Oskar, oder wer hat da das Glück?

0
833

WUFF-Leserin Charlotte Bauer in ihrem Leserporträt über ihren Oskar, einen Bullterrier. Ihr erster Hund, noch dazu aus ­schlechter Haltung eines Vorbesitzers, mit sog. Deprivationsschäden. ­Charlotte Bauer bemüht sich um ihren Oskar, sie steht zu ihm. Das Glück ist oft anders als man denkt …

Vor einigen Monaten zog mein Bull­terrier Oskar bei mir ein. Mein erster Bullterrier. Mein erster „SoKa". Mein erster Hund überhaupt. Oskar ­brachte viele Probleme mit, die erst nach einiger Zeit sichtbar wurden. Im Haus dreht er sich stundenlang im Kreis und beißt sich in Schwanz und ­Pfoten, ist dann kaum noch ansprechbar. Deprivationssyndrom nennt man das. Ur­sache ist die extreme Vernachlässigung durch seinen Vorbesitzer.

Also ging ich mit meinem Oskar zum Tierarzt. Dort sagt man mir, dass noch sehr hohe Kosten für ihn auf mich zukommen würden. Ich willige in jede, noch so teure Untersuchung ein. „Der hat aber Glück, bei Ihnen ge­landet zu sein", sagen die Tierärzte.

Ich habe eine Krankenversicherung abgeschlossen, damit wenigstens ein Teil der Kosten aufgefangen wird. Ich habe das große, teure Versicherungspaket abgeschlossen. „Na, damit hat Ihr Hund aber ein Glück", sagte die Dame von der Versicherung.

Oskar muss eine spezielle Diät machen wegen seiner Haut. Er darf nur noch Pferdefleisch und Kartoffeln bekommen. Also kaufe ich Unmengen an Kartoffeln und noch mehr Pferde­fleisch. Ich lasse stundenlang den Backofen laufen, um das Fleisch zu trocknen und ihm kleine Leckerlis zu machen. „Boah, da hat dein Hund aber Glück mit dir", sagen meine Freunde.

Das Fleisch kaufe ich in einer speziellen Hundemetzgerei. Ich bestelle es kiloweise vor, damit es auch schön zart und mager ist. Jede Woche stehe ich in der Metzgerei und kaufe das Fleisch. „Na, da hat Ihr Hund aber Glück, dass er von Ihnen so verwöhnt wird", sagen die Mitarbeiter dort.

Ich bin auf Anraten der Tierärzte mit ihm zur Physiotherapeutin ­gegangen. Dort konnte er vor lauter Stress und Dreherei aber kaum untersucht werden. Ich war geduldig mit ihm und habe versucht, ihn zu beruhigen. „Oskar hat aber wirklich Glück mit Ihnen", sagte die Therapeutin.

Eine Trainerin kommt einmal die Woche zu uns, um mit mir an seinem Verhalten zu arbeiten. Ich befolge alle ihre Ratschläge und Trainingsanweisungen, so gut es geht. Ich habe ihm eine faltbare Box und ein Türgitter gekauft, weil ihm das helfen soll. Ich habe ihm ein Geschirr maßanfertigen lassen, damit es gut sitzt und ihn nicht kneift beim Laufen. „Oskar hat sooo ein Glück, bei dir gelandet zu sein", sagt die Trainerin.

Wenn uns Leute auf der Straße begegnen, die sich über sein Ver­halten wundern, erkläre ich wieder und ­wieder, warum er sich so verhält und dass es viel Zeit kostet, bis er sich an ein Zusammenleben mit den Menschen gewöhnt. „Da hat er aber Glück, dass Sie sich so um ihn bemühen", sagen die Leute dann.

Wenn ich andere Hundehalter sehe, wie ihre Hunde auf Zuruf zu ihnen kommen, werde ich ein bisschen neidisch. Oskar kommt nicht, wenn ich ihn rufe. Er weiß nicht, was das bedeutet. „Da hat der aber ein Glück, dass Sie ihn nicht wieder abgeben", sagen die anderen Hundehalter.

Wenn mich fremde Leute auf der Straße beschimpfen, weil er ein ­Bullterrier ist, werde ich traurig. Ich versuche aber, ihn das nicht spüren zu lassen. „Der Hund hat Glück, dass du ihn gefunden hast", sagt meine ­Mutter manchmal.

Um alles finanzieren zu können, habe ich einen weiteren Job angenommen, damit ich das Geld für seine Behandlungen und das Training zusammenkriege. „Er hat Glück", sagen sie.  Aber sie liegen alle so falsch.

Wenn ich traurig bin, merkt er es manchmal doch. Dann legt er sich zu mir und kuschelt mit mir. Ich habe Glück, diesen Hund zu haben.

Wenn andere Hunde ihn anknurren und anbellen, knurrt er nie zurück. Er möchte dann trotzdem mit ihnen spielen. Ich habe Glück, diesen Hund zu haben.

Als ich ihn das erste Mal alleine ließ, hatte ich Sorge, er würde etwas kaputt machen. Doch er lag schlafend auf dem Bett und alles im Haus war noch ganz. Ich habe Glück, diesen Hund zu haben.

Beim Tierarzt lässt er sich bereit­willig untersuchen, wenn er gespritzt werden muss oder Blut abgenommen bekommt, zuckt er nicht einmal. Ich habe Glück, so einen Hund zu haben.

Wenn ich Besuch bekomme, freut er sich über jeden Menschen, der reinkommt und ihn streichelt. Er liebt Menschen, obwohl er von ihnen so schlecht behandelt wurde. Ich habe Glück, diesen Hund zu haben.

Er ist ein schwieriger Hund und es wird noch lange dauern, bis wir stressfrei zusammenleben können. Doch auch wenn ich immer wieder traurig oder wütend bin, verzweifle und an meine nervlichen und finanziellen Grenzen komme, zeigt er mir jeden Tag aufs Neue, was es heißt, Glück zu haben.

Denn nicht er hatte Glück – sondern ich!

Keine Kommentare