Sandor muss nicht sterben

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Es begann mit einem Anruf bei unserer Kremser Tierrettung. Herr L., 79 Jahre und Besitzer zweier Komondors (korrekter Plural: Komondorok), war ins Krankenhaus eingeliefert worden. Eine seiner ebenfalls betagten Schwestern war davor beim Versuch, Sandor vom Krankenbett des Herrn wegzuzerren, in die Hand gebissen worden. Der Rüde wollte die Rettungsmannschaft nicht heran lassen. Er hatte in den letzten Jahren mehrfach zugebissen und galt in der Umgebung als gefährlich. Deshalb wurde von den Beteiligten entschieden, ihn einzuschläfern und vorerst nur die Hündin Lily zu behalten.

Viele Argumente gegen Sandor
Drei Tage lang steckte ich den Fall Sandor einfach weg. Ich tröstete mich, der Rüde sei ohnedies bereits elf Jahre alt, aggressiv und nicht vermittelbar. In unserem kleinen Tierheim in Krems wohnen schon viel zu viele Vierbeiner, darunter mehrere Problemfälle, die kein anderes Tierheim aufnehmen wollte. Einen Komondor kann man nicht zur Not ins Badezimmer sperren. Viele Argumente gegen Sandor. Doch nach drei Tagen hielt ich es nicht mehr aus. Ich kontaktierte den zugezogenen Tierarzt, der mir erzählte, der Komondor halte so viel Distanz, dass er mit dem Blasrohr keine Chance hätte, den Hund vor der Einschläferung zu narkotisieren. Er würde es jetzt mit präpariertem Futter versuchen.

Ich traf mich mit dem Tierarzt vor Ort und beobachtete den Rüden. Er war vorsichtig, bellte und zog sich stets zum Wohnungseingang zurück. Das Futter nahm er nach kurzem Beschnüffeln nicht an. Sehr klug. Seine Gefährtin Lily fraß es leider auf und schlief mehrere Stunden tief und fest. Sandor imponierte mir immer mehr. Er verhielt sich wie ein klassischer Herdenschutzhund. Vorsichtig, misstrauisch gegenüber Fremden, defensiv wachsam und verteidigungsbereit. Nur einmal sprang er anfangs zum Zaun und biss kurz ins Maschengitter.

Einschläferung verschoben
Sandors Einschläferung konnte ich zunächst um einige Tage verschieben. Ich hatte schon zuvor einen Hilferuf übers Internet geschickt. Unsere WUFF-Redakteurin Iris Strassmann und „Herdenschutzhunde in Not“ (s. Kasten auf Seite 19) wussten also Bescheid. Noch am selben Tag erhielt ich viel Zuspruch, Sandors Euthanasie zu verhindern. Verbindungen bis nach Dänemark wurden aktiviert. In der Zwischenzeit nahm ich Kontakt zu einer jungen Frau auf, die eine Wohnung über Herrn L. bewohnte. Von Judith erfuhr ich, dass sie sich seit Jahren um die beiden Hunde von Herrn L. gekümmert hat, wenn dieser nicht dazu imstande gewesen war. Sie schilderte den Rüden als ihr gegenüber niemals aggressiven, sehr anhänglichen Hund. Am nächsten Tag beobachtete ich, wie sie mit Sandor im Garten spielte, ihn kraulte, und wie viel Vertrauen ihr der große weiße Hund entgegenbrachte. Ich sah Sandor, wie er wirklich ist.

Sandors Leben
Sandor war erst sechs Jahre alt, nicht elf wie uns angegeben. Er stammte aus einer „Eigenzucht“, sprich aus unkontrollierter Vermehrung von Herrn L., der sich leider erst sehr spät hatte informieren lassen, dass auch Kastration eine Möglichkeit gewesen wäre. Sandor wurde als Welpe an einen Humanmediziner verkauft und von diesem in ein burgenländisches Tierheim abgeschoben, als er sein wachsames Herdenschutzwesen zu entwickeln begann. Von dort hatte ihn Herr L. wieder zurückgeholt und behalten. Selbst alt und seit Jahren krank, war er nicht imstande, seine beiden Komondors unter Kontrolle zu halten. Auf Spaziergängen leider immer ohne Halsband, Leine oder Maulkorb unterwegs, kam es mehrfach zu Zwischenfällen und Beißverletzungen mit zufällig vorbeikommenden Radfahrern, Spaziergehern, Joggern und anderen Hundebesitzern. Wer Herdenschutzhunde kennt, weiß, dass sie auch bekannte Wege als ihr Territorium betrachten und eine größere Individualdistanz beanspruchen als andere Rassen.

Mein Geburtstagsgeschenk: Neues Zuhause für Sandor
Die nächsten Tage waren angespannte für mich und Sandors Freundin Judith. Am 15. September, meinem Geburtstag, machte mir WUFF-Redakteurin Iris Strassmann dann das schönste Geschenk: Ein neues Zuhause für Sandor! Nicht weit von der deutschen Grenze auf einem großen Pferdehof sollte er unterkommen. Drei Stunden Anfahrt laut Karte und eine letzte Hürde, denn der Rüde musste erst an Leine und Maulkorb gewöhnt werden. Und an mein Auto. Würde er überhaupt freiwillig einsteigen? Judith gelang es mit ihrer ruhigen und behutsamen Art, dass Sandor all das problemlos akzeptierte. Und dann der große Moment am Tag vor der geplanten Reise. Mein Geländewagen stand mit geöffneter Heckklappe vor dem Haus. Judith kam heraus, Sandor an ihrer Seite. Er zögerte keinen Augenblick und sprang sofort ins Auto. Die Generalprobe war gut verlaufen. Judith fiel der Abschied von Sandor nicht leicht …

Die Autofahrt
Ich hatte lange überlegt, ob ein Schutzgitter beim Transport notwendig wäre. In der Früh konnte ich aber keines mehr organisieren. Doch allen Zweifeln zum Trotz stieg Sandor anstandslos in mein Auto, wie schon am Vortag, machte es sich bequem und gab keinen Mucks mehr von sich. Nach zwei Stunden Fahrzeit regten sich bei mir schon arge Bedenken: Hatte Sandor in der Aufregung etwa ein Kreislauf- oder Herzversagen erlitten? Er war einfach ein zu perfekter Mitfahrer. Erst als wir von der Autobahn auf die Landstraße abfuhren, erschien sein großer weißer Hundekopf wieder im Rückspiegel. Er schien zu ahnen, dass das Ziel unserer Reise nicht mehr fern war.

Ein Rudel Hunderiesen
In einem idyllischen kleinen Dörfchen bei Bad Birnbach fanden wir das bunte Blockhaus von Sabine Lagies und ihren Hengsthof. Die Tierfreundin beherbergt neben sieben verstoßenen Hunden auch neunundzwanzig Hengste und Wallache, die sich auf dreißig Hektar Grund austoben dürfen. An diesem Tag hat sie kritische Gäste, die ihre Offenstallhaltung bewerten. Einen Stern darf sie sich nach der Besichtigung ans Haus heften. Für die Haltung ihrer sieben Rüden gebühren ihr aber mindestens fünf, denn es ist wirklich beeindruckend, mit wie viel Feingefühl Sabine Lagies ihr Rudel Hunderiesen managt. Fast jeder der sieben Hunde ist an seinen Vorbesitzern gescheitert. Und alle galten sie als aggressiv und bissig. Heute dürfen sogar die Kinder ihrer Reitgruppe an der Seite der mächtigen Hunde mit spazieren gehen.

Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg gewesen. Vor allem der taube Kaukase Anubis brauchte lange, bis er Vertrauen zu Sabine fasste. Da er nichts hört, erschrickt er leicht. Nach dem Motto: Erst beißen, dann schauen, hatte er seine Retterin in der Anfangszeit mehrmals verletzt. Bis sie ihm eine lange Leine am Halsband befestigte und dran ließ, sodass sie sich jederzeit durch Rucken bemerkbar machen konnte. Ein Trick, den sie auch bei Sandor anwenden will. Die Leine soll bleiben, bis sich Sandor an Berührungen gewöhnt hat. Die ersten beiden Tage soll der Komondor bei ihr im Haus wohnen und sich an Umgebung und Gerüche gewöhnen. Dann erst wird er in eine der beiden Gruppen eingegliedert. Umgeben von einem elektrischen Schafweidezaun hat jede der beiden Gruppen ein großes natürliches Geländestück zur Verfügung. Inmitten des kleineren liegt ein idyllischer Badeteich mit Holzsteg. Dort dösen bei unserem Rundgang Anubis, ein Kaukase, Tibet Mastiff Yogi und ein alter Neufundländer-Rüde.

Im zweiten Gehege direkt beim Haus treffen wir einen mächtigen Sarplaninac, einen zentralasiatischen Owtcharka, und einen weiteren Kaukasen.Bobtail Moppy darf frei auf dem Gelände umher laufen. Nachts schlafen alle sieben im Haus, eine Gruppe im Schlaftrakt, die andere im Büro. Mit Sicherheit das am besten bewachte Haus der näheren und weiteren Umgebung.

Wir sind zuversichtlich
Sandor will plötzlich nicht aus dem Auto steigen. Erst als wir mit dem Bobtail knapp an ihm vorbeigehen, schießt er heraus, um eine kleine Rauferei zu beginnen. Nach einem kurzen Gerangel sitzt er wieder dort, wo wir ihn nicht haben wollen. Es hilft nichts, Sandor wird „hinausgeworfen“. Beim anschließenden Spaziergang beschnüffelt er Sabine und wedelt sie erstmals an. Eine Geste, die uns zuversichtlich stimmt. Im Haus kommt der große Moment. Maulkorb runter, nur die lange Longierleine bleibt dran. Sandor scheint zu begreifen. Er versucht nicht uns nachzulaufen, als wir aus dem Haus gehen. Draußen wollen wir noch einige Fotos machen. Dabei passiert in der Eile ein dummes Missgeschick. Sabine streichelt in der Vierergruppe erst den rangniedrigeren Kaukasen. Der ranghöhere reagiert sofort, und eine sehr dramatisch wirkende Rauferei beginnt. Sabine verhält sich gelassen, und irgendwann ist der Moment günstig, die beiden Kontrahenten zu trennen. Außer einem kleinen Loch in einem Hundebein ist die Auseinandersetzung glimpflich verlaufen. Sabine wird in den nächsten Tagen die beiden Raufbolde gemeinsam in das Teichgehege übersiedeln, denn „dann müssen sich die Zwei wohl oder übel mögen“. Aus den restlichen Vieren will sie die Gruppe zusammenstellen, in die Sandor integriert wird.

Schon vorweg verraten: Es hat toll geklappt. Danke, liebe Sabine Lagies!

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Wo bleiben die Rasseklubs?

Sabine Lagies liebt ihre Hunde. Trotzdem vertritt sie die Meinung, dass Herdenschutzhunde nicht in unsere Gesellschaft passen. Gezüchtet für die harte Aufgabe, Herden auf weiten Flächen gegen Raubwild und Diebe zu verteidigen, können sie bei uns ihr natürliches Verhalten nicht leben. Die Zahl der Herdenschutzhunde, die in Tierheimen landen und für die keiner mehr Verantwortung übernehmen will, wächst bedrohlich an. Als süße Kuschelwelpen mit Teddyimage verkauft, scheitern unzählige an ihrer unkundigen und eingeengten Umgebung. Herdenschutzhunde sind nichts für Wohnungen und Kleingärten und in der Großstadt absolut fehl am Platz. Leider erhielten auch wir vom Tierschutzverein Krems bei Vermittlungsversuchen von Herdenschutzhunden keine Unterstützung der zuständigen Rasseclubs (mit Ausnahme von Frau Gabriele Höllbacher, die sich sehr bemühte). Bei mehrmaligen Anfragen bekamen wir vom Verein die zwar nette aber belanglose Auskunft: „Wir bringen unsere eigenen Welpen schon nicht mehr an“.

Da wäre es doch die logische Konsequenz, gar keine mehr in die Welt zu setzen, oder?

 

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Herdenschutzhunde in Not!

von WUFF-Redakteurin Iris Strassmann

Dank der grenzüberschreitenden WUFF-Initiative für Herdenschutzhunde in Not, vorgestellt in WUFF 7-8/2002, Seite 34, konnte innerhalb kürzester Zeit über Mailing-Listen und persönliche Kontakte engagierter HSH-Freunde für den Todeskandidaten Sandor, bei dem es wirklich um Stunden ging, ein sehr guter Platz bei einer äußerst erfahrenen HSH-Kennerin gefunden werden, wo er nun bei möglichst artgerechter Haltung eine echte Überlebens-Chance hat, wie der Bericht von Andrea Specht zeigt. Wer sich diesem HSH-Hilfs-Netzwerk anschließen möchte, kann sich an die folgenden Ansprechpartner wenden.

– WUFF-Redaktion, Iris Strassmann

Email: [email protected]

Tel./Fax: +49-(0)461-51386

http://www.wuff.at

– Österreich: Gabriela Höllbacher

(„Allgemeiner Hirten- und Hütehunde Club“),

A-3481 Fels am Wagram, Untere Marktstr. 14

Email: [email protected]

Tel.: +43-(0)2738-7011

– Deutschland: Birgit Meyer

(Rescue-Team und Tierschutzkoordination von „Pro Herdenschutzhunde e.V.“)

Email: [email protected]

Telefon: +49-(0)9721-387622

http://www.pro-herdenschutzhunde.de

 

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