Mehrhundehaltung: So geht‘s ohne Stress

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Zwei Hunde toben und rennen gemeinsam über die Blumenwiese. Abends liegen die zwei Turteltauben gemeinsam in einem Körbchen und geben sich Küsschen. Während die Hunde alleine zu Hause sind, können sie sich gegenseitig beschäftigen. Was gibt es Schöneres? Eine Bilderbuchvorstellung von der Mehrhundehaltung.

Natürlich kann man riesiges Glück haben und die Mehrhundehaltung gestaltet sich wirklich absolut problemlos. Der Alltag als Mehrhundehalter sieht allerdings häufig anders aus. Probleme zwischen den Hunden und/oder nach außen gegenüber der Umwelt sind täglich Brot. Themen wie gemeinsames Jagen und Mobbing anderer Hunde sind Butter und Schinken (Alternativ: Käse) auf dem Brot und machen das Leben mit mehreren Hunden schwieriger als gedacht. Für viele Alltagsstolpersteine gibt es einige und sehr effektive Lösungen, die jeder Mehrhundehalter ohne Probleme in seinen Alltag integrieren kann.

Das Wichtigste in der Mehrhundehaltung sind Struktur und Regeln im Alltag, welche dann kontinuierlich trainiert werden. Strukturen ergeben sich aus dem individuellen Hundealltag und müssen sich nicht nach anderen Haushalten richten. Sowohl für den einzelnen Hund und die Gruppe sind die Regeln individuell bestimmbar, es sollten lediglich alle Familienmitglieder an einem Strang ziehen. Einige Beispiele für Struktur und Regeln im Alltag und wie man sie seinem Hunderudel beibringt:

1) Eine ruhige und geordnete Hundegruppe im Flur und an der Haustür
Ruhiges Warten, alternativ Sitzen, wenn es zum Spaziergang rausgeht. Berührt die menschliche Hand die Tür, wird weder gebellt noch gedrängelt. Alle Hunde gehen entweder ein paar Schritte zurück oder setzen sich hin, wenn die Hand die Türklinke berührt. Während die Tür geöffnet wird, warten alle Hunde und gehen nach Aufforderung hinaus. Diese Struktur mit mehreren Regeln ist anfangs anstrengend, denn es ist unverzichtbar, dass der Mensch konsequent und kontinuierlich an der Umsetzung dieser Türregel bleibt. Gerade die Umstellung von Flurchaos zu einer geordneten Hundegruppe beim Verlassen des Hauses erfordert Geduld, gute Nerven und Zeit, denn man kommt anfangs nicht mehr so schnell los. Es lohnt sich, die Zeit zu investieren! Nach Erlernen der neuen Regel wird der Anfang des Spaziergangs deutlich entspannter.

Damit sich die Hunde im Flur generell hinsetzen, wird das Sitzen mit Leckerlis belohnt. Bei einer chaotischen Hundegruppe oder einem wählerischen Hund kann man gekochtes Hühnchen oder klein geschnittenen Käse verwenden. Es sollte auf Runterdrücken, Schieben und Schubsen verzichtet werden. Sollte ein Hund das Signal »Sitz« noch nicht können, dann kann dieser Hund mit einem Leckerli in die Position gelockt werden.

Wenn alle Hunde sitzen, legt man selbst die Hand an die Türklinke. Bleiben alle Hunde sitzen, gibt es für jeden Hund ein Leckerli. Steht Einer oder gar alle Hunde auf oder steht ein einzelner Hund auf, dann wird dieser Hund mit normalem Ton wieder mit dem Sitz-Signal in die Position gebracht. Die Hunde lernen, dass es sich nicht lohnt, aufzustehen. Dieses Spielchen: Hand auf Türklinke -> alle Hunde sitzen, nimmt zunächst einige Zeit in Anspruch. Anfangs sollte man das Signal auflösen und die Tür öffnen, später sollen die Hunde sitzen während die Tür aufgeht, und dann werden die Hunde belohnt. Dann dürfen sie vor oder nach dem Menschen rausgehen und werden nochmals belohnt, alternativ kann auch hier wieder mit Sitz gearbeitet werden. Eine schöne Möglichkeit ist auch das Namensspiel nach dem Verlassen des Hauses. Wer es mag und kennt, kann natürlich bei allen Übungen mit dem Markersignal (Markerwort und/oder Clicker) arbeiten.

2) Ruhe und Gelassenheit durch das Namensspiel
Das Namensspiel eignet sich hervorragend, um Ruhe in stressige Situationen zu bringen. Im Prinzip ist es ganz simpel. Bevor jeder Hund seine Belohnung bekommt, wird der Name des Hundes gesagt. Dadurch wird der Belohnungsprozess sehr gut strukturiert, die Hunde lernen ruhig zu warten und bauen Impulskontrolle auf. Einen kleinen Nebeneffekt gibt es auch noch: Die Hunde verknüpfen ihren Namen sehr positiv und reagieren besser darauf. Das Namensspiel kann jederzeit angewendet werden, wenn die Hunde aufgeregt sind, beispielsweise nach dem Autoaussteigen, bei der Futtersuche, beim Spielen mit dem Menschen und auch beim Tricksen. Je häufiger das Namensspiel angewendet wird, desto zügiger verknüpfen sie ruhiges Abwarten, während die anderen ein Leckerli bekommen. Man fängt mit seiner Hundegruppe an, dieses Ritual mit der Vergabe der Leckerlis aus der Hand zu verknüpfen. Wenn das gut klappt, werden die Leckerlis den Hunden zugeworfen und weggeworfen, gerollt und auch einzelne Leckerlis zum Suchen ausgelegt. Später kann dann das Namensspiel auch mit Spielzeugen und längeren Aktivitäten wie kurzem Tricktraining, Targettraining und Intelligenzspielen verknüpft werden.

3) Fuss laufen an Kreuzungen und unübersichtlichen Wegen
Das Fuß Laufen steht bei meinen eigenen Hunden nicht gerade auf ihrer Top 5 Liste ihrer liebsten Signale. Da es für mich sehr hilfreich und nützlich ist, müssen sie es dennoch regelmäßig zeigen. Es erleichtert mir meinen Alltag ungemein. Fuß Laufen verwendet man am besten immer an Kreuzungen und auf unübersichtlichen Wegen. Wenn man an Menschen oder Hunden vorbeilaufen möchte, eignet sich das Signal »Fuß« sehr gut.

Zu Beginn sollte das Training unbedingt in reizarmer Umgebung stattfinden. Es muss sich für die Hunde lohnen, neben ihrem Menschen zu laufen. Dabei ist der Mensch die Grenze. Die Hunde sollen auf Höhe der Beine des Menschen bleiben, alles andere führt dazu, dass das Signal verwischt und die Hunde sich nach vorne schummeln. Trainiert wird wieder mit vielen, kleinen Leckerlis. Zuerst wird die Position »Hunde neben dem menschlichen Bein« trainiert und großzügig belohnt. Nach ein paar Wiederholungen wird das Signal »Fuß« (oder ein anderes) eingefügt. Die Hunde werden weiterhin in die Position geführt und dort belohnt. Nun ist wichtig, dass in der Führhand keine Leckerlis mehr sind, diese werden erst rausgeholt, wenn die Hunde in der Position sind. Dann fängt man damit an zu laufen. Hier kann es sinnvoll sein anfangs die Hunde anzuleinen und sie mit der Leine in Position zu halten. Dabei wird die Leine ausschließlich als Begrenzung verwendet, es wird auf Leinenimpulse oder -rucke verzichtet. Beim Laufen wird immer hinten belohnt, maximal auf Höhe des Menschen. Wenn es ohne Leine klappt, wird die Leine schleifen gelassen und dann komplett weggelassen. Im Alltag kann es passieren, dass die Leine immer wieder einmal zum Einsatz kommen muss, wenn ein einzelner Hund nach vorne drängt. Manche Hunde brauchen länger, bis sie diese Übung zuverlässig ausführen, wenn beispielsweise die Umwelt sehr attraktiv ist. Hier führt regelmäßiges Training zum Erfolg.

Die stärkste Ablenkung für die meisten Hunde sind andere Hunde. Daher sollte man mit seinem Hunderudel nicht gleich bei anderen Hunden das Fuß Laufen trainieren. Zuerst einmal sollte man es häufig für kurze Wegstrecken in den Alltag einbauen. An jeder Kreuzung, vom Auto weg und zum Auto hin und auch an der Leine können die Hunde Fuß Laufen. Man kann weitermachen mit einem leeren und dann einem gefüllten Fressnapf, Spielzeug, bekannten und unbekannten Personen, bis man bei fremden und bekannten Hunden angelangt ist. Wenn man sich bei einem einzelnen Hund nicht sicher ist, ob das Signal »Fuß« heute klappt, dann leint man diesen sicherheitshalber an.

Mit diesen drei Ritualen funktioniert der Alltag in der Hundegruppe schon sehr gut und man hat kaum noch Probleme. Es kann allerdings passieren, dass die Hunde sich untereinander gar nicht grün sind. Knurren, Schnappen oder sogar Raufen stehen auf der Tagesordnung. Natürlich sollten diese Probleme immer mit einem sehr guten Hundetrainer besprochen werden, denn diese Probleme sind nicht mit ein paar Leckerlis behoben. Allerdings gibt es einige Tipps, um diese Probleme zu vermeiden oder um sie wieder zu kitten.
Es gibt Hunde, die ohne Einmischen des Menschen friedlich miteinander leben. Meist muss der Mensch allerdings ab und an als Friedensrichter fungieren. Um die Hunde im Umgang miteinander zu unterstützen, ist die beste Möglichkeit friedliches Verhalten zu verstärken. Loben und Belohnen sorgen dafür, dass die Hunde auch in schwierigen Situationen die friedliche Strategie wählen im Umgang miteinander. Das bedeutet:

• Blick vom anderen Hund abwenden
• Kopf vom anderen Hund abwenden
• Der eine Hund dreht sich komplett weg vom zweiten Hund.
• Ein Hund knurrt und der andere Hund bleibt auf Distanz oder geht sogar weg.
• Beim Rennspiel vergrößert der jagende Hund die Distanz.

Diese deeskalierenden Signale können und sollten gelobt und belohnt werden. Wird ein Verhalten belohnt, dann tritt es in Zukunft häufiger, schneller, intensiver oder länger auf. Damit Verhalten bestehen bleibt, muss es ebenfalls belohnt werden. Als Belohnung können stimmliches Lob, Streicheln und Leckerlis verwendet werden.

Sind die Hunde schon »in den Brunnen gefallen«, dann ist Management vor dem eigentlichen Training sehr wichtig, um dafür zu sorgen, dass Menschen und Hunde erst einmal wieder durchatmen können.

Einige bewährte Managementmaßnahmen für die Mehrhundehaltung:
• Hundeschutzgitter, um einzelne Räume abzutrennen
• Hausleine
• Abgetrennter Bereich durch Hundeschutzgitter
• Gut sitzender Maulkorb (bitte nicht rund um die Uhr)
• Spielzeuge und Kauartikel wegräumen
• Futter, Kauartikel und Objekte, die mit Futter verbunden sind, in einem extra Raum aufbewahren (für die Hunde unzugänglich)
• Hunde beim Füttern mit Hilfe eines Hundeschutzgitters trennen
• Hunde bei Eigenbeschäftigung wie Leckerlibälle, Kong®-schlecken etc. durch ein Hundeschutzgitter trennen
• Getrennte Spaziergänge mit einzelnen Hunden oder Zweier-Gruppen
• Duale Führung am Brustgeschirr und Halsband (für draußen)
• Statt Spaziergang ums Haus: Hunde ins Auto und dorthin fahren, wo man wenig trifft oder man die Umgebung sehr gut im Auge behalten kann
• Bei Aufregung auf dem Spaziergang: Sogenanntes »Steh-Gassi« = kaum Strecke, viel Schnüffeln, Ruheübungen und Leckerlisuche
• Schleppleinen an einem gut sitzenden Brustgeschirr verwenden (am besten trägt man selbst Handschuhe)

Viele Probleme bei der Mehrhundehaltung sind natürlich individuell. Mein Rat für jedes Hunderudel: Statt sich mit aussichtslosen und wenig zielführenden Projekten, wie beispielsweise »Wer ist Alpha oder Beta« zu beschäftigen, sollten das Verhalten und die Beziehungen unter den Hunden eine wichtige Rolle spielen. Dabei sollte besonders auf das Verhalten aus den Kategorien Konflikte, Aggression, Angst, positive Interaktionen und Spiel Augenmerk gelegt werden. So bekommt der Halter mit der Zeit einen sehr guten Eindruck vom Beziehungsgeflecht der Hunde und kann durch Management und Training zielgerichtet und effektiv einwirken.

Es kann sinnvoll sein, Übungsabläufe mit einem menschlichen Partner vorher zu trainieren oder mit den Hunden ohne Auslöser. So kann man das Leinenhandling sehr gut mit einem Menschen trainieren, um zu trainieren, wie man Leinen schnell und effektiv auseinander heddert und die Hunde führt. Das Fuß Laufen und Zur Seite Gehen bei fremden Hunden, Menschenbegegnungen, Joggern und Radfahrern kann sehr gut trocken ohne Auslöser geübt werden. Mensch und Hunde können mit dieser Technik die Abläufe verinnerlichen, das bringt auf beiden Seiten mehr Sicherheit für brenzlige Situationen.

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Anne Rosengrün ist Dogwalkerin aus Nürnberg. Seit 2014 bildet sie erfolgreich professionelle Dogwalker aus. Ihre Trainingsinhalte basieren ausschließlich auf positiver Verstärkung. Ihr Buch »Eins, zwei, drei – Mehrhundehaltung über positive Bestärkung« erschien 2016. Neben ihrem Buch schreibt sie auch regelmäßig Blogbeitrage für ihre Homepage www.hundeservice-nuernberg.de

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