Mensch und Hund: Erfolgreiche "artüber­greifende Kommunikation"

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Wie imersten Teil dieses Beitrags zur ­„artübergreifenden Kommunikation“dargestellt, nimmt die ­Kommunikation unter Hunden über das Ausdrucksverhalten einen hervorragenden Stellenwert ein. Nur über das präzise Beobachten und richtige Deuten des hochdifferenzierten Kommunikations­repertoires von Hunden – dazu gehört auch ihre Vokalisation – kann eine artübergreifende Kommunikation zwischen Mensch und Hund überhaupt gelingen.

Hunde und Wölfe sind hoch­soziale Lebewesen, bei denen Kommunikation und sozio-positive Bindungen einen  häufig unterschätzten Stellenwert einnehmen. Zusammenhalt im Rudel und  freundschaftliche Beziehungen werden ausgiebig über Beziehungspflege, z. B. Sozialspiel, über gegenseitige Fellpflege, Kontaktliegen oder Schnauzenzärtlichkeiten ausgeführt. Das ist für die physische und psychische Gesundheit der Tiere von großer Bedeutung (vergl. Dorit Feddersen-Petersen).

Das Kommunikationsrepertoire wird bei einer gesunden Entwicklung von Hunden ein Leben lang immer wieder geübt, seien es Formen des ­Imponierens, der ­kämpferischen ­(agonistischen) ­Auseinandersetzung oder des Sozialspiels. Wie im ersten Teil des ­Beitrags zur „artübergreifen­den Kommunikation“ ­dargestellt (WUFF 7/2011), nimmt die Kommunikation unter Hunden über das Ausdrucksverhalten einen hervorragenden Stellenwert ein. Nur über das präzise Beobachten und richtige Deuten des hochdifferenzierten Kommunikationsrepertoires von Hunden – dazu gehört auch ihre Vokalisation –  kann eine artübergreifende Kommunikation zwischen Mensch und Hund überhaupt gelingen.

Bedeutung und Ritualisation
Kommunikation gelingt dann, wenn Sender und Empfänger mit den ausgesandten Signalen ein und ­dieselbe Bedeutungseinheit verknüpfen. Kommunikationssignale können aber auch in Mensch-Hund-Beziehungen (selbstverständlich auch in Hund-Hund oder Wolf-Wolf-­Beziehungen!) erst über Ritualisierung eine ­bestimmte Bedeutung erfahren.

Dazu ein Beispiel: Ein Hund möchte kein Hundefutter fressen und auch kein Wasser trinken, sondern  Milch und Käse, was ihm beides bekannt ist und von dem er weiß, dass beides im Kühlschrank verstaut wurde. Also setzt er sich so lange laut wuffend und abwechselnd winselnd vor den Kühlschrank, bis des Hundehalters Herz erweicht und er seinem Wunsch entspricht. Ist dies der Fall, wird der Hund nach der für ihn erfolgreichen Aktion sein Verhalten wiederholen. Die Signaleinheit (wuffend und winselnd vorm Kühlschrank sitzen) wurde nach (sehr) geringer Anzahl von ­Wiederholungen ritualisiert und hat zwischen den ­beiden Kommunikationspartnern von nun an eine bestimmte Bedeutung.

Gleichzeitig setzt hier der Hund im Kommunikationsprozess ­kognitive Erfahrungen und Fähigkeiten ein, wie Gedächtnis haben, lernen, sich er­innern, assoziieren, ­abwägen oder selektieren. Dies auch im Zu­-sammen­spiel mit einer fabelhaften Be­obachtungsgabe. Damit rückt auch die Frage in den Fokus: „Mit welchen Möglichkeiten der  Sinnesphysiologie ­kommunizieren Hunde?“

Über die Sinnesphysiologie von Hunden

Das Riechen
Hunde verfügen ebenfalls wie wir über ein Multi-Kommunikations­system. Dabei sind alle Wahrnehmungskanäle, wie das Olfaktorische (Riechen), Hören, Sehen oder das Taktile (Tasten)  miteinander verknüpft: Der wichtigste Sinn des Hundes ist der Geruchssinn, die Nase. Hierbei geht es nicht nur um Geruchsempfindungen, sondern gleichzeitig auch um machtvolle Gefühlskomponenten. Denn für ­Hunde ist Fühlen und Riechen untrennbar miteinander verbunden. Ein Hund, der riecht, fühlt! Hunde sind tatsächlich „olfaktorische Wunder“ und besitzen etwa 220 Millionen Geruchszellen, wohingegen der Mensch lediglich etwa 5 Millionen Geruchszellen vorzuweisen hat.

Das Sehen
Hunde sehen auch in der Ferne ausgezeichnet. Das Registrieren von Bewegungsmustern und ihr Nachtsehen sind ebenfalls deutlich besser ausgebildet als bei uns Menschen. Hingegen ist ihr räumliches Sehen schwächer. Farben spielen in der Welt der Hunde keine besondere Rolle, auch wenn Hunde keinesfalls farbenblind sind. Ihr „Farbteppich“ ist weniger differenziert, da sie die Farbe Rot nicht absorbieren und damit auch kein Gelb, Grün und Orange erkennen können. Außerdem verfügen Hunde über ein Blickfeld von 150 Grad, das damit deutlich größer ist als bei uns Menschen.

Weitere Unterschiede im Sehen von Hunden wies die Neurologin A. ­Harman nach, wie z. B. dass Hunderassen mit kurzer Schnauze keine horizontalen Streifen mit Stäbchen besitzen und deshalb Lebewesen an der ­Peripherie schlechter sehen als Hunde mit einer langen Schnauze. Dafür können kurzschnauzige Hunde, die auf ihrer Netzhaut nur eine sog. „Area centralis“ haben, Nuancen im Nahbereich besser erkennen. Das erklärt u.a. auch, weshalb Jagdhunde lange Nasen haben.

Das Hören
Hunde haben ein deutlich besseres Hörvermögen als wir Menschen und sind außerdem in der Lage, sehr viel differenzierter Geräusche wahrzunehmen und zu analysieren: Ein Hund kann z. B. aus einer Geräuschkulisse einzelne Töne und Geräusche herausfiltern, indem er Teile des Innenohres auf „Lautsprecher stellt“ und auch Geräusche etwa 10-mal besser im Raum orten kann als dies Menschen möglich ist. Dazu können Hunde bis in den Ultraschallbereich – Frequenzen von 20 Hertz bis 60.000 Hertz – Töne wahrnehmen! (vergl. Immanuel ­Birmelin)

Weitere Wahrnehmungspotenziale von Hunden
Außerdem weiß jeder ­Hundehalter, der in einem tektonisch aktiven Gebiet, wie z. B. dem Oberrheintal­graben wohnt, dass sich Hunde bereits Stunden, bevor ein Beben bzw. Erdbeben erfolgt, als „Seismograph“ bemerkbar machen, indem sie starke Unruhe zeigen. Aber auch Luftdruckschwankungen oder Phänomene wie das ­Verglühen von Me­teoriten können Hunde bereits im voraus, also ­„präkognitiv“, wahrnehmen. (Vergl. Jeffrey M. ­Masson). Selbst mit modernster ­Technik ist es uns Menschen bisher nicht gelungen, alle ­Fragen zur Kommunikations- und Wahrnehmungsfähigkeit von Hunden zu erfassen!

Wesentliche Ursachen und ­Zusammenhänge für Beißvorfälle
Da längst nicht alle Hundehalter und Bürger diese wichtigen Zusammenhänge im Umgang mit Hunden für eine erfolgreiche „artübergreifende Kommunikation“  kennen, geschweige denn sich dafür interessieren, kommt es immer wieder zu Zwischenfällen, sprich Beißvorfällen, die hauptursächlich und ganz eindeutig auf das Konto menschlicher Ignoranz und mensch­lichen Fehlverhaltens gehen (siehe Kasten). Dies belegen forensische Gutachten eindeutig! Die überwiegende Zahl der Zwischenfälle könnte verhindert werden, indem sich Hundehalter und Bürger endlich als Sozialpartner für unsere Hunde qualifizieren!

„Wie qualifizieren wir uns als Dialogpartner für unsere Hunde?“
Wir müssen die Wahrnehmungs­welten der Hunde kennen lernen  und verstehen. Vor allem müssen wir das filigrane und sehr stark vom Kontext abhängige Ausdrucksverhalten der Hunde als neue zu erlernende Fremdsprache begreifen und  zeitnah angemessen auf die Sprache der Hunde reagieren können. Weiterhin: Von der Qualität ­unserer eigenen Sprache mit eindeutiger ­Signalgebung hängt es in hohem Maße ab, ob Hunde uns ihrerseits verstehen können oder auch nicht. Für jeden von uns ist nachvollziehbar: Wenn wir uns mit einem Chinesen in dessen ­Sprache unterhalten wollen, müssen wir zunächst „Chinesisch“ bzw. chinesische Schriftzeichen erlernen.

Weiterhin sind verhaltensbiologische Aspekte und Fragen einzubeziehen: Wie lernen und denken Hunde? Wie nehmen sie uns und unsere Umwelt wahr? Was motiviert bzw. demotiviert sie?

Häufig werden Hunde für das, was sie richtig machen, sogar noch betraft, indem Halter nicht in der Lage sind, eine Sanktionierung oder ein „Nein“ zeitnah (d.h. binnen 2 –3 Sekunden!) zu einem unerwünschten Verhalten des Hundes zu artikulieren. Stattdessen kommt die Verknüpfung des „Neins“  beim Hund „Lichtjahre später“ durch den „reaktionsunfähigen ­Halter“ zu einer neuen bzw. anderen bzw. richtigen Handlung des Hundes an. Dies kann der Hund selbstverständlich nicht verstehen! 

Für uns bedeutet dies, sich einem fortwährenden Lern- und Beobachtungs-prozess zu stellen. Weiterhin Einsatz von Kreativität, um Hunde gemäß ihren Fähigkeiten zu beschäftigen, sich Zeit zu nehmen, um mit ihnen auch Spiele, Aufgaben und Übungen auszuprobieren, zu sehen, wie sie darauf reagieren und um zu erfahren, was Hunde alles verstehen und lernen können!

Beteiligen wir uns selbst mit der ­gleichen Begeisterung wie unsere Hunde  an Aufgaben und Übungen, bestätigen und verstärken wir, loben wir, wo immer es Sinn macht!
Weitere wichtige Voraussetzungen hierfür sind die eigene innere Strukturierung mit einer verlässlichen emotio­nalen Stabilität und Klarheit, nämlich: „Was will ich meinem Hund mitteilen, macht es Sinn- auch aus Sicht meines Hundes?“
„Kann mein Hund mich überhaupt aufgrund seiner Ausstattung und aufgrund meiner Botschaft verstehen?“
„Bleibe ich ruhig und souverän, wenn nicht alles gleich funktioniert, der Hund mich nicht versteht oder ­verstehen konnte?“
„Und wie gehe ich damit um, wenn dies einmal nicht der Fall ist?“

Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche „artübergreifende Kommunikation“ sind außerordentlich günstig: Denn im Laufe der langen Co-Evolution von Mensch und Hund, die von 15.000 bis über 100.000 Jahren in unterschiedlichen Quellen datiert wird, haben sich auch genetisch wechselseitige Beeinflussungen ergeben: So verfügen Hund und Mensch über eine extrem hohe Rate an Dopplungs­sequenzen bei genetischen Codes (sog. Tandem Repeats; vergl. Brian Hare). Nach Untersuchungen von Verhaltensforschern sind dabei sozial-kognitive Fähigkeiten von Hunden und Menschen miteinander verschmolzen, insbesondere auch die, die für das gegenseitige Verstehen im Kommunikationsbereich zuständig sind.

Und somit ist wissenschaftlich unbestritten: Keine andere Art versteht den Menschen so gut wie unsere Hunde, auch Schimpansen können im Verstehen nicht mithalten (vergl. Juliane Kaminski). Und da Hunde uns auch sehr viel besser beobachten als wir sie, ist davon auszugehen, dass Hunde einen deutlich höheren Anteil an gelungenen artübergreifenden Kommunikationsprozessen haben als wir umgekehrt! Hinzu kommt: Hunde sind von ihrer Verhaltensbiologie her deutlich bessere Konflikt-Löser als wir Menschen! Dass statistisch gesehen relativ wenig ernsthafte Zwischenfälle mit Hunden vorkommen, gemessen an mensch­lichen tagtäglichen Konflikt­potenzialen in gewalttätigen Dimen­sionen, ist ­vorrangig die Meister­leistung von Hunden!

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