Rollen und Bedürfnisse im Mensch-Hund-Team

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Themenschwerpunkt: Die Gefühlswelt der Hunde

Der Hund gehört zu unserem Leben und Alltag dazu und egal, ob in der Familie oder bei Alleinstehenden, unser Vierbeiner übernimmt die unterschiedlichsten Funktionen und Aufgaben. Wir Hundehalter entscheiden, warum wir uns einen Hund anschaffen. Somit hat jeder Mensch seine individuelle Vorstellung zu diesem Thema. Je stärker wir mit unserem Hund emotional verbunden sind und je wichtiger er für uns ist, umso mehr übertragen wir ihm die Rolle eines Sozialpartners. Was das im Einzelnen bedeutet, schauen wir uns in diesem Artikel an.

Die unterschiedliche emotionale Verbindung zum Hund: Hand aufs Herz, darf Ihr Hund mit auf die Couch oder auch ins Bett? Oder lassen Sie auch mal Fünfe gerade sein im täglichen Training? Wie stark hängen Sie an Ihrem Hund und integrieren ihn in Ihren Alltag? Könnten Sie sich ein Leben ohne Ihren Hund noch vorstellen? Solche Fragen können sicherlich die meisten direkt beantworten, zeugen diese doch von hoher emotionaler Verbundenheit mit dem Hund. Doch nicht jeder Mensch hat solch‘ eine extrem starke emotionale Nähe zu seinem Hund und lässt ihn mit in sein Haus, geschweige denn auf die Couch oder ins Bett.
Wenn der eigene Hund beispielsweise nicht als Familienhund angeschafft wurde, sondern zur Unterstützung bei einem bestimmten Gebrauchszweck, kann es auch gut sein, dass der Hund eben nicht im Haus mit lebt oder ihm die Rolle des Sozialpartners nicht erteilt wird, sondern eher als Helfer. Das ist für die jeweiligen Hundehalter auch vollkommen in Ordnung, und trotzdem können die Mensch-Hund-Teams eine gute Bindung und Beziehung zueinander haben, nur eben in einer anderen Form. Eine wichtige Voraussetzung ist natürlich, dass der Hundehalter den Bedürfnissen des Hundes gerecht wird. Er benötigt beispielsweise genügend Sozialkontakte.

Für andere Hundehalter ist ein Hund außerhalb des Hauses undenkbar. Der Hund ist Sozialpartner und wird ins Familienleben in den eigenen vier Wänden integriert. Auch wenn sich jemand einen Hund anschafft, um bestimmte Sportarten zu betreiben, heißt es noch lange nicht, dass die Hunde mit im Haus wohnen. Nehmen Sie zum Beispiel Huskys oder andere nordische Rassen, die als Schlittenhund oder Ähnliches fungieren. Die schlafen auch nicht immer mit im Haus, sondern eher draußen mit den anderen Hunden aus dem Rudel und fühlen sich – aufgrund der für sie meist angenehmeren Temperatur – sehr wohl und haben dennoch eine gute Bindung und Beziehung zu ihren Hundehaltern.

Die Mensch-Hund-Beziehung, komplex und spannend zugleich
Die Mensch-Hund-Beziehung ist ein komplexes und nicht immer einfaches Konstrukt mit vielen Wünschen und Sehnsüchten seitens des Hundehalters und grundlegenden Bedürfnissen seitens des Hundes. Hinzu kommen unsere gesteckten Ziele, die wir uns für ein zukünftiges Zusammensein vorstellen, und natürlich auch die Art und Weise, wie wir den Hund tatsächlich auch erziehen. Wünschen Sie sich nicht auch einen Hund, der Ihnen vertraut und der Sie gerne begleitet? Dessen Beziehung und Bindung zu Ihnen so stark ist, dass Sie gemeinsam alles erreichen und schaffen können? Das und noch viel mehr macht die Beziehung zu Ihrem Hund so umfangreich und nicht mit einem Wort greifbar.

Wenn wir Menschen eine Beziehung und starke Bindung zu jemandem haben, können wir das mit Worten kundtun. Jedoch können gerade der Gebrauch unserer Sprache und das menschliche Denken die zwischenmenschliche Beziehung häufig sehr verkomplizieren. Wünschen Sie sich nicht, dass Ihre beste Freundin / Ihr bester Freund Sie ganz ohne Worte versteht und genau das Richtige im richtigen Moment sagt? Oder dass Ihr Partner Sie bedingungslos liebt und Ihnen gegenüber aufrichtig und loyal ist, egal was für eine Situation auch vorliegt? Diese Vorstellungen versuchen wir allzu häufig auch auf unsere lieben Vierbeiner zu übertragen und können nicht immer verstehen, wenn die Hunde diese Anforderungen nicht erfüllen können. Je nach bisher gemachten Erfahrungen unsererseits und den eigenen Bedürfnissen fallen die Anforderungen ganz unterschiedlich aus. Durch diese Projektion auf den Hund können allerdings schnell Missverständnisse und Frust auf beiden Seiten entstehen.

Die Rolle des Hundes – Kennen Sie die Rolle Ihres Hundes?
Kommt es zu Missverständnissen oder immer wiederkehrenden Problemen mit Ihrem Hund, kann es Abhilfe und Verständnis schaffen, wenn Sie sich Ihr Rollenverhältnis einmal ansehen. Stellen Sie sich folgende Fragen:

• Warum haben Sie sich diesen Hund angeschafft (Rasse und Geschlecht)?
• Warum haben Sie sich GENAU DIESEN Hund angeschafft? Was hat Sie inspiriert an seinem Charakter?
• Wer ist dieser Hund für Sie?
• Welche Rolle nimmt er in Ihrem Leben ein?

Wenn Sie diese Fragen beantwortet haben, überprüfen Sie im nächsten Schritt auch, ob Ihr Hund diese Rolle(n) unter Berücksichtigung seiner Persönlichkeit wirklich erfüllen kann. Nicht immer passt es. Wünschen Sie sich zum Beispiel einen soliden Beschützer an Ihrer Seite, haben aber selbst einen unsicheren Hund, so kann es sein, dass Ihr Hund diese Rolle nicht erfüllen kann und selbst darunter leidet. Der auf ihn einwirkende Druck ist viel zu hoch. Er wird die Rolle nicht ausführen können, zumindest nicht so, wie Sie sich das erhofft haben. Ihr Hund wird an dieser Stelle mehr Rückendeckung durch Sie erfahren müssen, dass er selbst sicherer wird und Sie als Team zusammenwachsen können.

Umgekehrt können Sie sich somit auch immer die Frage stellen, welche Rolle Sie in der Beziehung mit Ihrem Hund spielen. Denn auch Sie haben eine Aufgabe in Ihrer Beziehung. Finden Sie diese heraus. Was würde Ihr Hund wohl antworten, wenn Sie fragen:

• Wer ist Frauchen/ Herrchen für Dich?
• Was macht Frauchen gut – wann fühlst Du Dich sicher?
• Wann fühlst Du Dich unwohl – und was sollten Frauchen / Herrchen dann besser machen?
So können Sie Ihre Aufgaben und Ihre Rolle überprüfen und schauen, wann Sie diese gut ausleben und wann Sie vielleicht »nachrüsten« müssen. Oft sind es Situationen, in denen wir uns selbst hilflos fühlen, wie etwa, wenn der Hund einen anderen Hund anknurrt oder an der Leine zerrt. Meistens dann erfüllen wir unsere Rolle nicht. Vielleicht benötigt der Hund dann einen Coach und wir sind aber gerade in der Rolle als Freund mit dem Hund unterwegs.

Schauen wir uns aber mal die Rollen an, die vielen Hunden oft auferlegt werden:

Die Rolle des Kindes
Egal ob in einer Familie mit Kindern, ohne Kinder oder in einem Singlehaushalt: Der Hund kann die Rolle eines Kindes auferlegt bekommen. So leben wir die Möglichkeit aus, jemanden zu umsorgen und zu pflegen. Bestimmte Schlüsselreize, die dem Kindchenschema entsprechen, unterstützen meist bei uns auch dieses Gefühl und lassen uns schnell in bestimmte Verhaltensmuster verfallen, vor allem, wenn es sich dabei um Welpen oder um Rassen wie Mops, Französische Bulldogge & Co. handelt, weil sie so große kugelrunde Augen haben. Diese Art der Rolle des Hundes kann nur funktionieren, wenn beide Parteien etwas davon haben und gewinnbringend aus dieser Situation kommen. Der Grat zwischen gesunder Distanz und krankhafter Distanzlosigkeit kann sehr schmal sein. Der Hundehalter sollte prüfen, dass tierschutzkonforme Bedürfnisse eingehalten werden und der Hund nicht zu stark vermenschlicht wird oder eben nur das menschliche Bedürfnis befriedigt.

Die Rolle des Freundes
Wünschen wir uns nicht alle eine Freundin/einen Freund, die/der zu jeder Zeit für uns da ist, genau weiß, was uns hilft bei Trauer oder Enttäuschung, und uns immer zuhört? Für viele übernimmt der Hund genau diese Rolle. Er hört uns zu, ist stets an unserer Seite, erlebt gute wie schlechte Tage mit uns, durchlebt Auseinandersetzungen mit uns und verzeiht einem das eine oder andere böse Wort, aber er erlebt eben auch Schmusezeiten zur Festigung der Bindung. Wir vertrauen unserer »Freundin/unserem Freund« und gehen mit ihr/ihm durch Dick und Dünn frei nach dem Motto »Gemeinsam bis ans Ende der Welt und noch viel weiter!«. Dabei setzen wir bestimmte Verhaltensweisen unbewusst voraus. Von einer Freundin/einem Freund erwarten wir, dass sie/er weiß, was zu tun ist, wenn es uns schlecht geht. Wenn unser Hund in der jeweiligen Situation nicht so reagiert, wie wir es uns wünschen, kann die Enttäuschung groß sein. Gerade in traurigen Momenten wünschen wir uns, dass wir getröstet werden. Ein junger Hund, der mitten in einer pubertären Phase steckt ,oder auch ein Hund aus dem Tierschutz, der nicht viel kennengelernt hat, wird nicht direkt zu uns gelaufen kommen, um uns zu trösten. Da können Missmut und Enttäuschung ganz schnell hochkommen und uns innerlich blockieren. Ein Hundetrainer kann helfen den Blickwinkel für den eigenen Hund nochmal anders zu beleuchten.

Die Rolle des Beschützers
Ländlich zu leben, wo weit und breit keine Menschenseele zu sehen ist, im Winter in der Dunkelheit spazierengehen, unliebsame Personen, die einen ansprechen, und viele weitere solcher Situationen können für den Einen oder Anderen unheimlich und angsteinflößend sein. In solchen Momenten wünschen wir uns von unserem Hund, dass er aufpasst und uns beschützt. Wir möchten uns sicher fühlen und aufgehoben sein. Er soll uns zur Seite stehen, stark und präsent sein und uns zeigen, dass wir keine Angst zu haben brauchen. Doch so schön und beruhigend das für uns auch sein mag. Es sollte klar sein, dass in diesen besagten Momenten der Hund die Führung und Aufgabe übernimmt und die Situation regelt, nicht wir. Ein gesundes Mittelmaß dafür zu finden, sodass vor allem der Hund dabei nicht leidet und wir als Hundehalter ebenfalls positive Resultate erleben können, ist hier ein ganz wichtiger Aspekt.
Wir können die Rolle des Beschützers aber auch unter einem anderen ­Gesichtspunkt betrachten. Sind wir ­körperlich vielleicht durch eine Krankheit eingeschränkt, kann uns der Hund auch vor Gefahren und möglichen schwierigen Situationen im Alltag beschützen und unterstützen. So helfen beispielsweise Blindenführhunde ihren Herrchen und Frauchen jeden Tag aufs Neue, den Alltag sicher zu bewältigen. Wobei sich die Frage stellt, ob der Hund selbst nicht nur die Rolle des Beschützers, sondern zusätzlich die Rolle eines Freundes einnimmt, denn ein Hund kann natürlich – wie wir ­Menschen auch – mehrere Rollen ein­­­nehmen.

Die Rolle des Partners
Es gibt Momente im Leben, da ist man selbst ohne Partner oder hat einfach nicht viel Kontakt zu anderen Menschen. Es ist jedoch meist das Bedürfnis eines Menschen Nähe zu einem Sozialpartner zu haben. Wenn diese Sehnsucht kein Mensch erfüllen kann, erleben wir dieses Gefühl, indem wir uns zum Beispiel einen Hund anschaffen. Wir wünschen uns von diesem Hund erwiderte Liebe und ­Geborgenheit. Dabei soll es dem ­Sozialpartner Hund egal sein, wie wir aussehen, charakterlich sind oder welche Schwächen wir besitzen. Der Hund soll uns gegenüber loyal sein und uns lieben und schätzen. Ein ganz schön herausfordernder Job für einen Hund, wenn es keine Regeln, Strukturen und Grenzen gibt. Daher ist es in solch‘ einer Mensch-Hund- Beziehung wichtig, dass beide ­Parteien etwas Positives aus diesem ­Beisammensein ziehen können und ­keiner darunter leidet. Der Hund benötigt einen Rahmen.

Eine Mensch-Hund-Beziehung kann auch krankhaft werden
Die beschriebenen Rollen sind nur einige von vielen. Ein Hund kann noch mehr Rollen für uns spielen und somit auch sehr viele Bedürfnisse, die wir uns von einem Sozialpartner wünschen, erfüllen. Jedoch sollte dabei immer beachtet werden, dass dieses Miteinander nicht in einer krankhaften Mensch-Hund-Beziehung endet. Krankhaft bedeutet in diesem Fall, dass entweder der Mensch und/oder der Hund unter dieser Beziehung leidet. Wir Menschen leiden jedoch nicht so häufig unter unserer Beziehung zum Hund. Meist leidet eher der Vierbeiner. Das ist nicht immer offensichtlich, daher ist es eine gute Empfehlung, präventiv regelmäßig die Rollen und Bedürfnisse miteinander zu vergleichen. Falls Sie unsicher sind und vermuten, dass die Beziehung und die Rollenverteilung nicht optimal verlaufen, suchen Sie sich Unterstützung bei einem Hundetrainer. Dieser schaut einmal von außen auf Ihre Mensch-Hund-Beziehung und kann Ihnen helfen, ein mögliches Ungleichgewicht aufzudecken.

Kindchenschema

Damit sind die Proportionen sowohl bei uns Menschen als auch bei ganz jungen Tieren gemeint, die ein Brutpflegeverhalten auslösen, da sie als Schlüsselreiz fungieren. So sprechen Jungtiere nicht nur Artgenossen, sondern eben auch uns Menschen an, wenn diese Auslöser dem Schema entsprechen. Bestes Beispiel dafür sind der Mops oder die Französische Bulldogge. Aber auch beim Anblick eines Welpen bekommen wir meist eine zuckersüße Stimme und wollen dem Vierbeiner unser Herz schenken.

Pdf zu diesem Artikel: rollen_und_beduerfnisse

 

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Kristina Ziemer-Falke
Kristina Ziemer-Falke und Jörg Ziemer teilen ihre größte Leidenschaft: Hunde. Die Liebe zu den Tieren führte die beiden zertifizierten Hundetrainer beruflich wie privat zusammen und sie erfüllten sich ihren Traum: Menschen für Hunde begeistern, Verständnis wecken und vor allem gute Hundetrainer ausbilden! Gemeinsam gründeten sie das Schulungszentrum Ziemer & Falke, das inzwischen eine der führenden Ausbildungsstätten für Hundetrainer ist. Ihre Philosophie: Artgerechtes Hundetraining, Professionalität und Menschlichkeit.Neben der fundierten kynologischen Ausbildung und Vorbereitung auf die Zertifizierung vor den Veterinärämtern und Tierärztekammern in Deutschland sowie der Koordinierungsstelle Tierschutzqualifizierte/r Hundetrainer/in des Messerli Forschungsinstituts an der Veterinärmedizinischen Universität Wien widmen sie sich der Ausbildung weiterer Spezialisierungen rund um den Hund und bieten neuartige Online-Ausbildungskonzepte an.Ziemer & Falke Schulungszentrum für Hundetrainer GmbH & Co. KG Blanker Schlatt 15 D 26197 Großenkneten Tel.: +49 4435 9705990 E-Mail: [email protected] Web: www.ziemer-falke.de

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