Spielen – Ein Grundbedürfnis des Hundes?

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Oder wenn aus Spaß Ernst wird …

Schauplatz: Eine Hunde­zone, ein Wald. Eine Hundegruppe tollt über die Wiese, sie purzeln übereinander, jagen dem Hundekollegen den Wurfball ab oder ­reißen ihm das Stöckchen aus dem Maul. Oder sie jagen direkt einer den anderen durch die Landschaft. Eine Idylle? Ist es nicht schön, wenn Hunde in der ­Gruppe ihrem Spieltrieb folgen? Diese Idylle kann jedoch sehr schnell ins Gegenteil kippen.

Nicht alles im Leben ist so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Das gilt auch für die Idylle, die uns eine Spielsituation unter Hunden vorgaukeln kann. „Wie lieb, wie nett sie sich jagen, oh, da hat Benno den Lucky ja ganz elegant ausgebremst, haben Sie das gesehen? Huch, jetzt dreht er ihn ja auf den Rücken und beugt sich über ihn. Das schaut aber lustig aus. Die haben aber wirklich Spaß“. So oder so ähnlich könnte ein Gespräch unter Hundehaltern lauten, die ihre spielenden Hunde mit Wohlwollen beobachten. Jedoch werden hier Frieden und Spaß vorgegaukelt, die es in der Realität gar nicht gibt.

Was man ganz klar sehen und auch verstehen muss: Viele Hundehalter sind berufstätig, gestresst, haben nicht immer die Zeit für ihren Vierbeiner, die sie sich wünschen. So ist es natürlich enorm praktisch, wenn sich der Hund bei einem Spiel mit anderen Hunden – hoffentlich – „auspowert“. So kann der Spaziergang mit dem heiß geliebten Vierbeiner ruhig einmal kürzer ausfallen, ohne dass Frauchen oder Herrchen ein schlechtes Gewissen haben muss. Jedoch: Harmlos aussehende Spiele unter erwachsenen Hunden können sehr schnell ins Gegenteil kippen. Streit und Aggressionsverhalten – im schlimmsten Fall Bissattacken – sind in vielen Fällen die Konsequenz. Und ratlose Hunde­halter, die sich die berechtigte Frage stellen: Wie konnte es dazu kommen? Es sah doch alles so harmlos aus!

T-Stellung und Übersprungshandlung

Miteinander spielende erwachsene Hunde haben keine Hundemutter mehr, die Grenzen aufzeigt. Die Hundemutter maßregelt ihre Jungen und unterbricht das Spiel, wenn es zu wild und aggressiv wird – so sorgt sie für Frieden (siehe auch weiter unten, Welpenschule oder wie ziehe ich mir einen Rüpel heran?). Eine zufällig zusammengewürfelte Spielgruppe von Hunden kennt sich in vielen Fällen jedoch nicht, geschweige denn sind sie miteinander verwandt. Sie haben sich einander noch nicht in Ruhe und angemessener Hundeart „vorgestellt“. Sie können somit das Verhalten des oder der anderen Hunde gar nicht einschätzen.

Und in einer zufälligen Hundespielgruppe gibt es nicht nur einen menschlichen „Anführer“, sondern gleich mehrere Herrchen oder Frauchen. Maßregelungen oder auch Grenzen aufzeigen „wenn es zu heiß wird und kippen könnte“, finden da eher selten statt, weil die meisten Hundehalter von der Harmlosigkeit des Spiels ausgehen. Dass da eine Übersprungshandlung bevorstehen könnte, wird in den meisten Fällen gar nicht erkannt oder richtig interpretiert. Die so genannte T-Stellung, das „Blockieren“, ist den meisten Hundehaltern geläufig. Dass unsichere Hunde bei diesen Handlungen jedoch schnell in dominantes und aggressives Verhalten umschwenken können (= Übersprungshandlung), jedoch nicht. Das Spiel ist hier vielmehr eine Ausgangsposition, ein ­Auslöser, um die Hierarchie im neu zusammengewürfelten Rudel festzulegen.

Spiel als Streitgrundlage für ­unsichere Hunde

Und hier fangen die Probleme an. Denn gerade unsichere Hunde orientieren sich in diesen Augenblicken nicht mehr am Halter, sondern wollen sich im Rudel behaupten, ihre Unsicherheit überwinden – sprich: die Kontrolle übernehmen. Was ihnen wegen ihrer Unsicherheit laut Naturgesetz jedoch nicht zusteht. Denn nur der Stabile kann die Führung übernehmen. Streitigkeiten sind somit vorprogrammiert.

Ein paar Gedanken zur so genannten „Dominanz“. Diese tritt in erster Linie bei unsicheren, ängstlichen Hunden auf, die, anstatt sich ängstlich zurückzuziehen, die – auch unter Menschen sehr verbreitete – Variante „Angriff ist die beste Verteidigung“ wählen. Ein sicherer, stabiler Hund zeigt kein aggressives Verhalten. Er ignoriert „brenzlige“ Situationen, sprich: er wendet sich ab. Das macht seine Stärke aus. So wie der kluge Mensch sich auch nicht in eine vollkommen unkontrollierte Wirtshausschlägerei einmischt. Sich zurückziehen und das Ganze ignorieren, denn hier ist nichts zu gewinnen. Das ist die weitaus klügere Variante.

Schütteln als Zeichen von Stress­abbau

Was viele Hundehalter vielleicht beobachtet haben, wenn das Spiel dann beendet ist: Der Hund schüttelt sich. Warum er das tut? Er will den Stress, den ihm das Spiel bereitet hat, abschütteln – so wie Wasser. Jedoch ist Stress um einiges unangenehmer. Also alles doch nicht so entspannt, wie es sich für das menschliche Auge darstellt. Oft ist es auch so, dass die Hoffnung, durch das Spielen werde der Hund ruhiger, nicht aufgeht. Die meisten Hunde sind nach unangenehmen Spielsituationen geradezu aufgedreht. Gerade bei hyperaktiven Hunden ist das kontraproduktiv.

Mein Schäferhund, der mit drei Jahren aus schlechter Haltung zu mir kam, zeigte anfangs noch ein sehr ungutes Verhalten anderen Rüden gegenüber – besonders an der Leine. Viele Rüdenhalter kennen die berühmten vier F’s: Fight (Kampf), Flight (Flucht), Flirt (freund­liche Kommunikation) und ­Freeze (Erstarren). All das ist an der Leine nicht möglich und verstärkt unsicheres Verhalten. Der Vorbesitzer erzählte mir, mit Beißkorb habe er sich am Ende dann getraut, den Schäferhund mit anderen Hunden spielen zu lassen. Es habe ihn jedoch immer wieder überrascht, dass der Hund danach auf dem Nachhauseweg noch stärker auf andere Rüden ­„ballerte“ als zuvor. Kein Wunder, denn das Spiel hat sein unsicheres Verhalten noch verstärkt und sein hohes Energiepotenzial ­keinesfalls in Müdigkeit umgewandelt. Das Gegenteil war der Fall.

Welpenschule – oder wie ziehe ich mir einen Rüpel heran?

Viele Hundehalter kommen zu mir mit Hunden, die ein schlechtes Sozialverhalten an den Tag legen. Ihre Frage lautet immer wieder: „Warum ist mein Hund denn so geworden, er war doch in einer Welpenschule?“ Nun ist es so, dass Welpen schon sehr früh Sozialverhalten und Hierarchien lernen, kaum dass sie den Bauch der Mama verlassen haben und die Welt langsam kennen lernen. Schon mit geschlossenen Augen erfahren sie zum Beispiel, dass es immer einen Stärkeren gibt, der Mamis Zitze ­schneller ­erreicht. Einen, der die Chefposition unter den Geschwistern einnimmt. Spiel unter Geschwisterhunden dient eben dazu, Sozialverhalten und Hierarchien kennen zu lernen. Beobachtet man miteinander spielende Welpen eines Wurfs, sieht man oft, wie die Hundemutter das ganze bunte Treiben eine Zeitlang ignoriert, aber durchaus auch eingreift, um das Spiel zu unterbrechen. Dann, wenn die Welpen zu wild und zu ungestüm werden – sie maßregelt und so wieder für den bereits erwähnten Frieden sorgt. Sie zeigt ihrer Nachkommenschaft, die nun feste Nahrung aufnehmen kann, aber auch sehr deutlich, dass diese sich nicht an Mamas Knochen oder an ihrem Futter zu vergreifen haben. Mama knurrt dann oder fletscht die Zähne, ein untrügliches Zeichen für den Junior, es jetzt doch besser sein zu lassen.

Kommt der Welpe – ich bin übrigens immer froh, wenn Züchter ihre Hunde erst frühestens mit der 10. Woche abgeben – dann in die neue Menschenfamilie, gibt es keine maßregelnde Mama mehr. Der Mensch muss diese Aufgabe übernehmen. Unkontrolliertes Herumbalgen in einer Welpenschule trägt meiner Meinung nicht dazu bei, einem Hund gutes Sozialverhalten beizubringen. Es stärkt vielmehr unsicheres Verhalten, das im schlimmsten Fall in „Dominanz“, sprich Aggression ausartet. Viel sinnvoller finde ich es, dem Welpen Kontakt zu sozial verträglichen älteren Hunden zu ermöglichen. Mittlerweile ist uns ja allen bekannt, dass Welpenschutz eine Legende ist. Mein Schäferhund, ganz im Gegensatz zu meinem Rottweiler, findet Welpen zum Beispiel schlicht und ergreifend doof. Nicht mehr und nicht weniger. Da er schnell ungeduldig wird und sie dann auf den Rücken dreht, ist er nicht gerade mein idealer Kandidat zur Fremdwelpenbetreuung. Anders mein Rottweiler: Der begegnet Welpen mit einer ruhigen, geduldigen Art – und weist sie sanft aber konsequent in ihre Grenzen, sollten sie mal vergessen, wer hier der Chef auf dem Platz ist.

Und so sollte ein Welpe sehr wohl Hunden begegnen, sich mit ihnen beschnüffeln, seine Position ausloten. Die Hunde, die ihm begegnen, sollten jedoch ruhig, ausgeglichen und von „freund­licher“ Natur sein. Diese Art von kurzen Spiel­aktivitäten sollte trotzdem stets unter Beobachtung der beiden Halter stehen (oder der eines Halters, wenn der Welpe neu zum Ersthund in die ­Familie gekommen ist). Und erneut immer wieder eine Bitte: Beobachten Sie die Körpersprache des älteren Hundes! Ist die Rute entspannt, die Muskeln locker, oder steht die angespannte Rute in der Luft und ist das Nackenhaar gesträubt? Immer wieder Signale, die Sie bei jeder Hundebegegnung richtig analysieren und erkennen sollten.

Spielen in Maßen und unter ­menschlicher Kontrolle

Ich möchte kein grundsätzliches Plädoyer gegen das „Spielen“ halten. Hunde, die sich seit langem kennen, die stabil sind und deren Hierarchie festgelegt ist, können friedlich und ohne Aggressionsverhalten miteinander spielen. Ich selbst habe fünf stabile Hunde und betreue kurz- und langfristig immer wieder im Rudel noch nicht fix integrierte Hundegäste, die auch mit auf den Spaziergang kommen. Nicht selten gehe ich so mit zehn Hunden – oder manchmal auch in mehreren Gruppen – auf große Tour an der Donau entlang. Wenn es jemanden gibt, der mit den Hunden spielt, sie zum Spielen auffordert und das Spiel dann auch wieder unterbricht, dann bin ich das. Meine Hunde wissen zum Beispiel auch, dass Spielen daheim tabu ist. So turnt auch niemand über Sitzmöbel oder sonstiges Mobiliar. Die Hunde wissen, dass daheim Frieden herrscht. Draußen in der Natur geht jeder Hund seiner Lieblingsbeschäftigung nach. Der eine rennt gerne, der nächste schwimmt – manchmal wundere ich mich, bei welch kalten Temperaturen, ein anderer wiederum begibt sich auf Schnüffeltour. Manchmal hirschen auch zwei gut miteinander ­bekannte Hundekumpels in die Donau und bringen gemeinsam einen riesigen Ast mit an Land. Aber es herrscht ­Harmonie und kein unkontrolliertes Spielen. So gehe ich sicher, dass ich mit einem zufriedenen, harmonischen – und immer auch tatsächlich müden – Rudel wieder nach Hause komme.

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Yousef Errayes
Kontakt zum Autor: Yousef Errayes A-2404 Wildungsmauer Tel.: +43 660 3208211 Mail: [email protected] www.facebook.com/errayes.hunde­psychologe

1 KOMMENTAR

  1. Leserbrief zu: „Spielen – Ein Grundbedürfnis des Hundes?“

    Harmlosigkeit des Spiels – hier liegt schon der erste Hase im Pfeffer. In allen möglichen Bereichen sprechen wir unseren Hunden eine gewisse Ernsthaftigkeit ab. Es beginnt schon mit der Auswahl der Dinge, mit denen wir den Hund beschäftigen, motivieren und bestätigen: Spielzeug, Kekse und Leckerchen. Vorherrschende Vokabeln spiegeln unsere grundsätzliche Einstellung zum Hund wider. Richtig extrem wird es, wenn es sich um kleine Hunde handelt. Das Kindchenschema greift hier voll um sich, der Hund wird verniedlicht, vermenschlicht und enthundlicht. Dabei ist ein erwachsener Coton-de-Tüdelü genauso ernst zu nehmen, wie ein 54-kg-Kaukase. Beide haben die gleiche Anzahl Zähne im Maul und fühlen sich selber erwachsen und nicht größenwahnsinnig, wie z.B. Terriern oft bescheinigt wird. Die Wissenschaft liefert ein weiteres Indiz dafür, daß Menschen Glauben macht, Hunde seien ewig kindlich, wenn sie unterstreicht, es sei ein Domestikationsmerkmal des Hundes, juvenil zu bleiben. So gehen also Menschen an die Tierart Hund heran mit einer falschen Grundeinstellung, die nicht nur im Hundekontakt die im Artikel dargestellten Missverständnisse nach sich zieht.
    Weiterhin schreibt der Autor in seinem Artikel von Übersprungshandlungen, die von unsicheren Hunden gezeigt werden, weil das Spiel von miteinander unbekannten Hunden zu einer neuen Hierarchie im „neu zusammengewürfelten Rudel“ führe. Da frage ich mich spontan, ob der Hund eigentlich bei jedem Neukontakt zu Artgenossen als erste Priorität im Kopf hat: „Wo stehe ich jetzt hier in dieser Gruppe eigentlich sozial, wo ist mein Rang?“
    Schaue ich mir Interaktionen von miteinander unbekannten Hunden auf verschiedenen Flächen an, zeigt mir das, das es um etwas Anderes geht: Nämlich um die eigene Individualdistanz. Treffen sich zwei Hunde, die sich nicht kennen, auf „neutralem“ Terrain, also einer Fläche, die beide NICHT kennen, so kommt es weniger schnell zu aggressiven Auseinandersetzungen als bei Kontakt auf Flächen, die von mindestens einem bekannt sind und regelmäßig aufgesucht werden. Die territoriale Motivation Präsenz und auch Aggressionen zu zeigen, darf meiner Meinung nach nicht außer Acht gelassen werden.
    Mir erscheint auch die Verteidigung der eigenen Individualdistanz und die damit gemachten Erfahrungen vielmehr die Ursache zu sein, daß gerade unsicher erscheinende Hunde mit aggressivem Verhalten reagieren. Es ist weniger die Tatsache, daß sie sich im Rudel behaupten wollen, eher das Gegenteil ist oft der Fall: Sie wollen gar nichts mit dem Gegenüber zu tun haben. Sie würden lieber gehen, erst Recht, wenn sie realisiert haben: Diese Fläche „gehört“ zu dem/den anderen, aber sie können nicht gehen, denn ihr Mensch ist ja noch dort. Folglich ist die Verteidigungsbereitschaft der eigenen Individualdistanz entsprechend hoch und bezieht im Übrigen alles mit ein, was dem Hund wichtig ist: Mindestens sein Mensch. So ist die im Artikel dargestellte „klügere Variante“ des sich „Zurückziehens“, für den Hund keine Option. Man kommt nicht umhin, die vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse über Hundeverhalten neu zu bewerten, begründen sich doch viele Ergebnisse auf Untersuchungen unter Gehegebedingungen in intakten stabilen Rudelsituationen. Dies ist meiner Meinung nach nur unzureichend auf den Hund heute anzuwenden und liefert zum Thema Territorialität und Individualdistanz nur wenig Informationen. Wichtig ist für mich, mit derartigen Artikeln immer wieder den Finger in die Wunde zu legen und zu fragen: Ist das, was ich meine auch so beim Hund angekommen. Danke für diesen Bericht (und viele andere Ihrer Zeitschrift.)
    Susanne Last – Borstel-Hohenraden
    http://www.animal-coaching.de

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