Physiotherapie für Haustiere

Allgemeine Anamnese
Jeder Vorbericht (Anamnese) beginnt mit der Abfrage der persönlichen Daten des Hundes, des so genannten „Signalements". Dies umfasst Alter, Geschlecht und Rasse des Hundes. Wie bereits erwähnt gibt es Erkrankungen, die bei bestimmten Hunderassen in bestimmten Lebensstadien häufig auftreten. Beispiele hierfür sind z.B. Bandscheibenprobleme beim Dackel oder die Hüftgelenksdysplasie beim Deutschen Schäferhund. Beim lahmenden alten Hund sind oft Arthrosen die Ursache für anhaltende Gelenkbeschwerden, wogegen beim wachsenden Hund oft Erkrankungen wie Ellbogen- oder Hüftgelenksdysplasie diagnostiziert werden können.

Das Geschlecht des Hundes spielt bei der Ergründung von Lahmheiten insofern eine große Rolle, als dass sich bspw. chronische Störungen der Geschlechtsorgane, wie z.B. Gebärmutter- oder Prostataerkrankungen, auch in Lahmheiten niederschlagen können. Im weiteren Verlauf des Vorberichtes wird der Tierbesitzer ausführlich über alle bei seinem Tier bereits aufgetretenen Erkrankungen und ihre Begleitumstände befragt. Das psychosoziale Umfeld des Tieres spielt hierbei ebenso eine Rolle.

Sinnvollerweise bietet es sich an, eine Checkliste zur Beantwortung dieser Fragen zu erstellen, um Störungen an allen Körperteilen und Organen vollständig erfassen und beurteilen zu können. Ein Bespiel einer solchen Checkliste haben wir für Sie nachfolgend dargestellt. Dabei geht es um die Beantwortung von Fragen, unter möglichst genauer Angabe des Ereigniszeitpunktes, zu folgenden Bereichen:

Psychosoziales Umfeld
Seit wann befindet sich das Tier in Ihrem Besitz? Haben Sie das Tier vom Züchter, aus einer Tierhandlung oder einem Tierheim? Fand ein Besitzerwechsel statt? Gab es Änderungen im familiären Gefüge?

Ein Besitzerwechsel, ein neuer Lebenspartner oder Ähnliches kann das Tier in eine Stresssituation versetzen, welche die normale körpereigene Abwehr schwächt.

Verhaltensauffälligkeiten
Ist der Hund ängstlich, aggressiv, sucht die Wärme oder Kälte, anderes?

Sucht ein Tier die Kälte, liegt der Verdacht nahe, dass ein entzündliches Geschehen vorliegt. Wird eher die Wärme bevorzugt, könnte es sich um ein degeneratives Geschehen handeln (z.B. Arthrosen). Wird ein Tier, das immer sehr friedliebend war, plötzlich aggressiv, sind oft chronische Schmerzen Auslöser dieses Verhaltensmusters.

Hatte Ihr Tier Unfälle, Verletzungen oder Operationen, gibt es Narben?
Verheilt eine Wunde nicht sofort und bleiben minimale Gewebeveränderungen zurück (juckend oder schmerzend – einen Hinweis gibt das Tier durch häufiges Kratzen, Belecken oder Benagen der bewussten Stelle), kann dies zu einem so genannten Narbenstörfeld werden, das das Tier ebenfalls wie oben angeführt in seinem normalen Immunverhalten schwächt: Das Tier ist dann „anfällig" für kleinere oder kleinste Zusatzbelastungen. Wichtig in dieser Hinsicht sind oft Kastrationsnarben, v. a. bei der Hündin, die nicht selten Grund für hartnäckige, lang andauernde und schwer zu therapierende Probleme sein können.

Liegen Infektionserkrankungen, Allergien oder Hauterkrankungen vor?
Diese Informationen geben wertvolle Hinweise darauf, ob das Tier einer allgemeinen Abwehrschwäche unterliegt bzw. eine zusätzliche Belastung des Immunsystems vorliegt. Schmerzende Gelenke werden auch häufig gezielt benagt oder beleckt, oft finden wir auch Fellveränderungen (struppiges, schuppiges Fell) im Bereich schmerzender oder funktionsgestörter Körperareale.

Augen
Leidet Ihr Tier unter chronischer Bindehautentzündung, ist dabei eine Seite bevorzugt?

Ohren
Liegen Gehörgangsentzündungen vor? Seitenbevorzugung? Gleichgewichtsstörungen?

Nase, Nasennebenhöhlen
Besteht bei Ihrem Tier ein häufiger Ausfluss?

Maul
Besteht eine Neigung zu Mundschleimhautentzündungen? Zahnprobleme? Liegt Zahnstein vor?

Probleme in den eben angeführten Bereichen können einerseits ebenfalls Hinweise auf „Störfelder" liefern, andererseits aber auch eine „Seitenlastigkeit" (die schwächere Seite) andeuten.

Rachengegend, Mandeln
Sind Ihnen häufigeres Räuspern oder Husten aufgefallen?

Herz-Kreislauf-System
Ist eine Herzerkrankung oder Kreislaufschwäche Ihres Tieres bekannt?

Atmungstrakt
Ist bei Ihrem Hund eine Erkrankung der Atemwege, wie z. B. eine chronische Bronchitis, bekannt?

Darmprobleme
Neigt Ihr Tier zu Durchfällen, Verstopfungen, ist der Verdau-ungstrakt öfter irritiert (z.B. Empfindlichkeit bei kleineren Nahrungsänderungen)?

Analdrüsen
Sind diese häufig entzündet, verstopft, zeigt Ihr Hund gelegentlich „Schlittenfahren"?

Geschlechtsorgane
Gibt es Auffälligkeiten im Zyklus der Hündin (verlängerte Läufigkeit, auffällige Scheinträchtigkeiten im Anschluss an die Läufigkeit, ausbleibende Läufigkeit o.ä.)? Besteht eine Prostatavergrößerung, ist der Rüde hypersexuell oder die Hündin nymphoman (häufiges Aufreiten bei Artgenossen oder Menschen), wann fanden Geburten statt und wie verliefen diese (Schwergeburten?), wurde Ihr Tier kastriert oder sterilisiert, wenn ja, warum?

Medikamente
Welche Medikamente erhielt Ihr Tier, und gibt es derzeit eine medikamentöse Behandlung – wenn ja, welche? Besteht eine Unverträglichkeit gegen bestimmte Medikamente, und wie äußert sich diese?

Spezielle funktionsbezogene Anamnese
Im Anschluss an diese umfassende allgemeine Anamnese wird ein spezieller Vorbericht erhoben, der das derzeit vorliegende Geschehen betrifft. Dieser ist ausschließlich symptombezogen und sehr individuell gestaltet und daher nicht wie oben als reine „Checkliste" zu erheben.

Folgende Fragen geben bspw. Aufschluss über die Ursache einer Lahmheit: Wann tritt die Lahmheit auf? Wird sie mit Belastung stärker oder tritt sie direkt nach dem Aufstehen auf?

Typisch für ein arthrosebedingtes Geschehen ist z.B. eine deutliche Lahmheit nach längeren Ruhephasen, die sich nach ein paar Schritten erkennbar verbessert (sog. „Einlaufen").

Ist die Lahmheit witterungsabhängig? Wie lange Spaziergehstrecken sind mit dem Hund wie oft am Tag noch möglich? Setzt sich das Tier während des Spazierganges oft ab oder trottet lustlos neben Ihnen her? Ein Abnehmen der Leistungsfähigheit kann ein Anzeichen für Schmerzen, aber auch für eine Allgemeinerkrankung sein!

Die Betrachtung in der Ruhe und in der Bewegung
Nach Abschluss des Anamnesegespräches oder auch währenddessen wird das Tier zunächst in Ruhe betrachtet. Wichtig sind hierbei z.B. die Gliedmaßenstellung, der Verlauf der Wirbelsäule, die Kopf-Hals-Haltung sowie die Haltung der Rute. Eine x- beinige Stellung der Hinterextremitäten finden wir z.B. oft bei Patienten mit Hüftgelenksdysplasie, Aufwölbungen in bestimmten Arealen des Rückens weisen oft auf Schmerzen in diesem Bereich hin. Wir beobachten ebenso, wie sich das Tier absetzt oder ablegt. Ein plumpsendes Niederfallen oder ein langsames Hinuntergleiten ins „Platz" deuten oft auf Rückenschmerzen hin. Auch ein Herausstrecken einer Hintergliedmaße im Sitz (oft bei Schmerzen im Knie beobachtet) oder das Ausklappen beider Gliedmaßen im Sitz (häufig bei Hunden mit Hüftproblemen) wird registriert.

Im Anschluss an diese Beurteilung in der Ruhe wird das Tier zuerst im Schritt und im Anschluss daran – wenn möglich – auch beim schnelleren Laufen vorgeführt. Wichtig beim Vorführen des Tieres ist eine ebene, griffige und ausreichend lange (ca. 15-20 m) Vorführbahn, die es dem Untersucher erlaubt, das Gangbild des Tieres von allen Seiten zu begutachten. Hierbei werden die Bewegung jedes einzelnen Gelenkes sowie der gesamte Bewegungsablauf des Tieres beurteilt. Eine gewissenhaft ausgeführte Ganganalyse kann dem erfahrenen Untersucher schon sehr genaue Hinweise auf die Ursache und Lokalisation einer bestehenden Lahmheit geben. Ein z.B. oft gesehener Schlenkergang der Hinterhand, der vom Besitzer häufig als niedliche Eigenheit des Jungtieres beurteilt wird, ist oft schon sehr früh ein Anzeichen für eine Hüftgelenksdysplasie.

Sinn der Ganganalyse ist es also nicht nur herauszufinden, an welcher Gliedmaße ein Hund lahmt, sondern schon eine Aussage darüber treffen zu können, welches Gelenk bzw. welche Struktur betroffen sein könnte, um im Anschluss an die Untersuchung gezielte weiterführende Diagnostik (wie z. B. Anfertigung von Röntgenaufnahmen) betreiben zu können

Die manuelle Untersuchung
Nach Beendigung der Ganganalyse wird das Tier mit den Händen untersucht (die Palpation). Dies bietet die Möglichkeit, Abweichungen von der Norm seitens der Haut, der Muskulatur sowie der Gelenke zu beurteilen. Abgesehen von einer allgemeinen Untersuchung, die einen allgemeinen Überblick über die körperliche Verfassung des Tieres liefert, werden dann in weiterer Folge einzelne Muskelpartien sowie einzelne Gelenke sorgfältig untersucht. Dabei beurteilt der Untersucher die Bewegungsmöglichkeiten der einzelnen Gelenke und kann daraus Schlüsse auf Einschränkungen seitens verspannter Muskulatur oder aber der einzelnen Gelenke ziehen.

Praktische Tipps
Da Sie als Besitzer Ihr Tier am besten kennen, sollten Sie sich die Zeit nehmen, Ihr Tier immer wieder (nicht nur streichelnd) gründlich zu betasten; wenn Sie dies mit einer gewissen Regelmäßigkeit und Sorgfältigkeit durchführen, lassen sich auf diese Art und Weise Veränderungen oder Abweichungen vom Normzustand Ihres Tieres relativ früh erkennen. Besondere Beachtung sollten Sie auch den Schenkel- und Achselinnenflächen schenken, da diese normalerweise beim Streicheln des Tieres ausgelassen werden (hierbei kann man relativ rasch einen etwaigen Muskelschwund erkennen)!

Nehmen Sie sich Zeit, Ihren Hund auch in Ruhe und in Bewegung einmal gründlich zu beobachten. Geschieht dies in regelmäßigem Abstand, können Probleme des Bewegungsapparates frühzeitig erkannt und therapiert werden.

Viele Erkrankungsbilder des Bewegungsapparates sind mit einfachen Methoden zu erkennen. Doch ist es oft auch notwendig, erkannte Beschwerden zu präzisieren. Hierzu werden ergänzende diagnostische Verfahren eingesetzt, die auch bei der Verlaufskontrolle dienlich sind. Im nächsten WUFF werden verschiedene Methoden bis hin zu „High-tech"-Maßnahmen beschrieben.


WUFF-GEWINNSPIEL


Das große Physio-Gewinnspiel

Ein Gewinnspiel des Vierbeiner Reha-Zentrums zusammen mit dem Berggasthof Johannishögl in Piding für WUFF-Leser.

In dieser und den nächsten 10 Ausgaben des Hundemagazins WUFF wird über die einzelnen Methoden der Physikalischen Medizin bzw. Physiotherapie berichtet. Zu jedem Artikel wird eine Frage gestellt. Von drei angebotenen Antworten (A, B oder C) ist nur eine richtig. Am Ende der WUFF-Serie werden alle 12 Lösungen an das Hundemagazin WUFF eingesandt.

Frage Nr. 2:

Wie lautet der Fachbegriff für die Erfassung des Vorberichtes?

A Signalelement

B Anamnese

C Palpation

Die Antwort (Buchstabe A, B, oder C) notieren Sie bitte auf dem Kupon aus Heft 11/06, Seite 26, oder zum Downloaden unter http://www.wuff.at im Menü Service > Tipps & Infos (zum Ausschneiden und Aufbewahren).

Erst wenn Sie alle 12 Lösungen gefunden haben, senden Sie den Kupon an WUFF, Kennwort Physio, Adresse siehe auf dem Kupon.

Einsendeschluss ist der 31.1.2008

Die Preise

1. Preis: 7-tägiger Aufenthalt für zwei Personen und einen Hund im Berggasthof Johannishögl, Piding, inkl. Frühstück. Plus: Eine 7-tägige ambulante Vorsorge für den vierbeinigen Freund.

2. Preis: 4-tägiger Aufenthalt für zwei Personen und einen Hund (s.o.) und eine 4-tägige ambulante Vorsorge für den vierbeinigen Freund (s.o.)

3. Preis: 2-tägiger Aufenthalt für zwei Personen und einen Hund (s.o.) und eine 2-tägige ambulante Vorsorge für den vierbeinigen Freund (s.o.).

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen! Die Teilnahme an dem Gewinnspiel ist nicht an den Kauf von WUFF gebunden.



WUFF STELLT VOR


Die Autoren

– Dr. med. vet. Cordula Gieren c/o Vierbeiner RehaZentrum GmbH, Salzburger Str. 30, D-83451 Piding, Tel.: 0049 (0)8651-76 27 00

– Dr. med. vet. Andreas Zohmann c/o Vierbeiner Reha-Zentrum GmbH, Dr.-Marc-Str. 4, D-34537 Bad Wildungen, Tel.: 0049 (0)5621-80 28 80

http://www.vierbeiner-rehazentrum.de


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