Kastration von Hunden aus gesellschaftspolitischer und Tierschutzsicht

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Die beiden Artikel von Tierärztin Sophie Strodtbeck und Dozent Dr. Udo Gansloßer aus verhaltens­biologischer Sicht der Kastration von Rüden (WUFF 12/2010) und Hündinnen (WUFF 2/2011) haben eine interessante Diskussion ausgelöst. Die Ansicht der beiden Autoren widerspricht zum Teil der heute gängigen. Sie zeigen auf, dass es nur sehr wenige bzw. vereinzelte verhaltensbiologische ­Gründe für die Kastration von Hunden gibt und begründen in ihren beiden Artikeln ihre ­Ablehnung einer ­grundsätzlich „vorbeugenden“ Kastration. WUFF-Redakteurin und Tierschutzexpertin ­Andrea Specht ist anderer Meinung und stellt fest, dass kastrierte Hunde in unserer Gesellschaft ein ­„hundegerechteres“ Leben führen können als unkastrierte Tiere. Weitere Argumente, die für eine ­Kastration sprechen, kommen aus dem Tierschutzbereich, so Andrea Specht.

Gleich einmal vorweg, Pauschalwahrheiten gibt es ebenso­wenig wie Pauschallösungen. Die Wahl der Mittel richtet sich immer nach realen Begebenheiten und Ansprüchen. Betrachte ich das Thema Kastration aus tiermedizinischer Sicht, führen sowohl Befürworter als auch Gegner durchaus nachvollziehbare Argumente ins Treffen. Die Debatte „Frühkastration: ja oder nein“ zieht sich bereits über Jahrzehnte dahin, wobei sich tendenziell immer mehr Tierärzte für eine Frühkastration aussprechen. Doch was spricht aus nichtmedizi­nischen Gründen für oder gegen eine Kastration?

Betrachten wir einmal die Real­situation rund um das Haustier Hund. Der Bedarf an Tierheimen steigt, wir haben es mit einem Überangebot an Hunden zu tun, die aus unterschiedlichsten Gründen auf ein Zuhause warten. Hauptursache: die unkontrollierte Vermehrung, und das nicht nur bei Straßen­hunden in Süd- oder Osteuropa. Auch in Österreich und Deutschland beweisen Inserate, laufende Abgaben in Tierheimen sowie eine steigende Zahl ausgesetzter Tiere, dass offenbar auch private Halter sich mit dem Sexualleben ihrer Tiere erst dann beschäftigen, wenn es bereits zu spät ist, Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Man wundert sich immer wieder, wie blauäugig ansonsten lebenstüchtige Menschen offenbar nicht realisieren, dass Männchen und Weibchen sich – welch’ Überraschung – verpaaren können. Und völlig verwundert tun, dass da etwas passiert ist, ja sogar behaupten, dass sie es gar nicht bemerkt hätten. Ich frage mich, wie kann jemand nicht bemerken, dass eine Hündin läufig ist? Wurden wir nicht alle einmal aufgeklärt?

Canine Überpopulation
Die Tierheime in Österreich und Deutschland sind zum Bersten voll, trotzdem werden munter weiter ungeplant oder geplant Hundebabys in die Welt gesetzt. Wir haben also unbestritten ein Problem hundlicher Überpopulation bzw. mangelnder Fortpfanzungsverhinderungsstrategien. Und da ich aus tierschützerischer Sicht behaupten muss, dass ein Gutteil von Hundehaltern mit der Geburten­kontrolle ihrer Hunde ­schlichtweg überfordert ist, sei es wegen mangeln­der Beaufsichtigung, Desinteresse, Fehlen eines Zaunes oder einfach Unvernunft, ist die Kastration von Hündinnen aber auch Rüden in meinen Augen die einzig ­langfristig greifende und vor allem humane Lösung zur Leidvermeidung. Denn übervolle Tierheime und ein Leben im Zwinger bedeuten Tierleid, und das ist ein Faktum, das nicht wegdiskutiert werden kann und darf.

Hunde im Tierheim
Bleiben wir doch gleich im Tierheim. Was würde es bedeuten, intakte Hunde auf so engem Raum gemeinschaftlich zu halten? Jeder, der sich mit der Problematik „(Hunde)leben im Tierheim“ eingehend befasst, weiß, worunter Hunde in Tierheimen am meisten zu leiden haben. Das sind zum einen mangelnde Beschäftigung und Sozialkontakte und zum anderen ein sehr hoher Stresslevel mit allen damit verbundenen Folgeerscheinungen wie Nervosität, Unruhe, Angst, Aggression, Stereotypien, chronischen Erkrankungen usw. Setze ich diesem ohnedies schon überhöhten Stress­pegel noch eins drauf, indem ich läufige Hündinnen neben intakten Rüden im Tierheim platziere, weil ich die Kastration als wider die Natur ablehne, werden die Nerven bei Hunden aber auch Betreuern bald blank liegen.

In Tierheimen sollte alles unternommen werden, was zur Beruhigung und zur Entspannung der Tiere beiträgt. Die Kastration von Tieren beiderlei Geschlechts, sofern kein tiermedizinischer Grund dagegen spricht, ist dafür eine geeignete, um nicht zu sagen selbstverständlich notwen­dige Maßnahme. Dass zudem bei der Vermittlung kastrierter Tiere keine Gefahr der weiteren unkontrollierten Vermehrung besteht, ist ein ebenso wichtiges Argument für eine flächendeckende Kastration im Tierschutz.  Auch unzählige Animal Hoarding Fälle könnten bereits im Vorfeld entschärft werden, würde nur eine rechtzeitige Kastrationsauflage der Behörde ein weiteres Vermehren der Tiere unterbinden.

Das Horten von Tieren ist ein gesellschaftliches Phänomen, das immer häufiger für ­Schreckensszenarien sorgt. Egal, ob es sich dabei um ­Rassehunde von Vermehrern handelt oder Hunde von Tierschützern, denen der Bestand über den Kopf gewachsen ist, die Folgen sind meist dramatisch und bleiben an örtlichen Tierheimen hängen, die diese Tiere letztendlich übernehmen und alle Folgekosten ­tragen müssen.

Und dass auch tiermedizinisch vieles für eine Kastration spricht, zeigen Hündinnen, bei deren Kastration Tierärzte bereits Gewebeveränderungen und Tumoren feststellten. Das Schreckgespenst Inkontinenz, das vielfach von Kastrationskritikern ins Treffen geführt wird, ist nach Ansicht vieler Veterinäre nicht ursächlich eine Folge der Kastration, sofern diese ­korrekt durchgeführt wird. ­Inkontinenz kann ebenso bei intakten Hündinnen auftreten.

Stress und Frustration reduzieren
Ich selbst habe sowohl intakte als auch kastrierte Rüden betreut als auch mit ihnen gelebt. Bei ­frühkastrierten Rüden ist generell eine leichtere Führigkeit unbestritten. Nachdem nachweislich zu einem weitaus höheren Prozentsatz Rüden als Hündinnen in Tierheime abgeschoben werden und als Hauptgrund Probleme im Führen des Hundes genannt werden, befürworte ich allein aus diesem Grund eine Frühkastration von Rüden. Wir leben zunehmend in einer sehr engen Gesellschaft, die schrumpfenden Erholungsräume müssen viele Interessen bedienen, die nur zu oft in Konflikten zwischen Hundehaltern und Joggern, Radfahrern, Wanderern, Jägern oder auch anderen Hundehaltern ausarten.

Hunde „überleben“ in unserer Gesellschaft am sichersten, wenn sie unauffällig, verträglich und anpassungsbereit sind, mit einem Wort etwas infantil bleiben. In einer Gesellschaft, in der jeder „Beißvorfall“ mit einem Hund, auch wenn er nur einen Kratzer verursachte, medial zur Schlagzeile verbraten wird, wo jedes Knurren, jede hochgezogene Lefze einen Hund zur Gefahr für die Allgemeinheit stigmatisiert, wo obskure Wesenstests von Hunden Nervenstärke und ­Temperamentlosigkeit abverlangen, zu denen wir selbst nicht einmal ansatzweise imstande sind, in solch einer Gesellschaft dürfen Hunde vor allem eines nicht, auffallen.

Frühkastrierte Hunde, die keine ­sexuelle Ausreifung erfahren ­konnten, haben in diesem Sinne generell ­bessere Chancen, sich in einer ­solchen Gesellschaft zu integrieren und deren – teils obskuren – Ansprüchen zu ­entsprechen.

Darüberhinaus frage ich, weshalb ich einer Hündin den Stress zweimaliger jährlicher Läufigkeit antun soll, wo jeder Spaziergang zum Spießrutenlauf wird, sie ohnedies nicht darf, aber gerne würde? Weshalb? Oder im Falle einer gemischten Mehrhunde­haltung mehrmals jährlich für eine räumliche Trennung sorgen muss und sowohl hitziger Hündin als auch testerosteron­gesteuertem Rüden nichts anderes als Stress und Frustration beschere. Das muss nicht sein, und ich würde jeden Hundehalter dahingehend beraten, zumindest die Hündin kastrieren zu lassen.

Aber auch sexuell hyperaktive Rüden sind durch ihren übermäßigen Trieb in ihrer Lebensqualität meist stark eingeschränkt. Und das vor allem deshalb, weil sie immer weniger Freiheiten genießen dürfen und irgendwann fast ausschließlich an der Leine unterwegs sind, wenn ihre Besitzer permanent befürchten müssen, dass ihr Vier­beiner wieder einmal unvermutet abhaut, weil er irgendwo eine potenzielle Gespielin wittert.

Kein Allheilmittel für Verhaltensprobleme
Ich vertrete allerdings nicht die Meinung, dass eine Kastration im fortgeschrittenen Alter ein Allheilmittel zur Behandlung von Verhaltensproblemen jeder Art ist. Im Gegenteil, hier muss klar unterschieden werden, um welche Art von Problemen es sich handelt, wie lange der Hund ein besagtes Verhalten bereits geübt hat und ob der Hundehalter zudem bereit ist, im gezielten Training konsequent und vielleicht über einen langen Zeitraum an einer Verhaltensänderung zu arbeiten. Eine Kastration kann in vielen Fällen eine Therapie begünstigen, etwa bei sexuell hyperaktiven Tieren zu einer Wesensberuhigung beitragen, helfen, sozusagen einen Fuß in die Tür zu bekommen. Doch eine Kastration allein wird kaum den erhofften Erfolg bringen, wenn nicht parallel ernsthaft an Probleme und Ursachen heran­gegangen wird.

Implantations-Chip
Viele Tierärzte raten vor dem endgültigen Schritt der Kastration zu einem Implantations-Chip, der den Hormonhaushalt des Rüden so beeinflusst, dass quasi eine Kastration simuliert wird und bereits nach kurzer Zeit eine Prognose über die Sinnhaftigkeit eines solchen Eingriffs erstellt werden kann.
Es gibt Hundehalter, die wehren sich gegen jeden Kastrationsgedanken mit dem Argument, ein solcher Eingriff sei wider die Natur und stehe im krassen Gegensatz zu einer ­artgerechten Hundehaltung. Klingt plausibel, denn Artgerechtigkeit ist ein starkes Argument. Doch was dürfen wir uns ­darunter vorstellen? Was würde eine artgerechte Haltung in Bezug auf unsere Hunde bedeuten? Ist es artgerecht, Hunde am Jagen und Beutemachen zu hindern, sie mittels Leinen in ihrem Bewegungsdrang einzuschränken, ihnen zu verbieten, sich in Aas zu wälzen oder tagelang eine läufige Hündin zu belagern? Müssten wir nicht tagtäglich einfach die Türe öffnen, sobald Hund raus möchte, und sagen, „dann fang’ dir mal was Gutes“ und uns freuen, wenn unser Hunde­mädchen regelmäßig einen Wurf ­Welpen bei uns großzieht?

Hundegerecht
Artgerecht ist, wie gesagt, ein großes Wort, ein Anspruch, den wir aber nicht erfüllen können und auch nicht erfüllen müssen. Nicht ganz artgerecht, dafür aber behütet und umsorgt zu leben, kann für unsere Haushunde durchwegs sehr angenehm sein. Ich persönlich verwende deshalb viel lieber den Begriff hundegerecht. Dass meine Hunde nach verspeister (von mir vorgelegter) Mahlzeit bequem auf der Couch lümmeln und vielleicht von der Jagd träumen, ist möglicherweise alles andere als artgerecht, doch meinen Hunden ist es sehr (ge)recht …

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