Problem „Anspringen“

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Die Kolumne zum Thema „Alltagsprobleme mit dem Hund". WUFF-Autorin Yvonne Adler, Tierpsychologin, akademisch ­geprüfte Kynologin und Hundetrainerin, beantwortet Ihre ­Fragen. Schicken Sie uns Ihr Alltagsproblem mit Ihrem Hund , kurz ­formuliert und mit 1 bis 2 Bildern. In dieser Ausgabe geht es um ein Verhalten, das von sehr vielen Hundehaltern als Problem ­empfunden wird, das „Anspringen".

Liebe Frau Adler!
Wir haben seit einem halben Jahr einen jungen Bernhardiner namens „Bob". Er ist nun 8 Monate alt und wir haben neben den „normalen Welpenproblemen" eine weitere Schwierigkeit mit ihm: er findet Menschen einfach so nett und ist so freundlich zu ihnen, dass er alle anspringen möchte. Das ist natürlich bei einem Hund, der mittlerweile 42 kg wiegt, für unsere Besucher weniger lustig. Was können wir tun, um dieses Problem in den Griff zu bekommen?
Mit freundlichen Grüßen! Familie Martin

Liebe Familie Martin!
Das Anspringen ist sicherlich eines der häufigsten Themen, das Hunde­halter beschäftigt. Viele Hunde ­trainieren sich dieses bereits im Welpen­alter an. Der Grund dafür ist einfach erklärt: Welpen lecken die Lefzen bei der Mutterhündin oder bei anderen adulten Hunden, um so sozial zu interagieren. Unsere Mundwinkel sind jedoch viel weiter oben, weshalb Welpen/Junghunde notgedrungen hochspringen müssen. Dieses Verhalten verstärkt sich dann sehr schnell von selbst, weil viele Menschen das Anspringen im Welpenalter noch unterstützen, weil der kleine Hund ja so nett und knuffelig ist. Selten bedenkt man, dass aus dem Welpen später ein sehr großer Hund werden wird, der bspw. mit seinen ausgewachsenen 80kg Menschen auch umwerfen und damit verletzen kann.

Unerwünschtes Verhalten ­„ersetzen"
Zu Beginn des Trainings ist es das Wichtigste, dass Sie sich klar darüber sind, dass man unerwünschtes Verhalten nicht einfach von heute auf ­morgen „löschen" kann. Es muss durch ein (für den Hund) sinnvolles alter­natives Verhalten ersetzt werden. Nun müssen Sie sich überlegen, wie Bob sich bei einer Begrüßung ver­halten sollte. Das Ziel des Anspringens für Bob ist es, Freude kundzutun und so dazuzugehören. Das „neue" Verhalten muss ihm dies ebenso ermöglichen. Ein Sitz wäre zum Beispiel durch die große jugendliche Freude und Euphorie für Bob nur sehr schwer auszuführen. Ich schlage daher für junge Hunde gerne den Befehl „schön unten bleiben" vor. Gemeint ist damit, dass Bob alles machen darf, wenn er nur mit allen 4 Pfoten auf dem Boden bleibt.

So beginnt’s
Das Training starten Sie so: wenn Sie heimkommen, begrüßen Sie Bob ruhig und loben ihn für „schön unten bleiben". Das Kommando „schön unten bleiben" wird ganz nett und freundlich ausgesprochen und erfolgt im Training anfangs auch nur, wenn Bob wirklich unten ist. So kann er verinnerlichen, was damit überhaupt gemeint ist. Hier ist es sehr hilfreich, wenn man Bob die Hände hinstreckt und sich beispielsweise zu ihm bückt, damit er lernt, dass es gar keine Notwendigkeit zum Anspringen gibt. Das richtige Verhalten kann man zusätzlich mit einer guten Kaustange für Bob verstärken. Diese hält man in der nach unten gestreckten Hand. Der Hund wird kurz begrüßt und gelobt für „schön unten bleiben". Danach bekommt er seine Kaustange. Dies hat den zusätz­lichen Effekt, dass der aufgekommene Stress durch die Begrüßung durch die Kaustange wieder abgebaut werden kann.

Um das Training erfolgreich zu absolvieren, sollten Sie hier auch Ihre Körper­spannung und Ihr Gefühl beachten. Ist die Begrüßung mit Bob für Sie sehr aufregend und voller Freude? Dann sollten Sie hier mehr Ruhe einkehren lassen. Diese überträgt sich auf Bob und kann ihn dazu veranlassen, den Situationen mit mehr Gelassenheit zu begegnen.

Besuchertraining
Wenn Sie das Kommando „schön unten bleiben" mit Bob gut geübt haben, ist es an der Zeit wieder Besuch einzuladen. Am besten laden Sie Personen ein, die Bob zwar mag, aber nicht sein „Lieblingsbesuch" sind, da er sich hier wahrscheinlich besser zurückhalten kann. Sie müssen den Besucher vorab über das trainierte Begrüßungsritual instruieren. Außerdem sollten Sie eine Kaustange vor der Tür bereitlegen, die der Besucher an sich nehmen kann.

Danach folgt der gleiche Ablauf wie bei der Übung. Falls Bob den Besuch trotzdem anspringt, sollte die ­Person sich auf die Seite drehen und Sie ­können Ihr normales Korrekturkommando (z.B. „Nein") einsetzen. Anschließend wird Bob für richtiges Verhalten gelobt. Die Situation soll im besten Fall so verlaufen, dass Bob ausgiebig für richtiges Verhalten gelobt wird und es gar keiner Korrektur bedarf. In der Zeit, in der das Verhalten noch nicht gefestigt ist, sollten nur Besucher kommen, die sich auch an die Anweisungen halten. Denn wenn hier auch nur ein Besucher das Anspringen belohnt oder Bob dazu auffordert, kann es sein, dass das Training wieder neu gestartet werden muss, da das alte „unerwünschte Verhalten" dadurch wieder belohnt wurde.

Seien Sie sich außerdem auf jeden Fall bewusst, dass Bob ca. 6 Monate Zeit hatte, das „unerwünschte Verhalten" zu trainieren. Dementsprechend kann es einige Zeit und gewissen Aufwand bedeuten, hier ein neues Verhalten anzutrainieren.

Ich wünsche Ihnen und Ihrem Bob viel Ruhe bei Begrüßungssituationen, um so den gewünschten Lernerfolg rascher zu erhalten,

Ihre Yvonne Adler

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