Lügen haben kurze Leine … – Pro und Kontra Cesar Millan

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Wenn es um den umstrittenen amerikanischen Hundeflüsterer Cesar Millan geht, scheiden sich die Geister und die Emotionen kochen hoch. Millan-Anhängerin und Hundetrainerin Marisa Müller versucht zu erklären, wie ihr Idol tickt. WUFF checkt die Fakten mit Hundetrainerin Sunny Benett, die erklärt, warum Millans Ansatz überholt ist.

Da gibt es auf der einen Seite die sogenannten »Wattebauschwerfer«, denen ein nachdrückliches Platz schon zu viel Zwang ist, und auf der anderen Seite Hundetrainer, wie Cesar Millan, die Hunde nicht gerade mit Samthandschuhen anfassen. Zugute halten muss man Millan, dass er auch stark verhaltensauffällige und aggressive Hunde »behandelt«, die sonst kaum ein Trainer annimmt, oder die als untherapierbar abgestempelt werden. Ob es für diese Hunde nicht auch andere – weniger brutale – Erziehungsmethoden gibt, ist eine andere Frage.

Nachahmungseffekt
Ein Hauptproblem beim Phänomen Cesar Millan ist sicher die Tatsache, dass er als TV-Hundetrainer eine breitenwirksame Vorbildfunktion hat. Selbst wenn seine Vorgehensweisen in einzelnen Fällen gerechtfertigt sein sollten, taugen seine Praktiken nicht als Vorlage zum Nachmachen, nein, sie sind sogar gefährlich. Durch die großflächige Ausstrahlung ­seiner Sendung an ein Millionenpublikum und die sympathisch wirkende ­Verpackung des Formats wird die Anwendung von Gewalt an Hunden propagiert und verharmlost.

Ceasar Millan kann mit Hunden umgehen, er kann sie lesen, das ist unumstritten. Nur wie er die Hunde dann bearbeitet, entspricht nicht den Erkenntnissen der modernen Verhaltenskunde. Hunde, mit denen er arbeitet, zeigen fast immer deutliche Symptome von Unterwerfung und Stress bzw. auch Meideverhalten. Würge- und Stromhalsbänder sind alltägliches Equipment. Natürlich könnte man jetzt entgegnen, dass man einen Hundetrainer nur auf Basis von Videos nicht beurteilen könne. Allerdings gibt es mittlerweile so viele Videos und TV-Sendungen, die fast immer das gleiche Bild zeigen.

Cesar der Nette …
Jeder Hundetrainer oder meist jede Hundetrainerin, die Millan je persönlich gesehen oder gar kennengelernt hat, wird zu seinem Fan und Anhänger. Zugegeben, er sieht nicht schlecht aus, hat die weißesten Zähne, die ich je gesehen habe, und hat ganz bestimmt eine enorme Ausstrahlung auf sein Gegenüber. Die Hundetrainerin Marisa Müller (siehe unten) hält große Stücke von ihrem Idol, dem »Dogwhisperer«, wie er sich selber nennt. Nach ihrer Ansicht arbeitet er mit viel Gefühl, Energie und Harmonie. Auch nennt er sich in erster Linie »Dog-Behaviorist«, nicht Trainer, wie Marisa Müller klarstellt. Den ungekürzten Text, wie Marisa Müller ihr Idol Cesar Millan beschreibt, lesen Sie auf der übernächsten Seite.

Tierschutzrelevanter Millan?
Dem sanftmütigen Erscheinungsbild stehen allerdings viele Kritiker gegenüber. Allen voran die Tierschutzorganisation Peta, auf deren Webseite zu lesen ist: »Der in Mexiko geborene Amerikaner spricht zwar von >Kommunikation und Verständnis<, doch seine Methode setzt vielmehr auf Unterdrückung und den Einsatz von >Hilfsmitteln<, wie den hierzulande tierschutzwidrigen Elektroschock- und Würgehalsbändern, um Hunde schnell gefügig zu machen. … Die Tiere gehorchen ihm im Endeffekt meist nur, da sie schlichtweg in Panik geraten und Angst haben.«

Liest man auf der Peta-Webseite weiter, stößt man auf folgende Information: »Warum Cesar Millans Methoden nicht mit dem Tierschutzgesetz vereinbar sind, können Sie in einem Gerichtsbeschluss des VG Hannover nachlesen. Darin heißt es: >Nach den Erkenntnissen der an der Auswertung der vom Antragsteller zugeleiteten Filmsequenzen und öffentlich über das Internet zugänglichen Videos von vergleichbaren früheren Auftritten des Antragstellers beteiligten Tierärzte wurden die Hunde unter anderem durch den Einsatz von Würgeschlaufen sowie durch gezielte Schläge und Tritte auf den Kehlkopf und in den Nierenbereich verbunden mit bestimmten Zischlauten innerhalb kürzester Zeit derart konditioniert, dass sie auf der Bühne das unerwünschte Verhalten nicht mehr zeigten, dafür aber deutliche Anzeichen von Verängstigung, Verunsicherung, Meideverhalten und Stress erkennen ließen.< Das bedeutet, dass Millan den Tieren Schmerzen zufügt und sie ängstigt. Die verunsicherten und gestressten Hunde befolgen seine Anweisungen aus purer Angst. Nein, so sollte die Erziehung von Hunden NICHT ablaufen!«

Die Hundetrainerin Sunny Benett sieht Millan ebenfalls mit sehr kritischen Augen. Moderne Hundetrainer setzen auf Kooperation statt auf Konfrontation, sagt sie. Sogar dass Millan gar kein richtiger Hundeexperte sei, stellt Benett in den Raum: »Als Experten werden für gewöhnlich Personen bezeichnet, die zumindest über eine fundierte Ausbildung verfügen und somit als sachverständig gelten.«

Eines ist jedenfalls klar: Trainer wie Cesar Millan polarisieren stark, nicht zuletzt aufgrund ihrer starken medialen Präsenz. Dass Trainer mit derartigen Methoden hierzulande mit dem Tierschutzgesetz in Konflikt kommen würden, ist jedoch ­unbestritten. Aus diesem Grund darf
Millan hierzulande bei seinen Auftritten auch nicht mit Hunden arbeiten, sondern nur durch Gehilfen.

Pro: Die Welt ein bisschen besser machen

Marisa Müller arbeitet nach der Philosophie von Cesar Millan und verspricht, damit ein positives und stressfreies Zusammenleben von Mensch und Hund zu ermöglichen.

Ich darf hier ein paar Worte über die Methoden von Cesar Millan schreiben, da ich ihn persönlich und seine Arbeit in Kalifornien 2018 kennen lernen konnte. Ich schreibe bewusst »über seine Methoden«, damit es keine Missverständnisse gibt, da ich zwischen der privaten Person Cesar Millan und seinem Arbeitshunde-Resozialisieren differenziere. Er gibt seinen Schülern auf dem Weg mit, dass wir uns keine Zeit für seine Verteidigung nehmen sollten, sondern die dafür gesparte Energie und Zeit »straight« für unsere Arbeit mit Mensch und Hund verwenden sollten. Sein Slogan dafür ist: »better human, better planet«. Deswegen ist das Geschriebene hier keine Verteidigung seiner Arbeit, sondern eine Erklärung zum besseren Verständnis.

Zu erwähnen wäre auch noch, dass er mittels Psychologie arbeitet und nicht mittels Training. Da gibt es für ihn gravierende Unterschiede, deswegen nennt er sich in erster Linie »Dog-Behaviorist«, nicht Trainer. Bei einem Hundetraining kann der Hund etwas Neues dazu lernen oder schon Gelerntes festigen. In der Regel macht das Mensch und Hund Spaß und sorgt beim Hund für Ausgeglichenheit, da die geistige Energie abgebaut wird, manchmal auch die körperliche (z.B. Agility). Man sollte sich aber bewusst sein, dass Emotionen, egal ob positiv oder negativ, mit Training nicht wegtrainiert werden können. Aus z.B. einem ängstlichen Hund einen souveränen zu machen oder aus einem aggressiven einen umgänglichen, wird mit Training nicht funktionieren, da Training in erster Linie das Hirn, nicht die Seele eines Hundes anspricht. Wir Menschen wissen, dass wir z.B. Flugangst nicht mit 3x tgl. jeweils 15 Minuten wegtrainieren können. An dieser Erkenntnis setzt unter anderem Cesar Millans Methode an.

Einer der wichtigsten Faktoren bei seiner Arbeit ist Energie. Er lehrt, dass in der Hundewelt alles Energie und Geruch ist. Dein Hund kennt nicht deinen Namen, nicht deinen Beruf, nur deine Energie und deinen Geruch. So wie du dich im Moment fühlst, fühlt dich dein Hund. Bist du nervös bei Spaziergängen, ist es auch der Hund. Deswegen plädiert Cesar Millan dafür, dass Menschen sich ihrer momentanen Energie bewusst werden, wenn sie mit ihren Hunden agieren. Meditation für das Gewahrsein der eigenen Energie (= Emotion und Absicht) ist auch ein wesentlicher Punkt bei seiner Philosophie. Somit kann ich allein durch meine Energie Hunde entstressen und somit harmonisieren.

Er arbeitet auch vorrangig mit dem stärksten Sinnesorgan des Hundes, seiner Nase. Das Einsetzen der Hundenase nennt er dann Umleiten. Das heißt, wenn sich ein Hund in einem beginnenden Stresslevel befindet, der sich erhöht, genügt oft der Einsatz der Nase, mit Gerüchen, damit der Stresslevel sofort sinkt. Das funktioniert aber nur bis Stresslevel 5, (von 10), darüber kann sein Gehirn keine Gerüche mehr wahrnehmen. Das ist dann der Punkt, an dem Menschen ihren Hunden das beste Leckerli vor die Nase halten können, und ihr Hund reagiert nicht mehr darauf.

Menschen sollten die Energie/Emotion ihres Hundes im Moment wahrnehmen und, wenn nötig, sanft aber bestimmt ändern, bis sie wieder seinen natürlichen (harmonischen) Urzustand hat. Die Umleitung dafür kann per Geruch oder per Energie erfolgen. Oft ist dafür nicht einmal eine Berührung des Hundes notwendig. Auch wesentlich, seinen Angaben zufolge, ist, dass der Energielevel des Hundes mit seiner Familie kompatibel sein sollte. Ein Hund aus der Gattung Arbeitsrasse mit hoher Energie kann bei Haltern, die diese Energie nicht täglich abbauen, zu Verhaltens-Auffälligkeiten führen.

Seine Philosophie, wie mit Hunden umgegangen werden sollte, beschreibt er unter anderem mit 3 Worten: Trust, Respect und Love.
• Vertraue den Instinkten deines Hundes und auch deinen.
• Respektiere seine Bedürfnisse und sein Wesen.
• Gib ihm Liebe, die seine Seele braucht.

Cesars Philosophie beinhaltet, dass wir Hunde nicht als Menschen sehen sollten. Wir Menschen agieren intellektuell, Hunde instinktiv, wir Menschen leben oft in der Zukunft oder Vergangenheit, Hunde leben im Hier und Jetzt und agieren instinktiv. Sie sind und bleiben Tiere mit ihren eigenen Naturgesetzen. Immer wenn Menschen gegen die Natur arbeiten, entsteht Disharmonie. Wir sehen es dann in sog. Verhaltensauffälligkeiten der Hunde wie z.B. Nervosität, Aggression, Ängstlichkeit, …

Mit seinen Methoden lernen Menschen MIT der Natur zu arbeiten, die Naturgesetze der Hunde kennen zu lernen und zu respektieren. Die Ergebnisse sind gleich zu sehen. Ich arbeite in unserem Verein »Pfotenbande« seit August 2018 nach seinen Methoden und konnte schon über 450 Hunden mit ihren Familien zu mehr Harmonie verhelfen (Siehe Berichte der Hundehalter nach unserer Arbeit mit ihnen auf unserer Webseite). Ich möchte mit den Worten schließen, die Cesar Millan seinen Schülern am Ende der Workshops gesagt hat: »Lasst uns die Welt gemeinsam ein kleines Stückchen besser machen!«

Über Marisa Müller
Der Verein Pfotenbande hat es sich zur Aufgabe gemacht, nach der Philosophie von Cesar Millan ein positives und stressfreies Zusammenleben von Mensch und Hund zu ermöglichen.
Marisa Müller – Hundepsychologie nach Cesar Millan
http://www.pfotenbande.net

Kontra: Lügen haben kurze Leine …

Wenn es um den umstrittenen amerikanischen Hundeflüsterer geht, verteidigen Laien ihr Idol oft mit einem der folgenden Argumente. WUFF checkt die Fakten mit Hundetrainerin Sunny Benett, die erklärt, warum Millans Ansatz überholt ist.

Argument: Millan rettet Hunde vor dem Tod
Falsch: Die Gesetzeslage in manchen US-Bundesstaaten sieht vor, dass Hunde nach einem Beschädigungsbiss euthanasiert werden müssen. Ohne den Einsatz von Konfrontationsmethoden kämen viele dieser Hunde jedoch gar nicht erst in die Situation zu beißen und müssten somit auch nicht »vor dem Tod gerettet werden«. Dies passierte beispielsweise im Fall der Hündin Holly, die das Fernsehidol nach dem Biss vor laufender Kamera aufnahm, um sie vor dem Tod zu »bewahren«. Dass ihr der nur aufgrund seiner Fahrlässigkeit bevorstand, wurde elegant verschwiegen. Fachkundige Trainer begegnen Hunden mit Vorgeschichte in Schutzkleidung und vermeiden Konfrontationen, damit ein zur Einschläferung des Tieres führender Biss von vornherein vermieden wird.

Argument: Das tut den Hunden nicht weh
Falsch: Wenn ein Hund, der gerade noch aggressiv war, auf eine »kleine Korrektur« hin das unerwünschte Verhalten einstellt, dann muss sie dem Hund unangenehm gewesen sein. Dass Hunden Reize wie Leinenimpulse, »Nierenstupser« und Kicks in die Seiten weh tun, sieht man nicht nur an ihrer Körpersprache, sondern auch daran, dass sie (unerwünschtes) Verhalten zumindest kurzfristig sein lassen. Strafbasierte Trainingsmethodik führt zu zahlreichen unerwünschten Nebeneffekten und kann durchaus auch tierschutzrelevant sein.

Argument: Manche Hunde können anders nicht rehabilitiert werden
Falsch: Tatsächliche Experten greifen nicht nur auf Schutzkleidung zurück, sondern auch auf sogenanntes Empowerment-Training, bei dem Tiere stressfrei neue Lösungsstrategien lernen. Hunde sind genetisch darauf »programmiert«, mit Menschen zu kooperieren. Das bedeutet, dass man selbst bei hochgradig aggressiven Hunden durch Vertrauensaufbau nachhaltigere Erfolge erzielt als mit Druck und Konfrontation. Strafbasiertes Training hemmt letztendlich nur, ohne dem Tier zu verraten, was das richtige Verhalten wäre.

Argument: Millan ist ein Experte
Falsch: Als Experten werden für gewöhnlich Personen bezeichnet, die zumindest über eine fundierte Ausbildung verfügen und somit als sachverständig gelten. Der Hundeflüsterer ist Autodidakt. Wie er selbst in einem Interview zugab, denkt er nicht viel nach – was den Mangel an Weiterentwicklung angesichts jüngster wissenschaftlicher Erkenntnisse durchaus erklärt. Hierzulande ist Hundetraining wie auch in den USA ein freies Gewerbe, das keiner Ausbildung bedarf. Ist man allerdings aufgrund seiner Profession in einer Position, über Leben und Tod von Tieren zu entscheiden, wäre Qualifizierung durchaus sinnvoll. Immerhin geht man mit einer Schusswunde nicht zu jemandem, der seit frühester Kindheit Doktor spielt, sondern zu einem entsprechend ausgebildeten Arzt.

Kooperationstraining statt Konfrontation
Trainer haben Vorbildfunktion, aber nicht jeder sollte auch als solches gesehen werden. Der umstrittene TV-Star hat gewiss ein Bewusstsein für problematisches Hundeverhalten geschaffen und vielen Hundehaltern leicht verständliche Tipps vermittelt. Zum Beispiel, dass Hunde Regeln, Auslastung und Zuneigung brauchen. Sein Einsatz von Konfrontationsmethoden und die damit einhergehende Aktivierung von Verteidigungsmechanismen hingegen gefährden das Leben von Hunden – insbesondere in Ländern, wo selbst gesunde Tiere einfach eingeschläfert werden können. Auch hierzulande werden die Hundehaltegesetze nicht nur strenger, sondern auch zunehmend stärker an die Erziehung des Hundes gebunden. Gut integrierbare Hunde schafft man durch Kooperation, nicht durch Konfrontation und kurze Leinen.

Über Sunny Benett, BA
Sie trainiert Menschen und ihre Hunde ausschließlich mit modernen Methoden. Die tierschutzqualifizierte Hundetrainerin hat Hunde- und Bildungswissenschaft studiert, um ihr Wissen optimal zu vermitteln.
http://www.dogsinthecity.at

Ticket-Tauschaktion
Tausche TV-Trainer-Ticket für Gratis Hundetraining
Wer den Hundeflüsterer live gesehen und sein Ticket aufgehoben hat, kann Altpapier zu aktuellem Wissen recyclen: Gemeinsam mit einem Gutschein der Initiative für gewaltfreies Hundetraining kann die Eintrittskarte innerhalb der nächsten sechs Monate für modernes Hundetraining eingetauscht werden. Rund 200 Hundeschulen in Österreich, Deutschland und der Schweiz bieten die Möglichkeit, selbst einen Vergleich zwischen Konfrontationsmethodik und modernem Hundetraining zu ziehen. Näheres unter http://www.gewaltfreies-hundetraining.ch/tauschaktion

Pdf zu diesem Artikel: millan_pro_contra

 

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