Konrad Lorenz: Die zwei Unterarten des Haushundes

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1918

Als Besitzer und Züchter von zwei sehr ­verschiedenartigen Hunderassen, ­Deutschen Schäferhunden und chinesischen Chow Chows, wurde Konrad Lorenz auf die ­Existenz von sich wesentlich unterscheidenden Formen des Haushundes aufmerksam, was erst ­kürzlich dank des ­großartigen Fortschritts der ­Molekulargenetik bestätigt wurde, wie Dr. Hellmuth Wachtel erklärt.

Der Nobelpreisträger Konrad Lorenz beginnt sein bekanntes Buch („So kam der Mensch auf den Hund“, 1960) mit einer Er­zählung, wie er sich die ursprüngliche Zähmung und Domestizierung der ­wildlebenden Hundeahnen vorstellte. Dies war nach Lorenz nicht in erster Linie der Wolf, sondern der Goldschakal gewesen. Wieso das? Lorenz begründete ­diese Ansicht mit der weniger strikten Sozial­ordnung bzw. der selteneren Rudelbildung des Schakals im Vergleich zum Wolf. Schakale sind vorwiegend einzeln oder paarweise arbeitende Jäger, nur zeitweise kommt es zu einer vorübergehenden Rudelbildung und gemeinsamen Jagd. Im Gegensatz dazu sind beim Wolf Familienrudel die Regel. Meist bestehen Wolfsrudel aus nur einem Paar und dessen Jungen aus dem ­ersten und dem zweiten Wurf, doch können manchmal auch weitere Wölfe, wohl meist Verwandte, in das Rudel aufgenommen werden.

Lorenz: Goldschakal haupt­sächlicher Vorfahr der Hunde
Lorenz selber hielt Schäferhunde und Chow Chows und beobachtete, dass letztere eine ausgesprochen starke Bindung an nur eine Person in der Menschenfamilie zeigten, weshalb er sie „Einmannhunde“ nannte (was man heute eigentlich genderneutral „Einmenschhunde“ formulieren müsste).

Aus dem schloss er, eindeutig, wie er meinte, dass lediglich Chow Chows und die anderen nordischen Spitzrassen von Wölfen abstammen. Bei allen anderen Rassen hingegen, die eine starke Bindung nicht nur an eine Person entwickeln, müssten Gold­schakale als Ahnen angenommen werden, so Lorenz. Diese Ansicht des Nobelpreisträgers war ein zweifacher Irrtum,
wie sich aber erst im Laufe der Entwicklung der Molekulargenetik gezeigt hat.

Zunächst ist es ja keineswegs so, dass alle nordischen Spitzrassen diese einseitige Anhänglichkeit an nur eine Person zeigen. Dies ist z.B. nicht bei den Sibirischen Huskys der Fall, die als Schlittenzughunde nicht nur von einer Person geführt werden können. Und inzwischen hat die Molekulargenetik eindeutig erwiesen, dass alle Hunde von Wölfen abstammen, Punktum. Einige Autoren meinen zwar immer noch, es könnte auch eine unbekannte sehr wolfsähnliche, ausgestorbene Kanidenform der eigentliche Ahne gewesen sein, doch keinesfalls der Goldschakal.

Dennoch gibt es mehrere Fälle, bei denen Hunde mit Goldschakalen gekreuzt und die Bastarde sogar in mehreren Generationen nachgezogen wurden. Der Goldschakal wurde ja auch von anderen Wissenschaftlern als möglicher Hundeahne angenommen. In der freien Natur scheint es zu keiner Kreuzung von Hund und Goldschakal zu kommen, doch Eberhard Trumler hat einen Hundestamm gezüchtet, den er „Wildhunde“nannte, indem er u.a. Elchhund, Dingos, einen Wolf und einen Goldschakal ­kreuzte. Diese Kreuzungen haben in seiner Versuchsstation „Wolfs­winkel“ (im Westerwald) gelebt und sich vermehrt, bis sie vermutlich durch Inzucht ausgestorben sind. Auch an der Universität Kiel hat Dorit U. ­Feddersen-Petersen vor Jahren Kleinpudel erfolgreich mit dem Gold­schakal gekreuzt. Eine solche Verpaarung gelang allerdings nur dann, wenn Hund und Schakal gemeinsam aufgezogen wurden.

Schakal-Mixe als Suchhunde in Moskau
Tiere einer Hund-Goldschakal-­Kreuzung – nach ihrem Züchter Sulimow-Hunde genannt – werden derzeit auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo als Suchhunde verwendet. Sie sollen eine bessere Nase haben als die sonst üblicherweise dafür eingesetzten Hunde. Dennoch – trotz dieser Fälle wird der Goldschakal von der Wissenschaft heute ziemlich einhellig als Ahne des Haushundes ausgeschlossen, denn man konnte bisher keine Gene von ihm in ­Haushunden finden.

Der Irrtum von Lorenz ändert aber nichts an der Tatsache, dass er ein ganz hervorragender Beobachter und Deuter hundlichen Verhaltens war. Sein Buch ist auch heute mit den erwähnten teilweisen Ein­schränkungen und noch einigen ­weiteren Vorbehalten jedem hunde­interessierten Menschen auf das Wärmste zu ­empfehlen.

Lorenz – ein „Honigfinder“
Lorenz machte also eine fundamentale Unterscheidung in der Abstammung von Hunden und Rassen, von denen – wie erwähnt – nach seiner Überzeugung ein Teil vom Goldschakal und nicht vom Wolf abstamme. Lorenz ging sogar so weit zu meinen, dass dies für einen Verhaltensforscher ganz eindeutig sei. Seine Schluss­folgerung gründete sich vor allem auf die Beobachtungen seiner eigenen Hundezucht von Deutschen Schäferhunden und Chow Chows und deren Kreuzungen, aber natürlich auch auf das, was er sonst bei Hunden seiner Zeit beobachten konnte.

Abgesehen davon, dass die Abstammungstheorie Lorenz’ nicht richtig ist, – wieso hat er diesen fundamentalen Unterschied zwischen den beiden Rassengruppen offenbar als Erster erkannt? Nun, er selbst sagte einmal von sich, er wäre ein „Honigfinder“. So wie jener Vogel dieses Namens, der den Honigdachs zu Bienennestern führt, um selbst dann vom Bienenwachs zu profitieren, das er verzehrt. Lorenz meinte, er habe eine ­gewisse Gabe, auf wissenschaftlichem Gebiet Neues, das die Wissenschaft voran­treiben könne, früh zu erkennen, wovon dann oft andere Vorteile zögen. So ist dies auch offenbar in diesem Fall geschehen.

Genetische Einteilung in ­Hundegruppen
Denn zwischen diesen beiden von Lorenz beschriebenen Hundeformen besteht tatsächlich ein markanter Unterschied. Nur, mit dem Schakal hat das eben nichts zu tun. Erst die molekulargenetische Forschung der letzten Jahre hat eine große Überraschung bei dieser Frage gebracht, die Lorenz jedoch bereits als wohl Einziger sozusagen „vorausgeahnt“ hat. Ja, Lorenz’ Beharrung auf dem Unterschied „Aureushund“ (Goldschakal) und „Lupushund“ (Wolf) ist heute genetisch geklärt: 2004 hat in Amerika Heidi G. Parker und ihr Team erstmals die genetische Struktur einer großen Zahl von Hunderassen untersucht. Dabei wurden vier verschiedene Gruppen gefunden, so genannte Verwandtschafts-Cluster, innerhalb welcher sich die genetische Struktur ähnelt. Parker nannte diese Cluster nach den darin vorwiegend zu findenden Rassen „Jagdhunde“, „Wachhunde“ (= Molosser/ Doggen), „Hütehunde“ und „Wolfshunde“ (wolfdogs). Dies, obwohl die Angehörigen dieser Gruppen keineswegs immer dem Gruppennamen entsprechen. So gehört z.B. der Greyhound, also ein Windhund, genetisch zur Gruppe der Hütehunde. Später fügten die Wissenschaftler noch eine weitere Gruppe, die sogenannten „Alpindoggen“ dazu. Diese umfasste Sennenhunde, den Bernhardiner, den Rottweiler und merkwürdiger Weise auch manche Spaniels.

Nun, die „Wolfshunde“ sind auch die genetisch bei weitem älteste Gruppe von allen und umfassen ­insbesondere die von Lorenz so genannten „Lupus­hunde“ – das passt also gut zusammen. Darin hatte Lorenz auch gerade­zu seherisch Recht, allerdings in einem anderen Sinn als er es meinte. Denn die „Lupushunde“, die also heute als „Wolfshunde“ bekannt sind, ­stehen genetisch noch immer dem Wolf am nächsten. Doch stammen auch alle anderen Hunderassen genauso vom Wolf ab, sind jedoch genetisch wesentlich jünger und unterscheiden sich auch stärker vom Wolf!
 
„Wolfshunde“-Gruppe deutlich älter
Der Unterschied, den Lorenz damit wohl als erster erkannte, besteht ­darin, dass es die „Wolfshunde“ schon viel länger gibt, nämlich seit etwa 16.000 Jahren, während alle anderen Hundegruppen und die darin ­ent­haltenen Rassen erst vor 2-3.000 Jahren entstanden, und ­darüber hinaus allesamt in Europa (damit sind natürlich nur die Vorfahren der heutigen Rassen gemeint!). Lediglich manche nichteuropäischen Rassen aus an Europa angrenzenden Regionen haben – wohl durch Kreuzung infolge der Nachbarschaft – heute einen mehr oder weniger großen Anteil an den „europäischen“ Clustern ­aufzuweisen. Was sonst noch mit den Hunden in dieser Zeit geschehen ist, bleibt ­vorerst noch ein Rätsel.
 
Wie eine solche Entwicklung zu­stande kam, müsste mit der Art zu tun haben, in der die europäischen Hunde in ­dieser Periode gezüchtet wurden. Sie zeigen Merkmale des Jugend­-
­­s­tadiums auch im Er­wachsenenalter, vor allem im Verhalten. Wissenschaftler bezeichnen dies als „Neotenie“, „Pädomorphose“ oder „Fetalisation“. Einem Forscher mit der Beobachtungs­gabe von Lorenz war es als Erstem vergönnt, diese Unterschiede zu erkennen und zu ver­suchen, sie nach den ­damaligen Kenntnissen zu erklären. Wie ­schade, dass er die so ­faszinierende ­Ent­wicklung der genetischen ­For­-
schung beim Haushund seither nicht mehr erleben durfte und ihm die heutigen Mittel für die Untersuchung fehlten!

Unterschiedliche „Trainier­barkeit“ der Hundegruppen
Die Rassen mit der molekular­genetisch ursprünglich europäischen Herkunft zeigen daher heute ein mehr jugendliches Verhalten als die Rassen der genetischen Gruppe der ­„Wolfshunde“ und sind besonders anhänglich, leicht zu erziehen und vor allem auch auszubilden. Stanley Coren hat diese Fähigkeit in seinem ­bekanntem Buch „Die Intelligenz des Hundes“ als „working intelligence“ (Abrichtbarkeit, Trainierbarkeit) beschrieben und den einzelnen Rassen Noten nach ihrer durchschnittlichen Leistung bei Obedience erteilt, die von zahlreichen Richtern bewertet wurde. Obedience ist jener Hunde­sport, der vom Hund die ­genaueste Ausführung von Verrichtungen ­verlangt, die für ihn von Natur aus „langweilig“ sind.

Die Ergebnisse Corens kann man auch als Einschätzung ihrer ­Neotenie (s. oben) verstehen. Rassen, die mit dem Menschen am engsten zusammenarbeiten, haben diese jugendlichen Eigenschaften anscheinend in höherem Grade erhalten als solche, die bei ihrer Arbeit selbständiger sind, also etwa Vorstehhunde und Schäferhunde einerseits und Bracken und Windhunde andererseits.

Auch hier zeigt sich sehr deutlich der Unterschied zwischen den Hunden europäischer Herkunft einerseits und den afrikanischen, nordamerikanischen und asiatischen Rassen andererseits. (Neufundländer und einige andere amerikanische Rassen stammen ebenfalls von europäischen Rassen ab und sind daher genetisch als solche zu betrachten)

Unter Corens 79 Bewertungen für Trainierbarkeit findet man unter den besten 20 fast nur Schäferhunde und sog. „Flintenhunde“ („gun dogs“), zu denen Spaniels, Retriever-Rassen und Vorstehhunde zählen. Die „wolfdog“-Rassen hingegen liegen in der Rangliste weit hinten. Doch gerade sie sind besonders interessant, vor allem durch ihre ursprüngliche genetische Nähe zum Wolf. Man denke z.B. nur an die als Schlitten- oder auch Jagdhunde hoch spezialisierten Rassen wie Huskys oder Windhunde, wie Salukis und Afghanen. Letztere er­weisen sich als so hervorragende Jäger, dass sie oft allein die Versorgung von Nomaden­familien mit Fleisch sichern.

Verjugendlichung europäischer Rassen
Die typisch „jugendliche“ Verhaltensweise einer europäischen Hunderasse im Vergleich zum Wolf hat Erik Zimen schon früh in seiner bahnbrechenden Dissertation „Wölfe und Königspudel“ beschrieben. Er nennt dies „Fetalisation“ und schreibt darüber zusammen­fassend: „Es konnte festgestellt werden, dass die Ontogenie (Entwicklung Anm.) vieler Verhaltensweisen bei den Pudeln im Vergleich zu den Wölfen verlangsamt (retardiert) oder ­beschleunigt (akzeleriert) ist und dass eine Vielzahl von Verhaltens­weisen der adulten Pudel sich am ehesten mit dem Verhalten junger Wölfe ver­gleichen lässt.“ Es war dies eine der ersten und interessantesten ver­gleichenden Untersuchungen von Hund und Wolf und ist auch heute noch für jeden Hundeliebhaber eine sehr zu empfehlende Lektüre!

Wir können jedoch annehmen, dass gerade der Pudel besonders „fetalisiert“ – und als Rasse eben deshalb besonders interessant ist. Unter den europäischen Rassen sind sicherlich verschiedene Niveaus der ­Fetalisa­tion zu beobachten. Sie wird vor allem dort geringer sein, wo die betreffende ­Rasse zum Beispiel noch zum Erbeuten von Wild oder zum Bekämpfen von Raubwild etc. verwendet wird, sodass manche ursprünglichen „wölfischen“ Eigenschaften erhalten geblieben sind. Die naturnahen „wolfdog“-Rassen, wie nordische Spitze, tropische Dorfhunde wie Basenjis und asiatische Hunde wie Shiba Inu, Chow Chows etc. zeigen sich dagegen meist selbstständiger und weniger fetalisiert als europäische Rassen. Sie werden auch oft als besonders reinlich und naturnah bezeichnet und man findet unter ihnen eher den von Lorenz erwähnten Typ des „Einmannhundes“. Ja, von manchen einheimischen Hunden in ­Ländern der Dritten Welt wird berichtet, dass sie zu keinem ­Menschen mehr in näheren Kontakt treten, wenn sie ihn erst nach einem Alter von sechs Monaten kennen lernen.

In der englischsprachigen ­Literatur werden die „wolfdogs“ auch als ­„ancient breeds“ oder „Asian breeds“, bezeichnet, doch gehört auch der ­afrikanische Basenji dazu, wie vermutlich auch alle anderen Rassen von außerhalb Europas. Nur bei den Molossern ist es noch unklar, wo sie genetisch primär hingehören, denn ihre nichteuropäischen Formen ­wurden bisher noch nicht analysiert.

Warum andere Entwicklung ausgerechnet der europäischen Rassen?
So stellt sich nun die hochinteressante Frage an die Wissenschaft: Wieso haben sich ausgerechnet die europäischen Hunde so grundlegend anders als die übrigen Rassen entwickelt? Es sind nämlich nur sie, die heute das unangefochtene Monopol für die anspruchsvollsten, für uns in der industrialisierten Welt unentbehrlichen „Hundeberufe“ wie Such- und Rettungshunde aller Art ­innehaben. Wir können erwarten, dass die ­Molekularbiologie und -genetik uns diese spannenden Fragen in den ­kommenden Jahren erstmals beantworten werden können.

So hat erst heute die Wissenschaft den Hund – und damit auch so richtig neu den Wolf – entdeckt, wie zum Beispiel das kürzlich in Wien abge­haltene Canine Science Forum zeigte. Die „Wissenschaft vom Hund“ und von den Mensch-Hundbeziehungen erlebt gerade jetzt einen nie zuvor geahnten Aufschwung!

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