Mensch & Hund

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Es ist erst wenige Jahre her, als Ethologen (Verhaltensforscher) die erstaunliche Tat­sache entdeckten, wie Hunde menschliche Hinweise durch Zeigen verstehen und entsprechend handeln können. Der Ahnherr des Hundes, der Wolf, ist hingegen dazu nicht imstande. Und sogar die dem Menschen nächsten – und klügsten – Verwandten, die Schimpansen, können dies nur in weit geringerem Ausmaß als Hunde. Aber erst diese Fähigkeit des Hundes ­ermöglichte die enge – zwischenartliche – Zusammenarbeit zwischen Mensch und Hund. Besonders und überzeugend ist diese sichtbar bei der Arbeit des Schäferhundes und der Flintenjagdhunde (Gun Dogs), also Retriever, Vorsteh- und Stöberhunde (Spaniels). Von anderen Haustieren wie Pferden, Ziegen und Katzen weiß man, dass menschliche Hinweise zwar verstanden werden, jedoch nicht auf dem hohen Niveau der Hunde.

Die spannende Frage
Es ist verständlich, dass diese Erkenntnisse zu eingehenden Überlegungen und Untersuchungen führten, die zum Beispiel die Thematik der Domestikation und sogar eventuelle Parallelen zur Evolution des Menschen zum Inhalt haben. Denn es ist auffallend, dass eine derart ausgeprägte Zusammenarbeit wie die zwischen Menschen und Hunden beispielsweise mit den Wölfen – trotz deren hochsozialer Lebensweise – oder mit den Schimpansen nicht besteht. Also hat sich bei Hund und Mensch sogar eine besonders engeZusammenarbeit und Kommunikation entwickelt, die weitgehend auf dieser besonderen Fähigkeit des Hundes aufbaut.

Die spannende Frage ist die, warum beim Menschen diese enge Zusammenarbeit und Kommunikationsfähigkeit zwar mit dem Hund besteht, nicht jedoch bei und mit seinen nächsten Verwandten im Tierreich, den Primaten. Wieso verstehen Hunde von vornherein vom Menschen ausgesandte Signale, wie beispielsweise das Zeigen mit dem Arm, obwohl sie selbst anatomisch dazu nicht befähigt sind? Denn das Verständnis dieses Signals bedeutet ja, die Linie im Raum, die der zeigende Arm bildet, gedanklich in die Ferne – also gewissermaßen abstrakt – fortzusetzen!

Evolutionäre Selektions­vorteile von Menschen mit Hunden
Ohne diese interspezifische Kommunikation wäre es nie zum heutigen Haushund gekommen – aber möglicherweise auch nicht zum heutigen Menschen! Denn der Hund sorgte für den Schutz des Hab und Gutes und das Überleben des Menschen, als der Wald gegen Ende der Eiszeit die Tundra verdrängte und damit die riesigen Huftierherden als Nahrungslieferanten verschwanden. Die nun nur mehr in viel geringerer Zahl vorhandenen Waldtiere aber waren nur schwer zu jagen. Die feine Nase des Hundes war hier eine gewaltige Hilfe.

Da Menschen ihrer Natur nach zwar mit ihren vertrauten Mitmenschen und Angehörigen relativ friedlich umgehen, ansonsten aber kriegerisch veranlagt sind, wie die Weltgeschichte zeigt, konnten auch jene Stämme besser überleben, die es verstanden, mit Tieren wie zunächst Hunden gut umzugehen. Denn Hunde bedeuteten für diese Stämme einen Schutz vor Fremden. Später waren sie auch zur Bewachung der Herden unentbehrlich. Man kann daher sagen, dass Hunde solche Menschen sozusagen selektierten und also gewissermaßen auch „domestiziert“ haben, die die Fähigkeit hatten, mit Tieren umzugehen und sie zu züchten. Denn diese Menschen bzw. deren Stämme hatten gegenüber solchen, denen diese Fähigkeit fehlte, einen evolutionären Vorteil.

Heute können sich Menschen und Hunde durch Laute, Körper- und Zeichensprache ausgezeichnet verständigen, wenn es auch in der Praxis der Hundehaltung darin leider oft Defizite gibt. Und immer noch ist der Hund in vieler Hinsicht unentbehrlich, und seine Hilfe ist ohne sein Signalverständnis nicht denkbar.
Neueste Versuche zur Signalkommunikation Mensch-Hund hat Victoria Elizabeth Wobber an der anthropologischen Abteilung der Harvard-Universität durchgeführt, denn Antworten auf die sich ergebenden Fragen sind ja nicht nur kynologisch bedeutsam, sondern auch für das Verstehen der Entwicklung unseres eigenen Soziallebens. Eine Parallele von Mensch und Hund liegt eben auch darin, dass man – wie schon Konrad Lorenz – die Entwicklung des Menschen unter dem Gesichtspunkt der „Selbstdomestikation“ zu deuten versucht.

Selbstdomestikation des Hundes
Die Selbstdomestikation des Hundes soll sich nach Ansicht einiger Wissenschaftler so abgespielt haben, dass bei den Steinzeitmenschen als erfolgreichen Jägern naturgemäß viel an Überresten und Abfall ihrer Mahlzeiten anfiel. Auch hat es Kadaver überzählig erlegter Tiere gegeben. Dies führte zu einer neuen Nische für Raubtiere wie den Wolf. Nach Coppinger entstand so eine neue Wolfsvariante, die notwendigerweise viel Kontakt zu Menschen hatte. In den Grabungen von Choukoudian, dem Fundort des Pekingmenschen, einer Variante des Homo erectus, fanden sich in 300.000 Jahre alten Schichten neben den menschlichen auch bereits Reste einer kleinen Wolfsart, des Canis variabilis. Dieser war wohl nicht domestiziert, stützt jedoch diese Theorie der Selbstdomestikation. Es ist also möglich, dass es, wenn auch wesentlich später, eine lange Periode der gemeinsamen Existenz eines „Vorhundes“ mit dem Steinzeitmenschen gab, also nicht etwa, dass Wölfe gefangen, aufgezogen und gezähmt worden wären. Man nennt dies wissenschaftlich „Kommensal“ („Tischgenosse“), also ein Tier, das sozusagen am „Tisch“ des Menschen sitzen darf, wie etwa die Stadttauben unserer Zeit.

Bald stellte sich dann vermutlich ein gegenseitiges Nutzverhältnis ein, indem diese „Vorhunde“ den Menschen vor anderen Raubtieren (und Menschen) warnten und vielleicht schützten, die Menschen wiederum die Ernährungsgrundlage durch die Abfälle ihrer Jagden lieferten und die Hunde zudem für eine gewisse Hygiene durch die Beseitigung von Aas und Fäkalien sorgten. Allmählich entwickelte sich ein zahmes Verhalten und eine fortschreitende Domestikation. Der Hund wurde zunehmend unentbehrlich, weshalb ­Zarathustra vor dreitausend Jahren sagen konnte: „Durch den Verstand des Hundes besteht die Welt“.

Hunde haben gelernt, zweckmäßig zu handeln
Hunde haben im Laufe der ­Domestikation gelernt, durch das Phänomen der „Hemmbarkeit“ ihre spontanen Impulse zu bändigen. Das bedeutet für sie einen Vorteil, beispielsweise um Gelegenheit zu erlangen, bestimmte Tätigkeiten wie z.B. die Sucharbeit beim Suchhund oder das Agility beim dafür ausgebildeten Hund durch zweckmäßiges, überlegtes und nicht impulsiv-triebhaftes Verhalten ausüben zu können. Auch hier wieder ist die Arbeit des Border Collie bei der Schafherde ein besonders eindrucksvolles Beispiel. Allerdings, eine gewisse grundlegende Hemmbarkeit hat der Hund doch schon vom Wolf geerbt, der sich an ein nahes Beutetier anschleicht oder sich bei der Jagd anderen Rudelmitgliedern anpasst. Auch die Fähigkeit zum Rollenspiel gehört dazu, wenn der ranghöhere Wolf oder Hund durch „unterwürfige“ Haltung und „Flucht“ den rang­niedrigeren zu einer spielerischen Verfolgung auffordert. Diese Signale und ihr Verständnis sind ererbt. Das Verständnis der menschlichen Signale besitzt der Wolf aber nicht, und auch seine Hemmbarkeit ist für die Ausbildung, wie sie beim Hund möglich ist, unzureichend.

Andererseits: Die Fähigkeit für die eigenständige Problemlösung ist beim Wolf besser entwickelt, der ja nicht so wie oft der Hund im Alltagsleben ständig „gebremst“ wird („Nein!“, „Pfui!“). Doch die Spontaneität und der starke Eigenwillen des Wildtieres sind seiner Ausbildbarkeit durch den Menschen hinderlich.

Signalverständnis entstand vor der Rassenentwicklung
Um herauszufinden, wann die Hemmbarkeit und damit auch das Signalverständnis erstmals auf­traten, ob schon bei der Domestikation oder erst später bei der ­Rassenbildung, wurde in einer weiteren Studie ein einzigartiger Urhund auf sehr niedriger Domestikationsstufe, der wildlebende Neuguinea-Dingo (s. auch „Der singende Urhund von Neuguinea“, von Johan Adlercreutz, in WUFF 6/1999), mit Hunderassen verglichen. Dabei nahm man solche Rassen, die seit langem besonders eng mit dem Menschen zusammenarbeiten, also Flintenjagdhunde (Gun Dogs) und Schäferhunde. Von diesen wäre zu erwarten, dass sie menschliche Signale am besten verstehen. Der Neuguinea-Dingo zeigte in der Vergleichsstudie etwa das gleiche Signalverständnis wie die Hunde. Das ist an sich ein Hinweis, dass das Signalverständnis vor der Rassenbildung entwickelt wurde. Erstaunlich, dass es sich erhalten hat, obwohl der Neuguinea-Dingo seit langer Zeit als Wildtier lebt, das man sogar lange für eine eigene Art hielt (Canis hallstromi). Allerdings scheinen bei ihm öfter lose Verbindungen mit Menschen vorzukommen, als dies beim australischen Dingo der Fall ist, der zweifellos seit bereits 5000 Jahren als freies Hauptraubtier in Australien lebt. Er wird nur gelegentlich als Welpe aufgezogen und dient dann den einheimischen Australiern (Aborigines) in kalten Nächten als eine Art „Wärmflasche“. Es sollte daher dieser Versuch mit australischen Dingos wiederholt werden.

Wenn wir das Thema „Hemm­barkeit“ zusammenfassen, so wäre die Entwicklung der Hemmbarkeit im Verhalten also anscheinend bereits bei der Domestizierung ­entstanden und wurde dann im Verlauf der verschiedenartigen Selektion der Gebrauchshunde, ganz besonders bei den europäischen Hunden, in vielfach spezialisierter Weise fortgeführt und ausgenützt. Künftige Versuche auf diesem Gebiet könnten helfen, die Kommunikationsweisen von unserer Seite so zu gestalten, dass das gegenseitige Verständnis Mensch-Gebrauchshund, aber auch Mensch-Familienhund, weiter optimiert werden kann.

Mensch & Hund: Gegenseitige Beeinflussung
Die wahrscheinliche Entwicklung der Haushunddomestikation, wie sie beschrieben wurde, lässt daher die Vermutung zu, dass dies durch eine gegenseitige Annäherung zwischen Mensch und Hund zum beidseitigen Nutzen in der Steinzeit erfolgt sein und in den nördlichen Gebieten auch die Entwicklung des Menschen beeinflusst haben könnte.

WUFF HINTERGRUND


Die „Verjugendlichung“ von Mensch und Hund
Domestikation führt zu einer Reihe physiologischer und Verhaltens­unterschiede sowie zu anatomischen Ähnlichkeiten mit den Jungtieren der Stammart, „Pädomorphismus“ genannt. So ähnelt auch der Mensch viel mehr einem jungen Menschen­affen als einem ausgewachsenen ­Primaten.

Domestizierte Haustiere sind zudem weniger scheu und in ihrem Verhalten sozusagen weniger „reaktiv“ als die Wildtiere, von denen sie abstammen. Jeder, der zahme Wölfe gehalten hat, kennt die unmittelbare Verhaltensweise dieser Tiere, die sehr spontan sind und wenig Bereitschaft zeigen, spontane Reaktionen zu unterdrücken, auch wenn eine andere, „überlegtere“ Verhaltensweise sinnvoller oder allein zielführend wäre.

Phänomen der Hemmbarkeit als ­Entwicklungsfortschritt
Dagegen sind Hunde – mehr als der Wolf – wie auch Menschen in der ­Lage, Spontaneität zu unterdrücken, d.h. zu hemmen, was beim Hund die Ausbildbarkeit bedingt und beim Menschen das Eingehen auf die Interessen anderer. Diese Hemmung von spontan reaktivem Verhalten ermöglicht auch im Fall einer Gefahr, ruhig überlegend eine jeweils angepasste Strategie zu suchen, anstatt spontan und unüberlegt entweder zu fliehen oder anzugreifen.

Diese Fähigkeit der „Eigenhemmung“ ist also die Voraussetzung für eine ­rationale „Selbstausbildung“, also für die Lernfähigkeit und die Persönlichkeitsbildung, so zum Beispiel dafür, jeweils richtig und nicht unüberlegt vorschnell zu reagieren.

Beim Hund gibt diese „Hemmfähigkeit“ dem Menschen die Möglichkeit, einen (dafür geeigneten) Hund für seine Zwecke auszubilden. Deswegen mussten die vielen naiven Versuche scheitern, durch Kreuzung des Deutschen Schäferhundes mit Wölfen einen „Superhund“ für die Exekutive zu züchten. Die Ausbildbarkeit des Hundes ist das Ergebnis vieltausendjähriger Domestikation und – in der höchsten Stufe – das Ergebnis ständiger gezielter Selektion. Deshalb sind auch nur bestimmte Rassen mit großer Hemmbarkeit (man kann es auch „Selbstbeherrschung“ nennen) für die engste Art der Zusammenarbeit mit Menschen prädestiniert, wie etwa Schäfer- und Vorstehhunde. Diese Hemmbarkeit ist auch ein wesentlicher Faktor bei der so genannten „Wesensfestigkeit“ des Hundes und daher eine Voraussetzung u.a. für die Arbeit des Polizei- bzw. Schutzhundes oder des Schäferhundes, die man beim Border Collie in höchster Vollendung bewundern kann.

WUFF HINTERGRUND

Signalverständnis und Hemmbarkeit durch Domestikation
Eine Studie von B. Hare et al. (2005) bezweifelt, dass die tausendjährige Domestikation und Zusammenarbeit des Hundes mit dem Menschen eine Vorbedingung für das Verständnis menschlicher Signale darstellt.

Man selektierte über 45 (!) Jahre lang experimentell besonders zahme Farmfüchse. Diese wurden nun mit Füchsen der üblichen unselektierten Pelztierzucht sowie mit Hundewelpen in Bezug auf das Erkennen menschlicher Signale getestet. Die auf Zahmheit ­selektierten Füchse waren den un­selektierten überlegen, den Hunden aber ebenbürtig.

Signalverständnis beim Wolf züchtbar?
Dieses Ergebnis würde darauf hindeuten, dass vielleicht allein die Selektion auf Zahmheit eines Wolfes, und zwar innerhalb einer relativ kurzen Zeit von wenigen Jahrzehnten, bereits genügen würde, dieses Signalverständnis – und die Impulshemmung – möglich zu machen bzw. wesentlich zu verbessern. Würde dies durch weitere Studien untermauert, könnte man theoretisch den Wolf allein durch eine solche lange „Zahmheitsdomestikation“ – ohne dass eine Zusammen­arbeit wie beim Hund erfolgen müss-te – sozusagen partiell zum „Hauswolf“ machen, der dann, so „genetisch vorbereitet“, durch Kreuzung mit Gebrauchshunden, vornehmlich Deutschen Schäferhunden oder auch Malinois und ähnlichen Rassen, vielleicht dem erstrebten „Super-Gebrauchshund“ nahe kommen könnte.

Vitalität des Wolfes für den Haushund nutzbar machen?
Beim Saarloos- und Tschechoslowakischen Wolfshund, die im vergangenen Jahrhundert als eine solche Züchtung – allerdings erfolglos – geplant waren, hätte dann eben zum Erfolg des Zuchtprojektes beim Wolf eine solche offenbar erforderliche Periode der alleinigen Zahmheitsselektion gefehlt. Es wäre ein hochinteressantes Experiment, die ursprüngliche Vitalität des Wildhundes Wolf für den Haushund vielleicht wieder zu re­generieren und nutzbar zu machen. Dies jedoch ohne an Ausbildbarkeit zu verlieren, wie das bei den fehl­geschlagenen bisherigen Versuchen dieser Art der Fall war. Freilich, die praktische Durchführung wie beim Fuchs wäre aber kaum denkbar, denn man müsste dazu mit hohen Kosten viele Wölfe durch Jahrzehnte züchten und selektieren – ganz abgesehen ­davon, dass dies auch aus Tierschutzgründen unvertretbar ist! Außerdem waren die Farmfüchse beim Beginn dieses Versuches schon viel länger im Domestikationsstadium, und wenn auch da nicht bewusst auf Zahmheit selektiert, so ergab sich dies in ge­wissem Ausmaß von allein durch die Zucht in Gefangenhaltung.

WUFF LITERATUR

Literaturhinweise
• B. Hare et al., Current Biology, Vol 15, 226–230, February 8, 2005 (Social cognitive evolution in captive foxes is a correlated by-product of experimental ­domestication)

• À. Miklosi et al, Current Biology, Vol. 13, 763–766, April 29, 2005

• H.G. Parker et al., SCIENCE, 21.5.04, Vol. 304, 1160–1164 (breed identification, basic ­genetic structure of dog breeds)

• P. Savolainen et al., SCIENCE, 22.11.02, VOL 298, 1610–1613(East Asian origin of domestic dog) – (siehe auch WUFF 3/04 und 4/04)

• V.E.Wobber, The evolution of cooperative signal comprehension in the domestic dog (Canis familiaris ), thesis, Department of Anthropology, Harvard University, Cambridge, Massachussetts, 2005

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