Lernen fürs Leben – Das „Sheila Harper-Projekt“

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Seit einigen Jahren läuft in Niederösterreich ein einzigartiges Pilot-Projekt, das die ­Lebensbedingungen und Vermittlungschancen von Tierheimhunden nachhaltig steigern soll. Acht Tierheime nehmen daran teil und verbuchen bereits erstaunliche Erfolge.

Vor Jahren beobachtete ich einen Hundetrainer in einem niederösterreichischen Tierheim, der versuchte, einen Hund in den Freilauf zu führen. Um dorthin zu gelangen, musste er an einer Reihe von Ausläufen entlanglaufen, während an den Gittern Artgenossen wie verrückt bellten. Auch dieser Hund bellte, zog an der Leine und gebärdete sich hektisch. Der Hundetrainer versetzte dem Hund zwar aktiv keine Leinenrucks, aber er ließ den aufgeregten Vierbeiner immer wieder in die gespannte Leine springen. Nach ­einer endlos scheinenden Zeitspanne gab der verzweifelte Hund auf und blieb mit weit aufgerissenen Augen und sichtlich schmerzender Halswirbelsäule stehen. Ich fragte den Trainer, was er mit dieser Vorgangsweise bezwecken wolle. Er antwortete, der Hund müsse lernen, ruhig an der Zwingeranlage vorbei­zugehen. Ich schlug vor, die Schleusen der betreffenden Zwinger zu schließen, um diesem Hund zu helfen. Dann wären die Außengehege leer und der Hund könnte entspannt daran vorbeigehen. Der Hundetrainer hatte ­zumindest genug Selbstbewusstsein, ­seine Vorgangsweise zu hinterfragen. Und er hatte es sicher nicht böse gemeint. Er kam aus der Hundesportszene, führte selbst einen Belgischen Schäferhund und seine oberste Priorität waren sauber ausgeführte Kommandos.

In Tierheimen gelten andere Gesetze
In einem Tierheim ist vieles außer Kraft gesetzt, was woanders vielleicht Geltung haben mag. In einem Tierheim zu leben, erfordert Kraft, Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und starke Nerven von seinen Bewohnern. Doch die meisten Hunde verfügen nicht über ausreichende Ressourcen, um eine längere Zeitspanne im Tierheim unbeschadet zu über­stehen, wenn ihnen keine Unterstützung zuteil wird. Ein Tierheim ist wie ein Schmelztiegel. Da kommen unterschiedlichste Charaktere mit unterschiedlichster Vergangenheit, Erfahrungen und Gesundheitsstatus zusammen. Es ist eng, es ist laut, es gibt vom Guten zu wenig und vom Schlechten zu viel. Und vor allem, es herrscht Stress!

Kommando-Gehorsam unwichtig
Ein Großteil der Hunde entstammt defizitären Haltungen und hatte kaum Möglichkeiten, Fähigkeiten zu entwickeln. Sie sind unsicher, ängstlich, manchmal auch verteidigungsbereit. Viele lebten reizarm und isoliert, oder – im Gegenteil – in permanenter Überforderung. Andere Hunde werden in sensiblen Lebensphasen abgeschoben und müssen Welpenzeit oder Pubertät hinter Gittern meistern. Manche sind gesundheitlich beeinträchtigt oder alt und haben es dadurch besonders schwer, ein neues Zuhause zu finden. Doch allen ist gemeinsam, dass sie all ihre Energie brauchen, um mit der Situation Tierheim einigermaßen kooperieren zu können. Werden solche Hunde nicht kompetent betreut und gefördert, können sich schwache soziale Fertigkeiten weiter verschlechtern. Und auch Hunde mit guten sozialen Fertigkeiten werden diese zunehmend abbauen oder sogar verlieren, wenn sie nicht die Möglichkeit haben, sie weiterhin einzusetzen. Doch mit dem Verlust dieser Fähigkeiten sinken parallel die Vermittlungschancen dieser Tiere. Beispiel: ein Hund, der gut mit anderen Hunden zurechtkommt, kann nach einiger Zeit verlernen, mit Artgenossen höflich umzugehen, weil er keine Gelegenheit erhält, in Ruhe Hunde zu treffen. Er trifft nur auf gestresste, bellende und traumatisierte Hunde und steht selbst unter Dauerstress. Irgendwann bellt er zurück, statt ruhig zu kommunizieren. Hundetrainer, die Tierheime unterstützen wollen, müssen deshalb lernen, umzudenken. Das Erlernen von Kommandos steht ganz unten auf der „To do“-Liste. Es geht primär darum, die Hunde darin zu unterstützen, fit für ein neues Zuhause zu werden.

Hunde sind soziale Lebewesen, deshalb wird Gruppenhaltung in vielen Tierheimen gefördert und in manchen Verordnungen zur Hundehaltung in Tierheimen sogar quasi „eingefordert“. Doch Paar- oder Gruppenhaltung ist per se kein Allheilmittel, die Zusammensetzung von Gruppen erfordert im Gegenteil viel Wissen und aufmerksame Betreuung. Natürlich kann ein souveräner vierbeiniger Freund einem bedürftigen sozial schwachen Tier eine große Hilfe und Vorbild sein. Doch es erfordert gute Beobachtungsgabe, um zu erkennen, ob ein Hund, der Verantwortung für einen anderen übernehmen soll, damit auf längere Zeit nicht überfordert ist. Sei es nun, diesem Hund Auszeiten von seinem „anstrengenden“ Partner zu verschaffen oder statt einer dauerhaften gemeinsamen Unterbringung auf stundenweise Gesellschaft zu wechseln: Es ist wichtig, Hunde mit ausreichend sozialen Ressourcen nicht zu überfordern. In Tierheimen ist man stets dazu verleitet, genau in diese Falle zu tappen, eben weil jene Tiere, die Hilfe brauchen, die Überzahl darstellen.

Gruppenhaltung ist eine sinnvolle Haltungsform, sofern der Platz aus­reichend, das Areal, wo sich die Gruppe aufhält, gut strukturiert und genügend Ausweichmöglichkeiten vorhanden sind. Einen unsicheren Hund mit einem oder mehreren stabilen Kumpels, welche gute soziale Fähigkeiten mitbringen, zu vergesellschaften, kann eine erhebliche Verbesserung sein. Trotzdem muss jede Konstellation beobachtet, analysiert und gegebenenfalls hinterfragt und ver­ändert werden. Dauerhafte Gruppierungen sind in Tierheimen ohnedies selten, da die Fluktuation der ­Tierheimbewohner einen permanenten Wechsel mit sich bringt. Die Anpassungsfähigkeit der unterschiedlichen Individuen ist dadurch sehr gefordert und wird oftmals auch überfordert. ­Vergesellschaftungen sollen folgende Ziele zugrunde liegen: die soziale Kompetenz sowie die Kommunikationsfähigkeiten zu verbessern, hochwertige soziale Interaktionen zu ermöglichen, das Selbstvertrauen der einzelnen Hunde zu stärken und ihr Bedürfnis nach Sozialkontakt zu be­friedigen. Allein die Tatsache, dass zwei Hunde sich irgendwie im gemeinsamen Zwinger arrangiert haben, ist noch keine gelungene Vergesellschaftung und bringt keinem Hund Vorteile.

Auch Auszeiten auf der Spielwiese bedürfen guter Vorbereitung und Planung. Mehrere Hunde zum Toben in einen Auslauf zu setzen, mag gut gemeint sein, kann aber bereits vorhandene Probleme verstärken. Freies Spiel ohne Anleitung endet oft im Chaos. Viele Hunde haben nicht gelernt, auf Signale von Artgenossen angemessen zu reagieren oder sind zu gestresst, zu jung und unerfahren. Schnell geraten körperlich unterlegene oder kranke Hunde in eine Defensivsituation oder werden gemobbt. Nicht alles, was danach aussieht und uns amüsiert, ist akzeptables Spielverhalten. Sowohl unterlegene als auch rüpelhafte Hunde lernen in solchen Situationen nichts Gutes. Dabei ist es ganz besonders für Tierheimhunde wichtig, sinnvolle Lernerfahrungen zu sammeln, die ihnen helfen, rasch wieder vermittelt zu werden.

Wahlmöglichkeit geben
In Tierheimen fehlen zudem oft Wahlmöglichkeiten, vieles ist vorgegeben. Hunde können sich nicht einfach einer für sie belastenden Situation entziehen. Doch die Gewissheit, die Umwelt durch eigenes Verhalten beeinflussen zu können, brauchen nicht nur wir Menschen sondern auch Hunde, um sich sicher und wohl zu fühlen. Wer stets die Erfahrung macht, dass es keine Alternativen, keinen Ausweg gibt, verfällt in Resignation und Hilflosigkeit. Es ist eine vorrangige Aufgabe der HundebetreuerInnen, für Wahlmöglichkeiten zu sorgen und Hunde darin zu unterstützen, richtige Entscheidungen treffen zu lernen. Bereits gute Strukturierung in den Zwingern mit mehreren Liegeplätzen, Sichtschutz oder frei wählbaren Innen- und Außenbereichen bietet Entscheidungsmöglichkeiten, die Hunde dazu nützen können.

Kehren wir kurz zu jenem bedauernswerten Tierheimhund am Anfang des Artikels zurück. Natürlich kann man einem Hund über viel Druck und schmerzhafte Einwirkung beibringen, ohne Leineziehen an bellenden Artgenossen vorbeizugehen. Wir könnten die Methodik dahingehend interpretieren, dass der Hund ja die Wahlmöglichkeit hatte, der psychisch und physisch unangenehmen Situation zu entkommen, wenn er aufgehört hätte, an der Leine zu ziehen. Doch war diese Wahlmöglichkeit für diesen Hund in dieser Situation eine faire? Wählen zu können im positiven Sinn bedeutet, sich zwischen zwei annehmbaren Möglichkeiten entscheiden zu dürfen. Das dem gezeigten Verhalten zugrundeliegende Problem (Unsicherheit gegenüber Artgenossen, Stress, Angst, Mangel an Vertrauen zu seinem „Handler“) würde dieser Trainingsansatz nicht lösen, sondern im Gegenteil sogar verstärken. Der Hund soll nicht nur „funktionieren“ im Sinne von Kommandos ausführen, er soll vielmehr vom Gelernten profitieren und in seiner gesamten Entwicklung gefördert werden.

Sheila Harper in Österreich
Das niederösterreichische Tierheim St. Pölten lernte durch Zufall die Verhaltensexpertin Sheila Harper kennen, die sich seit Jahrzehnten mit ängstlichen Vierbeinern beschäftigt. Obmann Willi Stiowicek konnte die renommierte Engländerin dafür gewinnen, die Mitarbeiter des Tierheimes darin zu schulen, die Bedürfnisse von Hunden besser zu erkennen und dadurch deren ­Vermittlungschancen zu steigern. Der Erfolg gab ihm Recht, fast alle der sogenannten „Langzeitsitzer“ haben seit damals ein Zuhause gefunden, darunter viele Listenhunde und sogar Schäfer­mischling Wolfi, der elf (!) Jahre auf seine Chance warten musste. Stress­bedingte Erkrankungen konnten in Folge um 75 Prozent reduziert werden.

Mittlerweile wurde das „Sheila ­Harper-Projekt“ auf acht Tierheime des Landes Niederösterreich ausgedehnt. Verstärkt wird Sheila dabei von ihrer niederländischen Assistentin Winnie Boerman und den Verhaltensexpertinnen Susi Lehr und Monika Mayerhofer vom Hunde-Forum, die zusätzlich als Dolmetscherinnen fungieren. In theoretischen und praktischen Modulen lernen die Mitarbeiter der Tierheime über mehrere Jahre ihre Schützlinge besser zu verstehen und einzuschätzen. Sheila Harpers Fokus liegt dabei eindeutig auf der Stressreduktion im Tierheim-Alltag. Dazu mussten die Tierheime ihre Tages­abläufe und ihr gesamtes Procedere kritisch hinterfragen und nach umsetzbaren Alternativen suchen. Vieles lässt sich einfach anpassen wie die Art der Zwingereinrichtung, das stressreduzierte Herausführen zu Spaziergängen oder die Einrichtung von Tabuzonen für Besucher zum Schutz der Hunde. Anderes wiederum erfordert längere Zeit und einige Investitionen wie die strukturierten „Hundegärten“, die Hunden dabei helfen sollen, sich zu entspannen. Nicht alles ist sofort und gleich möglich, manchmal dauert die Umsetzung länger oder es muss eine andere Lösung gefunden werden, da sie auf dieses Tierheim nicht anwendbar ist. So verschieden wie die Heime selbst sind auch die vierbeinigen Bewohner. Was für den einen gut und richtig ist, macht bei einem anderen keinen Sinn. Jeder Hund ist ein Individuum und hat eigene Bedürfnisse. Das zu erkennen und darauf in geeigneter Form zu reagieren, ist Sinn und Zweck des Lehrgangs.

Lernen fürs Leben
Sheila Harper geht es in ihrem Programm für Tierheim-Hunde nicht um oberflächliches Üben von Lerninhalten, sondern um „Tiefenlernen“ im Sinne von Lernen fürs Leben. Dazu bedarf es der individuellen Betrachtung und Analyse jedes einzelnen Hundes. Was würde diesem bestimmten Hund helfen, ein Zuhause zu finden? Welche sozialen Fähigkeiten braucht er, um im Alltag zurechtzukommen und um seine Vermittlungschancen zu erhöhen? Woran müssen Mitarbeiter/Betreuer mit diesem Hund arbeiten? Was könnte ihm helfen, sich in der Tierheimumgebung wohler zu fühlen? Das sind die Fragen, die Sheila Harper und ihre nieder­ländische Assistentin Winnie Boerman im Lehrgang und auch vor Ort in den Tierheimen stellen und gemeinsam mit den TeilnehmerInnen beantworten. Die Lehrgangsteilnehmer lernen, auch auf die subtilsten körperlichen Signale der Hunde zu achten, Anzeichen von Stress und Überforderung zu erkennen, adäquat darauf zu reagieren, den Hund in seiner Gesamtheit zu betrachten und zu beurteilen und die Hunde in der Verbesserung ihrer Fähigkeiten zu fördern. Es werden gemeinsam Möglichkeiten für qualitativ hochwertige Aktivitäten besprochen und umgesetzt, Zwinger eingerichtet und Freiflächen durch Bepflanzung und Sichtbarrieren hundetauglich gestaltet. Es gibt kaum einen Bereich im Umgang und Zusammenleben mit den Hunden, der nicht eingehend besprochen und diskutiert wird. Dazu zählen unter anderem die Art und Häufigkeit der Fütterung, Gestaltung von Spaziergängen sowie unterstützendes Leinenhandling. Das Stressreduktionsprogramm und Lernprogramm von Sheila Harper umfasst alle Lebensbereiche. ­Anschließend an die einzelnen Module des Lehrganges mit Sheila Harper hilft Susi Lehr mit ihrem Team vom Hunde-Forum den Tierheimen, alle Ideen und Optimierungspläne in die Tat umzusetzen, getreu dem gemeinsamen Motto: Lernen fürs Leben statt Kommandos befolgen.

Information zu den abgebildeten ­Hunden: Alle Hunde mit dem Pfoten-Symbol suchen ein neues Zuhause. Kontakt über die WUFF-Redaktion.

Interview
Andrea Specht im Interview mit Susi Lehr

Specht: Wie könnte man die ­Arbeitsweise des Hunde-Forums beschreiben?

Susi Lehr: Ein Beispiel: ein dreijähriges Kind soll schlafen gehen. Die Frage: „Wann möchtest du schlafen gehen?“ übersteigt die Fähigkeiten des Kindes, weil es noch nicht selbst die Tragweite seiner Entscheidung überlegen kann. Fragt man allerdings: „Welche Gute Nacht ­Geschichte möchtest Du heute vor­gelesen bekommen?“ bindet man das Kind in den Prozess mit ein.

Specht: Was bedeutet das umgelegt auf den Hund?

Susi Lehr: Hierfür würden wir gerne das oben genannte Beispiel aus dem Tierheim aufgreifen. Man hört oft den Satz „Der Hund muss lernen, mit der Situation klar zu kommen.“ Leider kann man Hunde sehr leicht manipulieren, ihnen viele Verhaltensweisen antrainieren. Wir stellen uns jedoch die Frage, ob man das tun sollte, wenn es den Bedürfnissen des Hundes widerspricht. Das bedeutet für uns respektvoller Umgang mit allen Lebewesen. Man kann Hunden mittels Zwang und Zufügen von Schmerzen sehr viel abverlangen. Oder auch mit positiver Verstärkung, wie z.B. Futterbelohnung, sie dazu bringen, an den bellenden Hunden im Zwinger problemlos vorbeizugehen. Der Hund wird, wenn man das Training richtig aufbaut, „bei Fuß“ gehen und den Hundeführer dabei anschauen.
Dabei stellen sich uns jedoch zwei Fragen: „Wie fühlen sich die anderen Hunde im Zwinger und was lernen sie dabei?“ Sie haben keine Möglichkeit, der Situation zu entkommen, und verknüpfen in weiterer Folge Hunde mit Aufregung, was mit großer Wahrscheinlichkeit dazu führen wird, dass sie auch außerhalb des Zwingers auf andere Artgenossen mit Aufregung reagieren werden.
Die zweite Frage, die wir uns stellen, ist: „Wie fühlt sich der angeleinte Hund und was lernt er dabei?“ Das Wort ­„problemlos“ ist in dieser Situation nur aus Menschensicht anwendbar. Der Hund selbst hat keine Wahlmöglichkeit, er darf nicht aus der für ihn ­schwierigen Situation weggehen und er darf auch nicht mit den anderen ­Hunden kommunizieren. Aus Hundesicht ist er gezwungen, sich großer Gefahr aus­zusetzen und: Der Hundehalter bringt ihn in diese Gefahr, was für den Hund Vertrauensmissbrauch bedeutet, da er ausgeliefert und verletzbar ist.
Unsere Herangehensweise wäre es, durch optimiertes Management, ­Änderung der Abläufe und gute ­Planung solche Situationen zu vermeiden, damit die Hunde keine negativen Erfahrungen machen, was für Tierheim­hunde noch viel wichtiger ist als für Hunde in einem wohlbehüteten Zuhause. Um die Hunde in einem Tierheim für eine möglichst erfolg­reiche Vermittlung vorzubereiten, sollten sie über­wiegend positive Erfahrungen machen und nur gute Sozialkontakte pflegen. Dafür ist Wissen über Kommunikation und das Erkennen indivi­dueller Bedürfnisse notwendig.

Specht: Das klingt nach einer zeitaufwändigen Methode, gibt es auch schnelle Lösungen?

Susi Lehr: Bei der Arbeit mit Lebe­wesen gibt es keine schnellen Patentrezepte. Unsere Devise lautet: Wer Probleme macht, hat selber Probleme. Die Hunde brauchen Hilfe, Verständnis, ­Geduld, Unterstützung und Einfühlungsvermögen. Reine Symptombekämpfung bringt nur oberflächlichen Erfolg. Um langfristig das Problem an der Wurzel zu packen, sind eine ganzheitliche Herangehensweise, eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe und ein individueller Zugang notwendig. In den meisten Fällen nimmt die Planung, also die Vorarbeit, die meiste Zeit in Anspruch. Am Beginn der Arbeit sieht ein un­geübter Betrachter nur wenig Fortschritt. Die langsame Vorgehens­weise ist allerdings unbedingt notwendig, da man zuerst ein solides Fundament schaffen muss, bevor man darauf aufbauen kann. Der Hund muss sich zuallererst sicher fühlen und Vertrauen fassen. Ab einem gewissen Punkt stellt sich dann rasch Fortschritt ein. Wichtig ist daher, anfangs nicht zu schnell den Schwierigkeitsgrad zu steigern, sonst riskiert man Rückfälle. Man gibt den Hunden die Gelegenheit, Situationen erfolgreich zu bewältigen, also ein­zuschätzen und richtig zu reagieren. Wir schaffen natürliche Situationen, in denen der Hund lernen kann. Wir brauchen daher nicht zu belohnen, da der Erfolg, eine Situation zu meistern, beim Hund ein gutes Gefühl erzeugt. Futter würde in diesem Fall ablenken und den Fokus auf den Menschen (bzw. Futter) lenken, anstatt die soeben gemeisterte Situation zu verarbeiten. Unser Ziel ist, dass der Hund den anderen Hund beobachtet, auf seine Signale antwortet, sich dann abwendet oder höflich (langsam, im Bogen) nähert oder weggeht.

Specht: Was ist, Eurer Meinung nach, das Wichtigste bei der Arbeit mit Tierheimhunden?

Susi Lehr: Geduld! Hunde in der ­Tierheimsituation sind leicht überfordert und brauchen Zeit, um die Situation zu erfassen. Natürlich ist Zeit knapp im Tierheimalltag. Oft reichen allerdings wenige Sekunden aus, damit der Hund versteht, was man von ihm will. Wir Menschen wissen, was wir als nächstes tun werden, Hunde sind darauf angewiesen, uns zu lesen, um das herausfinden zu können. Management ist ebenfalls ein wichtiger Faktor im Tierheimalltag. Das bedeutet, dass man durch Anbringen von Sichtschutz, Optimierung der Abläufe oder bauliche Veränderungen verhindert, dass Hunde in schwierige Situationen kommen. Wie Du in Deinem ­Beispiel bereits erwähnt hast, sollte man verhindern, dass ­Hunde an belegten ­Zwingern vorbeigehen müssen.
Jede Sekunde zählt! ­Tierheimhunde haben nicht so viel Kontakt zu Menschen, daher sollte jede Sekunde optimal genutzt werden. Für diese Hunde ist nicht nur der Spaziergang wichtig, sondern auch die Zeit davor und ­danach. Ruhiges An­legen der ­Ausrüstung (Brustgeschirr und Leine), einfach nur Zeit mit dem Hund verbringen und die Zeit miteinander genießen sind sehr ­wichtig. Hunde, die noch­ zu ­wenig Fähigkeiten für einen Spaziergang entwickeln konnten, profitieren viel mehr davon, wenn man z.B. einfach „nur“ bei Ihnen ist.

Specht: Was brauchen (Tierheim-)Hunde im neuen Zuhause?

Susi Lehr: Das Hauptanliegen bei unserer Arbeit ist es, Wissen zu vermitteln und Hundehaltern die Bedürfnisse ihrer Hunde bewusst zu machen. Wenn z.B. ein Hund aus dem Tierheim einzieht, braucht er vor allem Eines: Einen einfühlsamen menschlichen Partner, Ruhe, Schlaf und Sicherheit. Diese Hunde sind traumatisiert und brauchen Zeit, um wieder Vertrauen zu fassen. Eine von uns verfasste Broschüre über die optimale Übernahme und Eingewöhnung eines Tierheimhundes ist übrigens auf der Homepage der Tierschutz Ombudsstelle Wien unter dem Titel „Ein Hund aus dem Tierheim“ auf http://www.tieranwalt.at/de/Hund-aus-Tierheim.htm kostenlos verfügbar.

Hintergrund
Initiative für eine respektvolle und gewaltfreie Hundehaltung

Hunde-Forum – Susi Lehr & TEAM
Kursort: Gießhüblerweg
A-2372 Gießhübl/Wien
Mail: office@Hunde-Forum.at
Tel.: +43 650 73 13 588
http://www.hunde-forum.at

Susi Lehr bezeichnet sich und ihr Team nicht als HundetrainerInnen, sondern lieber als VerhaltensberaterInnen. Dem Hunde-Forum geht es nicht um perfektes Einüben von Kommandos, sondern vor allem um den Aufbau einer tragfähigen vertrauensvollen Beziehung zwischen Mensch und Hund. Wer einen herkömmlichen, akkurat gemähten Hunderasenplatz erwartet, wird anfangs überrascht sein. Der Hunde-Forum-Platz in Gießhübl bei Wien gleicht eher einem meditativen Garten, der durch unterschiedlich hohen Grasbewuchs, Hecken, Baumbestand und Sichtbarrieren strukturiert wird. Das Hunde-Forum veranstaltet regelmäßig informative, spannende Seminare und Workshops für Hundebegeisterte. Auch eine mehrjährige Ausbildung zur/m VerhaltensberaterIn nach Sheila Harper wird vom Hunde-Forum angeboten.

WICHTIG!

Um dieses einzigartige Projekt weiterhin realisieren zu können und auch anderen interessierten Tierheimen zu ermöglichen, werden Sponsoren dafür gesucht. Interessenten bitte bei WUFF melden.

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