Starke Sprüche: „Bloß nicht ins Tierheim …“

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Selbst den fürsorglichsten Hundehalter können unvorhersehbare Umstände dazu zwingen, seinen Hund abgeben zu müssen.
Viele Menschen wehren sich in solchen Situationen allerdings vehement gegen die Abgabe in ein örtliches Tierheim.
Zu Recht? Dieser Frage geht ­Hundepsychologe ­Thomas Riepe in seiner WUFF-Serie nach, in der er häufig gehörte Sprüche analysiert.

Menschen schaffen sich aus den unterschiedlichsten Gründen Hunde an. Als echte „Nutztiere“, welche bspw. als Wach- oder Hütehunde eine spezielle Aufgabe zu erfüllen haben, werden sie heute nur selten gehalten. In den meisten Fällen ist der Grund einen Hund zu halten die innere Verbundenheit und Liebe zu dieser Tierart, was nur „Hundemenschen“ wirklich verstehen können.

Hunde als Modetrends

Leider gibt es aber auch andere Gründe sich einen Hund ins Haus zu holen. Gerade in den letzten Jahren kann man feststellen, dass Hunde teilweise aus Gründen eines Trends, einer Mode, angeschafft werden. Oft sind solche ­Menschen, die Hunde gerade aus diesen Gründen halten, recht schnell mit dem Wesen und der Betreuung ihres lebenden, ­empfindenden „Modeartikels“ überfordert. Dies meist nicht, weil die Tiere über die Maßen problematisch sind, sondern weil diese „Hundehalter aus Modegründen“ schnell an ihren Grenzen angelangt sind, weil ihnen diese erwähnte innere Verbundenheit und Liebe zu den Vierbeinern fehlt.

Es ist in meinen Augen auch kein Problem, wenn jemand kein „Hundemensch“ ist – ein Problem ist es aber, vor allem für den Hund, wenn solche Menschen sich als Trendopfer einen Hund zulegen. Nicht selten landen die Hunde solch überforderter Menschen dann im Tierheim. Ein Zustand, der mich regelmäßig wütend macht, weil dies verhindert ­werden könnte, wenn man sich vor Anschaffung eines ­Hundes mehr Gedanken macht.

Manchmal eine harte Entscheidung
Es gibt aber immer wieder auch andere Gründe, ­warum Menschen einen Hund abgeben müssen. Es liegt nicht immer nur am unüberlegten Verhalten und daraus ­resultierender Überforderung. Manchmal liegt es auch an Lebensumständen, die plötzlich eintreten. Ein schwerer Unfall, eine Krankheit oder berufliche Gründe. Es gibt Dinge, die selbst der beste Hundehalter nicht voraussehen kann.

Ich arbeite zwar nicht direkt im Tierschutz, helfe aber immer wieder Hundehaltern, auch aus meinem Kundenkreis, wenn eine Abgabe unumgänglich ist, ein adäquates Heim für den Hund zu finden. Nicht, dass man mich falsch ­versteht. Ich möchte nicht, dass Hunde leichtfertig abgegeben ­werden. Es gibt aber manchmal Umstände, die dies schlicht erfordern – im Interesse des Halters, aber vor allem im Interesse des Hundes.

Immer wieder höre ich dann allerdings von den ­betroffenen Hundehaltern, dass ich mich zwar um eine neue ­Heimat ihres Vierbeiners kümmern möchte, auf keinen Fall aber
­solle der Hund ins Tierheim. Das Wort Tierheim ist an­­scheinend für viele Menschen hochgradig negativ besetzt.

Natürlich gibt es für einen Hund schönere Orte als ein Tierheim. Der Raum ist begrenzt und Langeweile bestimmt letztlich den Tagesablauf. Aber auch da wird heute viel mehr getan als früher. In vielen Tierheimen arbeiten ­Hundetrainer mit den Hunden, freiwillige Gassigänger aus der Be­völkerung sorgen für Abwechslung. Die Hunde bekommen regelmäßige Mahlzeiten und medizinische Versorgung. Das Leben für Hunde könnte sicher schöner sein als im Tierheim, aber auch deutlich schlimmer. Zudem sind die Menschen, die im Tierheim arbeiten, meist sehr engagiert und achten auf das Wohl der Tiere – weil sie meist über die entsprechende innere Verbundenheit und Liebe zum Tier verfügen.

In Tierheimen arbeiten meist Hundefreunde

Die Aussage „bloß nicht ins Tierheim“, wenn ein Hund aus unabwendbaren Lebensumständen abgegeben werden muss, kann ich daher nicht unterstützen. Sicher gibt es auch unter Tierheimen und Tierschutzvereinen mal hier und da „schwarze Schafe“, die aus irgendwelchen Gründen nicht vorbildlich arbeiteten, aber die große Mehrheit der Tier­heime und Tierschutzorganisationen arbeitet korrekt und man sollte den meist ehrenamtlichen Mitarbeitern eher danken als das Wort Tierheim pauschal negativ zu belegen.

Wenn es also, aus wirklich triftigen Gründen, notwendig wird, einen Hund abzugeben, sind Tierheime sicher die erste Wahl – zudem haben die Mitarbeiter auch die Erfahrung und logistischen Möglichkeiten, den passenden neuen ­Halter für den Hund zu „besorgen“.

Ich möchte mit diesen Zeilen natürlich nicht dazu bei­tragen, den ohnehin überfüllten Tierheimen noch mehr Arbeit und Insassen zu bescheren. Aber ich möchte Hunde davor bewahren, in irgendwelche ungeprüften Hände abgegeben zu werden. Dann lieber den Umweg übers Tierheim, wo man einen neuen Halter finden kann, der durch Vor- und Nachkontrollen nachweist, dass er dem Hund ein gutes Heim bieten kann.

Wenn sich mehr Menschen intensivere Gedanken vor der Anschaffung eines Hundes machen und vielleicht mal nicht die aktuelle Modewelle unterstützen, dann würde viel mehr erreicht werden. Für diejenigen Hunde, die aufgrund eines unabwendbaren Schicksals an die Türen eines Tierheims klopfen, wird dort sicher ein (hoffentlich vorübergehendes) Plätzchen zu finden sein. An einem Ort, wo sie von „Hundemenschen“ betreut werden …

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Thomas Riepe ist Hunde­psychologe, Referent und Autor von Fach­büchern zum Thema Hunde­artige. Den Schwerpunkt seiner Arbeit als Hunde­psychologe hat er auf die Verbesserung der Kommunikation zwischen Mensch und Hund gelegt, sowie auf Resozialisierung von ­Hunden, die durch menschliches Fehlverhalten ausgelöste, über­steigerte Aggressionen zeigen.

Kontakt: Tel. +49 172 9491766
   www.riepehunde.de

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