Mantrailing – Gerüchen auf der Spur

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„Wer geht denn da mit wem spazieren?" wird der Hundeführerin immer wieder hinterhergerufen. Hund und Hundeführerin jagen in schnellem Schritt, nicht zu übersehen in Warnkleidung, quer über ­Kreuzungen und Straßen. Die Weimaraner Hündin wird plötzlich noch schneller, der ganze Körper angespannt. Springt über eine kleine Mauer und beginnt anhaltend einen Mann zu verbellen. Ein ­unerzogener Hund? Weit gefehlt! Sie hat die gesuchte Person gefunden! Sie ist ein ausgebildeter ­Personensuchhund, ein sogenannter Mantrailer.

Mantrailing? Ein neuer Trend?
Schon wieder eine neue Hunde­sportart? Was haben sich die Amerikaner da wieder ein­fallen lassen? Weit gefehlt! Diese alte – europäische – Idee wurde in den letzen Jahren von den Amerikanern zwar kultiviert, aber keineswegs erfunden. Schon im antiken Rom wurden Mantrailer-Hunde eingesetzt, um entflohene Sklaven zu verfolgen. Mittlerweile haben in vielen amerika­nischen Bundesstaaten Mantrailer Beweiskraft vor Gericht, ihre „Aus­sagen" werden als Beweis anerkannt.

In Europa haben Mantrailer ihren Einzug bei Diensthundeführern der Polizei und bei Rettungshunde­organisationen gehalten. Beispielsweise verwendet die ­österreichische Polizei ihre Mantrailer für die Re­konstruktion von Straftaten, aber auch bei Personensuchen.

Was ist Mantrailing?
Der Begriff Mantrailing kommt aus dem Englischen und bedeutet die Verfolgung einer menschlichen Duftspur. Anders als bei der Fährte, der Arbeit auf Bodenverletzungen, wird hier der Individualgeruch der gesuchten Person verfolgt. Dazu wird zu Beginn der Suche dem Hund eine Geruchsprobe der Person vorgehalten. Diese Geruchsprobe ist der Schlüssel zum Erfolg und kann alles sein, was der Person eindeutig zuzuordnen ist, sei es Taschentuch, Autoschlüssel oder Handy – oder im Realeinsatz eine Zahnbürste, Unterwäsche oder Bettwäsche. Anders als beim Training ist es im Einsatzfall besonders wichtig, dass die Geruchsprobe nicht kontaminiert ist, d.h. von anderen Leuten benutzt oder angefasst wurde.

Duftprobe vor die Nase und einfach nachlaufen?
Ganz so einfach ist die Sache nicht! Am Trail ist es die wichtigste Aufgabe des Hundeführers, seinen Hund zu lesen. Nein, der Hund schreibt uns keine Geschichten, aber anhand ­seiner Körperspannung, seiner Kopfbe­wegungen, dem Leinenzug und vielen anderen Kleinigkeiten erkennt der geübte Hundeführer, ob sein Hund noch auf der Spur ist oder diese verloren hat. Der Hundeführer muss erkennen, ob er sich auf dem richtigen Weg befindet, oder ob er seinen Hund zur letzten Kreuzung zurückbringen muss, um dort neuerlich anzusetzen.

Und genauso wichtig wie den Hund lesen zu können ist es, dem Hund beizubringen, dass er ohne Geruch nicht arbeitet. Das nennt der Mantrailer dann Negativ. Eine Negativ-Anzeige bedeutet, dass die gesuchte Person niemals an der Stelle war, wo der Hund angesetzt wird, also der Geruch gar nicht verfolgt werden kann, oder dass eine Spur endet. Das kann dann passieren, wenn die Person z.B. in ein Auto oder ein öffentliches Verkehrsmittel steigt. Im Real-Einsatz ist diese Negativ-Anzeige eine der wichtigsten Anzeigen!

Mantrailer werden dort angesetzt, wo die gesuchte Person zuletzt ge­sehen wurde oder ihr letzter bekannter Aufenthaltsort war. Leider sind nicht alle Augenzeugenberichte auch korrekt. Daher ist es erforderlich, dass der Hund ganz klar zeigt, dass er keine Spur aufnehmen kann, weil es keine Spur gibt. Sonst lauft der ­Mantrailer – und in seinem Rücken ganze ­Einsatzmannschaften – leere Kilo­meter hinter seinem Hund her. Das bindet völlig sinnloserweise Helfer, weckt falsche ­Erwartungshaltungen von anderen Einsatzkräften und Ange­hörigen und vergeudet viel Zeit. Zeit, die ­gerade bei der Suche nach abgängigen ­Personen äußerst kostbar ist.

Wie lange kann man eine Spur ­verfolgen?
Es gibt keine allgemeine Richtlinie, wie lange eine Spur von einem Hund verfolgt werden kann. Die herrschende Witterung stellt den größten Einflussfaktor auf die Duftspur dar. Andauernde Unwetter erschweren die Spurensuche. Und natürlich ist der Ausbildungs- und Trainingsstand der Hunde für die Ausarbeitung eines Trails ebenfalls von entscheidender Bedeutung. Wenn man allerdings von Mantrailing-Teams hört, die 4 Jahre alte Spuren ausarbeiten, so gehört dies ins Reich der Fabeln und Märchen. Selbst der geübteste Hund wird hier keine Spur mehr finden.

Vielleicht haben Sie aber auch Geschichten von Car Trails gehört. Da wird von Hunden berichtet, die die Spur einer Person aufnehmen ­können, die mit dem Auto weggefahren ist. Es ist durchaus möglich, dass der Hund per Zufall bzw. weil er keinen Negativ anzeigt, die richtige ­Richtung einschlägt. Die überwiegende Mehrheit der Mantrailer-Profis hält es jedoch für unmöglich, dass ein Hund eine Duftspur verfolgen kann, die von einem Menschen in einem Auto ­hinterlassen wird. Eine eingeschaltete Umluftanlage würde viel zu wenige Geruchsstoffe nach außen dringen lassen, um von einem Hund tatsächlich verfolgt werden zu können.

Ist mein Hund für Mantrailing geeignet?
Die Hunderasse mit den meisten Riechzellen ist der Bloodhound (rund 300 Millionen) – dieser Hund wird von vielen professionellen Hunde­führern daher auch gerne als Mantrailer verwendet. Trailen kann man aber mit nahezu jedem Hund, egal ob Rassehund oder Mischling. Wenn Ihr Hund gerne spielt oder frisst, Kondition besitzt, Spaß an der Arbeit hat, eine gewisse Gelassenheit an den Tag legt und sich in seiner Arbeit nicht beirren lässt, hat er die besten ­Voraussetzungen für Mantrailing. Ob der Hund allerdings auch im Real­einsatz gute Arbeit leistet, zeigt sich erst mit der Zeit.

Mantrailing als artgerechte ­Auslastung
Mantrailing macht aber nicht nur für Rettungshunde einer Einsatz­organisation Sinn. Mantrailing ist die artgerechteste Auslastung, die man einem Hund bieten kann. Und es ist für ängstliche Hunde geeignet, da man Mantrailing auch als Therapie sehen kann. Die Sucharbeit steigert das Selbstbewusstsein der Hunde, da der Hund sich eigenständig Problemlösungen erarbeitet und somit auch Ängste abbauen kann. Dadurch kann man an vielen Themen bei „Problemhunden" arbeiten und eine gewisse Umwelt­sicherheit herstellen.

Anforderungen an den Hundeführer
Nicht nur der Hund muss Eigenschaften wie Suchwillen und Spaß an der Arbeit mitbringen, auch vom Hundeführer werden manche Dinge erwartet. Lernbereitschaft wird vorausgesetzt, er muss sich mit der Materie auseinandersetzen und verstehen, welche Leistung der Hund hier bringt und dass man den Hund anfangs schon sehr schnell überfordern kann. Der Hundeführer muss bereit sein, seinem Hund zu vertrauen und ihn lesen zu lernen. Den Hund richtig zu lesen ist wohl das Schwierigste an der gesamten Mantrailing-Arbeit. Daneben ist körperliche Fitness eine wichtige Grundvoraussetzung. Be­wegungsmuffel werden keine ­Freude am Mantrailing finden.

Ab welchem Alter beginnen?
Hunde können mit jedem Alter zu ­trailen beginnen. Bereits ein 9 Wochen alter Welpe kann spielerisch an die Sucharbeit herangeführt werden und auch für den 10-jährigen Senior sollte solch ein Spiel Abwechslung und Spaß bringen. Auf dem Trail gibt es keinen Zwang, richtig ausgebildete Hunde werden ausschließlich mit Motivation gearbeitet. Und solange ein Hunde­senior noch Spaß an dieser Nasen­arbeit findet, kann man auch mit alten Hunden trailen.

Die Ausrüstung
Für Mantrailing benötigt man ein gut passendes Geschirr. Das Geschirr darf den Hund nicht einengen oder ihn in seiner Bewegungsfreiheit stören. Selbst wenn der Hund mit hohem Tempo arbeitet, darf er nicht zu röcheln beginnen. Als Leine wird eine 5 bis maximal 7,5 Meter lange Leine verwendet. Vor allem zu Beginn macht eine zu lange Leine keinen Sinn, da der Hundeführer schnell mit dem richtigen Leinenhandling überfordert ist. Und natürlich braucht man die richtige Belohnung für den Hund, dies können sein Lieblingsspielzeug oder auch sehr gute Leckerchen sein.

Wir wollen auch!
Beginnen sollte man nur mit einem erfahrenen Ausbildner, da sich gerade anfangs viele Fehler einschleichen können. Diese Fehler können später nur mit viel Zeit und Aufwand ver­bessert werden, manche Fehler sind – einmal eingelernt – nur mehr schwer zu korrigieren.

Wichtig ist, von Beginn an ein ­Ritual einzuführen. Der Hund muss sich an das Geschirr gewöhnen, an das Anlegen des Geschirrs und die Gabe des Geruchsträgers. Somit weiß der Hund relativ schnell, worum es geht, wenn das Ritual immer das gleiche ist. Der Hund lernt also von Beginn an, dass das Ritual in Verbindung mit dem Geruch auf dem Geruchsträger das Ziel hat, dem Trail zu folgen, um eine Person zu finden.

Der richtige Trainer
Mantrailing boomt, ist aber ­offiziell (von FCI-Verbänden) nicht als ­Hundesport anerkannt. In Österreich gibt es keine standardisierte Ausbildung, keine Zertifizierung, keine Überprüfung, man muss sich selbst den Hundetrainer auswählen. Dies öffnet leider auch Missbrauch Tür und Tor. Ob die notwendige Kompetenz des oft selbst ernannten Hundetrainers auch nur das Papier seiner Visitenkarte wert ist, zeigt sich erst viel später. Absolut empfehlenswert ist es, den jeweiligen Trainer in einer Schnupperstunde anzusehen und nach Referenzen, besuchten Seminaren oder Ausbildungen zu fragen. Kostenintensive Schnupperstunden und unklare Referenzen sollten Ihr Misstrauen wecken. Und vergessen Sie nicht, im Rahmen von Schnupperstunden auch den Hund des Trainers und von ihm aus­gebildete Hunde auf dem Trail genau zu beobachten.

Hintergrund

Hochentwickelte Hundenase

Eine durchschnittliche Hundenase verfügt über weit mehr als 220 Millionen Riechzellen, natürlich abhängig von der Größe des Hundes. Mit ca. 20 Millionen Riechzellen ist der Mensch hier deutlich unterlegen. Dadurch kann der Mensch manche Gerüche gar nicht wahrnehmen, die der Hund eindeutig unterscheiden und zuordnen kann. Darüber hinaus verfügt jede Riechzelle über eine spezielle Ausstattung an Rezeptoren, an die nur bestimmte Geruchsmoleküle im Sinne eines Schüssel-Schloss-Prinzips andocken können.

Die Riechzellen des Hundes sind hochspezialisiert, so dass der Hund in der Lage ist, bis zu 10.000 verschiedene Geruchsverbindungen zu differenzieren. Besonders gut ist der Hund in der Lage, beispielsweise flüchtige Fettsäuren selbst in hohen Verdünnungen und nach langer Verflüchtigungszeit zu riechen. Viele dieser Fettsäuren wie beispielsweise die Butter- oder Essigsäure sind Bestandteil von menschlichen Schweißabsonderungen.

Ein Beispiel: Um Buttersäure wahrzunehmen braucht der Mensch ca. 14 Millionen Moleküle – der Hund lediglich 12 Moleküle! Dies ermöglicht es dem Hund Spuren auch nach einigen Tagen noch zu verfolgen. Noch vor kurzer Zeit dachte man, es seien nur die verlorenen Hautzellen, die der Hund aufnimmt. Heute weiß man, dass es noch mehr Substanzen sind, wie eben bspw. Buttersäure.

Link- und Buchtipps:

http://www.mantrailen.athttp://www.westlaekenteam.dehttp://www.bloodhoundtraining.com  http://www.nasenarbeit.de

Die besten Bücher aktuell am Markt

Mantrailing: Menschenspuren sicher verfolgen von Christiane Liebeck – Ein guter Leitfaden für die Anfänge des Trailens.

How to Train a Police Bloodhound and Scent Discriminating Patrol Dog von Kevin & Robin Kocher – (DAS Mantrailing Buch für ­Anfänger und Fortgeschrittene).

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