Knurren erlaubt? Schnappen verboten…

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Die Kolumne zum Thema „Alltagsprobleme mit dem Hund". Tierpsychologin, Hunde­trainerin und WUFF-Autorin Yvonne Adler beantwortet Ihre Fragen. Schicken Sie uns Ihr ­Alltagsproblem mit Ihrem Hund — kurz formuliert und mit 1-2 Fotos.
In dieser Ausgabe geht es um das Verteidigen von ­Ressourcen und ein falsch gelerntes „Aus"-Kommando mit fatalen Folgen.

Liebe Frau Adler!
Unsere kleine Funny ist eine Rauhaardackeldame, 1 ½ Jahre alt und seit Welpenalter bei uns. Wenn wir ihr etwas Größeres zum Kauen geben, wo Funny auch länger daran herumkaut, dann versteckt sie sich unter dem Tisch und keiner von unserer Familie darf sich mehr in ihre Nähe begeben, weil sie sonst sofort zu knurren und bellen beginnt. Selbst das von Welpenalter an geübte „Aus", dass sie es hergeben soll, hilft da gar nichts, sondern verschlimmert unserer Meinung nach die ganze Situation noch.
Wir trauen uns jetzt gar nicht mehr hin zu ihr, weil wir nicht wollen, dass aus dem Knurren vielleicht ein Beißen wird. Vielleicht haben Sie einen Tipp für uns? Vielen Dank im Voraus für Ihre Antwort!

Liebe Grüße, Familie Steiner

Liebe Familie Steiner!
Sie setzen zu Anbeginn bereits die erste wichtige Managementmaßnahme, indem Sie versuchen, der knurrenden Situation auszuweichen, wenn Funny etwas Leckeres zum Kauen hat. Ihre Einschätzung ist hier nachvollziehbar, dass Sie nicht wollen, dass vielleicht aus dem Knurren ein Beißen wird. Auch ist es notwendig, damit sich das Verhalten nicht noch verstärkt, dass Sie versuchen, Funnys Knurren gar nicht mehr auszulösen.

Konfliktvermeidung oder Umdenken?
Die einfachste Managementmaß­nahme ist, Konfliktsituationen auszuweichen. Das tun Sie entweder so, indem Sie Funny nichts mehr von den guten Kausachen geben oder Sie nicht mehr in ihre Nähe kommen, wenn sie etwas zu kauen hat. Doch wie ich aus Ihren Zeilen herauslese, ist dies ­natürlich keine Lösung, mit der Sie sich abfinden möchten.

Ich vermute, dass Funny gelernt hat, besondere Dinge vor Ihnen verteidigen zu müssen, damit sie sie behalten kann. Sie erwähnen das leider oftmals viel zu oft und falsch geübte „Aus". Übt man dieses Kommando nämlich nicht richtig, dann kann es schnell dazu führen, dass der Hund entweder beim Hören dieses Kommandos alles sofort „abschluckt", um sein Futter ja nicht abgeben zu müssen, oder wie von Ihnen geschildert, beginnt, noch heftiger zu knurren, um damit die Ressource zu verteidigen. „Aus" scheint für Funny die Ankündigung für „Wegnehmen" zu sein. Nun muss langsam ein Umdenken bei Funny stattfinden.

Neues positives Kommando
Funny sollte in Zukunft lernen, dass die Nähe ihrer Menschen immer etwas Gutes für sie bedeutet, also weg von der Lernerfahrung „Achtung! Die wollen mir was wegnehmen!" hin zu „Schön! Ich bekomme immer mehr nach." Die Übung hierzu ist relativ simpel: Sie geben Funny ein ­kleineres Stück vom Lieblingskau­futter und begeben sich in eine Distanz, wo ­Funny noch nicht knurrt. Dann ­sprechen Sie Funny an und werfen gute (!) Leckerchen zu ihr hin. Hier können Sie auch gleich ein neues Kommando einbauen, da das Umtrainieren von „Aus" wesentlich länger dauern würde. Funny weiß bei dem „Aus"-Kommando anscheinend schon genau, dass ihr etwas weggenommen werden soll. Daher würde hier das Training mit dieser Grundspannung und Emotionslage länger brauchen, weil Funny mit dem Wort „Aus" etwas aus ihrer Sicht Negatives verbunden bzw. gelernt hat. Als neues Kommando könnte sich ein sanft und nett gesprochenes „Zeig’s mal her" anbieten. Nachdem Sie einige Leckerchen zu Funny hingeworfen haben, ent­fernen Sie sich wieder und Funny darf in Ruhe fertig kauen. Diese Übung sollte in der Häufigkeit der Leckerchen natürlich variiert werden.

Für Funny sollte das neue Kommando etwas Gutes bedeuten. Also, dass bei diesem Kommando immer mehr ­Futter nachkommt.

Gutes Tauschgeschäft
Sie arbeiten sich im Training in kleinen Schritten also so nahe mit dem neuen Kommando und dem guten Futter an Funny „heran", bis Sie beispielsweise neben ihr stehen oder sitzen können. Dann beginnen Sie mit dem ­Kommando auch zu verbinden, dass Sie Funny Leckerchen geben, das Kauobjekt kurz in die Hand ­nehmen – und auch dafür erhält sie viele Lecker­bissen. Und nun kommt der ­springende Punkt – dann geben Sie Funny ihr Kauobjekt wieder zurück und sie darf fertig kauen!

Wenn das Kommando später gut eingeübt ist, können Sie Funny problemlos auch einmal etwas wegnehmen, ohne dass sie es Ihnen übel nehmen wird. Aber Achtung! Da Funny bereits auch eine andere Lernerfahrung hat, rate ich Ihnen wirklich, häufiger zu üben, dass immer „mehr nachkommt" und nur in seltenen Fällen müssen Sie es ihr wirklich wegnehmen. Und für das „wirkliche" Hergeben sollte es auch eine gute Belohnung mit anderen Leckerchen geben. Schließlich muss es sich für Funny lohnen, mit Ihnen ein Tauschgeschäft einzugehen. Ich wünsche Ihrer Familie und Funny, dass Ihr gemeinsames Training großen Erfolg und in Zukunft entspannte Kausituationen bringt!

Ihre Yvonne Adler

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Yvonne Adler
Yvonne Adler lebt und arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Hunden. Sie schloss das Studium zur Tierpsychologin mit Auszeichnung ab und ist zudem eine von Europas ersten akademisch geprüften KynologInnen. Neben ihrer Tätigkeit als Sachverständige für Hunde, absolviert sie laufend weitere in- und ausländische Aus- und Fortbildungen im Bereich der Kynlogie, um stets auf dem aktuellsten Stand der internationalen Hundewissenschaft zu sein. Kontakt: Yvonne Adler – Adler Dogs® www.adler-dogs.at

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