf Fremde treffen. Mutige Tiere sind nicht zwangsläufig aggressiver, denn Mut und Fügsamkeit ­schließen sich nicht per se aus. Und: Die Vorhersagbarkeit der einzelnen Persönlichkeitsmerkmale stieg mit dem zunehmenden Alter der Tiere. Über Freundlichkeit, Ängstlichkeit und Spielverhalten getroffene Aussagen erwiesen sich auch nach späterer erneuter ­Testung relativ stabil. Bezüglich ihrer ­Neugier und Furchtlosigkeit ­hingegen ver­änderten sich die getesteten ­Hunde oft, möglicherweise aufgrund von Gewöhnung an die jeweiligen Umweltfaktoren.

Welche Faktoren beeinflussen die Persönlichkeit?
Die Persönlichkeit ist nicht etwa dem Individuum einfach so mitgegeben. Zwar machen die Gene einen Teil der Persönlichkeit aus, aber sie sind längst nicht alleinig vorherbestimmend. Forscher fanden heraus, dass das nachgeburtliche Verhalten der Mutter, egal ob bei Mensch oder Tier, bereits wichtige Weichen stellen kann: So erhalten Junge der unterschiedlichsten Tierarten, die ausgiebig vom ­Muttertier geleckt, gekrault und geputzt wurden, die optimalsten Bedingungen für die Entwicklung einer ausgeglichenen Persönlichkeit. Sie kommen insgesamt wesentlich besser mit den späteren Umwelteinflüssen zurecht als vernachlässigte Tiere. Die mütterliche Fürsorge wirkt sich messbar auf die Entwicklung der Hirnzellen der Jungen sowie deren Stressverarbeitungsfähigkeit aus.

Selbst vorgeburtliche Einflüsse können die Persönlichkeit prägen. Die Geschwister werden vermutlich im Mutterleib nicht vollkommen identisch mit Hormonen und Nährstoffen versorgt, weshalb in einem Wurf ­individuelle Unterschiede im Verhalten feststellbar sind.

Doch nicht nur in den frühesten Entwicklungsphasen werden wesentliche Persönlichkeitsmerkmale angelegt. Ebenso tragen Umwelterfahrungen und Lebensbedingungen zur Entwicklung der Persönlichkeit bei, die bei Hunden erst nach der Pubertät, in der sich auch bei ihnen noch einmal einiges neu sortiert, weitgehend gefestigt ist. Bei manchen Hunden kann dies sogar erst mit drei Jahren der Fall sein.

Mensch und Hund
Welchen Einfluss aber hat der Hunde­besitzer auf die Persönlichkeit ­seines Hundes? Aufgrund des engen Zu­sammenlebens der beiden ­Spezies ist dieser nicht zu unterschätzen. An der Universität Wien wurden Mensch-Hund-Teams (man spricht von „Mensch-Hund-Dyaden") bezüglich der gegenseitigen Beeinflussung der Persönlichkeit getestet. Was dabei herauskam, war eine erstaunliche Symmetrie: Unsichere Hunde blieben länger bei ihrem emotional instabileren Menschen. Geringere Cortisolwerte konnten bei entspannten Mensch-Hund-Teams festgestellt werden, ein Hinweis auf die ­geringere Anfälligkeit für Stress. Dagegen ­wiesen Hundehalter einen höheren Cortisolwert auf, deren Hunde unruhig waren und öfter bellten. Wer nun wen beeinflusst, soll in weiteren Studien untersucht werden.

Abschließende Betrachtung
Die Verhaltensmerkmale, die eine Persönlichkeit ausmachen, sind, wie in den Definitionen zu lesen war, relativ stabil und sind dies mit ­zunehmendem Alter. Das ist auch gut so, denn eine allzu hohe Flexibilität birgt das ­Risiko von Fehlern. Die Persönlichkeit ist also eine Anpassung an einen speziellen Lebensraum, die Persönlich­keitsmerkmale passen in diesen Lebensraum. Bei Hunden ist es die menschliche Umwelt. Eigenschaften, die unter Wölfen in der freien Wildbahn angemessen sind, wären es in der menschlichen Umwelt nicht. Noch ist die Erforschung tierischer Persönlichkeit am Anfang. Als Ergebnis für uns Hundehalter lässt sich festhalten, dass Hunde schon in ihren ersten Lebensphasen für das zukünftige Leben geprägt werden. Deshalb müssen wir für optimale Startbedingungen sorgen. Außerdem scheint unsere eigene Persönlichkeit die hundlichen Eigenschaften zu beeinflussen (und umgekehrt).

Wichtig ist es, unsere Vierbeiner überhaupt in ihrer Persönlichkeit wahrzunehmen. Verhaltenstendenzen zu erkennen und diese zu fördern sowie – wo nötig – in richtige Bahnen zu lenken ist unsere Aufgabe. Denn eines sollten wir nie vergessen: Hunde lernen ihr Leben lang.

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