Krankheitsursache Kastration?

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Der aus den USA kommende Trend der Frühkastration von ­Haushunden hat sich nun auch in Europa etabliert. Die Gründe dafür ­liegen in der Verhinderung unerwünschten Nachwuchses (Tierschutzargument) und/oder in der (erhofften) Vorbeugung und Therapie von Verhaltensstörungen. Bei Hündinnen wird oft auch das Argument genannt, mit einer Kastration Gesäugekrebs ­(Brustkrebs) zu verhindern, wofür aber solide wissenschaftliche Beweise bislang fehlen. Und ganz im Gegenteil, neuere Studien berichten sogar über eine Zunahme von Gelenkerkrankungen und verschiedenen Krebsarten bei kastrierten Rüden und Hündinnen.

Dass die Frühkastration der Hündin ihr ­Gesäugekrebsrisiko vermindere, ist ein häufig gehörtes Argument in der Kastrationsdiskussion. Doch ein britisches Forscherteam um Wendy Beauvais vom Royal Veterinary College kommt zu einem anderen Ergebnis. Die Wissenschaftler bewerteten nach strengen Kriterien evidenzbasierter Medizin sämtliche bislang publizierten Studien über den Einfluss der Kastration auf die ­Häufigkeit von Brustkrebs bei Hündinnen und kamen zu dem Schluss, dass die Faktenlage zu dünn sei, um eine Empfehlung zur Kastration als Brustkrebsvorsorge aussprechen zu ­können, egal in welchem Alter der Hündin sie durchgeführt wird (W. Beauvais, 2012).

Doch damit nicht genug, zeigt eine Studie der University of California in Davis, dass Kastration sowohl bei Hündinnen als auch bei Rüden die Ursache von Krankheiten sein kann (G. Torres de la Riva, 2013). Demnach erhöht sich bei kastrierten Hunden das Risiko für Gelenk- und Krebserkrankungen. Die kalifornischen Wissenschaftler untersuchten 759 kastrierte bzw. intakte Golden Retriever, Hündinnen und Rüden zwischen 1 und 8 Jahren, die Beziehung zwischen Kastration und folgenden Krankheiten: Hüftdysplasie, Kreuzband­riss, Lymphosarkom (ein Lymphkrebs), Hämangiosarkom (bösartiger Blutgefäßtumor) und Mastzelltumor. Das Ergebnis war überraschend.

Folgen der Früh- und Spätkastration
Bei 10% der frühkastrierten (d.h. vor der Geschlechtsreife) Rüden kam es zum Auftreten von ­Hüftdysplasie, was ­doppelt so viel ist wie bei ­intakten Rüden. Ein Kreuzbandriss trat ­ausschließlich bei frühkastrierten Rüden (5%) und Hündinnen (8%) auf, hingegen in keinem einzigen Fall eines intakten Tieres. Fast 10% früh­kastrierter Rüden erkrankten an Lympho­sarkom gegenüber nur 3% intakter Rüden.

Erfolgte die Kastration erst nach dem Eintreten der Geschlechtsreife (Spätkastration), fand sich bei Hündinnen in 8% ein Hämangiosarkom, das bei intakten Hündinnen nur in 2% auftrat. Und Mastzelltumore fanden sich unter den untersuchten Tieren ausschließlich bei den spätkastrierten Hündinnen.

Die Wissenschaftler erklären sich die Ursache der kastrationsbedingt gehäuften Gelenk- und Krebserkrankungen durch Veränderungen im Hormonstoffwechsel, doch sind die Zusammenhänge noch nicht aus­reichend untersucht.

Schon länger bekannt
Die Ergebnisse der kalifornischen Studie aus dem Jahr 2013 ­bestätigen ältere Studien, die ebenfalls eine ­größere Häufigkeit von Krebsarten bei kastrierten Hunden festgestellt haben. Nach diesen Studien tritt bei kastrierten Hündinnen das Hämangiosarkom bis zu 4-mal häufiger auf als bei intakten Tieren (W.A. Ware, 1999), exakt derselbe Wert wie in der Untersuchung der University of California. Auch Mastzelltumore fanden sich bei kastrierten Hündinnen viermal so oft wie bei intakten (C.R. White, 2011).

Zwei Studien fanden heraus, dass das Osteosarkom (Knochenkrebs) doppelt so häufig bei kastrierten wie bei intakten Rüden auftrat (G. Ru, 1998), bei Rottweilern sogar drei- bis viermal so häufig (D.M. Cooley, 2002).

Fazit
Bei jedem medizinischen Eingriff müssen Vor- und Nachteile, angezielte Wirkungen und unerwünschte Nebenwirkungen sorgfältig gegeneinander abgewogen werden. Das gilt natürlich auch für die Kastration von Hunden. Ist bspw. das Ziel die Verhinderung der Ausbreitung von Streunerpopulationen mit den damit verbundenen Problemen für die Hunde selbst aber auch für den Menschen, dann wird diese medizinische Maßnahme wohl notwendig sein, wenn es denn keine anderen humanen Möglichkeiten gibt.

Nicht selten aber ist das Ziel einer Kastration eine Verhaltensänderung, wobei hier – abgesehen von ethischen und medizinischen Aspekten – zu berücksichtigen ist, dass kaum ein Tierarzt den Erfolg dieser ­Maßnahme garantieren kann. Das bedeutet aber, dass trotz unsicherem positiven Verhaltenseinfluss der Kastration ihre unerwünschten Wirkungen vom Hundehalter in Kauf genommen werden. Auf gut Deutsch: der ­mögliche, aber keineswegs sichere Vorteil einer erhöhten Sozialkompatibilität des Hundes durch Kastration kommt ­seinem Menschen zugute, während die Nachteile ausschließlich der vierbeinige Kamerad tragen muss.

In diesem Zusammenhang soll auf einige Artikel in diesem Magazin verwiesen werden, die das Thema Kastration profund und kompetent, aus den unterschiedlichen Gesichtspunkten von Tierschützern, Tierärzten und Hundehaltern behandeln (s. Kasten).

Die Indikation zu einer Kastration sollte – bei wenigen Ausnahmen wie bspw. zur Kontrolle von Streuner­populationen – nur medizinisch begründet sein und damit aus­schließlich dem Tierarzt vorbehalten bleiben.

Hundliches Verhalten durch eine ­chirurgische Maßnahme beeinflussen zu wollen, ist aus Sicht der meisten Tierärzte und Wissenschaftler ­fraglich wirksam, und wenn, dann nur in wenigen Einzelfällen angezeigt, und ansonsten jedenfalls als unethisch abzulehnen. Und die ­Studien, ­welche die erhöhten Krebsraten bei ­kastrierten Hunden nachgewiesen haben, sind ein weiteres ­gewichtiges Argument gegen eine schnelle ­Kastration.

Information
Bei kastrierten Hunden kommen verschiedene Krebsarten um einen bestimmten Faktor häufiger vor als bei intakten (= nicht kastrierten) Tieren.

Tumorart

Rasse

Faktor

Studie

Osteosarkom

verschiedene Hunde

2

G. Ru, 1998

Osteosarkom

Rottweiler

3-4

D.M. Cooley, 2002

Herz-Hämangiosarkom

versch. Hündinnen

4

W.A. Ware, 1999

Milz-Hämangiosarkom

versch. Hündinnen

2

C. Prymak, 1985

Prostatakrebs

versch. Rüden

4

E. Teske, 2002

Mastzelltumor der Haut

versch. Hündinnen

4

C.R. White, 2011

Gesäugetumor (Brustkrebs)

versch. Hündinnen

kein Einfluss

W. Beauvais, 2012 (Metaanalyse)

Lymphosarkom

frühkastrierte Golden Retriever-Rüden

3

G. Torres de la Riva, 2013

Hämangiosarkom

spätkastrierte Golden Retriever-Hündinnen

4

G. Torres de la Riva, 2013

Mehr zum Thema
WUFF zum Thema Kastration
Weitere Artikel zum Thema Kastration finden Sie in folgenden Ausgaben, die auch aufhttp://www.wuff.eu nachzulesen sind:

■ WUFF 2/2002: Dr. Hans Mosser, Auswirkungen der Kastration auf Problemverhalten (Markieren, Aufreiten, Streunen, Ängstlichkeit und versch. Arten der Aggression) bei Rüden.
■ WUFF 5/2006: Dr. Christiane Quandt, Kastration als Problemlösung?
■ WUFF 12/2010: Sophie Strodtbeck und Dr. Udo Gansloßer, Die Kastration des Rüden aus ver­haltensbiologischer Sicht
■ WUFF 2/2011: Sophie Strodtbeck und Dr. Udo Gansloßer, Die Kastration der Hündin aus verhaltens­biologischer Sicht
■ WUFF 6/2011: Andrea Specht, Kastration von Hunden aus gesellschaftspolitischer und Tierschutzsicht
■ WUFF 9/2011: Die große WUFF-Diskussion: Die Kastration von Hunden – Pro und Kontra
■ WUFF 3/2012: Dr. Hans Mosser, Kastration – ja oder nein? Buch­besprechung „Kastration und Verhalten beim Hund" von Sophie Strodtbeck und Dr. Udo Gansloßer.

Literatur

■ W. Beauvais, J.M. Cardwell und D.C. Brodbelt. The effect of ­neutering on the risk of mammary tumours in dogs – a systematic review. J Small Animal Practice 2012:53,314-322
■ G. Torres de la Riva et al, ­Neutering Dogs: Effects on Joint Disorders and Cancers in Golden Retrievers. PLoS ONE 2013: 8(2): e55937. doi:10.1371/journal.pone.0055937

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