Minihunde

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Der kleine Bichon Frisé lag friedlich unter dem Tisch. Sein Frauchen hatte mich gerufen, weil der Hund ständig in die Wohnung urinierte. Und zwar an den Türrahmen direkt neben seinem ständig gefüllten Futternapf. Nachdem ich über eine Stunde damit beschäftigt war, Frauchen im Ansatz zu erklären, welche Bedürfnisse das domestizierte Raubtier Hund hat, hatte sich der anfangs kläffende Bichon wegen meiner konsequenten Nichtbeachtung hingelegt und war wirklich fest eingeschlafen.

Der schlafende Hund sah absolut niedlich und zum Knuddeln aus. Das fiel auch der Besitzerin auf, die dann sofort ihrem eigenen Bedürfnis nachging und sich den Hund zum Knuddeln schnappte. Zum Knuddeln schnappte? Ja, Sie lesen richtig. Ohne Vorwarnung wurde das schlafende Tier hochgerissen und richtig „durchgeknuddelt". Der Hund wusste nicht, wie ihm geschah, vorsichtshalber setzte er, noch im Halbschlaf, sämtliche Signale der Beschwichtigung ein, die ihm gerade einfielen. Er zog seine Schlappohren so weit zurück, dass von der Spannung der Kopfhaut sich bereits die Zähnchen entblößten und es wie eine Art Grinsen wirkte, seinen Kopf versuchte er immer wieder seitlich wegzudrehen. Von dem eingeklemmten Schwanz und dem Mundwinkel-Lecken ganz zu schweigen.

Von all’ dem bekam Frauchen nicht das Geringste mit. Nein, sie begrub das Tierchen praktisch in ihren Armen und beugte noch pressend den Oberkörper darüber. Da platzte mir der Kragen. Zwar bin ich bei meiner Arbeit als Tierpsychologe immer bemüht, auch im Interesse der Hunde, die Halter ruhig und sachlich über das Tier Hund und dessen Bedürfnisse aufzuklären. Der Kasernenhofton mancher Hundetrainer ist mir zuwider. Aber dieses Mal platzte mir der Kragen. „Lassen Sie doch den Hund in Ruhe", harschte ich die Frau an. „Aber was haben Sie denn", entgegnete diese, „ich knuddel doch nur mein Tier!"

Es verging eine weitere Stunde, bis ich der Frau einigermaßen klar gemacht hatte, was sie dem Hund in diesem Moment antat.

Dieses Beispiel ist symptomatisch für die Halter von Kleinhunden. Ein solches oder ein ähnliches Verhalten begegnet mir immer wieder. Noch nie ist es mir allerdings passiert, dass der Besitzer eines Schäferhundes diesen aus dem Schlaf gerissen und knuddelnd bedrängt hätte …

Alle Hunde sind domestizierte Raubtiere
Natürlich möchte ich hier nicht pauschalisieren, aber in meiner täglichen Praxis zeigt es sich sehr häufig, dass Kleinhunde von ihren Besitzern oft nicht als das angesehen werden, was sie sind. Nämlich Hunde! Der Bichon Frisé, der Chihuahua, der Malteser, der Westie oder auch der Yorkie haben alle die gleichen Bedürfnisse wie eine deutsche Dogge, ein Kangal, Samojede oder deutscher Schäferhund. Sie alle sind domestizierte Raubtiere, die vom Wolf abstammen. Nun möchte ich hier nicht erneut die Diskussion aufnehmen, ob Hunde noch Wölfe sind. Das ist ein anderes Thema und füllt mehr als einen Artikel allein.

Meiner Meinung nach sind Hunde biologisch selbstverständlich noch Wölfe, haben aber im Laufe der Domestikation gelernt, die ökologische Nische Mensch für sich zu nutzen und sich einem Leben beim Menschen anzupassen. Und das haben Wölfe eben nicht. Als kleine Beispiele am Rande: Das Gehirn der Hunde hat sich dem Lebensraum Mensch angepasst. So sind z.B. die Bereiche geringer als beim Wolf ausgebildet, die sich mit der Verarbeitung von Sinneseindrücken beschäftigen. Ein Wolf wäre dem Wahnsinn nahe, wenn er durch eine belebte Stadt laufen müsste, links schreien Kinder, rechts rattert die Straßenbahn vorbei und in der Luft ist Fluglärm zu hören. Gleichzeitig saust ein Auto vor ihm her. Hunde ertragen dies meist recht gelassen, viel gelassener als manche Menschen.

Hunde sind auch viel toleranter Artgenossen gegenüber, die nicht zum eigenen Familienverband gehören. Das sind alles Ergebnisse der Domestikation, darum kann man Wölfe und Hunde heute nicht mehr blind miteinander vergleichen. Aber trotzdem: Viele Instinkte hat der Hund noch genauso wie der Wolf, ja praktisch unverfälscht. Trotz aller Zuchtauslese ist der Körper eines jeden Hundes z.B. immer noch der eines Raubtieres, welcher darauf ausgerichtet ist, nur gelegentlich Beute und Nahrung zu bekommen. Der Hund (Wolf) muss etwas dafür tun, Nahrung zu bekommen – er ist kein Pflanzenfresser, welcher den ganzen Tag mit Fressen beschäftigt ist – er ist eher damit beschäftigt, Nahrung zu besorgen. Steht jetzt immer ein Napf mit Nahrung zur Verfügung – so wird sich das auch negativ im Verhalten des Hundes niederschlagen. Das Markierungsurinieren in der Nähe des Napfes ist da nur das kleinste Problem …

Ich möchte hier jetzt nicht direkt auf diese Probleme eingehen, sondern nur auf die Bedürfnisse der kleinen Hunde hinweisen. Neben diesem ständig gefüllten Futternapf stelle ich während meiner Arbeit mit Hunden und Menschen häufig noch andere Dinge bei Kleinhunden und ihren Haltern fest. Da ist zum Beispiel oft die Aussage, dass diese Hunde ja nicht viel Auslauf brauchen und größtenteils in der Wohnung gehalten werden könnten. Unsinn! Sicher braucht ein Westie nicht den Auslauf wie vielleicht ein Husky, aber selbstverständlich muss das Tier seine Bewegung auch außerhalb der Wohnung haben!

Zurück zum Wolf. Diese Wildhunde verbringen – wie bereits erwähnt – viel Zeit des Tages mit der Nahrungssuche. Dabei durchstreifen sie ihr Revier weiträumig und sind nebenbei mit der Markierung und Abgrenzung des Gebietes beschäftigt. Während dieser Beschäftigung leisten sie viel Nasenarbeit, stellen fest, welcher fremde Wolf im Revier war, und müssen dessen Markierung „übertünchen" etc..

Diese natürlichen Tätigkeiten kann der Hund natürlich innerhalb einer Wohnung nicht durchführen. Er kann und soll dort keine Markierungen setzen, es ist ihm auch nicht möglich, wichtige Neuigkeiten zu erschnüffeln, weil die Wohnung ja nicht ständig von anderen Hunden oder Beutetieren durchstreift wird. Und das Ausleben des angeborenen Jagdtriebes (und sei es umgeleitet auf ein Spielzeug) ist in der Wohnung auch nur sehr beschränkt möglich.

Der Hund auf der Katzentoilette – vollkommen artfremd
Der Gipfel der menschlichen Unzulänglichkeit sind neuerdings im Handel angebotene Hundetoiletten für Kleinhunde, die praktisch wie ein Katzenklo für Hunde funktionieren sollen. Natürlich kann man einem Hund durch Dressur beibringen, solche Toiletten zu benutzen. Allerdings widerspricht auch dies wieder ganz gewaltig dem eigentlichen Verhalten eines Hundes! Hunde möchten ihr Kernterritorium nicht beschmutzen – das ist ihnen angeboren, eine hygienische Maßnahme der Evolution. Kot wird so weit wie möglich vom Kernterritorium bzw. Schlafplatz entfernt abgesetzt. Muss der Hund auf eine „Katzentoilette" im Haus machen, kostet ihn das eine unbeschreibliche Überwindung! Übrigens ist dieser angeborene Instinkt, das Kernterritorium nicht mit Kot zu beschmutzen, der Hauptgrund, warum Hunde „sauber" werden. Die meisten Hunde werden nicht wegen der Bemühungen ihrer Besitzer sauber, sondern trotz deren Bemühungen …

Ich möchte mit diesen Zeilen nicht gegen die Kleinhunde an sich sprechen, im Gegenteil – aber ich möchte den Haltern oder zukünftigen Haltern solcher Hunde nur mit auf den Weg geben, dass ein Hund ein Hund ist, egal welche Schulterhöhe er hat. Es gibt keinen Hund, der ein reiner Wohnungshund ist, jeder Hund braucht ein „Revier" draußen, es gibt keinen Hund, der gern auf eine Katzentoilette geht, und es gibt keinen Hund, der „zu Tode" geknuddelt werden möchte!

Vielleicht macht sich ja der ein oder andere Kleinhundebesitzer auf Grund dieser Zeilen einmal ein paar Gedanken. Glauben Sie mir – Ihr vierbeiniger Freund wird eine Behandlung als Hund genießen …

WUFF STELLT VOR


Der Autor
Thomas Riepe ist Hundepsychologe und Autor von Fachbüchern zum Thema Caniden. Im Rahmen seiner hundepsychologischen Tätigkeit bildet er auch nach einer von ihm entwickelten Methode Hundepsychologen aus. Diese Methode beruht in erster Linie auf Kommunikation und Verständnis zwischen Mensch und Hund.

Sein aktuelles Buch ist seit Februar 2006 im Handel: Füchse – unsere heimlichen Nachbarn, Wagner Verlag

Weitere Bücher:
• Wolf und Hund – Informationen rund um Wolf, Hund und andere Hundeartige, MV Verlag
• Yellowstone, im Land der Wölfe und Kojoten – Ein Reisetagebuch und Tierführer, MV Verlag

Info:
Thomas Riepe erreichen Sie unter Tel. +49(0)172/949 17 66 oder über http://www.riepehunde.de

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Thomas Riepe ist Hunde­psychologe, Referent und Autor von Fach­büchern zum Thema Hunde­artige. Den Schwerpunkt seiner Arbeit als Hunde­psychologe hat er auf die Verbesserung der Kommunikation zwischen Mensch und Hund gelegt, sowie auf Resozialisierung von ­Hunden, die durch menschliches Fehlverhalten ausgelöste, über­steigerte Aggressionen zeigen.

Kontakt: Tel. +49 172 9491766
   www.riepehunde.de

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