Stanley Coren: „Ein dummer Hund kann ein guter Hund sein“

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Der kanadische Psychologieprofessor Dr. Stanley Coren ist in Hundekreisen durch seine Einteilung der Hunderassen nach „Intelligenz“ bekannt geworden. Doch in erster Linie geht es ihm, der selbst Hunde liebt, um die Verbesserung der Beziehung zwischen Menschen und Hunden, wie er betont. Auslandskorrespondentin Bernadette Calonego hat sich mit Coren in Vancouver für ein Interview getroffen.

Dr. Stanley Coren muss das Interview um fünfzehn Minuten verschieben, weil sein 1-jähriger Hund Dancer, ein Nova Scotia Duck Tolling Retriever, die Treppe hinuntergefallen ist. Sein Herrchen prüft Dancers Knochen auf Verletzungen. Die sind aber alle heil, und Coren kann sich mit der ersten Frage befassen: Wie kommt es, dass sich ein kanadischer Psychologe seit vielen Jahren mit dem Verhalten von Hunden befasst? „Ich bin interessiert an der Beziehung zwischen Mensch und Hund“, sagt Coren. „Früher gab es praktisch kein Buch zu diesem Thema.“

Stanley Coren, Professor an der ­Universität UBC in Vancouver, begann seine Karriere aber nicht mit Hunden: Der 71-jährige Wissenschaftler, der in Philadelphia aufwuchs, ­erforschte Menschen, etwa Linkshänder. ­Weltweit bekannt wurde Coren, der bislang 14 Bücher über Hunde ­veröffentlichte, vor allem mit seinen Listen, die 110 Hunderassen nach ihrer Intelligenz einstuften. Ein Hinweis für Neugierige: der Border Collie ist die Nummer eins auf der Liste, der Beagle kommt viel weiter hinten. Das klingt allerdings oberflächlicher als die Studie von Coren tatsächlich aussieht.

„Mir geht es darum, dass Menschen den Hund finden, der zu ihrer Lebensweise passt“, sagt Coren. Ein Beagle könne nämlich ein wundervoller Gefährte sein. „Beagles sind gut für Kinder, gesellig, sie sind nicht nach­tragend und halten viel aus“, sagt Coren, der Besitzer eines Beagles war, der kürzlich starb.

Die richtige Passung
Wirklich intelligente Hunde wie ­Border Collies würden indes nicht in alle Haushalte passen. „Sie sind sehr aktiv und müssen beschäftigt werden, sonst werden sie neurotisch“, sagt Coren, „viele Border Collies landen daher in Tierheimen, weil ihre ­Besitzer nicht mit ihnen klar kommen.“ Eine Englische Bulldogge – auf der Intelligenz-Skala sehr weit hinten – könne gut ­einige Stunden allein gelassen werden, „denn sie braucht acht Stunden, bis sie überhaupt merkt, dass der Be­sitzer ge­gangen ist.“ „Ein Dobermann da­gegen“, sagt Coren mit seinem ­trockenen Humor, „langweilt sich schnell allein und wird das Sofa aufschlitzen und die Mingh-Vasen zer­brechen.“ Solche Situationen will Coren vermeiden helfen.

Sein Buch „Die Intelligenz der ­Hunde“ wurde in 26 Sprachen übersetzt und im Jahr 2006 revidiert und neu ­herausgegeben. Bei seinem Erscheinen vor 20 Jahren schlug es ein wie eine Bombe. Manche Hundebesitzer hätten wütend reagiert, sagt Coren, wie zum Beispiel einige Herrchen und Frauchen von Afghanischen Windhunden, die auf dem letzten Platz der Intelligenzliste landeten. Er erhielt böse Telefonate und Briefe. Corens wichtigste Errungenschaft ist aber – und hier kommt der Psychologe zum Zug -, dass er Forschern eine Vorlage gab, wie man Hunde studieren kann.

„Was ein 3-j. Kind nicht versteht, versteht auch kein Hund“
Die Tests, nach denen Coren Hunde einstufte, waren ursprünglich für Kinder erarbeitet worden. Coren modifizierte sie einfach für Hunde. „Hunde haben die Auffassungsgabe und das mentale Alter von zweieinhalb- bis dreijährigen Kindern“, sagt der Kanadier. Ein durchschnittlicher Hund könne 165 Wörter oder Signale oder Gesten verstehen, Superhunde sogar 250 Wörter.

Sozial gesehen sind Hunde aber wie Teenager. „Sie haben grundlegende Emotionen wie Wut, Angst, Zufriedenheit, Überraschung“, sagt Coren, „aber nicht komplexe Gefühle wie Schuld, Stolz oder Scham.“ Die Einsicht, dass Hunde mental wie zwei- bis dreijährige Kleinkinder ­funktionieren, erlaube es den Tierhaltern, ihren Hund besser zu verstehen. „Man kann auch bessere Prognosen über Hunde machen“, sagt Coren. „Wenn es ein Zwei- oder Dreijähriger nicht versteht, dann versteht es auch ein Hund nicht.“

Coren sagt, es gebe jene Leute, die glaubten, Hunde hätten keine Bewusstheit, keine Gefühle und seien „biologische Roboter mit einem Chassis in der Form eines Hundes“. Und es gebe jene Gruppe, die glaube, Hunde seien „vierfüßige Personen in Pelzmänteln mit einer vollen Bewusstheit.“ Beides sei falsch, sagt Coren. Und dann gebe es die Leute, die seine Bücher lesen und erfahren, dass manchmal auch weibliche Hunde ihr Bein beim Urinieren heben, vor allem dann, wenn viele sexuell aktive Konkurrentinnen in der Umgebung sind. Oder dass Hunde wie die Menschen, etwa bei liebe­vollem Tätscheln, das Hormon ­Oxytocin produzieren, das bei Menschen mit dem Gefühl Liebe assoziiert wird. Das bestärke die emotionale Bindung ­zwischen Hund und Mensch. Oder dass kleine Hunde häufiger Träume haben als große Hunde.

Hunde als Modeerscheinung
In seinem jüngsten Buch „Do Dogs Dream?“ (Träumen Hunde?) versucht Coren immer noch, den Menschen die Hunde zu erklären: „Ich möchte, dass Menschen und Hunde gut miteinander auskommen.“ Und das sei am ehesten der Fall, wenn man den passenden Hund mit dem richtigen Temperament wählt. Die Popularität von Rassen sei übrigens erstaunlich konstant. Natürlich gebe es Modeerscheinungen, so Coren: Als US-Präsident Barack Obama sich für seine Familie einen Portugiesischen Wasserhund zulegte, wurden plötzlich viele Exemplare dieser Rasse verkauft. Aber die zehn beliebtesten Hunde seien laut Coren seit Jahren so ziemlich dieselben, und das weltweit. In Nordamerika würden sie 56 Prozent der Hunde ausmachen. Ganz oben stünde der Labrador Retriever, gefolgt vom Golden Retriever, Beagle, Pudel, dem deutschen Schäferhund, Rottweiler, Shih Tzu, Yorkshire Terrier, der Bulldogge und dem Boxer.

„Ein sozialisierter Hund ist ein guter Hund“, sagt Coren. „Im ersten Lebensjahr sollte der Hund mit vielen Per­sonen und Orten in Kontakt kommen.“ Das Ergebnis sei ein Hund, der durch neue Personen und Ortswechsel nicht aufgeregt werde.

Coren kritisiert Cesar Millan
Coren wehrt sich gegen ­brachiale Trainingsmethoden mit Hilfe von Zwang und Gewalt, wie sie in amerikanischen Reality Shows, etwa „The Dog Whisperer“ mit Cesar Millan, vermittelt werde. Es funktioniere zwar, solange die Fernsehkameras liefen, sagt Coren, aber zwei Wochen später sei das Verhalten der Hunde schlimmer als zuvor. Wenn man einen Hund mit Zwang und Gewalt trainiere, dann lerne er, dass Aggression Teil der Beziehung zum Menschen sei, „und früher oder später wird der Hund ­beißen.“

Seriöses Gehorsamstraining sei ein guter Anfang, um Verhaltensproblemen vorzubeugen. Leider ­hörten 40 Prozent der Leute mit dem Kurs einer Hundeschule auf, bevor er ­fertig sei: „Die Tierhalter ­erwarten zu Unrecht schon in der ersten Woche magische Veränderungen“, sagt Coren. Und abschließend hat der kanadische Professor noch einen Tipp: „Als Faustregel gilt: Wenn Sie sich
für mehrere Hunderassen interessieren, dann ist es am besten, den ­kleineren und weniger aktiven Hund zu wählen.“

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