Lasst draußen alle Angst …

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Der Begriff Tierheim ist negativ „besetzt”. Zwar leugnet niemand die Notwendigkeit solcher Zufluchtsstätten für vierbeinige Waisenkinder, doch ähneln die endlosen Zwingerreihen in der Regel eher „Gefängnissen” als Heimen. Doch nicht nur der Imagekorrektur wegen, sondern auch aus tierpsychologischer Sicht ist es an der Zeit, bei der Planung neuer Tierschutzheime von veralteten Schemata abzuweichen und zeitgemäßere Wege zu beschreiten.
Andrea Specht, WUFF-Redakteurin und Tierschutzbeauftragte hat ein Heim im Schwarzwald besucht, das bei der Adaptierung eines alten Bauernhofes darauf geachtet hat, durch gezielte Strukturierung der Innen- und Außenanlagen auf die natürlichen Bedürfnisse der vierbeinigen Schützlinge Rücksicht zu nehmen.

Hunde in Einzelhaft
„Hunde sind Rudeltiere. Trotzdem werden sie in Tierheimen quasi in „Einzelhaft” verwahrt.” Diesen Satz hörte ich vor etwa zwei Jahren bei einem Symposium an der Universität München über Verhaltensprobleme von Hunden und Katzen. Die Vortragende hatte darüber hinaus eine Untersuchung geführt, bei der sie Tierheime mit Rudelhaltungsform mit Heimen herkömmlicher Einzelhaltung verglich. Sie stellte fest, daß von den Hunden, die einzeln gehalten worden waren, mehr Tiere abermals im Heim landeten als von jenen aus Gruppenhaltung. Die höhere „Rücklaufquote” der Einzelhaltungs-Hunde begründete die Wissenschaftlerin mit der unnatürlichen Vereinzelung des Sozialwesens Hund, dem dadurch höheren Streß und der Langeweile, die stereotype Verhaltensformen, Aggressivität und andere Verhaltensstörungen fördere. Keine guten Chancen für ein solches Tier, wieder ein neues Zuhause zu finden.

Gefängnis-Image
Ich konnte der Vortragenden nur aus vollstem Herzen recht geben. Selbst Obfrau eines Tierschutzvereines, der ein kleines Tierheim betreibt, kenne ich das Problem der negativen „Tier-Präsentation” in Heimen nur zu gut. Beim Anblick einer Reihe hysterisch am Gitter hochspringender und kläffender Hunde ist es für einen unbedarften Besucher schon recht schwierig, sich einen solchen als künftigen Hausgenossen vorzustellen. Das „Gefängnis-Image” vermittelt dem Besucher kaum etwas von der Fürsorge, Liebe und Hingabe, mit der viele Pfleger die ihnen anvertrauten Tiere betreuen. Hunde, die sich stereotyp im Kreis drehen, wütend hinter Gittern bellen oder einfach nur einen hektischen Eindruck vermitteln, findet man in herkömmlichen Tierheimen zuhauf. Verständlich, denn die Zwingeranlagen sind praktisch nicht strukturiert, kahle Betonkerker ohne jede Beschäftigungsmöglichkeit für das Tier. Meist ist jede Einheit mit nur einem Hund besetzt.
Im ungünstigsten Fall liegen die Zwingerreihen gegenüber, die Hunde können sich durch die Gitter sehen, putschen sich beim geringsten Anlaß gegenseitig hoch und der Gang durch eine solche Anlage wird zum akustischen Alptraum für jeden Besucher.

Suche nach neuen Wegen
Ich machte mich deshalb auf die Suche nach Alternativen. In Ungarn hatte ich bereits das krasse Gegenteil zur Einzelhaltung von Hunden kennengelernt. Dort bestand manches provisorisches Asyl aus nur einem einzigen riesigen Hunderudel, allerdings weniger aus tierpsychologischen Beweggründen als durch finanzielle Not bedingt. Platznot herrschte dagegen selten und so waren die Areale groß genug, um Beißereien hintanzuhalten. Es erstaunte und bestätigte mich, wie selten es in den Notquartieren zu Verletzungen durch Raufereien kam. Die ungarischen Hunde beeindruckten mich durch ihre Zugänglichkeit, Freundlichkeit und Gelassenheit. Ich begegnete zwar selbstbewußten, doch nicht aggressiven Hunden.

Hundebauernhof
Mich interessierte es, einen Kompromiß zu finden, eine Haltung in übersichtlichen Kleingruppen mit der Möglichkeit der Einzelhaltung sozial geschädigter Hunde bzw. problematischer Rassen. Durch Zufall entdeckte ich das Heim der Tierschutzorganisation PRO ANIMALE im Schwarzwald, das ich einige Tage besuchte, um das Verhalten der Hunde zu studieren und fotografisch festzuhalten.
Was mir zuallererst auffiel, war die angenehme Ruhe beim Betreten der Anlage. Der renovierte Bauernhof vermittelte Freundlichkeit und Geborgenheit. Er war mit geringem finanziellen Aufwand adaptiert worden. (Ein weiterer Vorteil der Rudelhaltung sind ja auch die geringeren Errichtungskosten. Ein Beweis dafür, daß Gutes nicht unbedingt teurer sein muß.)
Mein erster Besuch fand am späteren Vormittag statt und die Hunde waren bereits in ihren Spielgehegen. Wie schön klingt dieses Wort, wenn man nur Heime mit betonierten Innen- und Außenzwingern kennt. Auch bei meinen Besuchen in den Gehegen traf ich weder auf hektisches Hochspringen am Gitter, hysterisches Kläffen oder Aggressivität, sondern auf natürliche Neugierde und freudiges Begrüßungsbellen. Nach einigen Minuten trat wieder Ruhe ein und ich wurde noch einmal ausreichend beschnüffelt, bevor sich jeder Hund wieder seiner Lieblingsbeschäftigung zuwandte.

Strukturierte Areale
Die nebeneinanderliegenden Spielwiesen sind zwischen 800 und 1000 Quadratmeter groß und mit einfachsten Mitteln ausgezeichnet strukturiert. Natürlicher Busch- und Baumbestand bieten Rückzugsmöglichkeit, Verstecke und schattige Ruheplätze. Eine einfache kleine Tribüne, die oben überdacht ist, dient als Ausguck und Gemeinschaftsplatz. Diese primitive Holztribüne war der unbestrittene Lieblingsplatz des Rudels, ein Ort, wo soziale Kontakte gepflegt wurden. Die unterschiedlich hohen Stufen erfüllten eine weitere wichtige Funktion. Sie waren Ausdruck unterschiedlicher Rangordnung, ein wichtiges Kriterium im Rudelleben.

Geklärte Rangordnung
Viele Tierfreunde neigen dazu, Mitleid zu empfinden mit jenen Tieren, die in der Hierarchie eine untergeordnete Position innehaben und sind überzeugt, ein solches Tier müsse in ständiger Unterdrückung und Angst leben. Das Gegenteil ist der Fall. Ein rangniedriges Tier, das seine Position kennt und akzeptiert, lebt durchwegs streßfreier als ein ranghohes Tier, das seine Position ständig verteidigen und beweisen muß.
Außer natürlichem Baumbestand, einer Tribüne und mehreren Holzpodesten, befindet sich noch ein großzügiges Hundehaus auf dem Areal, das jedoch von den Tieren sogar bei Regenwetter nur ungern angenommen wird. Den Grund sehen die Betreuerinnen darin, daß es den Hunden nicht möglich ist, im Hundehaus liegend das Areal zu überblicken. Die Tribüne hingegen erlaubt es den Tieren, das gesamte Gehege zu beobachten.

Kleine Nachtmusik
Ebenso einfach und funktionell gestaltet sind die Innenräume, wo die Rudel die Nacht verbringen. Mit Hilfe einer einfachen Stufenkonstruktion wurden dort ähnlich einem Hühnerstall „höhere” und „niedrigere” Schlafplätze geschaffen. Auch im Schlafraum herrscht Ruhe, unterstützt durch beruhigende Musik, die aus einem Lautsprecher rieselt. Eine Art „Babyfon” sorgt dafür, daß die Betreuer bei „Neuankömmlingen” den reibungslosen Ablauf in den Nachtquartieren überwachen können.

Ausgeklügeltes Fütterungssystem
Wie füttert man ein Rudel von acht bis fünfzehn Hunden, wenn der eine Medikamente braucht, der andere Diätfutter und der dritte eine besonders große Portion. Zur Lösung dieses Problems haben sich die PRO ANIMALE-Mitarbeiter ein raffiniertes System ausgedacht, das erstaunlich gut funktioniert: In einem länglichen Raum, der von allen Zimmern zentral zu erreichen ist, wurden schmale halbhohe Holzboxen errichtet, durch einen Schuber zu öffnen und auch von oben zugänglich. Jedes Tier hat seine eigene Box, die es übrigens bereits nach einigen Tagen so gut kennt, sodaß jeder Hund ganz automatisch in seine Futterbox läuft. Dort wartet dann seine ganz spezielle Schüssel. Länger als fünf Minuten brauchte bei meinem Besuch keiner der Heimbewohner, um seinen Napf zu leeren. Manchereiner schien seine Portion gleich einem Staubsauger in Sekundenschnelle „einzusaugen”.

Integration eines Neuzugangs
Ich weiß, daß viele Tierfreunde aus Sorge und Unwissenheit die Meinung vertreten, es sei unmöglich, einen Neuankömmling in ein bestehendes Rudel zu integrieren. Doch das ist nicht der Fall. Selbstverständlich muß die Eingliederung durch einen erfahrenen Pfleger erfolgen, in seltensten Fällen kommt es zu ernsthaften Problemen. Ich kann dies aus eigenen Erfahrungen bestätigen, denn im Tierschutzheim Krems werden die Hunde aus Platznot seit Jahren in Kleingruppen gehalten und die Eingliederung von Neuzugängen oder Tieren, die von einem Spaziergang wieder zurückkommen, funktioniert reibungslos. Auch im Tierheim Innsbruck leben Hunde in Kleingruppen und kommen hervorragend mit dieser Situation zurecht, trotzdem die Fluktuation der Tiere sehr groß ist.
Es existiert natürlich immer ein Restrisiko, denn Hunde sind Lebewesen und nicht bis ins kleinste Detail kalkulierbare Maschinen. Doch wie gering wiegt das Restrisiko einer möglichen Rauferei im Vergleich zu den dauerhaften Schäden, die ein Hund durch Einzelhaltung, strukturloses Umfeld und Langeweile erleidet.

Lasst draussen alle Angst
Das Resümee meines Schwarzwaldbesuches war ein sehr positives. Ich habe gefunden, wonach ich gesucht hatte: Ein nachahmungswertes Pilotprojekt, das tiergerecht, rational und gut durchdacht ist und „sogar” funktioniert. Ich habe in den drei Tagen viele erfreuliche Bekanntschaften geschlossen, vierbeinige und zweibeinige, bin fröhlichen Hunden und ebenso fröhlichen Menschen begegnet und konnte mich davon überzeugen, daß es auch anders geht, daß Tierschutzheime nicht wie Gefängnisse aussehen müssen sondern ein wirkliches Heim sein dürfen, eine erfreuliche Zwischenstation auf dem Weg in ein neues Zuhause. So wie es der Spruch am Eingangstor des PRO ANIMALE-Heimes in wenigen Worten zusammenfaßt: „Ihr, die ihr eintretet, laßt draußen alle Angst.”

>>> WUFF – INFORMATION

Ablenkung & Neuigkeiten

Um den Aufenthalt in den Spielgehegen abwechslungsreich zu gestalten und ein „Platzhirsch-Verhalten” dominanterer Hunde zu vermeiden, werden die Gehege der einzelnen Gruppen in Abständen getauscht. Neue Duftmarken anderer Rudel lenken ab und sorgen tagelang für „Gesprächsstoff”. Darüberhinaus muß jedes neue Territorium von neuem in Besitz genommen und erkundet werden.

>>> WUFF – INFORMATION

PRO ANIMALE

Das Tierheim PRO ANIMALE in Hornbach wurde von PRO ANIMALE-Gründerin Johanna Wothke errichtet, die seit vielen Jahren unermüdliche internationale Tierschutzarbeit leistet. Die ca. 100 Hunde und 40 Katzen des Heimes wurden zum Teil vor dem Tierversuch freigekauft. Die vier Mitarbeiter Wally, Sabine, Tanja und Roland betreuen ihre Schützlinge rund um die Uhr.
Nähere Informationen unter:
• Tierherberge PRO ANIMALE,
Hofbauernhof 2,
D-78132 Hornbach/Reichenbach, Tel. (0049) (0)7833-6043

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