Neunerhaus – Anlaufstelle für Obdachlose mit Hund

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»Du bist wichtig« Das ist der Leitsatz einer Sozialorganisation für Obdachlose in Wien. Neunerhaus – so nennt sich die Organisation, die neben Wohnhäusern, Betreuung in Wohnungen, einer Arzt- und Zahnarztpraxis und einem Café auch eine Tierärztliche Versorgung für Obdachlosen-Tiere beherbergt. Gerald Pötz hat das Neunerhaus besucht.

Mein Hund Pauli liegt neben mir auf der Couch und sieht mit mir fern. Ich decke ihn mit der Decke zu, weil es etwas kühl wird im Raum. Pauli ist wohlbehütet und es geht ihm gut. Es gibt aber auch Menschen, die es nicht so gut getroffen haben, und dennoch lieben sie ihren Hund genauso wie ich meinen Pauli. Mit einem wesentlichen Unterschied. Bei ihnen ist »kalt« minus 10 Grad und nicht plus 18, denn sie sind obdach- bzw. wohnungslos. Ihren Hunden geht es trotzdem gut, denn oftmals ist der Hund ihr einziger Lebenspartner, ihr einziger Freund, an dem sie Halt finden.

Noch vor einigen Jahren war es üblich, dass Hunde in Notschlafstellen nicht mitgebracht werden durften und obdachlose Hundehalter diese daher nicht in Anspruch nehmen konnten. Denn als Voraussetzung für die Mitnahme muss garantiert sein, dass der Hund geimpft und parasitenfrei ist. Hier kommt die Tierärztliche Versorgung des Neunerhauses ins Spiel. Seitdem Obdachlose ihre Hunde dort kostenlos behandeln lassen können, dürfen sie auch in die Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe mitgenommen werden.

»Wir passen aufeinander auf«
Neunerhaus-Nutzer Helmut L. und seine Hündin Yessi haben einen Pakt fürs Leben geschlossen. Helmuts und Yessis Geschichte begann vor acht Jahren. Die schwarze Hündin war vier Wochen alt, als Helmut L. von einem Bekannten gefragt wurde, ob er sie aufnehmen könne. Er selbst war damals 36 Jahre alt, arbeitslos und obdachlos. »Mein Zuhause war überall und nirgendwo«, erinnert er sich an diese harte Zeit. Doch als er Yessi sah, konnte er sie nicht im Stich lassen. Also schlossen die beiden einen Pakt fürs Leben, wie er es selbst ausdrückt. »Ich habe laut zu ihr gesagt: ‚Ich kümmere mich um dich, und du kümmerst dich um mich.‘«

»Am Bahnsteig schützt sie mich vor dem einfahrenden Zug«
Seitdem gibt es keinen Helmut L. mehr ohne Yessi. Aus dem hilfsbedürftigen Welpen ist eine gutmütige Hundedame geworden, die meist behäbig neben ihm her trottet. »Manchmal glaube ich, sie sieht mich wie ein Kind«, sagt Helmut L. und schmunzelt. »Wenn wir an einem Bahnsteig warten, drängt sie sich schützend zwischen mich und den Zug.« Auch er erfüllt den Pakt fürs Leben und achtet darauf, dass es Yessi an nichts fehlt. Als sie vor vier Jahren einen Kreuzbandriss erlitt und nicht mehr laufen konnte, kam Helmut L. an seine Grenzen. »Ich konnte mir keinen Tierarzt leisten und war verzweifelt. Ich habe sie überallhin getragen.« Dann erzählte ihm eine Neunerhaus-Mitarbeiterin von der Tierärztlichen Versorgung. Tatsächlich, Yessi konnte dort kostenlos operiert werden: »Ich weiß nicht, was ich ohne Neunerhaus gemacht hätte.« Wie Helmut L. seine tierische Freundin beschreiben würde? »Sie ist eigentlich ähnlich wie ich«, sagt er. »Hartnäckig, zielstrebig, manchmal stur, und sie weiß immer, wie es mir geht«, sagt Helmut L. »Einen Hund kannst‘ nicht anschwindeln.«

Tierärzte ehrenamtlich tätig
Im Neunerhaus sind aktuell 28 Tierärzte und rund 22 Assistenten im ehrenamtlichen Einsatz und es wäre noch Luft nach oben. Da sich die Tierärzte den Dienstplan für die ehrenamtlichen Stunden zwischen ihren eigenen Ordinationszeiten einteilen müssen, sind viele Tierärzte notwendig, um einen reibungslosen Betrieb garantieren zu können. Als einzige Angestellte macht Sandra Dressel die Koordination und Administration. Von den Patienten sind rund 70% Hunde, erzählt uns die Leiterin der Tierärztlichen Versorgung, Dr. Eva Wistrela-Lacek.
Es gibt auch einige Kooperationspartner, wie z.B. die Tierärztekammer und die Veterinärmedizinische Universität Wien, die komplizierte Operationen oder Untersuchungen in limitierter Anzahl übernimmt. Eine Voraussetzung für die Behandlung ist, dass die Hunde gechippt werden bzw. es sind. Die Hunde bekommen auch alle benötigten Impfungen und Parasitenbehandlungen, falls notwendig. »Tiergesundheit bedeutet Menschengesundheit, und das liegt sehr eng beieinander«, ist Dr. Wistrela-Lacek überzeugt. Daher ist ihr das Wohlergehen der Vierbeiner auch ein großes persönliches Anliegen.

Zuweisung notwendig
Allerdings kann nicht jeder Hundehalter, der gerade mal knapp bei Kasse ist, dieses Angebot nutzen. Die Tierärztliche Versorgung ist ausschließlich obdachlosen Tierhaltern vorbehalten und sie benötigen einen Zuweisungsschein, der z.B. von Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe, der Caritas oder auch von Frauenhäusern ausgestellt wird. Es wird allerdings nur einmal im Jahr eine solche Zuweisung benötigt, die den Tierhalter als berechtigt ausweist.

Hilfe in Zahlen
Im Jahr 2018 wurden insgesamt 371 Stunden, davon 66 OP-Stunden aufgewendet, für klinische Untersuchungen bzw. Impfungen 72.000 Euro und für Medikamente 66.000 Euro ausgegeben. Damit wurden 1.736 mal Hunde, 448 mal Katzen und 23 mal Nager behandelt. Das sind beträchtliche Zahlen, wenn man bedenkt, dass all dies ehrenamtlich und auf Spendenbasis stattfindet. Ich habe bei meinen Recherchen keine weitere ähnliche Institution gefunden.

Als ich im Wartezimmer sitze, kommt ein äußerst gut genährter Jack Russell Terrier zur Tür herein. Ich frage, ob ich ihn ins Behandlungszimmer begleiten darf, was sein Herrchen bejaht. Der gut 8 Jahre alte Kevin ist quirlig und trägt ein Mäntelchen, denn es ist kalt draußen. Er hatte beim letzten Besuch Blut im Harn und daher wird bei der Nachkontrolle die Prostata untersucht, wovon Kevin gar nicht begeistert ist. Der Nächste, bitte!

Timmy ist mein Leben
Kaum ist Kevin draußen, trottet der 12-jährige Timmy mit seinem Herrchen Walter W. zur Tür herein. Timmy hechelt, bekommt gegen seine Alters-Wehwehchen Schmerztabletten, hat aber laut Tierärztin einen kräftigen Puls und ein kräftiges Herz, also kein Grund zur Sorge. Walter W. macht sich aber dennoch große Sorgen um seinen Timmy, ist er doch sein Ein und Alles. Er bittet mich, ihm doch die Fotos von Timmy zu mailen, was ich gern mache. So kommen wir auch noch weiter ins Gespräch. Walter W. bestätigt mir, wie schwer es ist, wieder in die Gesellschaft zurückzufinden, wenn man einmal auf der Straße ist. Walter hat zwar in der Zwischenzeit wieder eine Wohnung, und dies durch das Projekt »Housing First« vom Neunerhaus. Daher kann sein Hund auch die tierärztlichen Leistungen des Neunerhauses in Anspruch nehmen.

Walter weiß, dass Timmy nicht mehr so sehr lange leben wird und das zerreißt ihm das Herz. Auf der anderen Seite ist das aber auch seine Triebfeder, sich und sein Leben in den Griff zu bekommen, und sei es nur für Timmy. Ich habe mit Walter noch mehrmals gemailt und er hat mir tiefe Einblicke in sein Leben gewährt, aber das bleibt unser Geheimnis. Walters großer Wunsch ist es, von Timmy ein paar schöne Fotos zu bekommen, damit er später einmal zur Erinnerung ein Album machen kann. Diesen Wunsch werde ich ihm erfüllen und sobald der Frühling in Wien einkehrt, treffen wir uns zu einem Fototermin mit Timmy.

Ein so offenes und ehrliches Bekenntnis zur Liebe zu seinem Hund habe ich noch kaum erlebt und eines habe ich bei dieser Recherche auch gelernt: Die Hunde von Obdachlosen sind nicht arm, im Gegenteil. Sie sind oft der Lebensmittelpunkt, und bevor der Hund Hunger leiden müsste, tut es lieber sein Halter.

Ich beende den Artikel mit einem passenden Zitat der Geschäftsführerin des Neunerhauses, Daniela Unterholzner: »Tiere sind oftmals die letzte soziale Verantwortung wohnungsloser Menschen, dadurch wirken sie auch in Krisenzeiten stabilisierend. Die Neunerhaus Tierärztliche Versorgung hilft damit nicht nur den Tieren, sondern auch den Menschen.«

Unterstützung gefragt

Sie finden das Projekt toll und möchten die tierärztliche Versorgung unterstützen?

Spendenkonto:
Neunerhaus Tierärztliche Versorgung
RLB NÖ-Wien
IBAN: AT72 3200 0000 1147 2529

Die Spende ist steuerlich absetzbar: SO2678

http://www.neunerhaus.at

Pdf zu diesem Artikel: neunerhaus

 

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