Ratgeber Erziehung – Kleinhunde

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Hochnehmen bei Hunde­begegnungen

Die Kolumne zum Thema ­„Alltagsprobleme mit dem Hund“.  WUFF-­Autorin ­Yvonne ­Adler, Tierpsychologin, akademisch geprüfte Kynologin und  Hunde­trainerin, beantwortet Ihre Fragen. Schicken Sie uns Ihr Alltagsproblem mit Ihrem Hund, kurz formuliert und mit 1 bis 2 Bildern. In dieser Ausgabe geht es um das Thema Hochheben von kleinen Hunden bei Hundebegegnungen.

Liebe Frau Adler,
ich bin Halterin eines einjährigen Toy-­Pudels namens Henry! Er hat leider gelernt, dass er mit großen Hunden nicht spielen kann, und gerät ganz außer sich, wenn ich ihn dann nicht schnell hoch­nehme. Nun ist er aber auf dem Arm auch nicht sehr glücklich und verkrampft sich sehr. Haben Sie eine Lösung für mein Problem? Vielen Dank!
Sabine Mönnich

Antwort von Yvonne Adler:

Liebe Frau Mönnich,
anscheinend hat Ihr Hund schlechte oder keine ausreichend guten Erfahrungen mit großen Hunden gemacht, wenn er das von Ihnen beschriebene Verhalten zeigt. Es ist verständlich, dass Sie als Hundehalterin Ihren Hund schützen möchten und ihn, weil er ja sehr klein ist, dann hochnehmen. Sie müssen sich jedoch ­bitte bewusst ­machen, dass Ihre Handlung kein ­Lösungsansatz für den Hund ist, sondern nur Management der Situation.

Daher sollte Henry zumindest Ihre Manage­mentlösung des „Hochnehmens“ als positiv empfinden und erlernen. Manche kleinen Hunde empfinden es als starken „Kontrollverlust“, wenn sie unvorbereitet und so plötzlich vom ­Boden hochgerissen werden. Die von Ihnen beschriebene Verspannung kann viele Ursachen, die in dieser Situation begründet sind, haben: Unsicherheit, Angst, Unwohlsein, ja vielleicht sogar körperliche Schmerzen, wenn das Hochheben nicht angepasst an den kleinen Körper erfolgt.

Das Ziel sollte also sein, Henry anzutrainieren, dass es kein Problem ist, wenn er hochgehoben wird. Dazu ist es wichtig, zuerst ein Kommando für das „Hochheben“ aufzubauen. Dieses signalisiert Henry, dass alles in Ordnung ist und er hochgehoben wird. Dazu soll ein Ritual eingeübt werden und Sie sollten die Übung anfangs in Ihrem Zuhause ­trainieren, damit Henry nur geringer Ablenkung ausgesetzt ist.

Das Training wird folgendermaßen auf­gebaut: Lassen Sie Henry in Ihrer Umgebung und lehnen Sie Ihren Ober­körper über ihn. So wie Sie es auch später im Alltag machen, wenn Sie ihn hochheben würden. Wenn Ihr Hund beispielsweise brav stehenbleibt, sagen Sie freundlich das Kommando „heben“ dazu und belohnen ihn gleich danach mit einem Leckerchen. Diese Übung setzen Sie einige Tage in dieser Weise fort. Wenn es gut ­funktioniert, beginnen Sie damit, sich nicht nur über ihn zu beugen, sondern ihn mit dem Kommando auch anzufassen, so als ob er gehoben werden würde. Dazu sagen Sie ebenfalls das Kommando „heben“. Leckerchen, Futter, Lob oder Ähnliches bekommt Henry, wenn er sich entspannt anfassen lässt. Diese Übung sollten Sie täglich ein paar Mal trainieren und dabei den Schwierigkeitsgrad stetig erhöhen, wenn Sie das Gefühl haben, dass Henry das Kommando verstanden hat. Sie können etwa in dieser Weise steigern, dass Sie Henry vorerst nur 5 cm vom Boden hochheben und ihn bei Übungssicherheit weiter langsam höher anheben. So lange bis Sie Henry wieder ganz oben bei sich halten können.

Sollten Sie im Training merken, dass ­Henry wieder beginnt, sich etwa bei 50 cm zu versteifen, müssen Sie ­langsamer vorgehen und so lange positiv trainieren, bis er auch in dieser Höhe wieder entspannt sein kann.

Ist das Training zu Hause erfolgreich, können Sie damit starten, das Kommando auch außerhalb des Hauses zu üben. Da hier die Ablenkung viel größer ist, sollten Sie wieder mit der einfachen Übung starten und ihn beispielsweise nur kurz hochheben. Funktioniert auch dies gut, können Sie erneut mit längerem Heben und steigender Frequenz erhöhen. Wichtig ist nur, dass Sie immer das neue Kommando mit dem nun aufgebauten Ritual durchführen und es für Henry dafür auch eine Belohnung, in welcher Form auch immer, gibt.

Zusätzlich wäre es erstrebenswert, dass Henry lernt, auch mit großen (behut­samen) Hunden zurecht zu kommen und er ganz entspannt weiter spazieren gehen kann. Hierfür wenden Sie sich bitte an eine erfahrene Hunde-Fachkraft mit langjähriger Erfahrung und Fachkompetenz, welche mit Ihnen gemeinsam dieses Thema bearbeitet.

Ich wünsche Ihnen ein entspanntes „Hochheben“, das für Ihren Henry mit Sicherheit und Geborgenheit verbunden ist.
Herzlichst, Yvonne Adler

Pdf zu diesem Artikel: ratgeber_kleinhunde

 

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Yvonne Adler
Yvonne Adler lebt und arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Hunden. Sie schloss das Studium zur Tierpsychologin mit Auszeichnung ab und ist zudem eine von Europas ersten akademisch geprüften KynologInnen. Neben ihrer Tätigkeit als Sachverständige für Hunde, absolviert sie laufend weitere in- und ausländische Aus- und Fortbildungen im Bereich der Kynlogie, um stets auf dem aktuellsten Stand der internationalen Hundewissenschaft zu sein. Kontakt: Yvonne Adler – Adler Dogs® www.adler-dogs.at

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