Spielen – der Weg ist das Ziel…

Wussten Sie schon, dass Spiel nicht nur Spaß macht, sondern auch die Bindung stärkt? Beim Spiel mit dem Hund, an den eine Bindung besteht, wird nämlich auf beiden Seiten, also beim Menschen und beim Hund, das sogenannte Bindungshormon Oxytocin, auch als „hormoneller Sozialkleber" ­bezeichnet, gebildet. Und weil Oxytocin nicht nur das ­Bindungshormon, sondern auch ein wichtiger Gegenspieler der Stresshormone ist, wirkt es auch stressdämpfend und dadurch gesundheits­fördernd. Doch was ist Spiel ­überhaupt? Denn nicht alles, was als solches bezeichnet wird, ist es auch!

Es gibt eine ganze Reihe von Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, um wirklich von Spielverhalten reden zu können. Dazu gehört, dass Spiel ausschließlich im sogenannten entspannten Feld stattfindet. Das bedeutet, dass Tiere nur dann spielen, wenn keine Fressfeinde, aber auch keine sozialen ­Spannungen oder andere Belastungen in ihrer Umgebung vorhanden sind. Freiland­studien an vielen Tierarten, von Huftieren bis zu Affen, aber auch an Raubtieren, haben gezeigt, dass Spielverhalten in kärglichen Lebensräumen mit unsicherer Nahrungsversorgung, unter ungünstigen klimatischen Bedingungen oder in Anwesenheit von Feinden deutlich reduziert wird. Auch zeigen viele Untersuchungen, dass das Auftreten sozialer Spannungen in einer Gruppe, selbst bei Gruppenmitgliedern, die gar nichts mit dem Zoff zu tun haben, das Spielverhalten hemmt.

Merkmale des Spielverhaltens
Schauen wir uns nun die deutlich erkennbaren Merkmale des Spiel­verhaltens an, so wird beispielsweise die häufige Wiederholung des betreffenden Verhaltens, die freie Kombination von Elementen aus verschiedenen Verhaltenskreisen und auch das Fehlen der jeweiligen Endhandlung als Ziel des Verhaltens sichtbar. So kombinieren spielende Hunde in wilder und ungeordneter Reihenfolge Elemente des Kampfverhaltens, wie etwa Maulringen und Balgen, des Beutefangverhaltens, also Beschleichen, Anspringen und Schütteln, des Sexualverhaltens und der sozialen Körperpflege, durch Knabbern und Belecken, in unvorhersagbarer Reihenfolge miteinander.

Ein weiteres Merkmal ist der Rollen­wechsel: der Jäger dreht sich um und wird zum Gejagten, oder der in der Balgerei oben Stehende lässt sich fallen und liegt plötzlich unten. Auch beim Beutefangspiel wird das Anschleichen und Anspringen wechselseitig gezeigt. Echtes Spiel ist also immer zwischen beiden Parteien ausgewogen. Fehlt dieses ­wichtige ­Kriterium, handelt es sich nicht um Spiel, sondern um ­Mobbing, ­welches unterbunden werden muss. Denn der Chihuahua, der von zwei ­Bernhardinern gejagt oder als ­Quietschie missbraucht wird, wird das kaum lustig finden.

Überschießende und übertriebene Bewegungen, z.B. mit schlenkernden Beinen, sind ein weiteres Kriterium des Spielens. Man sieht dem Tier geradezu an, dass es offensichtlich Energieüberschuss hat oder zumindest mit Energie nicht geizen muss. Schließlich werden im Spiel oft auch soziale Konventionen und Rollen aufgehoben. Auch der Ranghöhere liegt bei der Balgerei mal unten und der Rangtiefere steht über ihm, oder man schließt sich im Spiel mit einem Hund zusammen, den man eigentlich gar nicht so gut kennt, um sich gegen seinen besten Kumpel zu verbünden. Im Ernstverhalten würde all dies nie passieren.

Ein offensichtliches Zeichen für Spielverhalten ist das sogenannte Spiel­gesicht: jeder, der einen Hund beim Spiel schon mal über das ­ganze Gesicht lachen sehen hat, weiß, wovon ich rede.Grundsätzlich werden drei verschiedene Arten von Spiel unterschieden: das Sozialspiel, das Solitärspiel und das Beutefangspiel.

Spielen: Warum und wozu?
Überlegungen zur Frage des ­Vorteils von Spielverhalten sind von sehr ­vielen Forschern bereits seit ­langer Zeit gemacht worden. Die ­wichtigsten davon sind folgende: Spiel ­diene dem körperlichen Training und der Kondition. Muskeln, ­Nervensystem, Durchblutung und andere ­körperliche ­Merkmale würden durch ­Spielverhalten gewissermaßen in sportlicher Weise trainiert. Tatsächlich ist in diesem Zusammenhang interessant, dass der zeitliche Rhythmus, in dem spielerische Bewegungen wiederholt ­werden, ziemlich genau dem entspricht, was bei einem sport­medizinisch gut durchgeplanten Programm gefordert wird: Man ­wiederholt eine Übung in relativ schneller Folge über ­mehrere Sekunden oder eine geringe Zahl von Minuten, wechselt dann das Programm und kommt dann nach etwa 20 bis 30 Minuten wieder zu der ursprüng­lichen Bewegungsform zurück. Genau dieser Rhythmus ist es, der Muskeln, Nerven, Blutgefäße und andere physiologische Strukturen besonders gut trainiert und fit hält.

Viele Bewegungen, sei es im Kampf oder im Beutefang, werden im Leben eines Tieres nur sehr selten benötigt. Doch wenn schon, dann müssen sie sehr gut, zielsicher und schnell sitzen. Im Spiel besteht also die Möglichkeit, diese zu trainieren. Auch Situationen, mit denen Hund nur selten konfrontiert wird, können trainiert werden. So etwa die plötzliche Übernahme einer ranghohen Position oder andersrum, auch der Verlust der Rangposition, wenn man sich plötzlich in einer rangtiefen Position wiederfindet.

Schließlich dient Spielen auch dem Lernen von sozialen Regeln und Konventionen. Man kann testen, was passiert, wenn man selber oder ein Artgenosse dieses oder jenes ­Signal sendet, und wie man am besten darauf reagiert oder nicht reagiert, ohne dass das gleich zu massiven und ernsthaften bis gefährlichen Konsequenzen führt.

Gar nicht selten findet man ­Hunde, die entweder aus medizinischen Gründen oder wegen falscher Trainings- und Erziehungsratschläge in den entscheidenden Monaten ihrer Sozialisation, also etwa zwischen dem 4. und 8. bis 10. Lebensmonat, kaum oder gar keinen ungebremsten Spielkontakt mit gleichaltrigen Artgenossen hatten. Selbst wenn diese Hunde in dieser Zeit dafür mit erwachsenen Hunden Sozialkontakt hatten, werden sie oft später dadurch auffällig, dass sie durch fehlgeleitetes Beutefangverhalten andere Artgenossen ­attackieren und zum Teil verletzen oder sogar töten. Das wird dann wiederum in Unkenntnis der Situation oft als Aggressivität ausgelegt. Hunde dagegen, die in Welpen- und Junghundespielgruppen gelernt haben, dass man Artgenossen auch im Spiel nicht allzu heftig mit Beutefangverhalten malträtieren sollte, haben dieses Problem in der Regel nicht.

Letztlich werden sogar Aspekte wie Fairness und korrektes Anwenden von Signalen und von Verhaltensmustern im Spiel trainiert. Hunde, die sich an diese Regeln halten, zeigen beispielsweise ständig, selbst bei sehr hektischen und schnellen Szenen, noch Spielgesichter, lachen also während des Spiels über das ganze Gesicht.

Gerade Hundeartige gehören eindeutig zu den wenigen Säugetiergruppen, bei denen Spiel auch bei erwachsenen Tieren in freier Natur beobachtet wird. Die Funktionen dieser Spielszenen von erwachsenen Wölfen, Wildhunden, Schakalen etc. sind einerseits, insbesondere in der Zeit kurz vor der Läufigkeit der Hündin, in der Vertiefung und Festigung der Paarbindung zu sehen, zum anderen dienen sie wohl auch der Integration und einem besseren Zusammenhalt des Sozialverbandes bzw. der Familie. In diesen Situationen können es sich dann auch die Leittiere des Rudels erlauben, sich genauso albern und ausgelassen zu benehmen wie Heranwachsende. Auch aus diesem Grund ist es unverständlich, dass bestimmte Trainernetzwerke Hunden solches Verhalten absprechen. Ich denke, keiner, der Hunde je einmal spielen sehen hat, würde auf die Idee kommen zu behaupten, dass Hunde nicht spielen.

Gehirn und Spiel
Spielverhalten bei Welpen und heranwachsenden Junghunden hat eine Reihe von wichtigen Funktionen bei der Stabilisierung und Vorbereitung des Gehirns auf seine zukünftigen Auf­gaben. Es werden nachweislich mehrere Teile des Gehirns, die mit räumlicher Orientierung, Bewegungs­koordination und dem feinmotorischen Ablauf von Bewegungen zu tun haben, durch Spielverhalten gestärkt. ­Zellteilungen werden angeregt, die Hirnrinde wird dicker, und auch die Anzahl und die Verknüpfungsdichte der Nervenfasern steigen. Im Umkehrschluss ergeben sich folglich Probleme dann, wenn Hunde in der Welpen- und frühen Junghundezeit nicht toben und sich nicht spielerisch bewegen ­dürfen. Diese Hunde werden oft grob­motorisch beeinträchtigt und haben z. T. später ernsthafte Probleme damit, die Balance zu halten. Zudem führt die sogenannte Selbstbelohnungs­substanz im Gehirn, der Botenstoff Dopamin, zu einer doppelten ­Wirkung des Spielverhaltens: Zum einen ­stabilisiert Dopamin die Entwicklung mehrerer Teile des Gehirns, auch der Hirnrinde, und bereitet den Hund damit auf eine bessere geistige und soziale Leistungsfähigkeit in späteren Altersabschnitten vor. Zum anderen wirkt Dopamin nicht nur selbstbelohnend, sondern es erhöht dadurch auch die Vorfreude auf bestimmte Situa­tionen. Wurde in einer Situation, etwa beim Spielverhalten, Dopamin ­produziert, erinnert sich das Tier bei der nächsten vergleichbaren auslösenden Situation wieder daran, dass Spiel das letzte Mal Spaß gemacht hat, und freut sich bereits darauf, die gleichen angenehmen Erlebnisse und Empfindungen wieder zu haben. ­Deshalb sind Spielsituationen auch Situationen, die regelmäßig von Jungtieren gesucht werden. Spiel ist also ein sehr lustbetontes Verhalten.

Spiel und Stress
Wie bereits betont wurde, hemmen belastende, gefährliche und unklare Lebensumstände häufig die Entwicklung und Ausführung von Spielverhalten. Die Aktivität der Stresshormone im Gehirn dämpft normalerweise merklich und nachweisbar die Lust am Spielen, und auch spielerisches Lernen funktioniert­ dementsprechend nicht in einer belastenden und ­stressgeladenen Umwelt. Das heißt für den Hundehalter, dass weder eine Hundeschule direkt an einem Schießstand, noch ein Mensch, der wegen bevorstehendem Zahnarztbesuch oder Stress in der Arbeit andere Dinge im Kopf hat, für spielerisches Lernen geeignet ist. In beiden Fällen ist es dann sinnvoller, sich mit dem Hund gar nicht erst aufs Spiel einzulassen, sondern besser auf entspanntere Zeiten zu warten.

Häufig wird auch von Hundehaltern, insbesondere wenn sie einen Hund aus dem Tierheim oder anderen ungün­stigen Umständen übernommen haben, beklagt, dass er gar nicht spielen will oder nicht weiß, wie man spielt. Es kann Wochen bis Monate dauern, bis sich so ein Hund so weit in die neue Umgebung ­eingefunden hat, dass die als Voraussetzung für Spielverhalten schon genannte entspannte Atmosphäre gegeben ist. Zudem zeigen Beobachtungen an Hunden, dass gerade potenziell gefährlichere Formen von Spiel, wie etwa Bal­gereien, spielerisches Raufen oder auch die Beutefangspiele, nicht gezeigt werden, solange man in der Entwicklung der Sozialbeziehung zum betreffenden Spielpartner noch nicht weit genug miteinander vertraut ist. Gut Spiel will also Weile haben …

Spiel und Vorurteil
Aus den genannten Erfahrungen und einer Reihe von eindeutigen Studien zum Spielverhalten bei Hunden oder auch zwischen Menschen und Hunden können eine Reihe von wichtigen Schlussfolgerungen gezogen werden:

Wenn der Mensch eine gute und ­stabile Beziehung zu seinem Hund hat, ist es völlig egal, wer mit dem Spiel beginnt, wer als „Sieger" herausgeht und wer aufhört. Spiele, bei denen der Hund mal gewinnt, oder bei denen Hunde eine Spielaufforderung an den Menschen richten, sind keineswegs mit Dominanzproblemen oder Aufsässigkeit des Hundes gleichzusetzen. Selbst bei Zerrspielen kann man dem Hund durchaus auch mal den umstrittenen Gegenstand überlassen. Wichtig ist nur, dass beide die ganze Zeit signalisieren, dass dies noch Spiel ist und es keiner ernst meint. Hunde haben für diese Signalisierung ein sehr feines Gespür!

Ein ebenfalls weit verbreitetes Vorurteil ist, dass „Ballspielen" mit dem Hund Spiel ist. Wer einen dem Ball hinterher hetzenden Hütehund oder Terrier beobachtet, wird sehr schnell feststellen, dass außer der häufigen und formkonstanten Wiederholung kein einziges der oben genannten Spielkriterien zutrifft. Man findet keine Variation, keine überschießende Bewegung und auch keinerlei freie Kombinationen von Verhaltens­elementen. Auch vom Spielgesicht ist meistens nichts zu sehen. Tatsächlich sind die genannten Wurf- und Jagd­aktivitäten alles andere als spielerisch. Sie haben sogar ein ausgesprochenes Suchtpotenzial. Hier ist, wie auch bei menschlichen Suchtpatienten, die Selbstbelohnungsdroge Dopamin ursächlich, und auch hier hilft nur eins als Therapie: lebenslange Abstinenz.

Spiel und Schluss
Es ist wichtig, dass man mit seinem Hund spielt! Versuchen Sie doch einfach mal, Ball und ähnliche Hilfsmittel wegzulassen und einfach nur körper­betont mit Ihrem Hund zu balgen oder auch mal ein Rennspiel zu ini­tiieren. Insbesondere mit Welpen und Junghunden muss spielerisch vieles geübt, trainiert und durchgespielt werden. Wichtig ist aber auch, dass der Mensch im Spiel Abbruchsignale setzt und damit dem Hund klar macht, dass es nicht immer und ewig so weitergeht und die Welt sich trotzdem weiter dreht. Impulskontrolle ist hier ein wichtiges Stichwort. Sobald der Hund aufhört, sollte man aber sofort wieder mit dem Spiel oder einer anderen lustbetonten Aktivität weiter­machen, denn schließlich soll der Hund lernen, dass es sich für ihn lohnt, ein solches Stoppkommando zu befolgen, ohne dass dann ein langweiliger Alltag folgt. Nur wenn der Hund vermittelt bekommt, dass auch das Befolgen von Abbruchsignalen des Menschen mit weitergehendem Spaß und erfreu­lichen Aktivitäten verknüpft sein kann, wird er auch ohne Probleme später im Ernstfall solche Signale befolgen.

INFORMATION

Kennzeichen des ­Spiel­verhaltens

Es gibt einige Hinweise, an denen man erkennen kann, ob es sich um Spielverhalten handelt oder nicht.

  • häufiger Rollenwechsel
  • lockere, entspannte und übertriebene Bewegungen
  • sog. Spielgesicht
  • stressfreies, entspanntes Umfeld als Voraussetzung
  • fehlende Endhandlung – der Weg ist das Spiel …

Richtig spielen – aber wie?

Abwechslung und Variationen sind wichtige Elemente eines Spiels.
Was diese Kriterien nicht erfüllt, ist kein Spiel. Im Folgenden einige Tipps zum richtigen Spielen.

Bevor Sie sich auf ein heftigeres Spiel mit Ihrem Hund einlassen, sollten Sie sicher sein, dass er Abbruch­kommandos Ihrerseits zuverlässig befolgt. Sie sollten diese auch ab und zu ins Spiel einbauen. Außerdem haben nicht alle Hunde Spaß an den gleichen Spielen. Finden Sie also ­heraus, was Ihrem Hund Spaß macht: Balgereien und Rennspiele, Zerrspiele oder vielleicht doch Objektspiele?

Lassen Sie sich auf das Spiel ein, ­lassen Sie auch mal den Hund anfangen und gewinnen und vermeiden Sie jede sture Routine. Abwechslung, ­Variation, immer wieder neue Bewegungen und Aktionen – das ist Spiel! Stures ­Werfen von Apportiergegenständen ist es nicht. Selbst gut und richtig gemachtes Apportieren ist kein Spiel, sondern Arbeit für den Hund.

Achten Sie auf die Mimik und das ­Ausdrucksverhalten Ihres Hundes. Daran, und nicht etwa an einem ­Knurren, erkennen Sie, ob es noch Spiel ist oder nicht. Leider kann man keine klaren Regeln hierzu aufstellen, aber solange Ihre Beziehung zum Hund stimmt, ist alles erlaubt, was den Beteiligten Spaß macht.

BUCHTIPP

Für weiterführende Informationen ein sehr ausführliches und schönes Buch mit tollen Bildern.

Mechtild Käufer.
Spielverhalten bei Hunden:
Spielformen und -typen.
Kommunikation und Körpersprache. Kosmos Verlag 2011

  • 176 Seiten, 200 farbige Abbildungen, 24,95 Euro

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