Knurren erlaubt …? – Wie Sie mit Knurren am besten umgehen

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Die Kolumne zum ­Thema „Alltagsprobleme mit dem Hund". WUFF-Autorin ­Yvonne Adler, Tierpsychologin, akademisch ­geprüfte Kynologin und Hunde­trainerin, beantwortet Ihre Fragen. Schicken Sie uns Ihr Alltagsproblem mit ­Ihrem Hund, kurz formuliert und mit 1 bis 2 Bildern. In ­dieser Ausgabe möchte eine WUFF-Leserin ­wissen, wie sie mit dem ­zu­nehmenden ­Knurren ihres Rott­weilers ­um­gehen und dieses ­händeln soll.

Liebe Frau Adler!
Unser großer Bono, ein Rottweiler-Rüde, ist 1 ½ Jahre alt und seit Welpenalter bei uns. Leider kommt es häufig vor, dass Bono, seitdem er ausgewachsen ist, in für uns unverständlichen Situationen auf einmal knurrt, manchmal nachdem er einfach nur gestanden ist und geschaut hat. Wir haben schon vieles probiert, Nein/Aus zu sagen, zu schimpfen, ihn weiterzuziehen etc. Doch mittlerweile ist er noch beharrlicher geworden. Nun ­trauen wir uns gar nichts mehr zu tun, da Bono schon 55 kg hat und wir un­sicher sind, da wir nicht wollen, dass aus dem Knurren vielleicht ein Beißen wird.
Vielleicht haben Sie einen Tipp für uns? Vielen Dank im Voraus für Ihre Antwort!
Liebe Grüße
Familie Kohlhofer!

Liebe Familie Kohlhofer!
Sie setzen zu Anbeginn bereits die erste wichtige Managementmaßnahme, indem Sie versuchen, der Situation, in der Bono knurrt, auszuweichen. Ihre Einschätzung, dass aus dem ­Knurren irgendwann ein Beißen werden ­könnte, ist nachvollziehbar. Zudem ist es ­wichtig, dass das Verhalten nicht dadurch verstärkt wird, dass Bono das Knurren täglich übt. Anfangs ist es also der erste Weg, das Knurren zunächst einmal gar nicht mehr auszulösen.

Jeder Hund hat verschiedene Möglichkeiten, wie er in einer (für ihn) problematischen Situation reagieren kann. Diese sind in der Ausprägung je nach Persönlichkeit und der jeweiligen Lernerfahrung des Tieres unterschiedlich. Auch wenn diese Situationen aus Menschensicht völlig belanglos sind, muss dem (aus Hundesicht) nicht so sein. Es kann zum Beispiel an einem veränderten Geruch liegen, den die feine Hundenase zwar wahrnehmen kann, wir aber gar nicht riechen. Oder es könnte etwas sein, das wir gar nicht erkennen, weil unser Blickwinkel aus einer höheren Distanz kommt. Vielleicht sieht der Hund auch schlecht, oder es gibt andere medizinische Gründe, die zunächst tierärztlich abgeklärt werden müssen. Sie sehen also, es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, warum Bono dieses Verhalten zeigt, die wir als Menschen vielleicht gar nicht wahr­nehmen können.

Grundsätzlich werden in der Fach­literatur 4 Möglichkeiten unterschieden, wie der Hund in Konfliktsituationen reagieren kann: Flucht (flight), Angriff (fight), Erstarren (freeze) oder Herum­albern (fiddle about). Seit neuerem auch eine 5. Möglichkeit: „faint" – Hunde zeigen dabei ein Verhalten ähnlich dem Erstarren, wobei sie zusätzlich wie geistig abwesend wirken, bzw. geistig abschalten. Sehr viele Hunde würden gerne als Lösungsstrategie (um die ­Situation für sich selbst zu managen und zu entschärfen) die Flucht (flight) wählen, können dies aber zumeist nicht, weil sie angeleint sind. Viele Hunde erstarren (freeze) in einer bedrohlichen Situation. Gerade Rottweiler zeigen dies recht deutlich. Allerdings ist es als Hundehalter in den ersten Schritten oft schwierig, dies zu erkennen. Wenn all diese dem Hund zur Verfügung stehenden Verhaltensweisen nichts bringen, um die bedrohliche Situation zu entschärfen, dann bleibt dem Hund nur noch der Angriff (fight). Zu Beginn zeigt sich das Aggressionsverhalten zum Beispiel nur durch Knurren. Verständlicher­weise möchte man als Hundehalter nicht, dass die Eskalationsleiter weiter fortschreitet und daraus ein Abschnappen oder Beißen etc. entsteht. Aus all diesen Gründen ist es absolut wichtig, im Sinne der Gefahrenprävention, dem Hund keinesfalls das Knurren zu verbieten oder abzutrainieren!

Der wichtigste Ratschlag für Sie und Ihre Familie ist, dass Sie sich darin schulen müssen, das Verhalten Ihres Bonos besser zu lesen. Sobald Ihr Hund erstarrt, ist die Situation bereits problematisch für ihn! Deshalb sollten Sie spätestens hier mit Bono im großen Bogen ausweichen, um das Knurren und weiteres Aggressionsverhalten zu vermeiden. Sie können hier z.B. ein entspanntes Kommando geben wie „Alles gut, wir weichen aus". Dies sollten Sie über Ihre entspannte Körperhaltung und souveräne Anleitung vermitteln. Ein zusätzliches Lob zur Verstärkung von erwünschtem Verhalten wie ­Leckerchen oder Ähnliches darf erst dann ge­geben werden, wenn Bono wieder locker dahinschreitet. Sonst kann es ­passieren, dass Bono eine unerwünschte Verhaltens­kette lernt: „Ich muss erstarren und knurren, um mein Leckerchen zu erhalten." Dadurch würde sich das Verhalten nur verschlimmern.

Zwingen Sie Ihren Hund keinesfalls in oder durch Konfliktsituationen. Damit erreichen Sie das genaue Gegenteil, denn das Verhalten kann sich dadurch verschlimmern: Bono kann dadurch lernen, dass das Knurren nichts bringt und er andere Verhaltensweisen zeigen muss, um der unangenehmen Situation zu entgehen. Zum Beispiel Schnappen, Beißen etc., was auf keinen Fall gewünscht ist!

Zusätzlich ist es essenziell, dass Sie eine qualifizierte Fachkraft aufsuchen, die mit Ihnen gemeinsam die Situation begutachtet, fachlich fundiert bearbeitet und das Training anleitet. Es muss hier unterschieden werden, ob es sich bei dem Knurren um defensives Aggressions­verhalten (entsteht durch Angst, Unsicherheit etc.) oder um ­offensives Aggressionsverhalten (entsteht durch Sicherheit etc.) handelt. Beide Verhaltensweisen dienen zwar dazu, die Distanz zum Auslöser zu vergrößern, jedoch sind die Trainingsan­sätze dazu komplett unterschiedlich.

Das Ziel des Trainings sollte (wenn möglich) sein, dass Bono die Situationen nicht mehr als unangenehm/bedrohlich/konfliktträchtig einstuft und somit keine Notwendigkeit mehr hat zu erstarren/knurren etc. Dazu ist es essenziell, dass Sie in vielen verschiedenen Situationen mit ihm trainieren (generalisieren) und Bono sich dabei immer wohl fühlt (positive Emotion). Er muss langsam und ohne Reizüberflutung an potenziell problematische Situationen herangeführt werden, um diese mit der notwendigen Zeit und Ruhe positiv zu verknüpfen.

Ich wünsche Ihrer Familie und Bono, dass Ihr gemeinsames Training ­großen Erfolg und in Zukunft entspannte ­Situationen bringt!
Ihre Yvonne Adler

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Yvonne Adler
Yvonne Adler lebt und arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Hunden. Sie schloss das Studium zur Tierpsychologin mit Auszeichnung ab und ist zudem eine von Europas ersten akademisch geprüften KynologInnen. Neben ihrer Tätigkeit als Sachverständige für Hunde, absolviert sie laufend weitere in- und ausländische Aus- und Fortbildungen im Bereich der Kynlogie, um stets auf dem aktuellsten Stand der internationalen Hundewissenschaft. zu sein. www.adler-dogs.at

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