Rudelzusammenführung – Ernährungsumstellung und Verhaltensmanagement

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Nicht nur Hunde, auch Wölfe lassen sich in ihrem Verhalten durch Futterumstellung und Nahrungsergänzungsstoffe beeinflussen. Ein neuartiger und erfolgversprechender Versuch dazu wurde im Wildpark Moritzburg in Sachsen unternommen. Ziel war es, aus drei unverträglichen Gruppen ein möglichst gemeinsames Wolfsrudel zu schaffen. Was dabei herauskam, erfahren Sie aus erster Hand von Tierärztin Sophie Strodtbeck, die an diesem Projekt beteiligt war.

Die Ausgangssituation bei der Wolfshaltung des Wildparks Moritzburg in Sachsen war zunächst alles andere als günstig. Es gab ein neues, 3 Hektar großes, naturnah gestaltetes Gehege, und dazu gab es eine Reihe von Wölfen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Vorgeschichte. Die Zusammengewöhnung erwies sich zunächst als sehr problematisch.

Die Ausgangssituation waren zwei 2er-Gruppen und eine 3er-Gruppe in drei unterschiedlichen Gehegen. Im großen Gehege lebten zwei erwachsene, ca. 4 Jahre alte, kastrierte Rüden. In einer zweiten abgelegenen kleineren Anlage lebten die zwei alten, ebenfalls 4-jährigen Wölfinnen. Und dann gab es noch drei handaufgezogene Wölfe, zwei Rüden vom Jahrgang 2008 (Moritz und August) und eine Fähe (Lilly), geboren 2009. Diese drei wurden direkt neben den beiden Altrüden auf einer getrennten Anlage mit Sichtkontakt zu den beiden erwachsenen Rüden gehalten. Um eine Fortpflanzung zu vermeiden, waren auch die beiden  Jungrüden kastriert worden.

Familienkrach und Nachbarschaftsstreit – nichts Mensch­liches war ihnen fremd
Im Sommer des vergangenen Jahres wurde dann der Versuch unternommen, die handaufgezogenen jüngeren Tiere mit den beiden erwachsenen Rüden auf der großen Anlage zusammenzugewöhnen. Dies ging jedoch gehörig schief. Sobald das Trenngitter gezogen wurde, stürzte sich zunächst die Jungwölfin auf die beiden Alt­wölfe, was diese nicht sonderlich lustig fanden. Aber damit nicht genug. In der darauffolgenden Nacht kam sozusagen die Revanche. Die beiden Altrüden stürzten sich mehrfach auf die Jungrüden Moritz und August, die schwer verletzt wurden. Die Wölfe blieben zwar, solange die Pfleger das Ganze beobachteten, jeweils in ihren angestammten Bereichen, aber über Nacht muss es dann doch zu Reviergrenzüberschreitungen gekommen sein.

Aufgrund dieser Tatsache wurden die Tore wieder geschlossen, und die beiden Gruppen, nämlich die Altrüden einerseits im großen Gehege und die drei Handaufgezogenen im Vorgehege blieben getrennt. Bemerkenswert, und auch interessant im Zusammenhang mit unseren vorangehenden Artikeln über die Kastration von Hunden aus verhaltensbiologischer Sicht (Rüde in WUFF 12/2010 und Hündin in 2/2011), ist die Tatsache, dass alle vier Rüden kastriert waren! Offenbar hat sich zu ihnen noch nicht herumgesprochen, dass das gegen Aggressionen jeglicher Art helfen soll … Jedenfalls war damit der Versuch der Vergesellschaftung fürs Erste gescheitert.

Familientherapie auf wölfisch
Weil aber sieben Wölfe in drei verschiedenen Gehegen auch keine dauerhafte Lösung sind, wandte  sich der Leiter des Tiergeheges, Herr Rüdiger Jufa, an Dr. Udo Gansloßer und mich in der Hoffnung, ihm vielleicht einige Tipps geben zu können. Und was wir dann versuchten, passt so gut zu dem Artikel Ernährung und Verhalten von Dr. Hans Mosser in der letzten WUFF-Ausgabe, dass in diesem Bericht die Maßnahmen mal genauer betrachtet und erläutert werden sollen.

Die Zusammenführung von Wölfen oder anderen Wildkaniden ist nämlich in vielen Zoos ein ständiges Problem. Es gibt viele Vorschläge, wie dies durch gezielte Zusammengewöhnung zunächst von Einzeltieren geschehen könnte. In manchen Zoos gibt es sogar die Praxis, entweder mit naturheilkundlichen oder mit schulmedizinischen Beruhigungsmitteln zu arbeiten – und es gibt noch mehr fehlgeschlagene Versuche.

Wir haben uns entschlossen, ein Gesamtkonzept zu entwickeln, das ohne traditionelle Beruhigungs­mittel auskommen sollte, und trotzdem wollten wir versuchen, auch den Hormon­haushalt der beteiligten ­Tiere zu beeinflussen. Dazu, wie Leser unseres Berichts über die ­Kastration wissen, mussten wir zunächst berücksichtigen, dass die Aggression bei ­kastrierten Rüden wohl überwiegend von Stresshormonen gesteuert wird. Es gibt auch deutliche ­Hinweise darauf, dass der Spiegel des Stresshormons Cortisol mit bei der Revierverteidigung eine Rolle spielt. Daher mussten wir versuchen, diesen ­Cortisolspiegel zu beeinflussen.

Lamm und Milchbestandteile ­beruhigen die Nerven
Wir setzten ein Gesamtprogramm auf, das folgende Bausteine enthielt:
Zum einen wurde die Nahrung der Wölfe umgestellt. Eine stärkere Verfütterung von Lammfleisch wurde empfohlen, denn dadurch lässt sich bereits der Spiegel der Aminosäure Tryptophan steigern, die ihrerseits wiederum die Vorstufe für den Botenstoff Serotonin ist. Serotonin gilt als natürlicher Stimmungsaufheller im Gehirn, der unter anderem, neben Schlaf- und Wachzyklus, auch die Aggression, vor allem die territoriale dämpft und als Gegenspieler des ­Cortisols dessen Spiegel niedrig hält.

Um die Aufnahme dieser Amino­säure ins Gehirn zu verbessern, ist es übrigens für Hundehalter wichtig zu wissen, dass man keinen Mais füttern sollte, weil Mais einen sehr geringen Anteil an Tryptophan hat. Aber bei der Fütterung von Gehegewölfen spielt Mais ja ohnehin keine Rolle.

Eine weitere Aufstockung des Tryptophanspiegels erreichten wir dadurch, dass wir Tryptophan durch einen Nahrungsergänzungsstoff supplementierten. Es gibt mehrere Produkte auf dem Markt, bei denen Tryptophan und die ebenfalls für die Stressdämpfung im Gehirnstoffwechsel notwendigen B-Vitamine zugefüttert werden können. Die Empfehlung, diese Nahrungsergänzungsstoffe zu verwenden, wurde in Kooperation mit dem vor Ort betreuenden Tierarzt Dr. Ehrlich umgesetzt.

Ein zweiter Nahrungsergänzungsstoff enthält den Wirkstoff Casozepin, der natürlicherweise in der Muttermilch vorkommt und auf Neugeborene beruhigend wirkt. Casozepin wird aus Milchprodukten gewonnen und wirkt auf die erregenden Verknüpfungsstellen im Gehirn und dämpft dadurch die allgemeine Aufgeregtheit. Der genauere Mechanismus besteht darin, dass das Casozepin die Bindungsstellen für einen erregenden Botenstoff besetzt, das Prinzip wäre etwa das wie bei einer in die Steckdose gesetzten ­Kindersicherung. Sobald diese Kindersicherung in der Steckdose steckt, kann kein Strom­verbraucher mehr eingesteckt werden und auch kein Strom mehr fließen. Nach ­diesem Prinzip arbeitet Casozepin und ­reduziert damit die Aufgeregtheit und Erregbarkeit in verschiedenen Teilen des Gehirns. Auch dieses ­Präparat wird regelmäßig bei Hunden und ­Katzen zur Stressdämpfung und damit Reduzierung stressbedingter Aggressionsanfälle eingesetzt.

Zusätzlich zum geänderten Futter wurde ein weiterer Wirkstoff eingesetzt. An verschiedenen strategischen Stellen des Geheges wurden Zerstäuber mit dem Duftstoff DAP angebracht. DAP, ausgeschrieben Dog Appeasing Pheromon, ist ein Botenstoff, der ursprünglich in der Zitzen­region der Mutterhündin gebildet wird. Er signalisiert dem Welpen sozusagen den Weg zur Milchbar und vermittelt damit gleichzeitig indirekt eine Wohlfühlatmosphäre. Diese Erinnerung an die Wohlfühlatmosphäre ihrer mütterlichen Milchbar, verknüpft meist mit der gleichzeitig stattfindenden  Brutpflege, führt zu echtem Wohlbefinden. DAP wurde nicht nur bei Hunden und Katzen in Privathaushalten häufig eingesetzt, auch eine Vorstudie an afrikanischen Wildhunden in Gehegehaltung in Südafrika zeigte eine erkennbare Beeinflussung aggressiven Verhaltens. In vergleichbarer Weise wurden von Katzen gewonnene Pheromone, also innerartliche Duftstoffe, übrigens auch schon bei der Zusammenge­wöhnung von Tigern in französischen und anderen Zoos eingesetzt. Die DAP ­Zerstäuber sorgten offensichtlich für eine angenehme Geruchsumgebung.

Lilly und August – ­das neue Traumpaar?
Nachdem diese Voraussetzungen und Vorbereitungen getroffen waren, ging es nun darum, herauszufinden, wer denn das Alphapaar wäre. Durch eine Reihe verschiedener Zweier-Kombinationen in unterschiedlichen Zusammensetzungen sollte das ­herausgefunden werden. Um ­Risiken zu minimieren, wurden zunächst je zwei Wölfe durch ein Sichtgitter getrennt in benachbarte Gehege­abschnitte gebracht. Zeigten sie durch das Sichtgitter hindurch Interesse aneinander, wurde der Schieber gezogen. Gab es dann doch Probleme, wurden sie wieder getrennt und das Spiel begann von vorne. Durch diese Methode fand man heraus, dass Lilly und August offensichtlich füreinander gemacht sind. Diese beiden gaben ein stabiles Paar. Jetzt konnte auch der Rest der Rüdenmanschaft nach und nach dazu gelassen ­werden. Und siehe da, es hat geklappt! ­Lilly ist ganz offensichtlich die Chefin im Ring, selbst die beiden Altrüden ­zeigen ihr gegenüber submissives und Begrüßungs­verhalten. Lilly und August sind nach wie vor ein stabiles Paar.

Nicht versucht wurde bisher, auch die beiden Altwölfinnen zu integrieren. Insbesondere im Hinblick darauf, dass die Zusammenführung bewusst in den Zeitraum der Vor-Ranzzeit gelegt wurde, hätte es hier unnötige Komplikationen geben können. Einerseits ist zwar die Vor-Ranzzeit ideal, um neu entstehende oder sich stabilisierende Paarbindungen zu fördern, aber auf der anderen Seite steigt in dieser Zeit eben auch der Teil des Aggressionsverhaltens, der nicht rein auf Stresshormone zurückzuführen ist.

Die Vorbereitung dieses Zusammenführungstricks durch die Nahrungsergänzungsstoffe, Futterumstellungen und die Duftstoffanwendung hat offensichtlich die Wölfe in eine ausgeglichenere und stressärmere Gesamtstimmung versetzt und ihnen damit die Möglichkeit gegeben, sich neutral mit ihren Artgenossen zu beschäftigen. Das ist wahrscheinlich auch der eigentliche Trick dabei. Sobald die Tiere erst einmal gemerkt haben, dass das Gegenüber ihnen nichts Böses will, sind sie sehr viel eher bereit, sich auch mit ihm in eine Beziehung einzulassen. Und das ist ganz offensichtlich im Moritzburger Rudel geschehen.

Auch wenn die Empfehlungen zur Futter­umstellung und zur Verwendung von Nahrungsergänzungsstoffen nicht direkt und eins zu eins auf Haushunde umgesetzt werden können, weil der Einfluss der jeweils beteiligten Menschen und das häusliche und soziale Umfeld differenzierter betrachtet werden müssen, zeigt dieser Bericht doch, dass sogar ohne menschliche Domestikationseinflüsse mit Hilfe der genannten Futter- und sonstigen Botenstoffumstellungen eine scheinbar ausweglose Situation manchmal noch zu ändern ist. Wir wünschen den Moritzburger Wölfen weiterhin ein geruhsames und stressfreies Zusammenleben und hoffen, auch die beiden Altwölfinnen noch integrieren zu ­können.

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