Räumliche Vorstellung bei Hunden: Mit Nase oder Augen?

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Der kanadische Wissenschaftler Sylvain Fiset studierte die kognitiven Fähigkeiten von Hunden in Bezug auf ihre räumliche Orientierung. Verschwindet ein Objekt wie bspw. eine Beute aus dem Sichtfeld des Hundes – worauf verlässt er sich dann bei der Suche danach? Auf die Nase oder auf die Augen?

Als Kind war ich meinen Eltern durch hartnäckige Fragen über meine Hunde und Katzen stets lästig. Wie lernen sie, wieder nach Hause zu kommen? Wie erkennen sie ihren Namen? Wie wissen sie die Zeit, wann sie gefüttert werden? Wie lernen sie neue Kunststücke? Können sie zählen? Meine Eltern konnten mir da nicht wirklich weiterhelfen, und so blieben meine Fragen ohne Antwort.

Als ich dann später Psychologie studierte, interessierte mich natürlich auch die wissenschaftliche Erforschung kognitiver Fähigkeiten bei Tieren. In weiterer Folge habe ich meine akademische Laufbahn vollständig der Erforschung der kognitiven Fähigkeiten von Tieren gewidmet. Tierpsychologen untersuchen die Mechanismen und Prozesse, wie Tiere lernen und Informationen verarbeiten, und wie sie sich an Altes und Neues erinnern.

Meine Forschungsarbeit bezog sich in erster Linie auf die kognitiven Funktionen des ältesten vierbeinigen Freundes des Menschen, des Hundes. Genauer gesagt, erforschte ich die Mechanismen der räumlichen Vorstellung und der Erinnerung bei Hunden und wie Hunde räumliche Veränderungen eines Objektes in einer Umgebung wahrnehmen und verstehen.

Wo ist die Beute?
Wenn ich mit Hunden spiele, fordere ich gerne ihre Fähigkeiten heraus, Objekte zu finden. Ich nehme einen Gegenstand, wie beispielsweise einen Ball (oder jedes andere für den Hund interessante Objekt), und werfe ihn hinter ein Hindernis, etwa einen Baumstamm, einen Felsen oder eine Scheune, so dass das Objekt vollkommen aus der Sicht des Hundes verschwunden ist. Meistens stürmen die Hunde dann sofort los, laufen zum Versteck, finden den Ball, nehmen ihn auf und bringen ihn mir zurück. Manchmal aber scheinen die Hunde Schwierigkeiten zu haben, das verborgene Objekt zu finden, und kommen mit »leerer Schnauze« zurück. Diese Aktivität, die jeder Hundehalter sehr gut kennt, zeigt uns ein entscheidendes Verhalten des Hundes: Die Verfolgung von Objekten und die Suche danach, wenn sie plötzlich in einem Versteck verschwinden.

Tatsächlich ist das ein Teil des beutegreiferischen Verhaltens von Hunden. Beispielsweise erlebt ein jagender Hund eine Situation, wo sich seine Beute (z.B. ein Kaninchen) zunächst bewegt und dann hinter einem Felsbrocken verschwindet, also temporär unsichtbar ist. Um seine Beute wiederzufinden, muss der Hund fähig sein, eine oder mehrere Informationsquellen zu nutzen, um sich zu erinnern, an welcher Stelle die Beute verschwunden ist.

Mit Nase oder Augen?
Wie lokalisieren nun Hunde versteckte Gegenstände? Verwenden sie dabei ihren berühmten Geruchssinn oder sind es visuelle Informationen, die sie nutzen? Um diese beiden rivalisierenden Hypothesen zu testen, hatten Kollegen von mir 1992 für Hunde ein Experiment adaptiert, das ursprünglich für Kinder entwickelt wurde (Gagnon & Doré, 1992). In diesem Experiment steht der Hund einer Reihe von identen Kisten (meist sind es vier) gegenüber, und er sieht ein für ihn attraktives Objekt (z.B. einen Ball oder ein Spielzeug). Dieses Objekt bewegt sich und verschwindet schließlich hinter einer dieser Kisten. In diesem Moment wird der Hund losgelassen und beginnt sofort, es zu suchen. Wenn er das Objekt schon beim ersten Mal hinter der korrekten Kiste findet, wird er mit einem Leckerli oder sonstwie bestärkt. Um Beeinflussungen durch den Geruch des Objektes auszuschalten, wurde mittels Ventilatoren Rosenwasser gleichmäßig im Raum zerstäubt. Daher müssten Hunde, wenn sie sich bei der Lokalisation des Objektes auf ihren Geruchssinn verließen, bei diesem Experiment versagen. Dieser Versuch wurde hunderte Male in meinem Labor und in anderen wiederholt. Insgesamt beträgt die Erfolgsquote der Hunde ca. 90%. Daraus lässt sich schließen, dass Hunde sich in erster Linie auf visuelle Informationen verlassen, um Objekte, die sie in einem Versteck verschwinden sehen, zu lokalisieren. Weitere Experimente haben übrigens ergeben, dass Gerüche zu diffus sind, um die genaue Lokalisation eines aus dem Blickfeld verschwundenen Objektes zu ermöglichen.

Vergleich mit anderen Tierarten
Vielleicht denken Sie nun, dass die Leistung der Hunde, versteckte Objekte zu finden, nicht sehr beeindruckend ist. Oder Sie glauben vielleicht, dass das Auffinden versteckter Objekte eine leichte Aufgabe ist, die von jeder Tierart auf die eine oder andere Weise instinktiv bewältigt werden kann. Im Vergleich mit anderen Tierarten ist dies aber nicht der Fall! Einige (z.B. Kaninchen und Hühner) benötigen ein intensives Training, um zu lernen, ein Objekt zu lokalisieren, das sie zuerst sehen und das dann plötzlich hinter einem Hindernis verschwindet. Bei anderen Tieren unterschiedlicher Ordnungen (z.B. Spinnen, Insekten) ist die Fähigkeit, eine Beute zu fangen, die aus dem Blickfeld verschwindet, sehr beschränkt. Bei Hunden hingegen ist die Suche nach verschwindenden Objekten sehr flexibel und spontan. Diese Fähigkeit zeigt sich etwa ab der 5. Lebenswoche und entwickelt sich bis zur 8. Woche sehr rasch (Gagnon & Doré, 1994). Die Welpen können sehr bald ganz spontan – und ohne jegliches vorheriges Training – unterschiedliche Objekte lokalisieren (bspw. einen Ball oder ein Wurfgeschwister), die sich bewegt haben und dann hinter unterschiedlichen Hindernissen verschwunden sind (z.B. einer Kiste, einer Wand oder einer Tür). Wenn zum Beispiel ein rollender Ball zuerst hinter dem Fernseher im Wohnzimmer verschwindet, auf der anderen Seite des Gerätes wieder hervorrollt und dann wieder hinter einer Tür verschwindet, werden die Hunde den Ball hinter der Tür finden.

Die Suche nach verschwindenden Objekten beinhaltet mehrere kognitive Mechanismen, auf die aus Platzgründen hier nicht näher eingegangen werden kann. Aber um ein solches Problem lösen zu können, muss der Hund eine oder mehrere Quellen räumlicher Informationen enkodieren und diese Informationen dann wieder abrufen, um sie in weiterer Folge zu nutzen, um das Zielobjekt finden zu ­können. Grundsätzlich ist räumliche Information für alle Lebewesen wichtig, die sich in ihrer Umgebung bewegen. Nach Hause Zurückfinden, Wanderungen, das Wiederausgraben eines vergrabenen Knochens, die Lokalisation von Beutetieren usw., all das beinhaltet die Verwendung von räumlichen Informationen, um Objekte korrekt orten zu können.

Wie lange kann ein Hund sich erinnern?
Wir erforschten außerdem das Gedächtnis der Hunde bei der Lokalisierung versteckter Objekte. D.h. wir wollten wissen, wie lange Hunde sich an die Stelle erinnern können, wo sie ein Objekt haben verschwinden sehen (Fiset & al., 2003). Waren sie fähig, sich diese Stelle über Stunden oder vielleicht sogar über Tage zu merken? Anekdotenhafte Anmerkungen von Hundebesitzern lassen vermuten, dass Hunde in dieser Beziehung ein exzellentes Gedächtnis haben. Unsere Hoffnungen in dieser Hinsicht schwanden aber sehr bald. Denn die Experimente zeigten vielmehr, dass das Gedächtnis des Hundes für die Lokalisation eines versteckten Objektes nur im Bereich von Sekunden und Minuten lag. Pseudowissenschaftliche Literatur und Berichte von Hundehaltern sprechen hingegen davon, dass Hunde sich über Stunden oder sogar Tage an die Stelle erinnern können, wo sie selbst ein für sie »kostbares Objekt« – wie beispielsweise einen Knochen – vergraben oder versteckt haben. Das könnte durchaus der Fall sein. Denn vielleicht haben Hunde ganz spezielle Gedächtnismechanismen, um ein Objekt zu lokalisieren, das von ihnen selbst versteckt wurde anstatt von anderen, wie bei unseren Experimenten. Dazu gibt es aber noch keine Studien.

Noch unbeantwortete Fragen
Einige Jahrzehnte später sind jedenfalls viele meiner Fragen an meine Eltern über Hunde noch immer ohne Antwort. Aber ich hoffe, dass ich eines Tages fähig sein werde, die schwierigen Fragen meiner ­eigenen Kinder nach dem Denken und ­Verhalten unseres Hundes zu beantworten.

WUFF-Interview

Auf Sicht statt auf Nase?
WUFF-Herausgeber Dr. Hans Mosser diskutiert mit dem kanadischen Wissenschaftler Professor Dr. Sylvain Fiset über seine Experimente und wissenschaftlichen Aussagen über die Wahrnehmungsfähigkeit der Hunde.

Mosser: Dr. Fiset, Ihr Forschungsprojekt kommt zu dem Ergebnis, dass der Hund – zumindest in Ihrem Experiment – visuelle Information der olfaktorischen, die er durch seinen Geruchssinn erhält, vorzieht. Wenn ich aber daran denke, wie Hunde gerade wegen ihres Geruchssinnes als Spürhunde eingesetzt werden, scheint mir dies Ihrer Aussage zu widersprechen. Verlässt sich also der Hund nicht viel mehr auf seine Nase als auf seine Augen?

Fiset: Ja, das ist absolut richtig. Der Geruchssinn des Hundes ist – vor allem im Vergleich zum Menschen – bekanntermaßen sehr gut. Andere Tierarten haben allerdings einen noch besseren Geruchssinn als Hunde (z.B. Polarbären oder Schmetterlinge). Hunde können sich sehr leicht (und lange Zeit) an einen Geruch erinnern und diesen lokalisieren. Dennoch scheint dieser Geruchssinn bei der Suche nach Objekten, wo der Hund zusieht, wie sie verschwinden, keine wichtige Rolle zu spielen. Denn Hunde verfolgen ein flüchtendes bzw. verschwindendes Objekt in erster Linie mit ihren Augen. Dennoch habe ich bei meinen Untersuchungen beobachtet, dass die Hunde, wenn sie nicht genau wissen, wo sie suchen sollen (bspw. wenn das Objekt hinter einem sehr großen Felsen verschwunden ist), dann sehr wohl ihren Geruchssinn einsetzen. Und wenn die Hunde vergessen haben, wo das Objekt verschwunden ist, liefen sie von einem Versteck zum anderen und suchten mit der Nase, benutzten also olfaktorische Informationen. Aber eben nur dann!

Mosser: Um nun jedes Missverständnis auszuräumen: Ihre wissenschaftliche Aussage, dass Hunde sich primär auf ihre visuelle Information verlassen, bezieht sich also nur auf und ist ausschließlich bewiesen für den Fall, dass der Hund ein Objekt in einem Versteck verschwinden sieht.

Fiset: Ja, genau! Man darf meine Ergebnisse nicht verallgemeinern und auf andere Situationen beziehen.

Mosser: Aus meiner Erfahrung mit Hunden würde ich sagen, dass Hunde sich viel besser an Gerüche als an visuelle Informationen erinnern. Stimmt das?

Fiset: Ja, das ist vollkommen richtig. Ich denke auch, dass das Gedächtnis des Hundes für Gerüche länger anhält als für visuelle Informationen. So habe ich zum Beispiel herausgefunden, dass Hunde ihre Nase dann benutzen, um ein Objekt zu suchen, wenn die Zeit zwischen dem Verstecken des Objekts und dem Suchbeginn zum Beispiel 20 Minuten betrug. Interessanterweise hatten die Hunde auch so spät immer noch die Motivation zu suchen und waren darin letztlich – mit der Nase – auch erfolgreich. Das heißt, dass der Hund das relativ kurze Gedächtnis nur für visuelle Informationen aufweist (wobei diese Aussage nur streng bei der Suche nach verschwindenden Objekten gilt), nicht jedoch für sein »Geruchsgedächtnis«.

Mosser: Genau so ist es auch, wenn ich etwa dem WUFF-Redaktionshund seinen geliebten Kong auf eine Wiese mit hohem Gras schleudere. Zunächst läuft er sofort ziemlich genau zu der Stelle, wo er den Kong im Gras verschwinden sah, und beginnt dann dort mit seiner Nase weiter zu suchen, wobei er oft auch konzentrische Kreise in seinem Suchbereich beschreibt.

Fiset: Das ist richtig beobachtet. Die Hunde laufen zunächst an die Stelle, wo sie das Objekt haben verschwinden sehen – nutzen also visuelle Information –, und wenn es dann dort nicht sichtbar ist, suchen sie häufig in konzentrischen Kreisen mit der Nase. Dieses Verhalten ist übrigens dem von Wüstenameisen ähnlich, die in konzentrischen Kreisen um ihr Nest die Umgebung nach Nahrung absuchen. Dennoch muss ich dieses eben erwähnte Verhalten des Hundes erst in Experimenten weiter untersuchen und dokumentieren, bevor man dies verallgemeinernd als typisches hundliches Verhalten bezeichnen darf.

Mosser: Welche Hunde haben Sie eigentlich für Ihre Experimente genommen? Gab es da rassespezifische Unterschiede?

Fiset: Meine Kollegen und ich haben für die Experimente Hunde folgender Rassen verwendet: Labrador Retriever, Golden Retriever, Kurzhaarpointer, American Cocker, Gordon Setter, Cocker Spaniel, Dalmatiner, Terrier (Border, Yorkshire und Scottish), Zwergspitz, Riesenschnauzer und Deutscher Schäferhund. In den Analysen der Ergebnisse der Experimente haben wir auch immer nach individuellen oder rassespezifischen Unterschieden gesucht. Wir haben aber herausgefunden, dass die Unterschiede zwischen zwei Hunden derselben Rasse oft größer sind als zwischen Hunden verschiedener Rassen.

Mosser: Woher hatten Sie die Hunde? Nach meiner Ansicht machen solche Experimente ja nur Sinn – und sind auch nur dann ethisch gerechtfertigt –, wenn es sich um »normale« Haushunde handelt und nicht um Hunde, die für Versuche eigens gezüchtet werden und kaum normalen menschlichen Kontakt haben.

Fiset: Die Hunde gehören privaten Besitzern, die sich bereit erklärt haben, an der Studie teilzunehmen. Meistens haben wir die Hunde (und ihre Besitzer) in einem Minivan von zu Hause geholt und wieder zurückgebracht.

Mosser: Dr. Fiset, ich danke Ihnen für das ­Gespräch.


 

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