Pinkelproblem in der Wohnung – Stress, Angst, Gewohnheit?

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Die Kolumne zum Thema ­„Alltagsprobleme mit dem Hund". WUFF-Autorin Yvonne Adler, Tier­psychologin, akademisch geprüfte Kynologin und Hunde­trainerin, beantwortet Ihre Fragen. Schicken Sie uns Ihr Alltagsproblem mit Ihrem Hund, kurz formuliert und mit 1 bis 2 Bildern. In dieser Ausgabe möchte eine WUFF-Leserin wissen, warum ihre Hündin regelmäßig in die ­Wohnung pinkelt und wie sie dieses Problem lösen kann.

Liebes WUFF-Team, liebe Frau Adler!
Seit 5 Jahren habe ich einen kleinen Mischlingshund namens Bjarki aus Spanien. Er ist nun ca. 6 Jahre alt, und da ihm mit der Zeit langweilig wurde und er kaum noch gespielt hat, habe ich mich Anfang dieses Jahres dazu entschlossen, noch einen weiteren Hund aus Spanien zu adoptieren. Anfang Juli kam dann Sóla (2 J.) zu uns, ebenfalls eine kleine Mischlings­hündin aus Spanien. Die beiden verstehen sich super und Bjarki ist, seitdem sie da ist, auch wieder viel aufgeweckter. Im Juli musste ich dann kurzfristig aus meiner Wohnung ausziehen und in das Personalhaus meiner Arbeitsstätte ziehen, wo keine Hunde erlaubt waren. Bjarki brachte ich bei einer Bekannten aus Innsbruck unter, Sóla bei einer Freundin aus München, die 8 Katzen hat. Dort machte Sóla wohl 2-3 Mal die Woche in die Wohnung, was sie bei mir vorher noch nie getan hatte. Da meine Freundin aus München sie nur drei Wochen nehmen konnte, nahm ich sie danach mit ins Personalhaus, wo sie allerdings nur am Abend bzw. nach meiner Arbeit mit mir war. Untertags, während ich bei der Arbeit war, konnte ich sie bei einer Bekannten, die ebenfalls 2 Hunde hat, unterbringen. Da kurze Zeit darauf auch meine beste ­Freundin eine Wohnung suchte, beschlossen wir, in eine WG zu ziehen. Sie hat selbst einen Hund, eine 2,5 Jährige Dobermannhündin, die mit fremden Hunden meistens sehr schwierig ist. Bjarki kommt mit ihr super aus, da die beiden sich von Anfang an kennen, d.h. seit Elli 4 Monate alt war und zu meiner Freundin gekommen ist. Bjarki verbrachte auch die Zeit von Mitte August bis Oktober, als wir endlich in die neue Wohnung konnten, bei Elli und meiner Freundin. Sóla hatte in der Vergangenheit bereits zweimal das Pech, von Elli angefallen worden zu sein. Sie hat sie zwar nicht gebissen, allerdings hat sie sie zurechtgewiesen, aber nicht mehr aufgehört. Danach hatte Sóla logischerweise Angst vor ihr. Mittlerweile hat sich das aber auch gelegt, sie knurrt Elli an und sie ignoriert sie viel eher. Seit einer Woche wohnen wir nun mit den ­Hunden zusammen in der neuen W­ohnung und Sóla macht jeden ­Morgen in die Wohnung, und zwar immer an die gleiche Stelle. Gestern hat sie sogar in Ellis Bett ­gepinkelt.
Nun ist meine Frage, wie ich ihr bei­bringen kann, dass sie das nicht mehr tut. Es ist zum Glück (mit der erwähnten Aus­nahme) immer nur auf den Boden, welcher sich gut abwischen lässt, allerdings möchte ich nicht jeden Morgen eine Pfütze von ihr weg­machen müssen. Ich freue mich auf Ihre Antwort und bin Ihnen für jeden Tipp sehr dankbar.
Lieben Gruß aus Tirol, Sina.

Antwort von Yvonne Adler:
Liebe Sina!
Bevor man in dieser Situation ein Training anstrebt, ist es dringend erforder­lich, dass ein Tierarzt mögliche medizinische Ursachen abklärt. Aus Erfahrung kann ich Ihnen sagen, dass bspw. Stress-Hormone eine wichtige Rolle spielen und viele andere medizinische Probleme die Ursache für dieses Urinieren sein können. Daher konsultieren Sie bitte zunächst einen Tierarzt und besprechen Sie dieses Verhalten mit ihm.
Aus Ihrer Beschreibung schließe ich, dass Ihr Hund dieses „Pinkel-Verhalten" bereits bei Ihrer Freundin in ­München – also schon vor Monaten – über die Dauer von 3 Wochen gezeigt hat. Da Sóla das Verhalten lt. Ihrer Beschreibung bei Ihnen in der eigenen ­Wohnung nicht gezeigt hatte, scheint es eine stressbedingte Ursache zu haben. Wenn der Stress andauert und dazu führt, dass der Hund dieses Verhalten regelmäßig zeigt, kann es sich in eine Gewohnheit bzw. ein Ritual umwandeln. Wenn ein Verhalten aber zu einer Gewohnheit wird, wird es dann meist auch in anderen Situationen und Kontexten vom Hund gezeigt, obwohl die damalige Ursache dafür bspw. nicht mehr vorhanden ist. Ihrer Erzählung nach zeigt Sóla der Dobermannhündin gegenüber Angstverhalten. Dies ist aus Hundesicht sehr logisch, da sie schon zweimal von Elli attackiert und möglicherweise auch traumatisiert wurde. Die Angst dürfte sich auch noch nicht gelegt haben, da Sóla weiterhin knurrt, wenn Elli in der Nähe ist. Das Knurren gehört zum natürlichen Aggressionsverhalten von Hunden. Sie zeigen es immer dann, wenn sie die Distanz vergrößern möchten oder bspw. etwas (aus ihrer Hundesicht) verteidigen müssen. Dies kann z.B. auch die Verteidigung des eigenen Lebens sein.
Sóla fürchtet sich also vor Elli und muss nun trotzdem mit ihr in einer Wohnung leben. Sie muss also in den „eigenen vier Wänden" immer auf der Hut sein und wird sich nur schwer entspannen können. Dass dies eine sehr stressige Situation für Ihre Hündin darstellt, werden Sie sicherlich nachvollziehen können. Zusätzlich befinden sich alle Hunde in einer neuen Wohnung. Hier müssen sich diese erst eingewöhnen und sich feste Strukturen zwischen den Tieren etablieren. Auch dies löst zusätzliche Anspannung aus. Aufgrund dieser Fakten rate ich Ihnen als Erstes zu einer Umgestaltung der Wohn­situation: Sie sollten auf jeden Fall eine Ruhezone für Sóla schaffen. Diese sollte so eingerichtet sein, dass Elli diese niemals betreten kann und darf. Sie können bspw. einen Welpenauslauf aufbauen, in den Sóla sich zurückziehen kann. Dies soll der Ort sein, an dem Ihre Hündin sich ausruhen und entspannen kann. Hier braucht sie also zu keiner Zeit Angst vor einer Attacke zu haben und kann zur Ruhe kommen.
Außerdem sollten Sie den Futterplatz, der sich lt. Ihrer Skizze direkt beim Gang befindet, umplatzieren. Der Platz ist eher ungeeignet, weil es sich um einen Weg handelt, den die Hunde oft passieren müssen. Wenn also z.B. Sóla vorbei möchte, Elli aber gerade frisst, kann es zu einem Konflikt kommen. Suchen Sie für die Fütterung also einen ruhigen Platz in einer Ecke, der nicht „unabsichtlich" von einem anderen Hund passiert werden kann, und füttern sie Ihre Hunde nur unter Aufsicht.
Des Weiteren sollten Sie stressabbauende Maßnahmen ergreifen: sie sollten Sóla viel Schlaf ermöglichen, ausreichend Kau-Sachen zur Verfügung stellen und viele ruhige Spaziergänge mit Suchspielen machen. Achten Sie außerdem vermehrt auf Ihre Körperspannung und Ihre Emotionen, wenn Sie mit Ihrem Hund interagieren. Sind Sie entspannt oder eher gestresst? Wenn eine angespannte Atmosphäre herrscht, wird das unerwünschte Verhalten nämlich noch verstärkt.
Zusätzlich müssen Sie die Intervalle, in denen Sie mit den Hunden rausgehen, damit sie sich lösen können, ­verändern. Erhöhte Stressbelastung kann zu erhöhtem Harndrang führen, weshalb die Hunde eventuell öfter raus müssen. D.h. die Intervalle des Gassigehens untertags sollten verkürzt werden. Außerdem sollten Sie abends später und auch morgens früher mit Sóla lösen gehen, sodass auch das nächt­liche Intervall deutlich kürzer ist.
Sollte, nachdem Sie nun alle oben beschriebenen Maßnahmen/Umstellungen gemacht haben, morgens eine Pfütze an der gleichen Stelle verbleiben, sind Strafmaßnahmen in jedem Fall kontraproduktiv. Dies würde den Hund nur noch unsicherer machen und den Stress zusätzlich erhöhen. Es kann sein, dass das Urinieren an dieser Stelle von Sóla bereits „gewohnt" ist. Um dieses Ritual dann zu unterbrechen, helfen einfache Maßnahmen, wie z.B. Kartons auf dem Platz aufzustellen, so dass Sóla hier nicht mehr urinieren kann. Nach einiger Zeit (dies kann schon ein paar Wochen dauern) lernt dann der Hund, dass er gar nicht mehr hinpinkeln muss (weil er nicht kann), und wenn die Kartons wieder weggeräumt werden, ist die Gewohnheit unterbrochen. Das Verhalten wird sich jedoch wahrscheinlich ohnehin über die oben genannten Ratschläge verändern.
Ich empfehle Ihnen zudem dringend, am Vertrauensaufbau von Sóla zu Elli zu arbeiten – am besten unter Betreuung einer qualifizierten Fachkraft! Mit dem Vertrauensaufbau stärkt sich das Selbstvertrauen Ihrer Hündin und sie wird in Zukunft weniger Angst haben. Dies ist eine große Bereicherung für Mensch & Hund und das gemeinsame Leben.
Ich hoffe, meine Ratschläge waren hilfreich, und ich wünsche Ihnen bald ein ruhiges und angstfreies Hunde- & Familienleben.
Ihre Yvonne Adler

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Yvonne Adler
Yvonne Adler lebt und arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Hunden. Sie schloss das Studium zur Tierpsychologin mit Auszeichnung ab und ist zudem eine von Europas ersten akademisch geprüften KynologInnen. Neben ihrer Tätigkeit als Sachverständige für Hunde, absolviert sie laufend weitere in- und ausländische Aus- und Fortbildungen im Bereich der Kynlogie, um stets auf dem aktuellsten Stand der internationalen Hundewissenschaft zu sein. Kontakt: Yvonne Adler – Adler Dogs® www.adler-dogs.at

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