Kampfhunde oder Kampfschmuser?

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Ich setze das Wort Kampfhunde absichtlich nicht in Anführungszeichen. Auch lasse ich jetzt das Wort „sogenannte“ bewusst weg, weil es in diesem Artikel nicht um sogenannte Kampfhunde geht, sondern um „echte Kampfhunde“. Bekommen Sie schon einen Schauer über den Rücken? Sie können den Artikel ruhig lesen …

In den Achtzigern kannte das Wort Kampfhund noch niemand. Es war eine alte Bezeichnung für Hunde, die früher in den Arenen (oder auch Pits) gegen ihre Artgenossen kämpfen mussten. Zur Belustigung der Zuschauer und zum Zwecke von Wetten. Ein guter Kampfhund brachte nicht nur Geld, er war auch ein Statussymbol in der Arbeiterklasse. Auch gegen Bullen und Wildschweine wurde gekämpft. Unserer Redaktion liegt ein Buch über den Deutschen Jagdterrier (W. Bierwirth, Verlag Neumann-Neudamm) vor, in dem geschrieben steht „Außerdem ist der Deutsche Jagdterrier ein ausgesprochener Kampfhund“. Na, hätten Sie das jetzt gedacht? Der kleine süß aussehende und knopfäugige Wutz – ein Kampfhund?

Um Tatsachen geht es in der Kampfhunde-Hysterie schon lange nicht mehr. Das Wort Kampfhund ist ein Synonym für das Böse geworden und es bringt – wie schon in den früheren Zeiten der Hundekämpfe – Geld. Aber nicht den Hundehaltern, sondern den Boulevard-Medien. Eine Headline wie „Kampfhund tötet sieben Monate altes Kind“ bringt eben Quote bzw. Verkaufszahlen. Dieser tragische Fall ereignete sich tatsächlich am 9. April im südhessischen Bad König. Ein Polizist vor Ort sagt: „Nach einem ersten Eindruck der Polizei könnte der Hund ein Staffordshire-Mix sein.“ Dass der Hund jedoch vielmehr wie ein brauner kräftiger Jagdhund aussieht, interessiert ab diesem Zeitpunkt niemanden mehr. Es war einfach ein Kampfhund. Das verkauft sich besser. Warum so ein Unfall passieren konnte, ob vielleicht die Eltern ihr Kind und ihren Hund gemeinsam unbeaufsichtigt gelassen haben, wie in Diskussionen gefragt wird, ist für die Wahrheitsfindung offensichtlich nicht wichtig. Und die Eltern schweigen dazu (bis zum Redaktionsschluss).

Ganz viele Hunde haben im vorigen Jahrhundert gegen irgendwelche anderen Tiere gekämpft und sie stehen auf keinen Listen – sind also keine Listenhunde. Sie haben kein gestromtes kurzes Fell und auch keine ausgeprägten Muskeln. Ich werde an dieser Stelle selbstverständlich keine Auflistung präsentieren, weil ich der Meinung bin, dass Listen sinnlos und obendrein diskriminierend für die Halter dieser Hunde sind. Die Gedanken, so eine Vorgehensweise mit Listen auf Menschen zu übertragen, verdränge ich jetzt ganz schnell wieder aus meinem Kopf …

Um auf meine Frage in der Headline „Kampfhunde oder Kampfschmuser?“ ­zurückzukommen – Kampfhunde sind tatsächlich Kampfschmuser, auch wenn das Wort blöd klingt. Aber diese Tatsache hat einen geschichtlichen Hintergrund. Diese Hunde durften während eines Hundekampfes keinerlei Aggressivität gegenüber Menschen zeigen, da sich immer bis zu drei Menschen in der Kampfarena befanden, die die Hunde anfassen und aufheben mussten. Jeder, der schon einmal zwischen zwei raufende Hunde gegriffen hat, weiß, dass so etwas in der Regel mit einer Verletzung für den Menschen endet. Kampfhunde wurden hingegen auf absolute Menschenfreundlichkeit selektiert, weil man einen sogenannten „Maneater“ im Hundekampf nicht gebrauchen konnte. Jetzt kommt bestimmt die Frage von Ihnen, warum dann so viele schwere Unfälle mit diesen Hunden passieren. Das ist offensichtlich nur eine medial-subjektive Wahrnehmung und es trifft gar nicht zu, dass diese Hunde die Beiß-Statistiken anführen. Es gibt zudem einfach keine relevanten und zuverlässigen Statistiken. Das beginnt schon bei den aktuellen Fällen, wo aus irgendeinem kräftigen Mischling ein Staffordshire-Mix gemacht wird.

Ich wiederhole: Staffords, Pitbulls & Co. zählen zu den menschenfreundlichsten Rassen. Wer das Gegenteil behauptet, hat entweder keine Ahnung von diesen Hunden oder will mit seinem Medium Quote machen. Punkt.

Rasselisten sind untauglich dazu, Unfälle zu verhindern. Das beweisen gerade auch die aktuellen Fälle. Ein Totalversagen der Politik würde ich das nennen. Für den Fall Chico, der seine beiden Besitzer getötet haben soll, ist es noch zu früh, um Schlüsse daraus zu ziehen. Aber wenn man weiß, dass der Hund Zeit seines Lebens in einem Metallkäfig in der Wohnung gehalten worden sein soll und sein Geschäft auf dem Balkon verrichtet haben muss, wird einem vielleicht klar, warum dieser Hund irgendwann durchdreht. Und Chico war bereits vor vielen Jahren auffällig geworden und hätte einen Wesenstest machen müssen, der nie gemacht wurde, weil die Besitzer sich geweigert haben sollen. Danach soll die Sache von Seiten der Behörden „vergessen“ worden sein. Wer ist jetzt schuld an diesem Vorfall? Der Hund …?

Pdf zu diesem Artikel: kampfhunde_schmuser

 

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