Kleine Hunde brauchen keine Erziehung? – Serie Mythen in der Hundewelt

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Die WUFF-Autorin und Hundetrainerin ­Liane Rauch hat sich seit vielen Ausgaben mit verschiedenen ­Mythen aus der Hundewelt befasst. In dieser Aus­gabe widmet sie sich dem Thema kleine Hunde und deren Erziehung. Immer wieder hört man Aussagen wie „Der braucht keine Erziehung – wenn es Probleme gibt, stecke ich ihn in die Tasche.“ oder „Der ist so klein, der ist nicht erziehbar.“ Liane Rauch zeigt an ein paar Beispielen, dass es auch ganz anders geht. Kleine Hunde – ganz große Klasse!

Ein wolkenloser Sommertag, die Sonne strahlt vom stahlblauen Himmel. Der Inn schlängelt sich friedlich und kühlend an Wasserburg vorbei. Meine Hunde plantschen am sandigen Ufer und genießen das klare grüne Wasser. Die malerische Sommerruhe wird von keifendem Bellen jäh zerrissen. Zwei weiße Plüschis über­fallen uns heimtückisch von hinten.

Ich rufe meine Hunde zu mir und versuche die Kläff-Zone der Plüschis zu verlassen. Keine Chance, sich völlig in Rage bellend, verfolgen uns die zwei Terror-Krümel, deren Frauchen, bisher völlig teilnahmslos, bekommt angesichts meines großen Rüden nun doch kalte Füße. „Bleiben Sie doch bitte stehen“, kräht sie mir nach, „ich kann die sonst nicht einfangen“. Ich grinse etwas in mich hinein, bleibe stehen, da ich Mitleid mit Plüschi-Mama habe.

Als sie uns unten am Inn erreicht, verfolgen meine Hunde und ich mit großen Augen eine 10 minütige Einfang-Show. Ein Hut voller Flöhe wäre leichter zu bändigen als diese zwei Wattebäuschchen. „Ich würde eine Hundeschule empfehlen“, schlug ich dem hochroten Kopf von Plüschi-Mama vor. „Ach nee, lassen Sie mal“ keucht sie mir nach Atem ringend entgegen „die sind ja so klein, die braucht man nicht er­ziehen“, und macht sich mit um die Beine gewickelten Leinen und weiter erbost blaffenden Plüschis an der Leine von dannen. Was bin ich froh, dass meine Hunde so geduldig und gut erzogen sind, auch meine kleinen.

Kleiner Kopf – große Denker
Leider erlebe ich solche Szenen in der Praxis und im Alltag sehr häufig. Typische Ausreden wie „Der ist ja so klein, der braucht das nicht“ oder „Die Kleinen lernen halt nichts“, muss ich mir immer wieder zum Schaden der Hunde anhören.

In Dog Dance- und Trickkursen durfte ich schon unzählige sogenannte Kleinhunde erleben, die alle mit unbändigem Lernwillen und höchster Intelligenz verblüffen. Unsere Zwerge werden in der Regel heillos unterschätzt. Allen voran sind die Kleinen rundum tolle All­rounder, mit denen man jeden Hunde­sport betreiben kann. Prager Rattler beim Agility, Papillons beim Tricksen, Dackel beim Mantrailing, Jack Russell beim Obedience und Havaneser beim Dog Dance. Alles ist mit diesen kleinen Tausendsassas möglich.

Robby, auch „Rob Astaire“ genannt, der Havaneser von Frau Christine Keller, ist nicht nur einfach ein gut erzogener Kleinhund, sondern auch ein ­richtiger Traumtänzer: „Robby ist im Alter von 9 Wochen von einer anerkannten Havaneser-Züchterin bei mir eingezogen. Mir war sehr wichtig, eine gute Züchterin zu finden, und ich habe mich schon im Vorfeld über diese Rasse und ihre Bedürfnisse gut informiert. Von Anfang an habe ich mit Robby an der Grunderziehung gearbeitet. Im Alter von 5 Monaten habe ich mit ihm die ersten Seminare zum Thema sinnvolle Beschäftigung und im Weiteren Seminare zu sanfter, positiver Erziehung, Hundeverhalten und Verhaltenskorrektur besucht, was wir auch noch immer tun, man lernt schließlich nie aus. Der Spaß sollte natürlich auch nicht zu kurz kommen, weshalb wir im Hundesport-Hotel Wolf Trick- und Dog Dance-Kurse belegt haben. Wir haben inzwischen an einigen Dog Dance-Turnieren teilgenommen. Von der Aussage „Kleine Hunde braucht man nicht erziehen“ halte ich gar nichts. Robby ist sehr viel mit mir unterwegs und ich habe ihn im Büro dabei. In der Seniorenresidenz, in der mein Vater lebt, begeistert er die Bewohner mit Tricks und genießt die bewundernden Kommentare und Streicheleinheiten. Wenn wir Shoppen gehen, zeigt er auch in Geschäften immer mal kleine Tricks oder DogDance-Übungen und bezahlt dann mit einem Geldschein, den ich ihm gebe. Das macht allen sehr viel Freude. Robby ist inzwischen 9 Jahre alt, er ist überall ein gern gesehener Gast und ich kann ihn überall mit hin nehmen. Wenn ich nicht von Anfang an an seiner Erziehung gearbeitet hätte, wäre so ein harmonisches Leben, wie wir zwei es führen, nicht möglich.

Denn sie wissen nicht, wie klein sie sind
Des öfteren entstand bei mir auch der Eindruck, Kleinhundehalter sind sich nicht immer darüber bewusst, dass der „Kleine“, den sie an der Leine führen, ebenfalls ein Hund ist. Ein echter Hund, mit Trieben, Instinkten, rassespezifischen Eigenheiten und mit Zähnen.

Erlebe ich diese kleinen „Prinz Eisenherz“ im Alltag, erstaunt mich immer wieder dieses unglaubliche Selbstbewusstsein, das sie an den Tag legen. Wie im Beispiel am Anfang, stürzen sich die kleinen „Arnold Schwarzeneggers“ den Großen entgegen, sich nicht darüber bewusst, dass 3 kg gegen 30 kg aussichtslos unterlegen sind. Stellt sich der Große den Kleinen nun entgegen und es passiert etwas, ist grundsätzlich nur der große Hund schuld. Der Große weiß jedoch genau so wenig wie die Kleinen über Gewichts- und Größenklassen.

Kerstin Amann hat ihren Pancho im Alter von 1 Jahr vom Tierschutz übernommen: „Pancho stammt aus einer Tötungsstation von den Kanaren/Spanien und von Grunderziehung war natürlich am Anfang nicht zu sprechen. Wir haben sofort eine Hundeschule besucht und ­trainieren zur Zeit für die VDH-Begleithundeprüfung. Nach bestandener Prüfung möchte ich mit Pancho aktiv in den THS (Turnierhundesport) einsteigen. Ein Mal pro Woche sind wir als ­sportliche Mantrailer unterwegs. Ich besuche mit Pancho auch immer wieder Kurse zu sinnvoller Beschäftigung und habe ihn auch auf allen meinen Reisen dabei. Vernünftige Auslastung ist mir für meinen Hund sehr wichtig. Die Behauptung ­„Kleine Hunde brauchen keine Hundeschule“ halte ich für grundfalsch. Ich bin der Meinung, jeder Hund, egal welche Rasse, egal in welchem Alter und vor allem egal welche Größe, soll eine tiergerechte, positive Erziehung erfahren dürfen. Ich finde eine gute Erziehung gerade für kleine Hunde sehr wichtig. Soziale Kontakte können von Hund und Halter ohne Angst genossen werden. Konflikte mit anderen Hunden oder Menschen können bei gutem Gehorsam von Anfang an verhindert werden. Der Alltag läuft mit einem gut geprägten und erzogenen Hund wesentlich stressfreier ab. Das Zusammenleben von Mensch und Hund ist harmonischer und ausgeglichener. Pancho ist ein ECHTER Hund. Auch wenn er klein ist, heißt das ja nicht, dass er alles darf, was er will“.

Kein Dekorationsartikel
Prominentestes Beispiel für die Vorliebe für lebende Accessoires dürfte wohl ­Paris Hilton sein. So manche bekannte Persönlichkeit hält sich Chihuahua, ­Bichon Frisé oder Mops als Statussymbol, Deko-Objekt oder stylischen Begleiter im roten Cabriolet. Ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse, ohne Rücksicht darauf, ob der Kleine, der ja ein echter HUND ist, gerne lernen, arbeiten und aktiv sein möchte.

Ingrid Burgardt führt neben ihren Collies gute 2,5 kg schwere Chihuahua-­Manpower: „Romeo ist ein echter Spanier. Er wurde von der Tierschutzor­ganisation „Hunde in Not Rhein-Main“ an uns vermittelt. Inzwischen ist er fast drei Jahre alt und ein knappes Jahr bei uns. Der Anfang verlief etwas ­schleppend, da sich Romeo physisch und psychisch erst einleben musste. Er wurde, bevor er zu uns kam, wohl in einer kleinen Kiste gehalten, was seinem Knochenbau nicht sehr gut bekam. Auch an regelmäßige Ernährung musste er sich erst gewöhnen. Mittlerweile sitzen die Grundkommandos gut, wir werden in Zukunft weiterhin Hundekurse zu unterschiedlichen Themen besuchen. Romeo apportiert sehr gerne, liebt Nasenarbeit und ein paar Dog Dance-Schritte kann er auch schon. Die Einstellung „kleine Hunde braucht man nicht erziehen“ halte ich nicht nur für falsch, sondern auch für gefährlich. Gerade kleine Hunde können „unerzogen“ schnell in Gefahr geraten, da sie nicht abschätzen können, wie groß bzw. klein sie sind. Ich besitze noch zwei Collies, und da die drei immer dabei sind, müssen sie sich einfach gut benehmen, auch der Mini. Kleine Hunde arbeiten genau so gerne wie große, und gut gefördert und trainiert sind die Zwergerl oft sogar ausdauernder als so mancher Riese“.

Tempelwachhund – kleiner Hund ganz groß
Auch kleine Hunde wurden einmal für eine bestimmte Aufgabe gezüchtet. Mit etlichen Rassen, die in der FCI-Gruppe 9, sogenannte Gesellschafts­hunde, geführt werden, war nicht gut ­„Kirschen essen“, als sie noch ihrer Arbeit nachgingen, allen voran die asiatischen Rassen.

In der Beschreibung des knapp 25 cm großen Tibet Spaniel steht z.B.: „er ist robust, zäh, herkunftstypisch wetterfest, mit scharfen Sinnen“. Er ist das asiatische Gegenstück zum Jack Russell Terrier und war für die Jagd auf Mäuse, Ratten und andere Schädlinge zuständig. Lhasa Apso, Shih Tzu oder Pekingese waren zuverlässige und mutige Wachhunde in den Tempeln und Klöstern.

Susanne Jensch erzieht gleich zwei asia­tische Heinzelmännchen, die ­Pekingesen-Damen Swiffy und Phinnia: „Swiffy habe ich von völlig überforderten Haltern übernommen. Sie war erst ein paar Wochen alt und ich war schon der 4. Besitzer. Nach ein paar Tagen war klar: Sie bleibt und ich werde nun „Kleinhundehalter“, bisher hatte ich ja nur große. Swiffy war in der ­Hundeschule, hat einen Begleithundekurs gemacht. Wir haben einige Agility-Kurse, Freizeittraining für gehandicapte Hunde gemacht und bei einem Wochenend-Trick-Kurs war die Prinzessin auch dabei. Swiffy liebt das Clickern und hat mit inzwischen 12 Jahren noch immer Spaß daran, ihre lustigen Tricks zu zeigen. Phinnia hab‘ ich mit geschätzten 2 Jahren aus der Tierherberge Donzdorf übernommen. Sie kommt ursprünglich aus einer Tötungsstation in Ungarn und war bei Berührungen seitens Menschen so voller Angst, dass sie in eine völlige Starre gefallen ist. Mit Phinnia hab ich nie eine Hunde­schule besucht. Mir ist wichtig, dass ­meine Hunde alltagstauglich sind, eine gute Grundausbildung, die ich inzwischen selbst übernehme, reicht für uns also völlig aus. Phinnia ist inzwischen 6 Jahre alt und lebt mit den Hunden und meiner kleinen Tochter harmonisch zusammen. Ich bin der Meinung, dass Hundeerziehung nicht von der Größe abhängig ist. Kleine Hunde sollen, wollen und müssen erzogen und geistig beschäftigt werden. Auch ein kleiner Hund kann für sich und seine Umwelt zur Gefahr werden, wenn er unterfordert ist oder keinen zuverlässigen Grundgehorsam hat. Wären meine Hunde nicht gut handelbar, könnte ich mich auch nicht auf die Arbeit für meinen Shop „Pekilotta Lu – Kleine Schätze für Mensch und Tier“ konzentrieren. Allerdings gebe ich zu: Meine großen Hunde werden noch konsequenter erzogen als die kleinen. Die Minis werden schon auch mal (v)erzogen und ich lass’ denen Sachen manchmal durchgehen, die die Großen nicht dürfen“.

Kleine Hunde brauchen keine ­Erziehung!?
Unterschätzen Sie Ihren Zwerg nicht. Lassen Sie sein Potenzial nicht ungenutzt und vor allem informieren Sie sich vorher über die Rasse, die Ihr Interesse geweckt hat. Das ursprüngliche Zuchtziel steckt noch immer in diesen kleinen Kobolden, die eben nicht einfach nur süß sein wollen.

Ein ungezogener Pekingese kann Sie und Ihre Familie genau so einsam machen wie ein fast ein Meter großer Herdenschutzhund, wenn Peki seinen Wachhund-Genen freien Lauf lassen darf.

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