Schafe, Schafe, nichts als Schafe

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Eigentlich hatte ich überhaupt keine Ahnung, wie so ein Almabtrieb vor sich geht. Deshalb holte ich mir rechtzeitig fachmännischen Rat bei Rudi Roth, einem Profi aus der Schweiz. Er gab mir viele Tips und meinte auch, daß nur wirklich qualifizierte und konditionell starke Hunde wie Hundeführer bei einem solchen Vorhaben mitmachen sollten.

Verstärkung
Also fragte ich bei Horstl und Margit Hütterer an, ob sie mit ihren geländegängigen Hunden Chipsy und Kenny mithelfen wollten. Sie waren sofort Feuer und Flamme. Freitag, den 17. September, fuhren wir gemeinsam nach Tirol. Die Spannung war groß. Als wir endlich am Ziel angelangt waren, war es schon dunkel. Von den Bergen rund um uns sahen wir nicht viel. Wir wurden sehr freundlich empfangen. Es ging früh ins Bett, da wir am nächsten Tag um 5 Uhr 30 Tagwache hatten.
Um 7 Uhr waren wir pünktlich am Treffpunkt. Da es sich bei dieser Alm um eine Agrargemeinschaft handelt, waren auch alle Schafbesitzer und ihre Helfer anwesend. Sie waren sehr skeptisch, ob unsere Hunde wirklich helfen konnten, oder die Schafe nur in den Tod jagen würden. Für die einheimischen Landwirte waren wir die „Flachländler“. Bis dahin wußten wir noch immer nicht, welche Größe diese Alm hatte und in welcher Höhe sie lag.

In den Tuxer Alpen
Wir wurden in 3 Gruppen eingeteilt. Horstl mit Chipsy begleitete die linke, Margit mit Kenny die mittlere Gruppe. Roona, Jo-Ann und ich wurden der rechten Gruppe zugeteilt, die von Hannes und noch vier anderen Helfern begleitet wurde. Mit dem Auto fuhren wir bis oberhalb der Baumgrenze und endlich sahen wir die Alm. Mich traf fast der Schlag. Auf einer Fläche von ca. 2000 Hektar mußten die Schafe gesucht und gesammelt werden. Der Rucksack wurde daher sofort um einiges erleichtert, um nicht auch noch unnützes Gewicht mitzuschleppen.
Bei schönem Wetter erklommen wir im schnellen Schritt Meter für Meter an Höhe. Unser Führer blieb nur stehen, um durch das Fernglas zu schauen, hinter welchen Felsen oder in welcher Geröllhalde sich die Schafe befanden. Für mich war das eine willkommene, jedoch äußerst kurze Rast, um wieder Luft zu bekommen. Wurden doch in eineinhalb Stunden tausend Höhenmeter überwunden. Ein Gedanke kam mir zu dieser Zeit immer wieder: „Warum habe ich mir das angetan?“.

Auf Gebirgsgraten und Geröllhalden
Wir waren jetzt auf fast 2600 Metern Höhe. Die ersten Schafe, auf die wir trafen, standen ganz oben am Gebirgsgrat. Ich war schon ziemlich außer Atem, doch mußte ich Roona auf ihren ersten Einsatz vorbereiten. Sie lief souverän die steile Geröllhalde hinauf, übernahm tadellos die Schafe und brachte sie in ruhigem Tempo zu mir. Bei nur einem einzigen Fehler des Hundes, drohten die Schafe abzustürzen. Gegenseitiges Vertrauen zwischen Ronna und mir war unbedingt notwendig. Alle Zweifel, daß die Hunde es nicht schaffen würden, waren von nun an verflogen. Jetzt kam mir erst der Gedanke: „Was mache ich mit den gefundenen Schafen?“. Die mußten wir „nur“ zwei Stunden, entlang des Grates, zur Sammelstelle mittreiben. Von der Sammelstelle aus, wurden dann alle gefundenen Schafe weiter ins Tal getrieben.
Da sich Jo-Ann erst vor kurzem von ihrer schweren Schnittverletzung erholt hatte, wollte ich ihr das Einholen und Zutreiben der Schafe nicht zumuten. So übernahm Hannes mit Jo-Ann das weniger anstrengende Vorwärtstreiben der Schafe. Jo-Ann gewöhnte sich sehr schnell und gut an ihren neuen Führer. Hauptsache, sie durfte arbeiten, egal für wen. Manchmal zogen riesige Nebelschwaden vom Tal bergauf, so dicht, daß wir überhaupt nichts mehr sehen konnten. Aber auch dieses Hindernis konnten wir überwinden. Wenn Roona sich hinlegte und das rechte Ohr spitzte oder Jo-Ann ganz ruhig stehen blieb, standen hinter einem Felsen oder in einer Geröllhalde Schafe. So wurde kein Schaf übersehen und die gesammelte Schafgruppe wurde immer größer.

Zur Auffangpferch
Die Schwierigkeit beim Einsammeln und Treiben lag nicht nur am Gelände, sondern auch darin, daß die Schafe bisher keine Hunde kannten. Aber trotzdem trafen wir nach fast vier Stunden am vereinbarten Treffpunkt ein. Unsere Gruppe war die letzte, weil wir den längsten Weg und damit die größte Fläche zum Absuchen hatten. Von allen Seiten hörten wir nur bewundernde Worte über unsere Hunde.
Nach fünf Minuten Pause wurden die Schafe in Richtung Auffangpferch weitergetrieben. Währenddessen suchte Horstl mit seiner Hündin Chipsy und einem Schäfer noch nach einer Gruppe abgängiger Schafe. Von nun an ging es steil bergab. Margit bewachte mit ihrem Rüden Kenny die linke Seite, Hannes mit Jo-Ann die Mitte und ich war mit Roona wieder rechts außen. So in die Zange genommen, konnte uns keines der zweihundert Schafe entkommen. Endlich waren wir am Auffangpferch angelangt. Horstl stieß etwas später mit den letzten Ausreißern zu uns. Wir wurden voll Begeisterung über unsere Hunde empfangen. Es gab zur Stärkung reichlich zu essen und trinken, nicht nur für uns Zweibeiner, sondern auch für unsere Vierbeiner, die wirklich eine tolle Leistung vollbracht hatten.

Tolle Hundeleistung
Nun kam der große Augenblick. Die Schafe wurden durch ihre verschiedenen Kennzeichnungen aussortiert und gezählt. Es waren alle gefunden und das auch noch in so kurzer Zeit. Das haben die Schäfer bisher noch nie erlebt. Üblicherweise mußte man noch ein bis zwei Mal wieder auf die Alm hinauf, um zurückgebliebene Ausreißer heimzuholen. Die letzte Aufgabe für unsere Hunde war es nun, die Schafe zu ihren Besitzern nach Hause zutreiben.
Jetzt erst verstand ich Rudi Roth, als er meinte, einen Almabtrieb könne man nicht mit einem Trial vergleichen. Man muß sehr viel mehr auf das Gelände achten. Außerdem ist man ständig in Bewegung, das ganze Umfeld muß beobachtet werden und auch den Anschluß darf man nicht verlieren.
Völlig erschöpft, aber überglücklich. kamen wir alle zu unserem Quartier zurück. Jeder von uns drei Hundeführern bedauerte, daß wir uns bei den tollen einzelnen Leistungen, die jeder Border vollbracht hatte, nicht gegenseitig zusehen konnten. Für uns wird es ein unvergeßliches Erlebnis bleiben, daß wir nicht missen möchten. Trotzt eines riesigen Muskelkaters! Unsere Border`s wollten am nächsten Tag gleich wieder weiter arbeiten. Außerdem hatten sie keine konditionellen Probleme. Für sie war es wie im Paradies – Schafe, Schafe nichts als Schafe. Wir freuen uns schon auf nächstes Jahr, wo wir wieder eingeladen sind.

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