Nicht James Bond, sondern Butler James

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Wie sich Golden Retriever James, der nach den Wünschen des Sohnes eigentlich zu einem James Bond werden sollte, zu einem Butler James für sein durch Multiple Sklerose gehbehindertes Frauchen entwickelte.

Vor fast 7 Jahren zog in meinem Haus auf dem Land mit großem Garten, umgeben von Wald, Wiesen und Weingärten, ein großartiger Golden ­Retriever bei mir ein, kurz James genannt. In England geboren, kam James als Welpe nach Österreich und im Alter von 8 Monaten zu mir. Schon in den ersten Wochen fiel mir die Aufmerksamkeit und die Ruhe des Hundes auf. Der erste Kommentar ­meines damals 17-jährigen Sohnes zum Namen unseres neuen Familienmitglieds: „Wir machen einen super James Bond aus dir!"

Butler statt James Bond
James fühlte sich bei uns pudelwohl und wog sich in Ruhe und Gemütlichkeit. Als er eines Tages auf dem Rücken ­liegend alle Viere von sich streckte, meinte mein Sohn: „James, aus dir wird nie ein Bond! Du wirst, wenn ­überhaupt, vielleicht ein liebenswerter Butler."

Anfangs besuchten wir die Hundeschule, James war mein erster Hund. Er lernte Sit, Down und Stay sowie auf ­Pfeiflaute zu kommen. Außerdem wurde James auch an meine Gehhilfe, den Stock, gewöhnt und an das Fußgehen neben dem Rollstuhl, mit und ohne Leine. Aufgrund seiner Folgsamkeit muss James fast nie an der Leine sein, aus­genommen wir sind an einem fremden Ort und es laufen uns liebe oder weniger liebe Artgenossen über den Weg.

Schon sehr früh übte ich mit James mit viel Spaß und Lob, mir im Haus verschiedene Dinge zu bringen, die ich ­benötigte. Mein Hund schien bald zu spüren, dass ich große Mühe hatte, mich fortzubewegen, und wollte sich immer nützlich machen. Geldbörse, Handy, Telefon, ­Schuhe, Stock und ­Schlüssel ­verknüpfte er mit zunehmendem Alter als etwas sehr ­Wichtiges. Heute kann er den jeweils ge­wünschten Gegenstand suchen und apportieren. Schon bald bekam ich das Gefühl, dass das für James nicht nur Spaß, sondern auch eine wichtige Aufgabe wurde.

Vierbeiniger Postbote
Auch die Tageszeitung konnte James aus dem Zeitungskasten holen. Der Zeitungsbote steckt die Zeitung in den dafür angefertigten Lederschlauch mit Schlaufe, und James apportiert mir seit 6 Jahren zur gewohnten Zeit stets ganz stolz die Zeitung. James bringt mir auch die Post, die vom Briefträger zusammengerollt und mit einem Gummiring apportierfähig gemacht wurde. Wenn er den Postboten kommen hört, setzt er sich sofort mit leicht ­schwänzelnder Rute an die Einfahrt, wo ihm der Postbote die Post ins Maul gibt. Mit welcher Aufmerksamkeit, Ruhe und Freude James das macht, kann ich gar nicht beschreiben. Gleichsam ­hochkonzentriert in seinem Tun, sanft und mit weichem Maul bringt er mir die gewünschten Gegenstände direkt „in die Hand".

Gassiggehen im Golfcart und Freilauf
James ist kein ausgebildeter Behindertenbegleithund! Das Erlernte haben wir beide geübt und geschafft. Für mich war es immer sehr wichtig, dass James ein Hund seiner Rasse sein darf. Die rassebedingte Apportierfreudigkeit kann er zwar nicht als Jagdhund ausleben, doch seine Veranlagung wird eben anders gefordert, und das kommt uns beiden zugute. Natürlich gibt es auch genügend Auslauf. Sieben bis zehn Kilometer schaffen wir jeden Tag. Da wir auf dem Land leben, sind es stets schöne Schnüffel-Gassigänge im Wald, auf ­Wiesen und in Weingärten. Das Gassigehen bewältige ich mit einem Golfcart, eine Leine für James ist ­überflüssig, Begegnungen mit Rehen, Hasen, Hühnern oder Enten ­werden mit Sit und Stay quittiert.

Mittlerweile hat sich James von selbst weitere Fähigkeiten angeeignet. Es kommt nicht selten vor, dass ich im Haus stürze. Sofort läuft James zu mir, stellt sich breitpfotig und erstarrt wie ein Brett zu mir her, so als ob er mir sagen möchte, „komm, halt dich bei mir fest und steh auf." Oder liegt mein Handy irgendwo für James unerreichbar und piepst bei ankommender SMS, gibt er kurz einen leicht raunenden Belllaut. Vergesse ich im Obergeschoss meine Brille, den Gürtel oder Wäsche, dann bringt er mir – ohne dass wir das vorher geübt haben – den benötigten Gegenstand. Schmutzwäsche trägt er in den Keller und legt sie vor die Waschmaschine. Verfängt sich in meinem Golfcart ein Zweig oder ein Stück Holz, zerrt James hartnäckig daran, um es zu lösen. Schwanke ich wegen meiner Behinderung wie betrunken durchs Haus, passt er auf, mir nie im Weg zu stehen. Erst wenn ich sitze oder mich ausruhe, legt er sich zu mir.

Treu und ergeben weicht er nie von meiner Seite. Wir ­könnten mit oft unglaublichen Erlebnissen eine ­ganze WUFF-Ausgabe füllen. Es gibt aber auch eine nette ­Homepage von James, in der ich mehr über ihn erzähle (www.golden-james.at). Auf der Eingangsseite sieht man ihn, wie er da liegt, mit seinen Augen aufmerksam beobachtend, was geschieht. Seine Gedanken kann ich nicht lesen, ich weiß nur, seine Aufmerksamkeit gehört selbstlos seinem Frauerl.

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