Rechnende und ­sprechende Hunde: Ein Blick zurück

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Die Vorstellung, Hunde könnten buchstabieren oder ­mathematische Berechnungen anstellen, erscheint uns ­modernen ­Menschen ziemlich absurd. Das war allerdings nicht immer so: Vor rund 100 Jahren noch sorgten rechnende oder sprechende Tiere für ordentlich Gesprächsstoff. Die Berichte sowie die Vorführungen, die es gab, riefen großes Staunen ­hervor und beschäftigten Wissenschaftler und die verschiedens­­ten „Experten". Da wurde teilweise ganz schön kontrovers ­diskutiert. Einige dieser Berichte sind zugänglich und lassen den heutigen Leser schmunzeln, aber auch darüber staunen, mit wie viel Ernsthaftigkeit man sich dem Ganzen widmete.

Vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es regelrecht modern, Tiere zu „dressieren", sodass sie wie Menschen agierten. Äußerst beliebt waren Pferde und Hunde, Tiere also, mit denen Menschen von jeher besonders intensiv arbeiteten. Manch kluger Hund und so manches intelligente Pferd gelangte damit selbst zu einiger Berühmtheit. Diese „Wundertiere" reisten häufig mit ihren Besitzern von Jahrmarkt zu Jahrmarkt und durften dort ihre „menschlichen" ­Fähigkeiten zur Schau stellen. In der Literatur finden sich mindestens 79 ­rechnende Tiere, davon 57 Hunde aus den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

Allroundtalent Terrier Rolf
Frage: „Wer bist Du denn?"
Antwort Rolf: „525" (steht für LOL, also seinen Kosenamen).
Frage: „Wer bin ich?"
Antwort Rolf: „8 18 9 3" (steht für MUDR, d.h. für Mutter, also Frau Moekel).
Frage: „Wo ist dein Herr?"
Antwort Rolf: „7 13 3 2" (BIRO, also Büro).

Ein Universaltalent schien der Airedale Terrier-Rüde Rolf, Kosename LOL, des Mannheimers Dr. Moekel zu sein, der rechnen, antworten, dichten und Briefe schreiben konnte. Ein Witz? Manipulation? Mit viel Mühe und Einsatz brachte Frau Moekel Rolf das sogenannte „Klopfsprechen" bei: Der ­Terrier klopfte also mit der Pfote mehrfach auf eine Pappe. Die Anzahl der Klopfer konnte dann den Buchstaben des Alphabets zugeordnet werden. Die Zuordnung legten jedoch nicht seine Menschen, sondern – so Frau Moekel – Rolf selbst fest: Z.B.: A = 4-mal, B = 7-mal, C = 24-mal ­klopfen usw. Mit dieser Fähigkeit ­verfasste der Terrier nun ­Gedichte oder antwortete auf Fragen, die Menschen ihm gestellt hatten. Hier sind einige Beispiele für Rolfs „Sprach­talent":

Expertenmeinungen
Rolf war jedoch nicht nur sprachgewandt, er rechnete auch – angeblich. Eine erstaunliche kognitive Leistung wäre das gewesen. Etliche ­„Experten" fertigten über Rolfs Fähigkeiten ­Protokolle an. Dr. Wilhelm Neumann aus Baden-Baden kam 1916 nach einer eingehenden Analyse dann jedoch zu dem Schluss: „Alle bisher protokollierten ‚Denkleistungen‘ des Mannheimer Hundes müssen demnach bis zum Beweise des Gegenteils als Denkleistungen seiner Umgebung angesehen werden (…)". Denn, so stellte er fest: Wenn in Rolfs Gegenwart eine ­Information genannt ­wurde, die jedoch seine Menschen nicht hören konnten, so verweigerte der Vier­beiner auf die spätere Frage nach ­dieser Information entweder die Antwort mit „Mag nid" (= Ich will nicht) oder er gab eine falsche Antwort. Immer war die Anwesenheit seiner ­wichtigsten Bezugspersonen, vor allem Frau Moekels, entscheidend. Diese hatten das entsprechende ­Wissen (oder auch nicht: „Mag nid") und übernahmen die Interpretation der Klopfzeichen.

Weitere Wundertiere
Neben Rolf gab es noch den Dackel Kurwenal (eigentlich Kuno von Schwertberg), den laut seiner Grabinschrift „berühmten Rechner, Denker und Redner". Diesem attestierte ein Kritiker nach eingehender Beobachtung zu dessen Lebzeiten jedoch ­keinen guten Gesundheitszustand, den er auf zu wenig Auslauf zurückführte. Unter den Pferden tat sich der „Kluge Hans" hervor. Immer jedoch waren es die unbewusst oder bewusst gegebenen Hinweise der jeweiligen Besitzer, die bei den Tieren jene ­Leistungen hervorbrachten.

Kuriositäten vs. Wissenschaft
Vor allem in den 1930er Jahren ­polemisierten Anhänger und Kritiker der sprechenden und rechnenden Tiere heftig gegeneinander. Letztendlich verlief der Streit irgendwie im Sande. Klar wurde jedoch, dass die Tiere äußerst gute Beobachter waren und die Menschen bewusst oder unbewusst die Ergebnisse manipulierten. Vermutlich spielte durchaus die Sehnsucht eine Rolle, die tierischen Gefährten besser zu verstehen. Leider stand diese anthropomorphe („menschenähnliche") Tierpsychologie lange Zeit der seriösen Kognitionsforschung im Wege. Ernsthafte Tierverhaltensforscher hatten es noch schwer und mussten um ihre Anerkennung ­kämpfen. Ende der 1920er Jahre publizierte Otto Köhler eine Studie zum Zählvermögen von Vögeln. Er stellte fest, dass die Unterscheidung von Mengen je nach Vogelart Obergrenzen hatte: So konnten Tauben bis 5, Graupapageien bis 8 zählen. Erst in den 1970er Jahren erhielt diese Forschung ihre Bestätigung. Bernhard Hassenstein erklärte, dass die Fähigkeit bei Tier und Mensch, Mengen zu unterscheiden, auf einen gemeinsamen Ursprung zurückzuführen sei. Wissenschaftlich nachgewiesen wurde dies letztendlich auch bei Pferden, erstaunlicherweise sogar bei Bienen, Fischen, Amphibien. Noch ein wenig mehr leisten unsere nächsten Verwandten, die Primaten: Sie stehen auf einer Stufe mit einem ca. 2 ½-jährigen Menschenkind, wenn es ums Zahlenverständnis geht.

Zählende Hunde
Und unsere Hunde? Können sie nun doch zählen? Ja, aber nur bis vier. Im Jahr 2002 führten die englischen Forscher West und Young eine Studie durch, um das Mengenverständnis der Haushunde zu überprüfen. Hunden wurde ein Leckerchen gezeigt, dann eine Trennwand davor gestellt. Für den Hund sichtbar fügte man dann ein weiteres Leckerchen hinzu. Beim Entfernen der Trennwand sah der Hund das, was er erwartete: zwei Futterbröckchen (1+1=2). Als Referenzwert wurde gemessen, wie lange der Vierbeiner diese beiden Leckerlis betrachtete („preferential looking time"), bis er wegschaute. In einem weiteren Test tat man dann lediglich so, als würde man ein zweites Leckerchen hinter der Sichtwand hinzufügen. Bei Entfernung der Trennwand aber lag nur eines dort. Die getesteten Hunde schauten deutlich länger auf dieses unerwartete Ergebnis (1+1=1). Ähnlich verhielten sich die Hunde auch, wenn die Rechnung 1+1=3 ergab. Die Hunde hatten also eine bestimmte Erwartung an das Ergebnis und waren – so ließ das längere Hinschauen vermuten – erstaunt über das, was sie zu sehen bekamen. Das hat aber natürlich nichts mit den „rechnenden" Hunden aus dem frühen 20. Jahrhundert zu tun.

Woher kommt das Mengen­verständnis?
Bereits kleine Kinder reagieren in Testsituationen vergleichbar, wenn sie ein unerwartetes Rechenergebnis präsentiert bekommen. So schauen sie deutlich länger hin, wenn z.B. statt der erwarteten zwei Spielzeugautos nur eines zu sehen ist. Die in Brasilien lebenden Munduruku kennen nur Zahlen von eins bis fünf, mehr Objekte sind dann einfach „viele". Forscher gehen davon aus, dass das Mengenverständnis angeboren ist, dagegen das Lösen komplizierter Rechenaufgaben erst erlernt werden muss. Dass viele Tierarten ein Gespür für Mengen haben, verschafft ihnen vermutlich Überlebensvorteile: So nutzen ­dieses Verständnis wohl die kooperativ ­agierenden Wölfe bei der Jagd.

Sprachverständnis bei Hunden
Und was ist mit dem Sprachverständnis unserer Hunde? Sie verstehen uns jedenfalls in den meisten Fällen ziemlich gut. Forscher fanden heraus, dass Hunde, die schon lange mit ihrem Menschen zusammenleben, oft sogar aus längeren Sätzen die für sie relevanten Informationen herauslesen oder Synonyme verstehen können. Berühmte Beispiele für Wortkünstler sind die Border Collies Rico und Chaser. Ersterer beherrschte 250, letztere 1.000 Vokabeln, die sie mittels Ausschlussverfahren gelernt hatten. Mit dem Briefeschreiben oder Dichten aber klappt es definitiv nicht.

Literatur:
Zum Nachlesen:

Paula Moekel, Mein Hund Rolf. Ein rechnender und buchstabierender Airedale-Terrier. Bremen university press, Bremen 2013.

Forschungsliteratur:
■ Dr. Wilhelm Neumann, Über den denkenden Hund Rolf von Mannheim. Münchner medizinische Wochenschrift, 1916, 31, S. 1226f.
■ Cooper, Ashton, Bishop, West, Mills, Young: Clever Hounds: social cognition in the domestic dog (Canis familiaris), Applied Animal Behaviour Science 81 (2003), 229-244.
■ Dehaene, Stanislas: Der Zahlensinn oder warum wir rechnen können. Basel 1999.
■ Péter Pongrácz, Ádám Miklósi, Vilmos Csányi, Owner’s beliefs on the ability of their pet dogs to understand human verbal communication: A case of social understanding. Current Psychology of Cognition 2001, 20
(1-2), 87-107.
■ West, Young: Do domestic dogs show any evidence of being able to count? Animal Cognition 5 (2002), 183-186.

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Karin Joachim studierte Germanistik und Anglistik an der Universität Bonn und leitete lange Jahre ein archäologisches Museum in Rheinland-Pfalz. Heute veranstaltet sie Kultur- und Naturführungen, Familienwanderungen und thematische Stadtbesichtigungen für Mensch und Hund in und um Bad Neuenahr-Ahrweiler unweit von Bonn. Zur Zeit begleitet sie Airedale Terrier Hündin Lina. www.forum-mensch-hund.de 

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