Sollen Hunde Tiere essen? Einfluss ethischer Überlegungen auf die Ernährung des Hundes

0
1112

Durch sein Buch „Tiere essen“ hat der Amerikaner Jonathan Safran Foer in den USA einen Hype begründet, der immer mehr Menschen veranlasst, ihren Fleischkonsum zu reduzieren oder gar darauf zu verzichten. Nun beginnt man auch in Europa ­dieses Buch zu diskutieren. Der bekannte Hundefachmann und WUFF-Autor Dr. Hellmuth Wachtel beschäftigt sich im folgenden Artikel mit dem ­Einfluss ethisch begründeter Entscheidung im Essverhalten eines ­Menschen auf die Ernährung seines Hundes – Themen, die so­ ­permanent wie kontrovers diskutiert werden.

Der Titel dieses Artikels klingt ähnlich dem des ­derzeitig hochaktuellen ­Bestsellers ­„Tiere essen“ des Amerikaners J­onathan Safran Foer. Darin werden die moralisch-ethischen und gesundheitlichen Nachteile des Fleischverzehrs sowie auch die durch die Fleischproduktion verursachten weltweiten Umweltprobleme (Regenwaldrodung, Methan- und CO2-Problem, Besetzung landwirtschatlicher Nutzflächen durch den Anbau von Futterpflanzen etc.) hervorgehoben. Dazu kommt nun noch das Buch „Anständig essen“ der deutschen Vegetarierin Karen Duve. Da Ernährungsfragen auch in der Hundehaltung permanent und oft sehr kontrovers diskutiert werden, soll hier einmal vergleichend näher darauf eingegangen werden.

Die Ernährung mit Fleisch bei Mensch und Hund
Die natürliche Ernährung einer Tierart kann unter anderem prinzipiell durch die Art ihres Gebisses geklärt werden. Der Mensch hat ein Allesesser-Gebiss, mit dem man Nahrung zerkleinern und kauen kann. Schon unsere frühen Vorfahren, wie auch die meisten anderen Primaten, waren auf Baumprodukte wie Früchte und Nüsse, sowie leicht verdauliches junges Laub spezialisiert. Dazu kamen kleine Tiere, besonders Insekten.

Als das Regenwaldhabitat unserer Vorfahren sich in eine Savanne mit verstreuten Bäumen und hohem Gras umwandelte, kam es in der Evolution zu einer anatomischen Anpassung der Menschen. Sie bekamen lange hintere Gliedmaßen und erwarben zunehmend einen aufrechten Gang. Nun lernten sie auch größere Tiere zu jagen, allerdings wurden sie nicht schnell genug, um so wie Hunde oder Großkatzen das Wild auf kurzen Strecken einzuholen oder es zu hetzen.

Der Übergang auf zusätzliche größere Mengen von Fleischnahrung förderte die Entwicklung des menschlichen Großhirns mit entsprechend hoher Intelligenz. So hatten wir bald auch wirksame Hilfen für die Jagd, wie Speer und Pfeil und Bogen, zur Ver­fügung. Nun wurde es möglich, Großwild durch lange Verfolgungsjagden zu ermüden und zu erbeuten, so wie es die San (früher Buschmänner genannt) bis vor kurzem noch bei der Giraffenjagd machten.

Später in der Entwicklung lernten wir auch, Wildtiere zu fangen und zu züchten, wodurch die Fleischver­sorgung gesichert wurde. Dies wäre übrigens ohne die vorherige Domestikation des Wolfes zum Hund und Helfer des Menschen bei der Jagd und zum Schutz des Viehs wohl nicht möglich gewesen.

Jetzt aber scheint sich langsam das Ende dieser Entwicklung anzu­kündigen. Bald werden wir wohl an die Grenzen der heutigen Viehzucht-Expansion und Fleischproduktion gelangt sein; und damit auch an die Grenze der moralischen Vertret- und Zumutbarkeit einer massiven und oft tierquälerischen Produktion und Tötung empfindsamer Lebewesen „für unsere Bäuche“.

Katzen stärkere Fleischfresser als Hunde
Doch nun zu den uns so unerreicht nahestehenden Lebewesen, den ­Hunden. Sie stammen bekanntlich von den Wölfen ab, also von einer wilden Hundeart. Ihr Gebiss zeigt deutlich, dass sie ursprünglich vorwiegend Fleischfresser, also Karnivoren (Beutegreifer, Predatoren) waren, wenngleich – vergleicht man z.B. die Gebisse – nicht in demselben Maße wie die Katzen. Die frühen Vorfahren der Beutegreifer, die an die Stelle räuberischer Saurier traten, waren auf Bäumen lebende Insektenfresser, die ein Maul voll spitzer kleiner Zähne aufwiesen. Als Katzen und Hunde sich auf die Jagd am Boden begaben – vor allem kleine Katzen blieben aber weiterhin gute Kletterer –, passten sie ihr Gebiss den neuen Notwendigkeiten an. Sie brauchten kräftigere Zähne, speziell geeignet zum Fangen und Töten größerer und ­wehrhafterer Beute. So verloren sie allmählich immer mehr von den Prämolaren, das sind die kleinen vorderen Zähne zwischen den Eckzähnen und den Backenzähnen (Molaren). Die Katzen haben heute noch deren fünf, die Hunde acht. Das bedeutet, dass der Hund eher noch Vegetabilien kauen kann als die Katze. Ein weiterer Hinweis dafür: Von den Molaren, also den eigentlichen Kauzähnen, hat der Hund noch fünf, die Katze hingegen nur mehr zwei. Hunde sind also von Natur aus befähigt, in größerem Umfang Pflanzenstoffe zu verzehren und zu verwerten als Katzen.

Ein Fasttag pro Woche?
Menschen aßen wohl von jeher täglich, denn auch als sie zu Jägern und Sammlern wurden, ernährten sie sich aus den Ergebnissen ihrer Sammlertätigkeit. Wölfe hingegen waren vor allem von der erjagten Beute abhängig und mussten daher oft „fasten“, wenn keine Beute verfügbar war. Als ich vor 60 Jahren meine ersten Hunde hielt, galt die Regel, dass Hunde ein bis zwei Tage pro Woche fasten sollten, so wie dies auch bei den Raubtieren im Zoo praktiziert wird. Tägliche Sattfütterung sei für ein Raubtier nicht bekömmlich, hieß es, denn ständig gefüllte Verdauungsorgane seien für diese unnatürlich. Heute aber werden Hunde in der Regel so wie Menschen, also täglich, ernährt. Es wäre aber meines Erachtens angezeigt, wenn die ursprüngliche Praxis heute wieder eingehalten würde.

Mit der Domestikation kam es zu einer verstärkten pflanzlichen Ernährung der Hunde. Durch Erhitzen aufgeschlossene stärkehaltige Samen in Form von Brot oder gekochtem Reis könnten das Hauptfutter für Hunde sein, wenngleich auch Ergänzungsstoffe nötig sind. In China und in der Südsee wurden sie so auch teils zu Masttieren. Hunde in der Dritten Welt ernähren sich oft zusätzlich von kleinen selbstgefangenen Wirbeltieren und nicht selten in beträchtlichem Umfang von menschlichen ­Exkrementen. Schon Erik Zimen hat berichtet, dass beim Volk der ­Turkanas Hunde oft bei den Babys als Windel­ersatz fungieren. ­Exkremente ­bestehen ja zu einem erheblichen Anteil aus hochwertigem Bakterien­eiweiß. Das war möglicherweise eine Voraussetzung dafür, dass Hunde überhaupt domestiziert werden konnten. ­Dennoch sind Hunde aus der Dritten Welt oft schrecklich dürr.

Der Hund ist heute ein echter Allesfresser, und hat sich sogar so weit an die verstärkt pflanzliche Fütterung beim Menschen angepasst, dass er jetzt gegenüber dem Wolf einen relativ längeren Darm aufweist. Aber Fleisch ist immer noch das vom Hund bevorzugte Futter geblieben, dem wesentliche gesundheitliche Vorteile nachgesagt werden. So ist es zur sogenannten BARF-Fütterung gekommen (Biologically ­Appropriate Raw Food – biologisch ­geeignete Rohfütterung, wie der Ausdruck meist gedeutet wird). Außerdem, bei extremen Hundeleistungssportarten kommt man ohne Fleisch in der Fütterung nicht aus. Im Allgemeinen aber können Haushunde heute mit einem geringeren Fleischanteil im Futter und sogar ohne dieses (bei allerdings einer kompensatorisch zusammengesetzten Fütterung) recht gut leben.

Das hat sich auch in der Futterindustrie niedergeschlagen, weshalb der Fleischanteil im kommerziell erhält­lichen Hundefutter häufig sehr gering gehalten wird, wenngleich in der Werbung oft gerade das Argument Fleisch eingesetzt wird. Allerdings, im Allgemeinen hat sich das kommerziell erhältliche Fertigfutter recht gut bewährt, da es kontrolliert und stets weiter entwickelt wird.

Optimale Ernährung
Grundsätzlich erfordert eine ­optimale Ernährung bei Menschen wie bei den Hunden einen gewissen Fleisch­anteil. Es gibt aber vielfach auch ganz andere Überlegungen zum Thema Verfütterung von Fleisch an Hunde. So kommen wir wieder zur vegetarischen Ernährung. Ich meine, es macht einen Unterschied, wenn ein Mensch aus moralischen Gründen kein Fleisch isst, und ob er es dann auch für moralisch hält, seine Hunde zu einer solchen Lebensweise zu zwingen, wie dies bei der Autorin von „Anständig essen“ der Fall ist. Denn, wie besprochen, für den Hund ist ja als ursprünglicher Beutegreifer Fleisch immer noch in höherem Grade zoologisch naturgemäß als für einen Primaten wie den Menschen.

Wenn also beim Vegetarismus schon ein hoher moralischer Standard angewendet wird, dann sollte doch auch das moralische Recht des Hundes auf Fleisch im Futter anzuerkennen sein. Freilich, dem stehen wiederum die Überlegungen entgegen, dass viele Menschen aus Armut sich Fleisch gar nicht leisten können und Hunde als Allesfresser heute, wie gesagt, auch ohne Fleisch recht gut ernährt werden können.

Ethik und Moral in der Hundezucht
Gerade in der Hundezucht haben Verstöße gegen moralische Grundsätze infolge des Prinzips der totalen „schöpferischen“ Freiheit des Züchters zu vielen Schäden geführt, bei denen man nur den Kopf schütteln kann. Bei der großen Mehrzahl von Rassehunden, die zu ihrem Nachteil nicht oder nicht mehr auf Arbeitsleistung gezüchtet werden, hat die Qualzucht massiv Einzug gehalten. Selbst Atembeschwerden bei kurz- und rundköpfigen Rassen haben deren zunehmende Haltung nicht beeinträchtigt, was auf das Lorenz’sche Prinzip des „Kindchenschemas“ zurückzuführen sein dürfte. Auch Kleinheit gehört dazu. Doch ist das Züchten von Mini-Hunden (Tea cup-dogs) gesundheitlich aus mehreren Gründen genauso schädlich wie dies für die Zucht von Riesenrassen gilt. Bis vor kurzem noch wurde beim britischen Kennel Club, der „Mutter der Rassehundezucht“, sogar die Inzestzucht Vater/Tochter vom Club-Präsidenten nicht als Problem angesehen. Erst der BBC-Dokumentarfilm „Pedigree Dogs Exposed“ (Rassehunde bloß gestellt) hat in Großbritannien Ende 2009 zu einem ganz plötzlichen Umdenken geführt. Dabei hat aber weniger die dramatisch schlechte genetische ­Situation sondern vielmehr die ethische Beurteilung den Ausschlag gegeben. Viel größeren Schaden aber richtet die ­„Championzucht“ mit dem begehrten „populären Deckrüden“ (favourite sire) an, der seine Defektgene – die bei jedem Hund vorkommen – in der betreffenden Rassepopulation weit verstreut.

Ethisch ist das scharf zu verurteilen, denn in der Praxis wirkt es sich als die wichtigste Ursache für das Entstehen der Erbkrankheitsdispositionen in den Hunderassen aus. Leider ist kaum irgendwo das moralische Prinzip „nicht schaden“ so sehr missachtet worden wie in der Hundezucht.

Heute gibt es Bemühungen, die Qualzucht zu verbieten, also die Zucht auf äußerliche Übertreibungen, die zu Leiden und Schmerzen führen, doch sie werden erfolglos bleiben, weil von Landwirtschaft und Agrar­industrie Einsprüche zu erwarten sind. Denn die Nutztierzucht hat mit der Qualzucht große Erfolge bei ­Geflügel, Rindern und Schweinen erzielt, die durch beschleunigtes Wachstum immer mehr Fleisch in immer ­kürzerer Zeit produzieren, jedoch dabei auch vielfach Leiden und Schmerzen er­leiden. So zum Beispiel bei den Puten, deren Beine das Übergewicht bei der Schlachtreife oft nicht mehr tragen können. In meiner Jugend gab es Brathuhn als „Sonntagsbraten“ nur zu den Feiertagen, denn Hühnerfleisch war damals teurer als Rindfleisch. Heute hingegen ist Brathuhn fast eine Alltagskost, denn die Aufzucht der rasch wachsenden Hühner kommt billig – wenngleich deren Fleisch an Geschmack verloren hat. Seit kurzem aber werden wieder Hühner von alten, langsam wachsenden Rassen ange­boten, die großartig schmecken. Doch sie kosten das Doppelte der heute üblicherweise angebotenen schnell mästbaren Tiere.
 
Rückgang des Fleischanteils in der Nahrung von Mensch & Hund?
So könnte also in absehbarer Zeit bei weiterer internationaler Zunahme der Anzahl der Vegetarier aus ethischen Beweggründen und einem daraus resultierenden Rückgang der Nutztierzucht und der Mast von Tieren aus immer dringender werdenden ökologischen Erwägungen auch der Anteil des Fleisches in der Hundefütterung weiter zurückgehen. Dann wird die Kontroverse um die Frage zunehmen, ob es besser sei, Hunden Fleisch als ihre ursprüngliche natürliche Nahrung ethisch zuzugestehen oder aber – aus ethischen, wirtschaftlichen und ökologischen Überlegungen – die Fleischfütterung zu limitieren oder sogar in letzter Konsequenz abzulehnen. ­Möglicherweise findet jedoch die Wissenschaft Mittel und Wege, ­Substanzen zu entwickeln, die weit­gehend dem Fleisch entsprechen, doch ohne dessen erwähnte schädliche Begleiterscheinungen auf Gesundheit und Umwelt.

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT