Ruhe erlernen ist möglich

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Die Kolumne zum Thema „Alltagsprobleme mit dem Hund".
WUFF-Autorin Yvonne Adler, Tierpsychologin, akademisch geprüfte Kynologin und Hundetrainerin, beantwortet Ihre Fragen. Schicken Sie uns Ihr Alltagsproblem mit Ihrem Hund , kurz formuliert und mit 1 bis 2 Bildern. In dieser Ausgabe möchten WUFF-Leser wissen, wie sie ihre aufgedrehte Border Collie-Hündin in den Griff bekommen.

Liebe Frau Adler!
Ich muss Sie heute wegen unserer 8 Monate alten Hündin Kayla um Hilfe bitten. Sie ist eine Border Collie Hündin, die wir mit zehn Wochen vom Züchter zu uns geholt haben. Schon seit sie bei uns ist, hatte sie immer wieder Phasen, in denen sie sehr wild wurde. Anfangs kam dies ein- bis zweimal am Tag vor, für etwa 30 Minuten. Wir haben im Internet nachgelesen und erfahren, dass man einen Border Collie geistig und körperlich auslasten muss. Also haben wir uns dann immer mit ihr beschäftigt, sind spazieren gegangen oder haben kurz gespielt, danach war sie erschöpft und hat geschlafen. Nun ist es aber so, dass sich das Problem nicht gebessert, sondern die Situation sich eher verschlimmert hat. Es passiert mittlerweile mind. 5- bis 6-mal täglich, dass sie wild durch das Haus läuft und sich nicht beruhigt. Wenn wir dann mit ihr spielen oder spazieren gehen, schläft sie auch danach nicht mehr, sondern will immer weiterspielen. Auch haben wir nicht die Zeit, den ganzen Tag damit zu verbringen Kayla zu beschäftigen.
Bitte helfen Sie uns! Was können wir tun, damit Kayla ruhiger wird und mehr schläft?
Mit herzlichen Grüßen,
Familie Baritsch

Liebe Familie Baritsch!
Jeder Hund hat einen anderen Aktivitätslevel. Es gibt auch innerhalb einer Rasse und/oder Zuchtlinie sehr unterschiedliche Ausprägungen dieses Faktors – manche Hunde sind grundsätzlich sehr entspannt, andere können gar nicht zur Ruhe kommen. Außerdem ist es so, dass die benötigten Ruhe- und Schlafphasen von vielen Hunden erst erlernt werden müssen. Wenn man nun einen sehr aktiven Hund hat, bekommt man oftmals viele gut gemeinte Ratschläge wie „Sie müssen den Hund auslasten" oder „Sie gehen zu wenig spazieren" und vielleicht auch „Ihr Hund braucht eine konsequentere Erziehung". Leider gehen manchmal alle diese Tipps in die falsche Richtung. Im Gegenteil – ein sehr angespannter Hund braucht keine zusätzliche Auslastung, sondern muss die Fähigkeit zur Ruhe zu kommen erst erlernen!

Wichtig ist es, in diesem Kontext den Bedarf eines Hundes nach Ruhe­zeiten zu betrachten: im Gegensatz zum Menschen reichen unserem treuen Begleiter nicht acht Stunden Schlaf in der Nacht! Als Grundregel gilt: der ausgewachsene Hund sollte 16-18 Stunden pro Tag ruhen, dösen und schlafen. Bei Welpen, Junghunden und alten oder kranken Tieren ist dieser Wert sogar entsprechend höher. Wird diese Ruhezeit dauerhaft unterschritten, kommt es zu vielfältigen Problemen: der Hund wird überreizt und überdreht ­schneller, ist anfälliger für Krankheiten und kann möglicherweise auch zu erhöhter Aggressivität oder Ängstlichkeit neigen. Die meisten Hunde fordern die für sie notwendigen Ruhezeiten jedoch nicht ein. Vergleichbar ist dies mit einem Kind, das trotz roter und zufallender Augen immer noch sagt: „Ich bin noch gar nicht müde!" Deshalb ist hier in erster Linie der Halter gefordert, um für ausreichend Ruhe zu sorgen.

Ihre Hündin Kayla hat als Welpe wahrscheinlich nicht gelernt zur Ruhe zu kommen, sondern hat erst geschlafen, nachdem sie komplett ausge­powert und wahrscheinlich schon völlig erschöpft war. Den Hund „müde zu machen" funktioniert beim ­Welpen meist noch sehr gut. Je älter sie werden, desto schwieriger ist es aber, Hunde durch Spaziergänge und Spielen zu erschöpfen. Zudem bewirken alle diese Bemühungen das Gegenteil – statt dass der Hund entspannt schläft, schläft er aufgrund völliger Erschöpfung und kann so nicht ausreichend regenerieren.

Um dem notwendigen Schlafbedarf und Ruhebedürfnis gerecht zu werden, sollten Sie in erster Linie die Aktivitäten mit Kayla Schritt für Schritt wieder reduzieren. Wenn Sie sich nun also rund fünf Stunden täglich mit Ihrem Hund beschäftigen (Spaziergänge, Spielen, Üben etc.), reduzieren Sie dies wöchentlich um eine halbe ­Stunde. Über Wochen senken Sie so das Beschäftigungsmaß auf ein geringeres Level von 2-3 Stunden täglich. Diese Zeit sollte alle Aktivitäten mit Kayla beinhalten – also Spaziergänge ebenso wie die tägliche Spielzeit, Übungen, Sozialkontakte mit Artgenossen etc. Zusätzlich ist es auch sehr sinnvoll in dieses Beschäftigungsmaß Such- und Nasenarbeit zu integrieren statt bspw. wilde Ball- oder Zerrspiele.

Außerdem sollten Sie Kayla einen Ruhebereich antrainieren. Dies kann sein: ein abgetrennter Bereich in Wohnzimmer, Küche etc. oder ein ­kleines Zimmer, das mit einem Kindergitter abgetrennt werden kann. Diese Zone sollte zu Beginn so gesichert sein, dass Kayla nicht „ausbrechen" kann. Auch möglich ist eine Hundebox. Diese muss jedoch mindestens so groß sein, dass Kayla aufrecht sitzen und ausgestreckt darin liegen kann. Wichtig ist, dass Kayla vom Ruhebereich aus noch am Familienleben teilnehmen kann – sie soll im besten Fall alles sehen und hören können, also nicht weit entfernt von allen Personen sein. Dennoch sollte der Bereich in einer ruhigen Ecke bzw. einem ruhigen Zimmer eingerichtet werden, wo nicht ständig jemand vorbeiläuft und sie beim Ruhen stört.

Nun sollten Sie Kaylas neue Ruhezone komfortabel einrichten: bestücken Sie sie mit Decken und Kaylas Lieblings­sachen und stellen Sie unbedingt Wasser bereit. Wenn Sie den perfekten Platz gefunden haben, beginnen Sie mit dem Training. Ab sofort bekommt Kayla ihr Futter und ihre Kausachen nur noch in ihrem Ruhebereich. Sollte sie nicht sofort dort verbleiben wollen, können Sie sie mit guten Leckerchen dort für Verweilen bestätigen. So wird dieser Platz sehr positiv verknüpft. Wenn dies gut klappt, beginnen Sie die Tür zum Bereich oder der Box kurz zu schließen und gleich wieder zu öffnen, um sie daran zu gewöhnen. Dies sollten sie ein paar Tage und pro Tag einige Male durchführen. Danach starten Sie damit, Kayla etwa fünf Minuten bei geschlossenem Bereich oder in der geschlossenen Box verbleiben zu lassen. Sie können ihr dazu zum Beispiel Kausachen geben, dies vereinfacht die Übung meist extrem. Der Zeitraum, den sie im Ruhebereich verbringen soll wird dann immer weiter verlängert. Sie können zum Beispiel mit 5 Minuten starten und trainieren dies etwa eine Woche lang. Wenn alles gut klappt, versuchen Sie in der nächsten Woche sieben Minuten. Danach 10 Minuten und so weiter, bis Kayla auch bis zu zwei Stunden im Ruhebereich verbringen kann.

Wichtig bei diesem Training: wenn Kayla zu bellen oder zu jaulen beginnt, sollten Sie sie nicht sofort aus dem Ruhebereich entlassen. Versuchen Sie die Initiative zu ergreifen und öffnen Sie die Tür erst, wenn Kayla ruhig ist, im besten Fall bevor(!) sie zu bellen oder jaulen begonnen hat. Sonst lernt Kayla nämlich, dass Bellen und Jaulen sie zum Erfolg bringt = die Tür wird wieder geöffnet. Und beachten Sie, weniger ist oftmals mehr. Verkürzen Sie also lieber die Zeiten variabel und trainieren in verschiedensten Intervallen. Richtig aufgebaut, sollten Sie schon nach einigen Tagen sehen, dass Ihre Hündin in ihrer Ruhezone ruhig und entspannt liegt und nicht angespannt darauf wartet wieder entlassen zu werden. Auch sollte es nach gut aufgebautem Kommando nicht mehr notwendig sein, Kaylas Ruhebereich mit einer Tür abzutrennen oder eine mögliche Box zu verschließen. Vielmehr sollte der Ruhebereich dann ein Bereich sein, welchen Kayla auch selbstständig aufsuchen und dort verweilen kann. In diesem Kontext ist es sehr wichtig, dass die Ruhezone niemals als eine Form der Bestrafung dient! Dies ist besonders wichtig, Kaylas Bereich muss absolut positiv verknüpft werden und bleiben, sonst ist keine Entspannung möglich!

Durch die reduzierte Beschäftigung und den angenehmen Ruhebereich können Sie nun also dafür sorgen, dass der erforderliche Ruhebedarf ihres Hundes Step by Step erreicht wird. So wird zusätzlich der Stresslevel im Körper gesenkt und Kayla wird wieder entspannter. Die wilden Phasen im Haus sollten demnach bald der Vergangenheit angehören! Wenn wieder Ruhe eingekehrt ist, sollten Sie bedenken, dass manche Aktivitäten – vor allem wenn diese für Kayla neu sind – wahrscheinlich sehr aufregend für Ihre Hündin sind und bleiben werden. Ein sehr aufregender Tag sollte also immer von ein bis zwei „Ruhetagen" begleitet werden, an denen viel geschlafen wird, damit der Stresspegel wieder absinken kann.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Erfolg beim Training und viele entspannte Stunden mit Kayla!

Herzlichst,
Yvonne Adler

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Yvonne Adler
Yvonne Adler lebt und arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Hunden. Sie schloss das Studium zur Tierpsychologin mit Auszeichnung ab und ist zudem eine von Europas ersten akademisch geprüften KynologInnen. Neben ihrer Tätigkeit als Sachverständige für Hunde, absolviert sie laufend weitere in- und ausländische Aus- und Fortbildungen im Bereich der Kynlogie, um stets auf dem aktuellsten Stand der internationalen Hundewissenschaft zu sein. Kontakt: Yvonne Adler – Adler Dogs® www.adler-dogs.at

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