Projekt: "Ein Reservat für Straßenhunde" auf La Réunion

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Die Auswilderung von ursprünglich domestizierten Tieren ist prinzipiell nichts Neues. So gelten bspw. die australischen Dingos als verwilderte frühere Haushunde, oder in Korsika finden sich viele wild lebende Schweine, die ursprünglich Hausschweine waren. Dass auch eine Verwilderung domestizierter Haushunde möglich ist, zeigt das Toskana-Projekt von Günther Bloch. Was es aber bislang noch nicht gibt, sind Untersuchungen über eine aktive Auswilderung domestizierter Hunde. Auf der französischen Insel La Réunion im Indischen Ozean soll nun ein solches Projekt in Angriff genommen werden: Ein Reservat für Straßenhunde.

Die rund 150.000 Straßen­hunde von La Réunion, einer zu Frankreich gehörenden Insel im Indischen Ozean, kämpfen täglich ums Überleben. Viele werden auf der Straße mehr oder weniger absichtlich überfahren, verhungern, werden in die vielen Schluchten der Insel geworfen, vergiftet oder von Hundefängern eingesammelt und in sog. Fourrieren meist getötet. Nur kleine junge ­Hunde, die eine Chance auf Vermittlung haben, werden von der französischen Tierschutzorganisation SPA auf­genommen und auf der Insel oder in Frankreich vermittelt. Organisationen, die sich seit Jahren um die Straßenhunde kümmern, arbeiten oft an der Grenze ihrer persönlich-finanziellen und mental-psychischen Belast­barkeit.

Um den Straßenhunden von La Ré­union ein tiergerechtes Leben ohne Verfolgung zu ermöglichen, hat nun die Tierschutzorganisation Association Galiendo ein Projekt mit dem Titel „Ein Reservat für Straßenhunde“ gestartet. Da die Ergebnisse dieses Projektes auch von großem ­wissenschaftlichen Interesse sein können, hat sich die Organisation von Anfang an um eine wissenschaftliche Begleitung bemüht und diese in Dr. Udo ­Gansloßer, ­Privatdozent für Zoologie an der ­Universität Jena/Greifswald und ­seinem Team gefunden.

Das Projekt
Die Straßenhunde sollen einge­sammelt, gechippt, geimpft, evt. sterilisiert/kastriert und entwurmt und in Gruppen in den vorgesehenen Gebieten ausgesetzt werden. Die weitere Versorgung der Hunde erfolgt durch einen ausgearbeiteten Versorgungsplan mit monatlicher medizinischer Begutachtung und Versorgung mit Nahrung. Vor der Aussetzung wird die Möglichkeit der Integration in eine Gruppe überprüft. Ist eine solche nicht möglich, muss ggf. eine neue Gruppe gebildet und/oder ein neues Territorium gefunden werden. Das Finden und die Abgrenzung dieser Territorien stellt derzeit noch eine große Herausforderung organisatorischer, finanzieller und rechtlicher Natur dar. Wichtig ist für die Projektbetreiber, dass der Staat das Vor­haben gutheißt und unterstützt.

Größe des Territoriums
Die Größe der Hundegruppe und des Territoriums (Habitat) wird abhängen von der Beschaffenheit des ­jeweiligen ausgesuchten Lebensraums. Anhaltspunkte sind z.B. die verwilderten Haushunde in der Toskana (Günther Bloch, Die Pizza-Hunde, Kosmos ­Verlag 2007), wo eine Gruppe von 14 Hunden ca. 15-20 km2 bean­spruchen. Will man sich an die ­Reviergrößen von Wolfsrudeln halten, steht man vor dem Problem, dass ­diese von Region zu Region ­extrem variieren und ­zwischen einigen ­Dutzend bis 13.000 km2 umfassen. In kargen Gebieten sind die Reviere größer, in bewaldeten sind sie kleiner. Bei den Wölfen in Polen betragen die Reviergrößen zwischen 150 und 350 km2. Geplant ist, die ­Reservate mit Zäunen zu begrenzen, um ­Probleme mit Bauern, etwa durch Reißen von Hühnern, zu verhindern.

Größe der Gruppe
Für die Entscheidung über die Größe der zu bildenden Hundegruppen hat man folgende Anhaltspunkte: Die große Hundegruppe bei den schon erwähnten Toskana-Hunden beträgt 14 Tiere (10 Rüden, 4 Hündinnen), bei den Wölfen variiert die Größe mit der Zahl der im Territorium vorhandenen Beutetiere und liegt häufig bei 5-10 Wölfen, im amerikanischen ­Norden, wo die Wölfe das Karibu jagen, sind die Rudel größer. Die Rudel des Afrikanischen Wildhundes ­hingegen umfassen manchmal bis zu 30 Tiere und mehr.

Versorgung im Reservat
Wie man bspw. von dem Projekt der Streunerhunde in der Toskana weiß, jagen ausgewilderte Hunde kaum bis gar nicht und sind insbesondere mit größeren Beutetieren überfordert. Allenfalls werden hin und wieder kleinere Nagetiere und Kaninchen erbeutet. Daher ist in dem Projekt geplant, in den Reservaten feste Futter­stellen einzurichten, an denen die Hunde gefüttert werden. Die eventuell notwendige Verabreichung von Impfungen und ggf. Medikamenten soll, soweit dies möglich ist, über das Futter erfolgen, um den Stress für die Hunde zu vermeiden. So hat sich z.B. die Köderschluckimpfung für die Tollwutkontrolle als wirksam und praktikabel erwiesen.

Wissenschaftliches Interesse
Neben den Aspekten des Tierschutzes und der Populationskontrolle von Streunerhunden besteht auch ein wissenschaftliches Interesse an dem geplanten Projekt. Dieses liegt u.a. darin zu beobachten, wie und nach welchen Gesichtspunkten sich Gruppen bilden werden und wie sich die Integration von Streunerhunden in Gruppen vollziehen wird. ­Weitere Themen von wissenschaftlichem ­Interesse sind das Wanderverhalten der ausgewilderten Streunerhunde, auch Gruppenab- und zuwanderungen, das territoriale Verhalten von Neuankömmlingen in einer Gruppe sowie auch Datenerhebungen über die ökologischen und sozialen Aus­wirkungen und vieles mehr.

Breite Unterstützung und ­Übertragbarkeit
Für die Realisierung des Projektes werden noch freiwillige Helfer sowie Tierärzte benötigt. Im aktuellen Stadium ist zudem die Unterstützung durch Medien und Organisationen erforderlich, um Regierung und Behörden von La Réunion positiv zu beeinflussen. Denn das Projekt ist für die Insel eine Chance, die Population ihrer vielen Streunerhunde zu begrenzen, schafft Arbeitsplätze und hebt darüberhinaus auch das Image der Insel in ethischer Hinsicht. Vor allem aber wollen die Initiatoren nach eigenen Worten „die Hunde in Sicherheit bringen“, um sie vor dem eingangs geschilderten grausamen Schicksal zu bewahren. Erweist sich das Projekt auf La Réunion als erfolgreich, sollte es auch auf andere Länder übertragen werden können, wo entsprechende geografische Möglichkeiten bestehen. Dies macht das Projekt daher international von Bedeutung.

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