Menschen, Hunde, Emotionen

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Themenschwerpunkt: Die Gefühlswelt der Hunde

Über die Emotionen unserer Hunde beziehungsweise unsere Emotionen im Zusammenleben mit unseren Hunden kann vermutlich jeder Hundehalter ein Lied bellen. Und während ich das schreibe, sitzt meine kleine Emotionsschleuder Piranha auf meinem Schoß, albert furchtbar herum und bringt mein Herz zum Hüpfen …

Ich denke, Hunde lösen bei fast jedem Menschen Emotionen aus, allerdings unterschiedlichster Art. Unser tägliches Handeln basiert nicht allein auf Vernunft und ist nicht immer Ergebnis eines rationalen Abwägens, sondern wird größtenteils von unseren Emotionen gelenkt. Sie sind es, die uns in unerwarteten Alltagssituationen schnell eine Orientierung geben. Genau genommen sind Emotionen konzentrierte Lebenserfahrung. Und so unterschiedlich wie die Lebenserfahrung eines jeden Einzelnen sind seine Emotionen.

Eine etwas andere Begegnung
Daher möchte ich diesen Artikel mit einer Begegnung der letzten Woche beginnen, die ich so in vielen Jahren der Hundehaltung noch nie erlebt habe: der Begegnung mit einem echten Hundephobiker. Und ich meine nicht jemanden, der Hunde nicht besonders mag oder etwas unsicher in der Begegnung ist, sondern eine extreme Reaktion auf einen Hund zeigt, der normal­­erweise als extrem süß angesehen wird, und bei dem sich viele Menschen kaum zurückhalten können, ihn zu streicheln oder wenigstens freundlich anzusprechen. Eine Begegnung, die auch bei mir Spuren hinterlassen hat und die sicherlich für viele »Hundemenschen« nur schwer nachvollziehbar ist.

Ich ging mit Rita-Line, der vermutlich zartesten Versuchung, seit es Beagle/Terrier-Mischlinge gibt, einen Feldweg entlang und sah einen Mann entgegenkommen. Da Rita mit mindestens fünf Metern Abstand in der Wiese lief und keine Anstalten machte, den Mann zu beachten, sondern einfach ihres Weges ging, sah ich keine Veranlassung, sie zurückzurufen, wie ich das natürlich normalerweise mache, wenn uns Menschen begegnen. Und plötzlich, für mich wie aus dem Nichts, schrie der Mann los, begann zu hyperventilieren und war nicht einmal mehr in der Lage, mir verständlich zu machen, dass er Angst hatte. Das war aber bei der Reaktion auch gar nicht mehr nötig …

Rita – genauso erschrocken wie ich – ließ sich problemlos abrufen und hinter mir ins Sitz bringen. Ich wollte den Mann fragen, ob ich helfen könnte, dachte auch daran, einen Notarzt zu rufen, weil er nicht aufhörte, nach Luft zu ringen. Solange der Hund in Sichtweite war, brachte der Mann keinen verständlichen Satz heraus und stand da wie gelähmt. Also blieb mir nur, eine Entschuldigung zu stammeln und den Rückzug anzutreten. Ich beobachtete ihn aber trotzdem weiter aus sicherer Entfernung und sah, dass er sich irgendwann beruhigte und weiterging. Und so zog auch ich weiter, dankte wem auch immer, dass Rita sich so vorbildlich verhalten hatte und dass ich ausnahmsweise nicht meine ganze Meute dabei hatte.

Diese extreme Reaktion, die ich so vorher tatsächlich noch nie erlebt hatte, ist sicherlich für »Hundemenschen« nicht nachvollziehbar. Aber mir wurde einmal mehr bewusst, wie sehr wir Hundehalter in der Pflicht stehen, vorausschauend und rücksichtsvoll zu handeln. Denn als ich meinen Schrecken überwunden hatte, wurde mir klar, dass meine Reaktion nicht wesentlich anders gewesen wäre, wenn mir jemand mit einem Rudel Vogelspinnen (man kann an dieser Stelle natürlich auch Ratten, Schlangen oder Ähnliches einsetzen) über den Weg gelaufen wäre. Nur dass im Fall von Spinnen ein Großteil der Menschheit meine Reaktion hätte nachvollziehen können. Aber eine Phobie hat nichts mit rationalem Denken oder Handeln zu tun. Und eine Begegnung mit einer durchschnittlichen mitteleuropäischen Spinne wäre nochmal wesentlich harmloser gewesen als eine Begegnung mit einem sowieso schon durch und durch harmlosen Beagle/Terrier.
Mir jedenfalls hat diese Begegnung gezeigt, dass ich als Hundehalterin noch vorausschauender unterwegs sein und Rücksicht nehmen muss, und es tut mir immer noch furchtbar leid, dass ich durch einen meiner Hunde einen Menschen derart in Panik versetzt habe.

Emotionale Bande
Aber nun zu den Emotionen, die vermutlich jeder Leser nachvollziehen kann, nämlich der Liebe zu unseren Hunden, und den engen Beziehungsbanden zwischen Menschen und Hunden. Nicht umsonst ist der Haushund das einzige Tier, das in der Regel die Gesellschaft des Menschen der von Artgenossen vorzieht. Und von dieser einzigartigen Verbindung profitiert der Mensch ebenso wie der Hund. Meine Hunde verbringen 24 Stunden pro Tag mit mir, und das sieben Tage die Woche. Zunächst muss ich ihnen ein Lob dafür aussprechen, dass sie mich ertragen. Und mir dafür, dass ich die Herausforderung mit ihnen jeden Tag aufs Neue annehme – mit den meisten Menschen (und ja, ich mag Menschen!) wäre mir das zu viel des Guten. Sie bekommen meine Emotionen in der Regel relativ ungefiltert mit und ab. Würde ich mich verstellen, um gute Laune vorzugaukeln, wo keine ist, würden sie mir das eh nicht abnehmen. Zum Glück kommt das aber auch nur selten vor. Dennoch: Wie in der Bindung zwischen Mensch und Mensch gilt für mich das Motto »In guten wie in schlechten Zeiten«. Und von beiden haben wir bereits so viele hinter uns, dass es problemlos auch für mehrere Leben ausreichen würde. Genau das bindet mich auch emotional extrem eng an meine Hunde. Sie sind lebende Erinnerungen an die Vergangenheit, an schöne und unschöne Situationen, die wir gemeinsam erlebt und überlebt haben. Jedes dieser Ereignisse und die begleitenden Emotionen stärken die Bindung und sind begleitet von weiteren Emotionen. Und zahlreiche Studien belegen: Eine glückliche und stabile Beziehung hat auf die Gesundheit und Lebenserwartung großen Einfluss. Wer in einer guten Partnerschaft lebt, wird weniger oft und weniger schwer krank und lebt meist deutlich länger. Und ich bin mir sicher, dass dies auch für eine stabile Beziehung zwischen Mensch und Hund gilt! Und das ist für Hunde in unseren Breitengraden inzwischen eine der Hauptaufgaben, sie sind sowas wie soziale Nutztiere geworden. Und das ist eine Rolle, die in Zeiten, in denen viele Menschen vereinsamen, auch ein legitimer Job ist – solange der Hund und sein »Hundsein« dabei nicht auf der Strecke bleiben und der Hund von dieser einzigartigen Beziehung genauso profitiert wie der Mensch! Oft ist das leider nicht der Fall, weil der Hund vor lauter Emotionalität eben nicht mehr als das gesehen wird, was er eigentlich ist: eben ein Hund.

Hunde sind Hunde
Extreme Blüten treibt die auf Emotionen basierende Vermenschlichung zum Beispiel bei Hunden, die verkleidet werden, nicht mehr ins Freie kommen oder gar gleich so gezüchtet werden, dass sie Emotionen bei Menschen wecken, nämlich durch kurze Nasen und ein übertriebenes Kindchenschema. Für die betroffenen Hunde bedeutet das ein Leben in Qual und erfreut maximal die Halter, bei denen solche Qualzuchten offenbar dieselben Netzwerke im Gehirn ansprechen wie ein Blick in große Kinderaugen. Die einzige Emotion, die ich in dem Fall empfinde, ist allerdings eine grenzenlose Wut auf Menschen, die Hunden so etwas antun.

Rosarote Hundewelt?
Allerdings spielen durchaus auch negative Emotionen im Zusammenleben mit meinen Hunden eine Rolle: Die Wut, wenn der Beagle schneller bei meinem(!) Abendessen ist als ich und zum Nahrungskonkurrenten mutiert; der Ekel, wenn er sich mal wieder in irgendetwas undefinierbarem Stinkendem gewälzt hat; die Furcht, wenn einer aus der Meute krank oder abgängig ist; die Verzweiflung, wenn nichts klappt und man das Gefühl hat, mit einem Hund (temporär) komplett überfordert zu sein; und natürlich die Traurigkeit, wenn ein Lebensabschnittsbegleiter vor einem in die ewigen Jagdgründe zieht …

Zwei meiner derzeitigen Hunde, Herr Meier und Piccolo, kann man mit gut 12 bzw. gut 13 Jahren inzwischen auch schon wieder getrost als Senioren bezeichnen, und auch, wenn ich beim Beagle sehnlichst auf sowas wie eine Altersweisheit und altersadäquates Verhalten warte, und es sich einfach nicht einstellt, erwische ich mich in letzter Zeit immer wieder dabei, in eine gewisse Melancholie zu fallen, weil ich weiß, dass auch deren Lebenszeit begrenzt ist. Denn auch, wenn man von Anfang an weiß, dass sie – wenn alles richtig läuft – vor uns sterben, ist es jedes Mal eine wahre Emotionskeule, die mit dem Verlust eines Hundes, der einen so viele Jahre lang begleitet hat (wenn er nicht gerade abgängig war …) einhergeht. Aber offenbar überwiegen auch hier die positiven Emotionen bzw. der Nutzen, sonst würden wir nicht immer wieder sehenden Auges in dieselbe unausweichliche Situation rennen. Auch, wenn man sich jedes Mal schwört, im nächsten Leben nur noch Wale, Papageien, Schildkröten oder wahlweise Elefanten zu halten – am Ende wird es doch wieder ein Hund. Hat ja auch, bis auf die Lebensdauer, im Vergleich zu einem Wal, durchaus Vorteile …

Ein Konzentrat an Emotionen zwischen Menschen und Hunden war auch meine Zeit in der Praxis, und das war auch fast das Anstrengendste am Tierarztberuf. ­Natürlich gab es zum einen viele glückliche Momente, wenn zum Beispiel ein Hund mit ungünstiger Prognose doch wieder gesund nach Hause gehen durfte, oder man nach einem Kaiserschnitt stolz auf lebendige, gesunde Welpen und Hündin sein durfte, aber in Erinnerung sind viel mehr die täglichen Dramen geblieben, wenn man zum Beispiel einen Hund erlösen musste. Auch wenn ich wusste, dass das für den betreffenden Hund das Ende des Leidens bedeutete, brach es mir regelmäßig das Herz, wenn ich plötzlich gestandene, eigentlich knallharte und gefühlt drei Meter große Männer schluchzend vor mir stehen hatte. Ich hätte jedes Mal mitheulen können – und habe es auch oft getan. Einfach, weil die uns innewohnende Empathie mich im wahrsten Sinne mitfühlen lassen hat.

Emotionen unter Hunden?
Aber auch unsere Hunde werden von Emotionen gesteuert, und zum Glück ist die Wissenschaft inzwischen weit davon entfernt, diese den Tieren abzusprechen. Genauso, wie es bei unseren Hunden den »Erzfeind« gibt, existieren auch besondere Bande zwischen zwei Hunden. Das erlebe ich hier seit einem Jahr, und ja, das weckt auch bei mir Emotionen: die große Hundeliebe, bei deren Erleben auch ich Herzchen in den Augen bekomme! Oder soll ich von einem Groupie und seinem Helden reden?
Vor einem guten Jahr zog nach dem Tod meiner alten Beagle-Oma Andra »Rita-Line« hier ein, ihres Zeichens ein Beagle/Terrier-Mix. Eine Verbindung wie zwischen ihr und meinem Beagle-Rüden Meier habe ich in vielen Jahren mit mehreren Generationen an Hunden noch nie erlebt. Von der ersten Sekunde an klebte sie an ihm und himmelte ihn an – was Meier natürlich angemessen findet! Und irgendwie hatte ich beim Anblick der beiden stets den Satz »Das Fohlen weicht der Leitstute keinen Zentimeter von der Seite« im Kopf. Wo er ist, ist sie nicht weit, und wenn versehentlich mal für ein paar Sekunden eine Türe zwischen beiden geschlossen ist, flippt sie beim Wiedersehen aus, als hätte sie ihn nach zehn Jahren vergeblicher Suche endlich wiedergefunden. Warum? Keine Ahnung! Außer, dass Meier natürlich ein toller Typ ist …

Jedenfalls geht das bei den Beiden so weit, dass ich mir jetzt schon Gedanken über das »Danach« mache. Ich fürchte, das erste Mal eine schwerwiegende Trauerreaktion bei einem Hund zu erleben. Und dann holen mich meine Hunde flugs wieder ins Jetzt und Hier, und ich freue mich, dass sie sich und mich gefunden haben. Später ist immer noch genug Zeit, über das Danach nachzudenken.

Ähnlich war es übrigens bei mir und dem durchgeknallten Chihuahua, den ich völlig verstört und hysterisch übernommen hatte. Als sie hier knurrend und beißend ankam, waren für das Seminar am nächsten Tag bereits einige Leute hier, die sie sich genauso hätte aussuchen können. Nachdem ein paar Minuten lang eine knurrende Box am Boden stand, entschloss sie sich rauszukommen, hängte sich an meine Hacken, und klebt da bis heute. Sie war nach spätestens fünf Minuten angekommen, und es war sofort klar, dass sie bleibt. So schnell bin ich vorher noch nie zum Pflegestellenversager geworden. Fremde Menschen hingegen sind auch nach drei Jahren ein großes Problem für sie.

Auch hier habe ich keine bzw. nur eine leise Ahnung, warum das so war (ich bin ja nicht Meier!), bin aber sehr dankbar für ihr großes Geschenk namens Vertrauen, denn das hat die emotionalen Bande zwischen uns geknüpft, die mindestens so lange bestehen bleiben werden, wie es Piranha und / oder mich gibt.

Jedenfalls werden uns, solange uns Hunde begleiten, auch immer Emotionen unterschiedlichster Art begleiten. Und das ist gut so! Das Leben mit Hunden ist sowas wie ein Strauß voller Emotionen, und auch die »negativen« Gefühle haben ihre Daseinsberechtigung. Jeder Hund, der uns begleitet, darf auch mal Wut abbekommen, man darf sich Sorgen um ihn machen, und er hat Trauer verdient, wenn er irgendwann nicht mehr da ist – denn das gehört zum Leben. Genauso, wie Hunde vermutlich zum Leben von Wuff-Lesern gehören …

Pdf zu diesem Artikel: hunde_gefuehlswelt

 

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